Sie leben - John Carpenter

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Meileinsteine der Science Fiction: Sie leben! (1988)


Klimawandel. Überwachungsstaat. Entfesselter Kapitalismus. Und das alles unter der Regie von ... Aliens! John Carpenters Science-Fiction-Klassiker "Sie leben!" jonglierte bereits vor 30 Jahren mit diesen Themen. Und wartet ganz nebenbei mit einer der wohl amüsantesten, ausgefeiltesten und längsten Prügelszenen der Filmgeschichte auf. 

John Carpenters "Sie Leben" ist der definitive Klassiker für alle Hobby-Paranoiker: Hinter allem lauern versteckte Botschaften und die Elite der Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, sondern aus Außerirdischen, die uns versklaven wollen. Was nach Chemtrails, Reichsbürgerrinderwahnsinn und Verschwörung des Weltjudentums klingt, ist allerdings auf den zweiten Blick eine sehr kluge Konsumkritik und äußerst aktuell.

Seit die amerikanischen Proleten dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump zumindest teilweise zum Wahlsieg verhalfen, ist der Katzenjammer groß. US-Demokraten prophezeien der Arbeiterklasse aufgrund ihrer Entscheidung an den Urnen im November 2016 eher harte Zeiten, Republikaner beschwören durch neu erlassene Steuergesetze eine Ära des Wirtschaftswachstums.  Alle, von Intellektuellen über Journalisten bis hin zu Politikern, wollen sie verstehen lernen, die „Vergessenen“, sie analysieren und, im Falle der Parteien, auf ihre Seite ziehen. Und wenn die erste Folge der neu aufgelegten Serie Roseanne, eine im amerikanischen Arbeitermilieu angelegte US-Sitcom, über 18 Millionen Zuschauer vor die TV-Geräte lockt, dann scheint tatsächlich irgendein Nerv getroffen zu sein.

Ronald Reagans konservative Revolution

In den 80er-Jahren stand sich die US-Arbeiterklasse ähnlich im Fokus. Ronald Reagan versprach ihr eine goldene Zukunft, wenn nur die Reichen zuerst ein großes Stück vom Kuchen abbekämen. Nach und nach würden auch die Ärmsten von einer beherzten Konsumorgie profitieren. Dass Reagans sogenannte Trickle-down-Ökonomie nicht fruchtete und die Schere zwischen Arm und Reich größer wurde, war 1988, kurz vor Ende Reagans Amtszeit, auch in Hollywood Thema.

In diesem Jahr feierte nicht nur Roseanne im US-Fernsehen Premiere, auch Halloween-Regisseur John Carpenter brannte es unter den Fingernägeln, seinen Beitrag zum politischen Klima in den Vereinigten Staaten auf die Leinwand zu bringen: „Ich dachte damals viel über die Werte nach, die Ronald Reagans konservative Revolution beeinflussten. Die Leute waren von Habgier und Geld besessen. Also entschied ich mich ein Statement in die Nacht hinauszuschreien.“ Es wäre natürlich nicht John Carpenter, wenn besagtes Statement nicht als Sci-Fi-Actionfilm mit B-Movie-Charakter daherkäme. Und so kam "Sie leben!" am 4. November 1988 mit Wrestler Roddy Piper in der Hauptrolle in die Kinos.

Inspirieren ließ sich Carpenter von Ray Nelsons Kurzgeschichte Eight O'Clock in the Morning aus dem Jahr 1963, in der der Protagonist nach einer missglückten Hypnose erkennt, dass Aliens bereits unter uns weilen und die Welt regieren. Für simple Hypnosetricks sind John Carpenter und Roddy Piper natürlich eine Spur zu cool, aber der Reihe nach.

Carpenters Film erzählt die Geschichte von John Nada. Nada ist keine gewöhnliche Heldenfigur, worauf sein Name, der aus dem Spanischen übersetzt „nichts“ bedeutet, bereits hindeutet. Er hat keine Superkräfte, keine Ambitionen, die Menschheit zu retten, er ist ein gewöhnlicher Arbeiter und obdachlos obendrein, ein Spielball des Schicksals.

Trailer: Sie leben

Wer Geld hat, macht die regeln

Wir treffen auf Nada an einem Tiefpunkt. Unterlegt von Carpenters eigenhändig gezupfter Westerngitarre kommt Nada nach Los Angeles und heuert auf einer Baustelle an. Nach einem harten Arbeitstag unter südkalifornischer Sonne, schwitzend und ohne Shirt versteht sich, besorgt ihm ein Bauarbeiterkollege, Frank Armitage (Keith David), eine Unterkunft in einer nahegelegenen Zeltstadt. Dort entspinnt sich zunächst eine Art Sozialdrama.

Carpenter zeigt Familien bei der Essensausgabe, Nada und Armitage sinnieren über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und den drohenden sozialen Abstieg des in unmenschlichen Verhältnissen lebenden Prekariats. Es fallen Sätze wie „Der, der das Geld hat, macht die Regeln“ und weil wir uns in den Staaten befinden, darf auch patriotischer Pathos vor kitschigem Sonnenuntergang nicht fehlen: „Ich glaube an Amerika, ich halte mich an die Regeln. Irgendwann macht jeder mal eine schwierige Zeit durch.“ Dem Himmel sei Dank folgt daraufhin eine etwas weniger klebrige Dosis Mystery und Action.

Hinter der Fassade der Realität

Des Nachts brennt in der gegenüberliegenden Kirche nämlich noch Licht. Obendrein zetern davor zwei Männer, klar, dass sich Nada das am nächsten Tag einmal genauer ansehen muss. Und siehe da, das episkopale Gotteshaus ist wohl eher Tarnung für einen von Verschwörungstheoretikern geführten Sonnenbrillenvertrieb. Eine Razzia in der darauf folgenden Nacht scheint ihm Recht zu geben. Doch bevor die Polizei Kirche und Zeltstadt niederwalzen kann, schafft es Nada ein paar Sonnenbrillen an sich zu nehmen.

Später, als er eine der Brillen zum ersten Mal aufsetzt, entdeckt er den wahren Grund für die mysteriösen Treffen in der Kirche. Sie ermöglichen dem Träger, hinter die bunte Fassade der Realität zu blicken. Dort, wo vorher noch Werbetafeln mit Kaufempfehlungen hingen, prangern nun ihre eigentlichen Botschaften: „gehorche“, „schlaf weiter“, „schau Fernsehen“. Und auf Geldscheinen: „das ist euer Gott“. Obendrein sieht er die Hälfte aller Menschen als zombiehafte Gestalten. Aliens, wie Nada herausfinden wird, die bereits den gesamten Planeten in ihrer Gewalt haben.

Klar, dass Nada davon nicht gerade begeistert ist: „Ich dachte mir, ich komme mal vorbei, kaue Kaugummi und trete ein paar Leuten in den Arsch! Leider hab’ ich grad kein Kaugummi dabei!“ Die Jagd auf Aliens kann losgehen – und damit Carpenters actiongeladene Kritik an Turbokapitalismus und Konsum. Nicht nur das. Auch Umwelt- und Rassismusproblematiken lässt er einfließen, wenn auch nur am Rande.

So wird über einen vom Widerstand eingerichteten Piratensender eine Informationssendung ausgestrahlt, die den CO2-Anstieg den Aliens zuschreibt, um unsere Atmosphäre langsam in die ihrige zu verwandeln, während wir in einem von den Aliens künstlich hervorgerufenen Bewusstseinszustand konsumierend vor uns hindämmern.

Ein Dokumentarfilm über unsere Zeit

Und das soll alles bereits 30 Jahre her sein? In Zeiten von Camebridge Analytica-Skandalen, Social-Bots, Klimawandel, #blacklivesmatter und dergleichen scheint sich, seit "Sie leben!" in die Kinos kam, nicht viel geändert zu haben, im Gegenteil. Carpenter sieht das ähnlich. Nach Immobilienblase, Weltwirtschaftskrise und Steuersenkungen für Superreiche wartet dieser ebenfalls noch auf seinen John Nada: „Sie leben! ist ein Dokumentarfilm über unsere heutige Zeit. Was der rechte Flügel macht, geht über Reagan hinaus. Ich bin Kapitalist, ich liebe es, Geld zu verdienen, aber ungezügelter Kapitalismus führt zu einer Wirtschaftskrise, wie wir sie bereits erleben durften. Die Medien, von denen wir umgeben sind, manipulieren uns. Der Konsum konsumiert uns. Sie sind immer noch unter uns, sie leben wirklich, sie beuten uns immer noch aus. Wir brauchen die Brillen mehr als je zuvor.“

Wir müssen gezwungen werden, frei zu sein

Also schicke Brille auf und gut ist? So einfach macht es sich selbst Carpenter in seinem Film nicht. Denn viele auf der Seite der Aliens sind Erdlinge, angelockt durch Versprechen von Geld und Macht. Erst durch unsere Eliten bekämen die Aliens Zugang zu unseren Rohstoffen, wird Nada später aufgeklärt. Und selbst seinen Freund Frank zu überzeugen, eine der Brillen aufzusetzen, gestaltet sich mehr als schwierig. Die Illusion ist überaus bequem.

Wir genössen sie geradezu, behauptet der Philosoph Slavoj Žižek in seinem Film "The Pervert's Guide to Ideology". Denn hinter die Fassade der Ideologie zu blicken sei geradezu ein Kraftakt. Das bekommt Frank am eigenen Leib zu spüren. In einem ungewöhnlich langen Faustkampf mit Nada in der Mitte des Films wehrt er sich mit aller Gewalt, die Sonnenbrille aufzusetzen. Als sei er sich bewusst, in einem Lügenkonstrukt, in einer Art Matrix zu leben.

Wir müssten gezwungen werden, frei zu sein, interpretiert Žižek diese Schlüsselszene weiter. Wer einem spontanen Gefühl des Wohlbefindens zu starkes Vertrauen schenke, werde niemals frei sein, denn Freiheit tue weh. Das ist mal eine Ansage. Aber hoffentlich geht das irgendwie auch ohne Fäuste, sonst muss ich mich wohl doch für einen Boxkurs anmelden.

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