Plan 9 aus dem Weltall (1959)

© S.A.D. Home Entertainment // Reynolds Pictures

REWATCH

Meilensteine der Science Fiction: Plan 9 aus dem Weltall (1959)


Zombies, Aliens und Vampire, dazu ein wenig Filmmaterial aus dem Koreakrieg, Logikfehler noch und nöcher, Aufnahmen von einem bereits toten Horrorfilmstars und ein paar der grottigsten Schauspieler aller Zeiten – und fertig ist der beste, schlechteste Film aller Zeiten: Plan 9 from Outer Space.

Schlechte Schauspieler, billige Sets, lächerliche Spezialeffekte, unsinnige Dialoge, deplatzierte Schreie aus dem Off, zusammenhangslose Reaction Shots, offensichtliche Logikfehler, Schatten im Weltraum, gravierende Handlungslücken, hanebüchene Anschlussfehler... Der Drehbuchautor Terry Black hatte sich einmal die Mühe gemacht, alle Filmfehler aufzulisten, die ihm beim Ansehen von Ed Woods Plan 9 aus dem Weltall sauer aufstießen. Er kam auf 82. Tatsächlich muss man kein versierter Drehbuchautor sein, um die Unmengen an Patzern zu entdecken, die den Film durchziehen. Deshalb genießt das B-Movie aus dem Jahr 1959 seit Jahrzehnten Kultstatus als schlechtester Film aller Zeiten und ist der perfekte Kandidat für einen Rewatch: „My friend, can your heart stand the shocking facts about grave robbers from outer space?“

Halb Zombie- halb Sci-Fi-Flick

Grabräuber aus dem Weltall. Unter diesem Titel versuchte Regisseur Ed Wood, der das Genie von Orson Welles anvisierte, aber in der untersten B-Movie-Schublade Hollywoods landete, Geldgeber für sein neues Filmprojekt zu finden. Die Handlung: Einigen Aliens wird die Menschheit allmählich zu aufmüpfig und soll ausgerottet werden. Und weil sie sich selbst zu fein dafür sind, erwecken sie Tote für die Drecksarbeit wieder zum Leben. Obwohl der als halb Zombie-, halb Sci-Fi-Streifen angelegte Film mit seinen Ufo- und Verschwörungstheorien den Nerv der Zeit traf, gestaltete sich die Finanzierung schwierig. Wood galt damals schon als Kassengift. Doch eine Gruppe Baptisten, die aus den Erlösen ihr eigenes Filmprojekt finanzieren wollten, nahmen sich seiner an. Einzige Bedingungen: den 'blasphemischen' Titel ändern – und die gesamte Crew taufen lassen.

Ed Wood willigte ein, denn Plan 9 sollte sein Meisterwerk werden, sein Citizen Kane. Und obendrein Bela Lugosis finaler Auftritt auf der Kinoleinwand. Bela Lugosi, der Prototyp des Leinwand-Draculas, hatte bei Drehbeginn zwar bereits das Zeitliche gesegnet, doch Wood hatte noch alte, ungenutzte Aufnahmen des Schauspielers im Schrank, die er in die Handlung einbauen konnte. Es sollte der glorreiche Abschluss seiner Zusammenarbeit mit Lugosi werden, der ihn seit Glen or Glenda begleitete, Woods wohl persönlichster Film, in dem er seine Neigungen zum Tranvestitismus halb autobiografisch thematisierte. „Wenn Sie wissen wollen, wer ich bin, sehen Sie sich Glen or Glenda an, das bin ich, das ist meine Geschichte, keine Frage. Aber Plan 9 ist mein ganzer Stolz“, setzt Ed Wood seine beiden prägendsten Filme in Beziehung. Und auch sonst ist die Besetzung neben Lugosi ein recht ulkiger Haufen. Ex-Wrestler Tor Johnson, Horrorfilm-Ansagerin Maila Nurmi alias Vampira, Fernseh-Wahrsager Criswell. Und der Chiropraktiker der damaligen Freundin Woods als Lugosi-Double. „Wir waren alle nur kleine Fische in Hollywood. Bizarre Hollywood-Loser, und die standen ihm eben zur Verfügung“, erinnerte sich Nurmi.

Plan 9 aus dem Weltall (1959)

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Hat jemand suspension of disbelief gesagt?

Obendrein legte Wood aufgrund von erheblichem Zeitmangel häufig keinen Wert auf Retakes. „Als Regisseur arbeitete Ed aus dem Stegreif“, so Nurmi. „Seinen ersten Impuls setzte er um, egal, welche Hilfsmittel zur Verfügung standen. An Retakes war gar nicht zu denken.“ Ob ein paar Grabsteine wackelten, die Nylonfäden an den Ufos zu sehen waren, der Wechsel zwischen Tag und Nacht sich im Minutentakt vollzog, Ed Wood vertraute blind auf die sogenannte „suspension of belief“, die „Aussetzung der Ungläubigkeit“ beim Zuschauer. Die Tatsache also, dass wir uns der Patzer bewusst sind, aber, um der fiktiven Handlung Willen, die Illusion von Realität aufrechterhalten und darüber hinwegsehen. Das ist auch bitter nötig. Ed Woods erzählerische und bildgestalterische Finesse grenzt zeitweilig scharf an die eines vierjährigen Kindes. Da wird der Inspektor auf dem Friedhof gelyncht und zwei Meter weiter umgehend beerdigt, mitten in der Nacht und ganz ohne Obduktion. Kein Budget für militärische Kampfszenen in Kalifornien? Aufnahmen aus dem Koreakrieg samt Reisfelder hat es genug. Und wenn das Ufo als zigarrenförmig beschrieben wird, aus der Entfernung untertassenförmig ist und in der Großaufnahme ein viereckiger Klotz mit Schwimmbadleiter, dann ist das eben so. Von all den verbalen Glanzstücken erst gar nicht zu sprechen: „Eines ist sicher. Inspector Clay ist tot, ermordet und jemand ist verantwortlich.“

Plan 9 aus dem Weltall (1959)

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Der schlechteste Film aller Zeiten

Ed Woods Kulissen und Spezialeffekte haben Symbolcharakter, die dem Zuschauer ein wenig Hirnschmalz zur Vollendung der fiktionalen Illusion abverlangen. Doch leicht macht er es einem nicht gerade. Viele der Ungereimtheiten fallen meist dann auf, wenn Wood sie vehement auszubügeln versucht. Dass Bela Lugosis Charakter in einer Gruft beerdigt wird, seine Frau aber in einem gewöhnlichen Grab, fiele kaum auf, würden die Trauergäste nicht selbst darauf herumreiten: „Irgendein familiärer Aberglaube.“ Ja doch.

Die absolute Hingabe an die Sache und ein verbissener Ernst, ein stimmiges Meisterwerk abzuliefern, sein Citizen Kane, machen den Charme des Films aus. Nur geht es eben gründlich nach hinten los. Natürlich floppte der Film an den Kinokassen. Doch durch Wiederholungen im Fernsehen und die zweifelhafte Ehrung als der schlechteste Film aller Zeiten ließen ihn nicht nur im Underground zum Kulthit avancieren. Tim Burton zeichnete ein liebevolles Portrait des Regisseurs mit Johnny Depp in der Hauptrolle, die US-Sitcom Seinfeld zitierte den Film mehrmals, Akte X selbstverständlich auch, und sogar ein Computerbetriebssystem wurde nach dem Film benannt.

Übrigens ist die Farbversion des in schwarz-weiß gedrehten Films sehr zu empfehlen. Die Sprünge zwischen Tag und Nacht kommen dadurch besonders zur Geltung, und die ohnehin flamboyanten Aliens bekommen in ihren lila Outfits eine adäquate visuelle Entsprechung und unterstreichen den fulminanten 50er-Jahre-Kitsch, ganz nach Ado Kyrous Worten in Le surréalisme au cinema: „Lerne, die 'schlechtesten' Filme zu sehen: manchmal sind sie grandios.“

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