Ein Plädoyer für mehr Heldinnen in der Fantasy

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„Packt die Schwerter ein, Mädels!“ – Ein Plädoyer für mehr Heldinnen in der Fantasy


Momo, Hermine, Katniss. Wenn sich Romane zu einem globalen Erfolg entwickeln, finden wir „echte“ Heldinnen vorwiegend im Jugend- und All-Age-Bereich. Wo bleiben eigentlich die Frauen, wenn sich der Titel an ein älteres Publikum richtet?

Arya Stark - Game of Thrones

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Film-Klassiker: Alien

Twentieth Century-Fox

Natürlich wird einem in diesem Zusammenhang schnell George R.R. Martin mit „Das Lied von Eis und Feuer“ einfallen, denn in der Tat finden wir dort mit Daenerys, Arya, Sansa, Cersei oder Brienne (um nur die wichtigsten zu nennen) eine Reihe weiblicher Protagonisten, die ganz unterschiedliche Rollen besetzen und ebenso im Mittelpunkt der Handlung stehen wie ihre männlichen Pendants. Nun wurde bereits viel über die Etablierung dieser Figuren, ihre (vor allem in der TV-Serie) oft plakative Konnotation bzgl. ihrer sexuellen Unterwerfung oder Befreiung diskutiert, wobei man vieles zurecht kritisch sehen kann. Fakt ist aber, dass George R.R. Martin seine weiblichen Figuren selbstverständlich in das umfangreiche Ensemble integriert und nicht zu bloßen Sidekicks reduziert.

Daneben existieren natürlich viele weitere starke weibliche Figuren in unzähligen mehr oder weniger erfolgreichen Romanen, aber wenn es um globale Bestsellerautoren im „erwachsenen“ Phantastikbereich geht, setzen diese wie ehedem fast ausschließlich auf Männer als Helden.

„Ja, aber was ist mit ...“, werdet ihr sagen, und tatsächlich gab es auch schon früher Ausnahmen. Marion Zimmer Bradley und Ursula K. Le Guin besitzen auf der globalen Erfolgsebene aber sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal und erlangten nicht zuletzt dadurch ihre herausragende Bedeutung.

In den weiteren Fantasy-Klassikern des vergangenen Jahrhunderts, die ja in letzter Zeit eine ungeahnte Auferstehung mit Neuauflagen und Fortsetzungen erleben, muss man nicht groß anfangen zu suchen, vor allem, da zu dieser Zeit die Leserzielgruppe als eindeutig „männlich“ definiert wurde und dementsprechend weibliche Hauptfiguren als Kassengift galten. Jordan, Eddings, Gemmell, Williams („Otherland“ mal ausgeklammert) oder der frühe Terry Brooks besaßen gar keine andere Möglichkeit, als den zentralen Helden ganz klar maskulin zu definieren, wenn sie am Markt bestehen wollten.

Natürlich entsprach dies dem vorherrschenden Zeitgeist, und nicht umsonst rekurrieren wir diesbezüglich gerne in besonderem Maße auf ikonische Filmfiguren wie Sarah Connor, Prinzessin Leia oder Ellen Ripley, um deren außergewöhnliche Stellung in dieser Zeit hervorzuheben, die auch im Genrefilm alles andere als üblich war.

Ernest Cline: Ready Player One
Kinofilm: Wonder Woman mit Gal Gadot

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Und heute?

Das Zielpublikum hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Frauen sollen sich doch wahrhaftig für Comics, SF-Blockbuster oder Fantasy-Schinken interessieren, ohne dass sie im Jugendbereich suchen wollen, wenn sie mal eine Heldin in Aktion erleben wollen.

Auch die Verlage und Filmproduktionsfirmen reagieren allmählich darauf. Männliche werden zu weiblichen Superhelden im Comic (Iron Man), DC bringt mit „Wonder Woman“ einen bahnbrechenden Blockbuster ins Kino, doch auf die „große weibliche Heldin“ innerhalb der Phantastikliteratur warten wir noch – Katniss in „Panem“ kam dieser vielleicht noch am nächsten. Klar, die Vielfalt ist insgesamt auch auf dem deutschen Markt angewachsen, aber wenn es um ihren ikonischen Helden geht, greifen die Autoren nach wie vor lieber auf männliche Protagonisten zurück – was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass die großen Stars der Szene ebenfalls fast ausschließlich Männer sind.

Mal ein paar Beispiele von Bestsellerautoren der letzten Jahre: In „Ready Player One“ zeigt die männliche Mary Sue Wade Watts allen, wo der Arcade-Knüppel hängt, wie wir auch bald im Kino bewundern dürfen. Seine Freundin Art3emis darf ein wenig staunend mitmachen, besitzt aber bestenfalls die Rolle als First Supporting Actor.

Patrick Rothfuss setzt auf den Magier Kvothe, dessen große Liebe Denna trotz eigener Pläne und einem widersprüchlichem Charakter letztlich doch nur die zu erobernde Trophäe darstellt. Scott Lynch stellt seinem Helden Locke Lamora mit Sabetha ein ähnliches Konzept entgegen – es sind eben nicht „Die Lügen der Sabetha Belacoros“, die die Reihe prägen – das wäre (bei aller Sympathie für Lynchs Werk) tatsächlich mal eine Innovation gewesen.

Joe Abercrombie stellte zwar in „Racheklingen“ die Söldnerin Monza in den Mittelpunkt seiner Handlung, aber zentral in seinen stilprägenden Grim&Gritty-Romanen bleiben die „echten Männer“, als die sie von Heyne ja auch gerne angepriesen werden: der Barbar, der Magier, der Krieger und der Inquisitor Glokta (gleichwohl eine großartige Figur!).

Brandon Sanderson stellt in den „Nebelgeborenen“ seinem Held Kelsier wenigstens die ebenso starke Vin an die Seite, während in den „Sturmlicht-Chroniken“ das Verhältnis schon wieder drei zu eins beträgt, und die junge Adlige Schallan in dem umfangreichen Gesamtplot eher auf sich alleine gestellt bleibt.

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Wo sind die „echten Heldinnen?“

Die „echten Heldinnen“ finden,wie, wie eingangs erwähnt, nämlich fast ausschließlich in den Zielgruppen „All Age“ und „Young Adult“ (auch so ein Marketinggeschwurbel, um die Zielgruppe zwischen 16 und 20 zu definieren …), angefangen bei Michael Endes „Momo“ über Meggie aus „Tintenherz“ oder Katniss aus „Die Tribute von Panem“. Sie tummeln sich im Handel fast immer in den Jugendbuchabteilungen, werden dort vor allem Mädchen und deren Müttern angepriesen und nicht der Kernzielgruppe des „erwachsenen“ Phantastikmarkts. Nicht zuletzt aus diesem Grund werden derartige Werke gerne als „Kinderkram“ oder „Mädchenbuch“ belächelt.

Es gibt sie zwar ebenfalls, die erwachsenen Heldinnen der Fantasy, wenn es allerdings um weltweite Publikumserfolge in diesem Genre geht, sind sie tatsächlich rar gesät. Sonea von Trudi Canavan ist dabei sicherlich vorne dabei. Daneben muss auch Licia Troisi genannt werden, die in ihren Trilogien (angefangen mit „Die Drachenkämpferin“ und der Halbelfe Nihal) viele starke Heldinnen schuf. Mit den femininen Berufsbezeichnungen als Titel der deutschen Ausgaben sorgten Blanvalet und Heyne allerdings dafür, dass die Titel von Canavan und Troisi sofort wieder auf eine weibliche Zielgruppe ausgerichtet wurden, ebenso wie es im historischen Roman mit Titeln wie „Die Wundärztin“ oder „Die Wanderapothekerin“ seit langem üblich ist – ohne dass die genannten Phantastikromane hinsichtlich des Konzepts damit vergleichbar wären.

Liegt das Problem also vor allem im Marketing für die (vermeintliche) Zielgruppe? Dürfen Heldinnen nur von Mädchen und Frauen im Jugendbuch gelesen werden und die „echten“ Helden (also die Männer) sind dann für alle da? Ist es einem Mann nicht zuzumuten, mit einer Protagonistin im Mittelpunkt der Handlung ebenso mitzufiebern wie mit ihrem männlichen Gegenstück? Wird das Programm und Marketing der phantastischen Publikumsverlage also stets auf Befindlichkeiten und Rollenklischees reduziert, die wir als reflektierte Leser nicht eigentlich als überkommen erachten?

Stieg Larsson - Millennium Trilogie

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Just do it!

Verlässt man den reinen Romanbereich, sieht man, dass es auch anders geht: Auf globale Erfolgstitel und Franchises bezogen nimmt Star Wars dabei derzeit sicherlich eine Ausnahmestellung ein. Der wertvollsten Unterhaltungsmarke der Welt mit Rey bzw. Jyn jeweils eine junge Frau als Leading Character zu verpassen, während andere noch darüber debattieren, ob Frauen als Heldinnen überhaupt funktionieren, ist vorbildlich und mutig (unabhängig davon, was man letztlich von den neuen SW-Filmen halten mag). Die Selbstverständlichkeit, mit der beide Geschlechter nebeneinander in „Die letzten Jedi“ agieren, könnte zudem eine neue Normalität im Umgang mit Männern und Frauen in tragenden Rollen in Genrefilmen auf der Leinwand einläuten (mehr dazu in Judith Vogts Artikel hier auf Tor-Online).  

Star Trek hingegen benötigte diesen Mut im fortschreitenden 21. Jahrhundert gar nicht erst: Die Hauptfigur Michael Burnham in „Star Trek: Discovery“ tritt locker und ohne viel Aufhebens in die Fußstapfen von Captain Janeway, die vor mehr als zwanzig Jahren die Crew der Voyager anführte. Buffy und Starbuck reihen sich in diese Riege ein. Auch „Doctor Who“ gibt sich eine Frau als dreizehnten Doktor (da gab es allerdings etwas mehr Aufregung …) und „Wonder Woman“ bereitete im vergangenen Jahr den Boden für weitere Filme über Superheldinnen, die wir hoffentlich irgendwann völlig selbstverständlich zur Kenntnis nehmen und uns über die Qualität des Dargebotenen streiten und nicht über das Geschlecht der Protagonisten.

Und wo bleibt die Lisbeth Salander der Fantasy-Literatur? Derzeit ist sie wohl nicht in Sicht. Dabei hat Stieg Larsson schon 2004 in der „Millennium-Trilogie“ bewiesen, dass eine interessante und streitbare weibliche Hauptfigur keine Leser verschreckt und auch von Männern auf dem Publikumsmarkt gelesen wird – wenn es richtig vermarktet wird. Mehr Mut bei den Phantastikautoren, weniger Engstirnigkeit und tradierte Denkweisen im Verlagsmarketing sowie mehr Offenheit der Leser sind künftig gefragt, wenn wir neben der Riege der männlichen Fantasy-Ikonen weibliche Gegenstücke etablieren wollen.

Frodo war in Mordor, Kvothe ist der Königsmörder und Rand al'Thor der wiedergeborene Drache. Zu welchen Abenteuern brechen die Heldinnen der Zukunft auf?

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