Aus Mann mach Frau – Genderswapped Remakes und ihre Bedeutung für Hollywood

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FILM

Aus Mann mach Frau: Sind Remakes mit Frauen in den Hauptrollen erfolgreicher als deren "männliche" Vorgänger?


Lena Richter
19.07.2018

Ocean's 8, Ghostbusters & Co: Sind die Neuauflagen bekannter Filme mit weiblicher statt männlicher Besetzung das neue Erfolgsrezept für Hollywood? Und: Haben die Frauen, die in Hollywood diese Geschichten erzählen, überhaupt etwas davon?

Ein aktuelles Beispiel der Genderswapped Remakes ist Ocean’s 8, das Spin-off der Heist-Movie-Reihe mit acht Frauen in den Hauptrollen. Mit 41 Millionen Dollar Einnahmen am Eröffnungswochenende überholte der Film seine drei männlich besetzten Vorgänger Ocean's Eleven, Ocean's 12 sowie Ocean's 13 und löste sogar Solo – A Star Wars Story bei den meistverkauften Tickets ab. 70 % der Tickets wurden dabei von Frauen gekauft. Offensichtlich wiederholt sich also hier, was Wonder Woman oder die Comedy Bridesmaids aus dem Jahr 2011 vormachten: Frauen wollen andere Frauen im Kino sehen und geben gerne Geld dafür aus. 

Dass es nicht unbedingt erfolgreich sein muss, einen Filmklassiker neu aufzulegen und mit Frauen zu besetzen, zeigt das Ghostbusters-Remake aus dem Jahr 2016. Ob das nun am Genderswap lag, an der Geisterjäger-Thematik oder an dem Hass, der sich seit dem ersten Trailer aus der Tastatur von männlichen Fans in einem geradezu lächerlichen Ausmaß über das Projekt ergoss: Der Film lief an den Kassen nicht besonders gut und brachte dem Studio nicht den gewünschten Gewinn ein. Eine Fortsetzung der Reihe ist unwahrscheinlich. Aber das liegt vielleicht, so schreibt Eleanor Birdsall-Smith auf der Online-Plattform Cherwell, auch einfach daran, dass eigentlich niemand Remakes mag. „Es geht nicht ums Genderswapping, sondern um das Element des Remakes, das den Erfolg über den Haufen wirft“, führt sie aus und ergänzt, dass es natürlich mehr weibliche Charaktere in Hauptrollen braucht, ein Neuaufguss einer bekannten Story dafür aber ein fauler Kompromiss sei. Und in der Tat – haben wir nicht schon alle mal mit den Augen gerollt, wenn gerade mal wieder die 37. Verfilmung der Drei Musketiere oder die zweite Adaption von Schneewittchen innerhalb eines Jahres angekündigt wurde? Schon die Tatsache, dass eine altbekannte Geschichte neu aufgelegt wird, kann also den Erfolg des Filmes schmälern, auch wenn er durch das Umbesetzen der Hauptrollen vielleicht interessanter wird. Und selbst wenn ein solcher Film dann, wie Ocean’s 8, Erfolg hat: „Diese Genderswapped Reboots sind eine sichere Bank – sie sind Filme mit Frauen in den Hauptrollen, über denen wie ein schützender Regenschirm die schon vorhandene, männlich dominierte Vorlage hängt, die vom Publikum schon wohlwollend aufgenommen wurde“, schreibt Elena Nicolaou im Magazin Refinery29. Das wirft natürlich gleichzeitig die Frage auf, ob ein Studio auch ohne den großen Bruder, der schon einmal vorgemacht hat, dass es klappen kann, Geld in einen Film mit der Prämisse „Heist Movie mit rein weiblichem Cast“ investiert hätte – und ob der Film genauso gut liefe, wenn die Hauptfigur nicht Debbie Ocean, sondern anders hieße. Letztendlich kann man den Neuauflagen aus jedem Blickwinkel einen Strick drehen, wenn man nur möchte. Haben sie keinen Erfolg, wollen die Zuschauer offenbar keine rein weiblich besetzten Filme sehen. Und haben sie Erfolg, dann liegt das nur daran, dass die männliche Vorlage so beliebt ist und Zuschauer*innen ins Kino gelockt hat. Es ist also wie immer kompliziert.

Die Drehbuchautorin Kirsten Smith, aus deren Feder z. B. Legally Blonde oder 10 Things I hate about you stammen, sagte in einem Interview im Guardian, dass sie die Remakes immerhin als Mittel zum Zweck ansieht. „Es ist ein sicherer Weg für die Studios, Inhalte mit Frauen zu produzieren. Und wenn wir mit dieser Phase durch sind, werden auch Filme mit Originaldrehbuch und Frauen in der Hauptrolle nicht mehr die totale Ausnahme sein.“

Trailer: Ocean's 8

Neuer Trend oder alter Hut?

Tatsächlich ist das Umbesetzen von bekannten Figuren und das Drehen von Neuauflagen mit weiblicher Hauptrolle gar keine Neuerfindung der letzten Jahre. Ein paar schöne Beispiele aus der Filmhistorie finden sich in diesem Artikel auf ranker.com: So gab es schon im Jahr 1921 eine deutsche Stummfilm-Adaption von Hamlet, in dem die Hauptfigur von einer Frau gespielt wurde. Und auch die Idee, einfach alle Hauptfiguren mit Frauen neu zu besetzen, hatte jemand schon geschlagene 60 Jahre vor Ghostbusters: 1956 gab es eine rein weiblich besetzte Neuauflage von Die Zwölf Geschworenen, die allerdings nur als Theaterstück aufgeführt wurde. Im Laufe der Filmgeschichte entstanden diverse weitere Remakes und Fortsetzungen, die als Besonderheit eine weibliche Hauptfigur aufwiesen, zum Beispiel Bionic Woman (Serie, 1976-1977, als Spin-off von The Six Million Dollar Man), The Next Karate Kid (1994, mit Hilary Swank in der Hauptrolle) oder The Incredible Shrinking Woman (1981, mit Lily Tomlin in vier Rollen gleichzeitig). Im kürzlich erschienenen Film Overboard werden im Vergleich zum Originalfilm aus dem Jahr 1987 beide Hauptrollen getauscht – während die Charaktere im ursprünglichen Film eine reich verheiratete Frau und ein verwitweter Arbeiter sind, treffen im Remake eine arme, alleinerziehende Mutter und ein reicher mexikanischer Playboy aufeinander. Auch dieser Film wurde in den Kritiken vor allem als Remake, das dem Original wenig Neues hinzufügt, bewertet.

Eine weniger umfassende Variante des Genderswapping sind Filme und Serien, die einfach nur einzelne Figuren umbesetzen. Beispiele gibt es hier zahlreiche: In der neuen Battlestar Galactia-Serie wurden im Vergleich zum Original zwei Figuren mit Frauen anstatt Männern besetzt, am bekanntesten ist hier vermutlich Starbuck. Elementary ist eine von vielen Sherlock-Neuauflagen der letzten Jahre, aber die erste, die aus John Watson Joan Watson machte. Noch umfassendere Änderungen gibt es übrigens bei der Serie Miss Sherlock, eine weitere neue Version des Klassikers, die seit diesem Jahr auf HBO Asia läuft, und in der Sherlock und Watson beide weiblich sind. Aus dem männlichen Anwalt Jeryn Hogarth aus den Marvel-Comics wurde in der Serie Jessica Jones die weibliche Jeri Hogarth. Und nachdem schon vor über 20 Jahren die Figur des M im James-Bond-Universum erstmals mit Judi Dench weiblich besetzt wurde, steht mit der 13. Inkarnation des Doctors aus Doctor Who nun auch die erste weibliche Inkarnation des Timelords in den Startlöchern.

Manchmal schaffte es der männlich angelegte Charakter auch gar nicht ins endgültige Drehbuch: Die Hauptrolle im Spionagethriller Salt zum Beispiel wurde ursprünglich Tom Cruise angeboten – als dieser die Rolle ablehnte, wurde stattdessen Angelina Jolie besetzt. Auch Jessica Chastains Charakter in Interstellar war im ersten Entwurf des Skripts ein Mann, bevor sich Christopher Nolan entschied, statt einer Vater-Sohn-Beziehung lieber eine Vater-Tochter-Beziehung zu thematisieren.

All diese Beispiele umfassen übrigens immer ursprünglich männliche Figuren, die für ein Remake oder eine Neuadaption weiblich besetzt wurden. Beispiele für den umgekehrten Prozess gibt es so gut wie gar nicht, lediglich Chris Hemsworth als männlicher Sekretär in Ghostbusters (in den Originalfilmen gespielt von Annie Pots) wäre hier wohl zu nennen. Das allein zeigt natürlich schon, dass die Literatur und Film zwar jede Menge Charaktere hervorgebracht haben, die offenbar interessant genug für ein Remake sind – aber alle davon sind im Ursprung Männer gewesen.

Trailer: Ghostbusters

Und wo sind die Frauen hinter der Kamera?

Das führt zum nächsten Problem mit den bisherigen Remakes wie Ghostbusters oder Ocean’s 8: Beide Filme stellen zwar vor der Kamera Frauen in den Vordergrund, verantwortlich für die Geschichte und ihre Umsetzung sind aber dann doch wieder Männer. Regie, Drehbuch, Kameraführung und Soundtrack: bei beiden Filmen fast durchgehend männlich besetzt, nur bei Drehbuch und Schnitt gab es teilweise ein Team aus Männlein und Weiblein. Dabei wäre es doch eigentlich naheliegend, Geschichten über Frauen auch von Frauen erzählen zu lassen. Doch nach wie vor ist die Anzahl der Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen, die mit großen Budgets betraut werden, verschwindend gering. Melissa Silverstein, die mit ihrer Plattform Women and Hollywood für die Gleichberechtigung von Frauen in der Filmszene eintritt, kommt im oben genannten Guardian-Artikel ebenfalls zu Wort. „Ich möchte mehr Filme mit Originaldrehbüchern sehen“, sagt sie zum Thema. „Filme wie Hidden Figures oder Girl Trip, die divers sind und Frauen so zeigen, wie sie sind.“ Die aktuelle Remake-Welle sieht sie nicht als einen Schritt nach vorn, sondern eher als einen zur Seite – es sind zwar Filme über Frauen, aber sie folgen den Fußstapfen männlicher Vorlagen. Die bereits zitierte Kirsten Smith sieht das etwas weniger kritisch. Wichtig ist ihr, dass ein Remake einen „Aha-Moment“ auslöst und die Neubesetzung nicht nur ein Gimmick ist. „Wenn so ein Film das Gefühl auslöst, noch nie eine Frau in einer solchen Rolle gesehen zu haben, dann denke ich: Warum nicht?“

Übrigens zeigt hier wieder einmal der kleine Bildschirm, also die Serienlandschaft, dass es definitiv Zuschauer für Geschichten gibt, die Frauen in den Mittelpunkt stellen und auch von Frauen verfilmt und erzählt werden. Die Produzentin und Autorin Jenji Kohan beispielsweise hat mit Orange is the new Black und GLOW gleich zwei Netflix-Hits geschaffen, die nicht nur ein großes, diverses und überwiegend weibliches Ensemble haben, sondern auch von Frauen erzählt und gefilmt werden. Auch die Marvel-Serie Jessica Jones beließ es nicht bei vielen Frauen vor der Kamera, sondern beauftragte für die – insgesamt positiv aufgenommene – zweite Staffel nur Regisseurinnen. Es bleibt also zu hoffen, dass auch in Hollywood-Blockbustern das Remake bald nicht mehr als einzige Möglichkeit, Filme mit weiblichem Cast zu machen, gesehen wird.

Netflix-Trailer: Glow

Was kommt als Nächstes?

Was man nun vom Remake-Trend auch immer halten mag: Es sind für die Zukunft jedenfalls noch einige weitere Filme und Serien geplant. So soll die Detektiv-Comedy The Nice Guys ein fürs Fernsehen produziertes Remake namens The Nice Girls erhalten, in dem zwei Frauen die Hauptrollen spielen. Ebenfalls fürs Fernsehen ist eine Neuauflage der Serie Kung Fu geplant, die in den 70er Jahren ausgestrahlt wurde und einem Shaolin-Mönch auf der Reise durch den Wilden Westen folgt. In der Neuauflage soll die Hauptfigur weiblich sein; geschrieben und produziert wird die Serie, so sie denn nach dem Piloten in Auftrag gegeben wird, von Wendy Mericle und Greg Berlanti.

Im Kino erwartet den Zuschauer nächstes Jahr What Men Want, ein Quasi-Remake von What Women Want, in dem analog zur Vorlage die weibliche Hauptfigur, gespielt von Taraji P. Henson, auf einmal die Gedanken von Männern lesen kann und dies dazu nutzt, in ihrem von Männern dominierten Job voranzukommen. Ebenfalls für 2019 geplant ist The Hustle, ein weiblich besetztes Remake der Gangsterkomödie Dirty Rotten Scoundrels, besetzt mit Anne Hathaway und Rebel Wilson in den Hauptrollen. Schon länger angekündigt, aber bisher nicht konkret in Angriff genommen ist hingegen das Frauen-Remake von The Expendables (fragwürdig betitelt mit The ExpendaBelles), dessen Drehbeginn seit 2014 immer wieder als Gerücht kursiert. Ähnlich nebulös steht es um ein weiblich besetztes Remake von The League of Extraordinary Gentlemen, das 2015 angekündigt wurde, aber auch noch nicht in Produktion gegangen ist. Besonders interessant ist eine Neuverfilmung des Klassikers Lord of the Flies, in dem statt einem Haufen männlicher Jugendlicher weibliche Teenager auf einer einsamen Insel stranden sollen. Der 2017 in Vorproduktion gegangene Film von Scott McGehee and David Siegel sorgte bereits für kontroverse Diskussionen in den sozialen Medien, da der Film vor allem zeigt, wie eine Gemeinschaft durch toxisch maskulines Verhalten zerfällt. „Ein Remake mit Frauen ergibt keinen Sinn, denn die Handlung des Buches würde mit Frauen einfach nicht passieren“, kritisierte die Autorin Roxane Gay auf Twitter. Melissa Silverstein fragte sich dazu im Guardian-Interview, warum man nicht ein neues Drehbuch über eine Gruppe gestrandeter Mädchen auf einer Insel schreibt, statt auch hier wieder eine bereits bekannte Geschichte neu zu verfilmen. „Wir sollten nicht in die Fußstapfen anderer treten“, sagt sie abschließend. „Wir haben unsere eigenen Fußabdrücke, und unseren eigenen Weg, den wir in der Welt finden und gehen müssen.“

Wie steht ihr zum Thema Genderswapped Remakes? Freut ihr euch darüber, findet ihr sie nervig oder hättet ihr auch lieber neue Geschichten mit Frauen in den Hauptrollen? Und habe ich noch irgendeinen ganz wichtigen Film vergessen? Schreibt es gerne in die Kommentare!

Über die Autorin

Lena Richter wuchs in einem sehr fantasielosen Dorf im wilden Osten auf und versucht die mangelnde Fantastik ihrer Jugendjahre nun durch Vollblutnerdtum zu kompensieren. Das tut sie nicht nur durch den Konsum vieler fantastischer Serien, Filme und Bücher, sondern auch beim Rollenspiel. Sie schreibt nicht nur hier, sondern auch auf ihrem Blog. Seit Sommer 2018 betreibt sie zusammen mit Judith Vogt den Genderswapped Podcast.

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