Welt am Draht (1973)

© StudioCanal // WDR

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Meilensteine der Science Fiction: Welt am Draht (1973)


Die Vorstellung einer von Computern simulierten Realität ist schon alt: Lange vor den Wachowski-Schwestern und ihrem Kampf gegen die Matrix hat Philip K. Dick Die Zeit aus den Fugen geschrieben  oder der französische Autor Daniel F. Galouyes seinen Roman Simulacron-3. Letzterer ist auch die Vorlage zu Rainer Werner Fassbinders Nierentisch-Meisterwerk Welt am Draht. Willkommen in der Wüste des Realen.  

 

Wäre Welt am Draht gestern im Fernsehen gelaufen, er würde heute in den Kritiken besprochen als ein intelligenter, wenn auch etwas langatmiger Beitrag zur Debatte um die fortschreitende Digitalisierung und ihre Folgen. 1973, als Heimcomputer, VR-Brillen und das Internet noch ferne Zukunftsmusik sind, offenbart Rainer Werner Fassbinder FernsehzuschauerInnen mit der Adaption von Daniel F. Galouyes Science-Fiction-Roman Simulacron-3 (1964) eine dystopische Zukunftsvision, die unserer Gegenwart in mancherlei Hinsicht mehr als nahe kommt.

Erst Ende November äußerte sich der Bundesverband Medien und Marketing wieder einmal besorgt über die Jugend, deren Kommunikationsverhalten, laut aktueller JIM-Studie, komplett in die virtuelle Welt abgedriftet sei. „Diese besorgniserregende Entwicklung muss zu einem Aufschrei in unserer Gesellschaft führen“, zitiert das Presseschreiben Verbandspräsident Prof. Dr. Gerald Lembke. Fred Stiller, Hauptfigur des Films, dürfte nicht nur für Herrn Lembke Qualitäten eines Revolutionsführers tragen. Denn dieser wünscht sich nichts sehnlicher, als der binärkodierten Scheinwelt den Rücken zu kehren.

Trailer: Welt am Draht

Kybernetik und Zukunftsforschung

Stiller (Klaus Löwitsch) ist Wissenschaftler am Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung. Nachdem sein Vorgesetzter Professor Vollmer (Adrian Hoven) unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, übernimmt Stiller seinen Posten als Leiter des Projekts Simulacron 1, einer aufwendig programmierten Computersimulation à la Sim City, die von virtuellen Personen, sogenannten Identitätseinheiten, bevölkert wird, und die exakte Vorhersagen über Gesellschaft, Wirtschaft und Politik ermöglicht. Doch als sein Kollege und Freund Günther Lause (Ivan Desny), der den Grund von Vollmers Tod zu kennen scheint, sich vor seinen Augen in Luft auflöst und niemand, nicht einmal seine Nichte Eva (Mascha Rabben), Lause gekannt haben will, beginnt Stiller an seinem Verstand und der Wirklichkeit zu zweifeln. In feschem Sportwagen und James-Bond-Manier geht der adrette Wissenschaftler seiner Existenz auf den Grund.

Stillers Zweifel an sich und seiner Welt manifestieren sich dabei in jeder Einstellung des Films. Die mit Spiegeln und spiegelnden Oberflächen gesäumten Kulissen erlauben es Michael Ballhaus und seiner Kamera, die Protagonisten auf Schritt und Tritt zu verfolgen, sie einzufangen und nicht mehr aus den Augen zu lassen. Dabei wandeln die Figuren marionettenhaft in den futuristischen Spiegelkabinetten umher, folgen einer hölzernen Choreographie, tragen ihre Dialoge in Fassbinder'scher Manier gewohnt artifiziell vor und unterstreichen umso mehr Stillers zehrenden Existenzkampf. Neben regulären Fassbinder-Akteurinnen wie Margit Carstensen oder Ingrid Caven versammelt Welt am Draht obendrein eine ganze Reihe namhafter SchauspielerInnen wie Adrian Hoven, Ivan Desny, Elma Karlowa oder Walter Sedlmayr, die in den 50er und 60er Jahren durch Heimat- bzw. Musikfilmen berühmt wurden und in diesem futuristischen Setting für Zeitgenossen tatsächlich den Anschein gehabt haben müssen, als kämen sie von einem anderen Stern. Sogar der US-Schauspieler Eddie Constantine hat einen Auftritt, den man als kleine Anspielung auf Jean-Luc Godards Alphaville lesen kann.

Welt am Draht (1973)

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Zeit aus den Fugen

Welt am Draht bleibt Fassbinders erster und einziger Ausflug in die Science-Fiction. Und trotzdem ist er ein souveräner Genrefilm, nicht zuletzt, weil Fassbinder sich nicht den Konventionen des Genres verpflichtet fühlt. Er verzichtet weitgehend auf aufwendige Spezialeffekte und lässt die Kulissen und Drehorte durch die Kameraführung Ballhaus' ihren ganz eigenen hypnotischen Sog entwickeln. In Paris, wo Fassbinder mit Co-Autor Fritz Müller-Scherz an der Drehbuchadaption arbeitet, sollte auch hauptsächlich gedreht werden. Die neu errichteten Vororte und Shopping Malls der französischen Hauptstadt, die es so in Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht gibt, evozierten den nötigen futuristischen Flair, so Ballhaus in einem Interview.

Die philosophischen Ansätze hinter Stillers Skepsis („Vielleicht sind wir auch nur elektronische Schaltkreise“) waren zwar zu Fassbinders Zeiten keineswegs neu. Man denke nur an Platons Höhlengleichnis oder Descartes Catchphrase „Ich denke also bin ich“, die beide auch als Zitate in den Film einfließen. Eine von Computern simulierte Realität, die es zu enttarnen gilt, thematisierte auch schon Philip K. Dick in Zeit aus den Fugen (1959). Oder eben Galouye in Simulacron-3. Und doch behalten die darin enthaltenen Fragestellungen noch heute ihre Aktualität. Obwohl Facebook und Google 1973 noch um Jahrzehnte in der Zukunft liegen, verhandelt Welt am Draht bereits im Ansatz die ethischen Konsequenzen der Datenspeicherung, fragwürdige Algorithmen in sozialen Netzwerken, virtuelle Realitäten und die brandaktuelle Frage, wie man sich als Individuum dazu verhalten kann und muss.

Die permanente Selbstbespiegelung im Netz

Bereits in der ersten Szene, in der Politiker, Lobbyisten und Wissenschaftler über die Übermittlung der gewonnen Daten an die Industrie verhandeln, wird klar, Simulacron 1 ist selbstverständlich vor Missbrauch nicht gefeit. Beim Megakonzern Google, der alle Gmail-Konten zu Werbezwecken scannt, verhält es sich heute nicht anders. Und doch liefern wir uns den virtuellen Umgebungen tagtäglich aus und werden immer mehr zu gläsernen Usern; nicht gerade widerwillig, in vielen Fällen äußerst freiwillig. Die permanente Selbstbespiegelung im Netz ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Durch Social-Media-Profile, meist mehrere pro User, kreieren wir einen auf Erfolg getrimmten virtuellen Avatar unserer selbst.

Doch auch wenn die JIM-Studie zu dem Ergebnis kommt, wir würden immer mehr in die virtuelle Welt abdriften, so sind wir noch lange nicht in der Matrix angekommen. Selbst wenn analoge und virtuelle Realitäten immer mehr verschwimmen – so behauptete eine Anruferin in einer WDR5-Radiosendung zur Ästhetik in Computerspielen jüngst, für sie mache es keinen Unterschied, ob sie als Künstlerin Bilder in einer virtuellen Galerie in Second Life ausstelle oder in der realen Welt –, sie lassen sich noch getrennt voneinander denken.

Und natürlich gibt es längst die Gegenbewegung im Stiller'schen Sinne. Nicht ohne Grund haben Begriffe wie „Authentizität“ Hochkonjunktur: der Schrei nach der absoluten Wahrheit in unserer digitalisierten Welt, in der personalisierte Werbung und permanente Überwachung unseren Alltag bestimmen. Zwar sind wir (noch nicht) Teil einer durchdeklinierten Truman Show, eine latente Angst, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, ist jedoch spürbar. Und mit ihr die Sehnsucht, abseits von Illusion und Fake News ganz bei sich zu sein, in computerfreien Zonen ganz banal und analog die eigenen Tomaten auf dem Balkon zu pflanzen und in den Backofen zu brüllen: „Dich, Brot, habe ich ganz alleine gebacken.“ Echte, handgemachte Realität eben.

Welt am Draht (1973)

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Unsere kleine Truman-Show

Doch was bedeutet es, letztendlich hinter die Fassade zu blicken? Folgt man Stillers Argumentation und Motivation, so wartet hinter der Simulation aus Bits und Bytes das Wahrhaftige, die Möglichkeit der Selbstbehauptung des eigenen Ichs ergo absolute Freiheit. Und was, wenn die Welt hinter der Welt ähnliche Zwänge bereithält? Ob Truman Burbank hinter der Himmelstapete das absolute Glück findet? An dieser Stelle wird in der Truman Show der Bildschirm sicherheitshalber schwarz. Auch wenn er beim Erklimmen der Treppe den Übergang vom Objekt- zum Subjektstatus vollzieht, darf man daran getrost zweifeln.

In Galouyes Schlusskapitel, das so in Fassbinders Version nicht eingeflossen ist, hat die Realität am Ende eher gräuliche Züge. Der Mond ist kleiner, und Orte wie Riviera und Himalaya sind nur Attrappen mit ulkigen Bezeichnungen in einer computergenerierten Simulation. Hat es sich dann gelohnt die rote anstatt der blauen Pille zu schlucken? Oder ließe sich Wahrheit gar mit einer dritten Pille in der Illusion selbst finden, wie Žižek es in seinem Pervert's Guide to Cinema fordert? Fassbinder lässt diese Frage offen. Egal, ob hinter der Kulisse die nächste Kulisse wartet, ist erst einmal irrelevant. Wichtig ist der Versuch, hinter die Fassade zu blicken, die auferlegten Konstrukte und Systeme unserer Realität zu dekonstruieren und zu hinterfragen. Und im besten Fall, wie bei Fassbinder üblich, dagegen aufzubegehren.

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