Echt hart, ein Bild von der deutschen Mystery-Serie "Echt Harder" zu finden.

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Der zweite Blick (Folge 26): Echt Harder


Ein meditierender Arzt? Auf einem Hausboot? Im deutschen Privatfernsehen??? Die RTL-Produktion "Echt Harder" versuchte in den Neunzigern, das deutsche Akte X zu sein - und sie scheiterte. Christian Humberg hat's gesehen.

Es ist zum Heulen. Einerseits wünschen wir uns ein Fernsehprogramm, das uns fordert und keine Angst vor Experimenten hat. Wir wünschen uns Neues, nicht ewiggleiche Kopien dessen, was wir schon tausendmal gesehen haben. Andererseits: Kommt dann mal etwas daher, das betont gegen den Strom schwimmt, geht es meist sang- und klanglos unter. Echt Harder ist ein perfektes Beispiel dafür. Und wenn Sie sich jetzt fragen, wer oder was Echt Harder sein soll … Sehen Sie? Genau das meine ich.

Die Welt von Echt Harder

Der Mediziner Dr. Frank Harder hat die Nase voll. Der Stress und die Hektik des modernen Großstadtlebens stehen für ihn im krassen Gegensatz zur Heilkunst, wie er sie versteht – nicht zuletzt da er sich neben der klassischen Schulmedizin auch in fernöstlichen Methoden auskennt. Und Harder steigt aus. Einem inneren Drang nach Frieden folgend, verlegt er seinen Wohn- und Arbeitssitz kurzerhand auf das Hausboot Holoponopono (benannt nach einem hawaiianischen Vergebungsritual). Von dort aus werden er und seine Freunde, die Pizzabotin Nico und der Student David Li, in mystische, spannende und paranormale Fälle hineingezogen. Immer wieder erleben sie, dass die Welt aus mehr besteht als dem, was die westliche Wissenschaft beweisen kann.

Die nackten Fakten

Die Neunziger, unendliche Weiten. Dank Serien wie Akte X, die über den großen Teich schwappten und immens hohe Einschaltquoten erzielten, hielt die sogenannte Mysterywelle die Fernsehlandschaft über Jahre im Griff. Überall suchten Programmchefs händeringend nach Trittbrettern, auf die sie aufspringen konnten. Jeder wollte noch schnell ein Stück von Fox Mulders Kuchen. Sozusagen.

Auftritt Frank Harder. Das Konzept eines Hobbydetektivs mit fernöstlicher Weisheit war nicht neu. Der Außenseiter, der dank seiner speziellen Sichtweise Dinge bemerkt, die den normalen Ermittlern entgehen … Das hatte man tausendfach gesehen. Trotzdem ging die RTL-Produktion Echt Harder neue – und zwar beeindruckend kompromisslos neue – Wege.

Besieht man sich die wenigen Episoden heute, staunt man vor allem über ihr betuliches Erzähltempo. Harder ließ sich Zeit, um den Moment wirken zu lassen, und lieferte auch nicht für jedes Ereignis, jede Wendung sofort eine bodenständige Erklärung. Was im Konzeptstadium noch relativ klassisch geklungen haben mochte, erwies sich in der finalen Umsetzung, die in den Hauptrollen auch betont auf namhafte Starpower verzichtete, kein bisschen als Standardfernsehen. Die phantastischen Handlungselemente, für hiesige Produktionen ohnehin keine Selbstverständlichkeit, unterstrichen nur noch, wie sehr diese Serie anders als der damalige bundesdeutsche Durchschnitt sein wollte.

Kein Wunder, dass nach zwei Ministaffeln schon wieder Schluss war. Dr. Frank Harder zog abermals um, allerdings in die Archive von RTL. Dort wird er seinen Frieden gefunden haben. Suchen kommt ihn jedenfalls niemand, leider.

Das Erbe

Einen Nachhall kann man dieser Serie nun wirklich nicht vorwerfen. Echt Harder ist ein Werk, an das sich selbst die versiertesten TV-Historiker nur mit Mühe erinnern dürften. Wiederholungen? DVD-Auswertung? Nennenswerte Google-Einträge? Fehlanzeige. Die Holoponopono schwomm so schnell an uns vorbei, dass sie selbst denen, die sie dabei beobachten konnten, heute wie ein Traum vorkommt. Ein meditierender Arzt? Auf einem Hausboot? Im deutschen Privatfernsehen??

Schade eigentlich. Denn auch wenn diese Produktion keine Wurzeln schlagen konnte, war und ist sie in ihrer Experimentierfreude doch genau das, was man sich vom TV wünscht: mehr Mut, weniger Einheitsbrei.

 

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Manche Serien ziehen so schnell an uns vorbei, dass wir sie kaum registrieren. Andere liegen zu lange zurück – und waren zu wenig massentauglich –, als dass sie sich noch heute häufiger Wiederholungen oder gar eines DVD-Releases erfreuen könnten. Doch was, wenn sie dennoch sehenswert sind? Diesen Produktionen gewähren wir ab sofort … den zweiten Blick.

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