Geek-Krieg: Kylo Ren als unfertiger Antagonist – hopp oder top?

© 2017 Lucasfilm Ltd. / Walt Disney Pictures

NERD TALK

Master oder Memme: Taugt Kylo Ren aus Star Wars als echter Bösewicht?


Judith Vogt und Henning Mützlitz
17.01.2018

Ist Kylo Ren, der gefallene Sohn von Han und Leia, eine vielschichtige, interessante Figur oder ein weinerliches Bürschchen, das keinen Star-Wars-Fan hinterm Ofen hervorlockt? Judith Vogt und Henning Mützlitz diskutieren in unserem "Geek-Krieg".

ACHTUNG: MASSIVE SPOILER ZU „DIE LETZTEN JEDI“!

Geek-Krieg: Kylo Ren als unfertiger Antagonist – hopp oder top?

© 2017 Lucasfilm Ltd. / Walt Disney Pictures

Judith: Wir haben uns schon nach Das Erwachen der Macht ganz vorzüglich über Kylo Ren gestritten. Ich denke, wir lieben es beide, gute Schurken zu hassen. Ich habe es geliebt, in der Originaltrilogie Darth Vader zu hassen, ich war gespannt auf diesen neuen maskierten Bösewicht und fand diesen Hang zum Lächerlichen, den Kylo Ren als unsicherer Antagonist hat, diese leichten Anflüge von ADHS, dieses Überreagieren, Konsolen zertrümmern und seine Alphamännchen-Streitereien mit General Hux überraschend – aber im positiven Sinne. Kylo war für mich eine neue Art Bösewicht, ein sehr mächtiger Feind, der jedoch keinen gefestigten Charakter hat. Man ist sich unsicher, was er als Nächstes tut. Ich fand das gut. Wie standest du so zu ihm?

Henning: Klar, wir haben diverse gemeinsame Lieblingsschurken (exemplarisch Alan Rickman als Sheriff von Nottingham in Robin Hood – König der Diebe), aber hier kommen wir nicht zusammen. Kylo Ren ist auf jeden Fall die für mich kritikwürdigste Figur in den neuen Filmen. Die Dinge, die du oben für dich als positiv benannt hast, haben bei mir das genaue Gegenteil ausgelöst – das war mir alles viel zu plump umgesetzt und wirkt gegenüber dem Darth Vader geradezu wie Satire. Dabei ließ es sich zu Beginn ganz gut an: Die Erste Ordnung landet auf Jakku, fackelt alles ab und erschießt die Leute – ganz in der (schlechten) Tradition des Imperiums. Der dunkle, vermeintliche Vader-Nachfolger Kylo Ren steigt aus seinem Kommandoshuttle und setzt die Macht ein. Vor allem wusste man zu diesem Zeitpunkt ja noch wenig über Kylo, und sein geheimnisvoll-brutales Auftreten machte erst einmal neugierig. Eingerissen wird das Ganze ab dem Moment, in dem er die Maske abnimmt – und das beginnt zunächst beim Schauspieler: Adam Driver wäre jetzt nicht gerade meine erste Wahl für diese Rolle gewesen und stellt für mich neben vielen guten Entscheidungen hinsichtlich des Castings eine Fehlbesetzung dar. Beim Erwachen der Macht wurden im Vorfeld Erwartungen geschürt, der weder die Figur noch der Schauspieler gerecht werden konnten. Sein Konzept und diese innere Zerrissenheit, die ihn plagt – kamen die für dich in Episode VII etwa glaubhaft rüber?

Geek-Krieg: Kylo Ren als unfertiger Antagonist – hopp oder top?

© 2017 Lucasfilm Ltd. / Walt Disney Pictures

Judith: Das Erwachen der Macht war in vielem überzeichneter als der neue Film. Ich kannte Adam Driver als Schauspieler vorher nicht, hab von verschiedenen Seiten gehört, dass er in der HBO-Serie Girls auch schon ganz großartig den »abusive boyfriend« spielt, und muss sagen, dass es mich immer gestört hat, dass Leute im Kino sein Gesicht so lustig fanden. Der Kerl zieht die Maske aus, das Kino lacht und ruft: »Severus Snape.« Vielleicht ist da einfach unser Empfinden anders, aber ich dachte immer: Was haben die denn alle? Der sieht doch total passend aus. Auch seine darstellerische Leistung fand ich immer sehr gut. Ich möchte ungern den einen Schauspieler loben, indem ich einen anderen herunterputze, aber Adam Driver muss man ja in dieser Rolle als Nachwuchsschurke mal mit Hayden Christensen vergleichen und Kylo mit Anakin … von daher: Ja, Kylo Rens Zerrissenheit war für mich einer der interessantesten Punkte von Das Erwachen der Macht und das, wovon ich mir für Die letzten Jedi am meisten versprochen hab. Und ich bin nicht enttäuscht worden. Was hältst du von seiner Entwicklung? Hat Rian Johnson die Rolle für dich auf einen besseren Kurs gebracht?

Henning: Ja, Kylo gewinnt in Die letzten Jedi durchaus etwas an Profil. Sein Hintergrund wird dahingehend beleuchtet, dass man sein Verhalten besser nachvollziehen kann und es nicht bloß lächerlich-infantil wirkt, um der jüngeren Star-Wars-Zielgruppe eine Identifikationsfigur zu bieten, die die Älteren mit dem Kopf schütteln lässt. Snoke fasst für mich in ihrer ersten Begegnung im neuen Film gut zusammen, was Kylo bis dahin war, und somit reflektiert der Film Kylos Rolle aus Episode VII sozusagen kritisch mit: »Du bist nur ein Kind mit einer Maske.« Davon versucht er sich ja in Die letzten Jedi dann nicht nur symbolisch zu lösen.

Geek-Krieg: Kylo Ren als unfertiger Antagonist – hopp oder top?

© 2017 Lucasfilm Ltd. / Walt Disney Pictures

Judith: Ja, das fand ich grandios. Die Frage, die sich so viele gestellt haben: Wie konnte Rey Kylo am Ende von Das Erwachen der Macht besiegen?, stellt Snoke Kylo. Zugleich trifft er damit Kylos wundesten Punkt: seine Eitelkeit, seine Hochstilisierung zu einem neuen Darth Vader, die er mit seinem ganzen Habitus zelebriert. Und dabei ist er keinesfalls da, wo Vader war. Diese Maske, die schwarzen Gewänder, die Grausamkeit, das alles verschleiert diese Angst, die Rey ganz treffend auf den Punkt bringt: Dass er doch trotz alldem lächerlich ist, dass Hux über ihn lacht, dass Snoke ihn verhöhnt – dass er niemals so stark wird wie Darth Vader.

Henning: Kurz nochmal zur Maske selbst: Prinzipiell fand ich im Vorfeld zu Episode VII damals den Look des neuen Möchtegern-Bösewichts interessant: Die Diskussionen um die blöden Parierstangen seines Lichtschwerts waren meiner Ansicht nach heiße Luft, mich hat stattdessen seine Maske an Darth Revan (bekannt aus den Computerspielen Knights of the Old Republic und dem Online-Rollenspiel The Old Republic) erinnert, und das fand ich spannend. Kylos Konzept war ja prinzipiell ähnlich angelegt: Als jemand, der den Ausgleich zwischen heller und dunkler Seite der Macht bringen könnte, ist er zunächst weder Jedi noch Sith. Davon ist man meiner Meinung nach aber in der weiteren Entwicklung Kylos abgewichen, weshalb auch seine innere Zerrissenheit eher Fassade für mich ist: Für mich wirkt er in seinem Verhalten wie ein Sith, der seinen Weg in die Dunkelheit lediglich noch nicht zu Ende beschritten hat und keinen religiösen Firlefanz benötigt. Alle Machtbenutzer, die sich zunächst der hellen Seite verschreiben, spüren ja die Zweifel und drohen auf ihrem Weg in die Dunkelheit noch einmal bekehrt zu werden. Wie ein Sith-Schüler tötet Kylo zudem in guter Tradition seinen Mentor/Meister, um dessen Platz einzunehmen bzw. über ihn hinauszuwachsen. Luke sagt ja, dass er in der Ausbildung Kylos jene Dunkelheit erkannt hat, die er lieber vernichten wollte, anstatt sich ihr zu stellen. Bereits dort war es zu spät für Kylo. Seine Entscheidung, die Zweifel abgelegt zu haben, manifestiert sich, als er Rey auffordert, den Weg mit ihm zu gehen und an »seiner Seite zu herrschen«. Das ist kein neuer, dritter Weg, sondern der unbeirrte Weg zur Herrschaft. Oder siehst du für Kylo etwa noch Chancen, der dunklen Seite zu entsagen?

Geek-Krieg: Kylo Ren als unfertiger Antagonist – hopp oder top?

© 2017 Lucasfilm Ltd. / Walt Disney Pictures

Judith: Nein. Als Rey und Kylo zum letzten Mal eine Vision voneinander haben, nämlich ganz am Schluss auf Crait, als sich die Würfel von Han in seiner Hand auflösen, schließt Rey das Schott des Millennium Falcon. Diese Tür hat sich also im wahrsten Wortsinne für ihn geschlossen. Dass er selbst ins Gleichgewicht findet oder »bekehrt« wird, macht für mich aber gar nicht das Interessante an diesem Charakter aus. Snoke sagt ja schon: »Dunkelheit erhebt sich und mit ihr das Licht, um sich zu messen.« Kylo und Rey sind zwei Seiten einer Medaille, in ihr ist etwas erwacht, um seiner Dunkelheit ein Gegengewicht zu bieten. Dass dabei in Die letzten Jedi darauf verzichtet wurde, Rey rein gut und Kylo rein böse darzustellen, dass die beiden sich langsam annähern, vielleicht sogar irgendeine Art von Anziehung entwickeln, die über Seelenverwandtschaft hinausgeht, dass beide diese Hoffnung hegen, der andere könne sich überzeugen lassen, das ist im Prinzip genau, was ich mir von dem Film erhofft habe. »Die Zeit der Jedi ist zu Ende«, sagte Luke, und mit ihnen auch die Zeit dieser absoluten Jedi-Sith-Dualität. Rey und Ben/Kylo tanzen umeinander und finden beide ganz schön schnell einen gemeinsamen Mittelpunkt. Das ist wie ein Tanz, der in der Kampfszene Rücken an Rücken gegen die Praetorianerwachen seinen Zenit findet. Danach geht es mit Kylo abwärts, er rauscht an den dunkelsten aller Orte, und ich weiß nicht, ob es von da unten noch Ausgänge gibt. Aber à propos tanzen: Als Rey und Kylo in der Hütte auf Ahch-To die Hände ausstrecken, bis sie sich berühren – und Luke dann reinplatzt und die Hütte auseinanderreißt … hatte das für dich auch was von zwei Teenagern, die miteinander im Bett erwischt werden?

Henning: Diese Assoziation hatte ich zwar nur bedingt, aber die kann man natürlich heranziehen. Ich würde aber einschränkend sagen, dass man zu diesem Zeitpunkt im Film zwar den Hauch des Ausbrechens aus dem genannten Gegensatz spüren konnte, dieser sich aber dann rasch wieder verflüchtigt und man an dieser Stelle die Chance vertut, sich tatsächlich von der Vorlage zu lösen.

Judith: Findest du? Hattest du nicht den Eindruck, dass man uns mit den Reminiszenzen an der Nase herumführen will, um dann mit unserer Erwartungshaltung zu brechen?

Henning: Na ja: Man schickt Rey in die Höhle, versucht sie, und danach bricht sie nach Besp… Verzeihung, auf die Supremacy auf, um sich Vad… Kylo zu stellen.

Judith: Aber durch die Macht-Brieffreundschaft mit dem, den sie mittlerweile wieder »Ben« nennt statt »Monster«, bricht sie doch mit einer ganz anderen Prämisse auf. Natürlich gibt es da die Zitate aus Das Imperium schlägt zurück – die ausgestreckte Hand, das Angebot, an der Seite des Bösewichts zu herrschen: Aber an diesem Punkt geht es im Film nur untergeordnet um Reys Heldenreise. Wir sehen da eine »Antagonisten-Heldenreise«. Im Gegensatz zu so vielen anderen Filmbösewichten ist Kylo ein unfertiger Bösewicht, der seine eigene, dunkle Version der Heldenreise durchläuft. Kylo und Rey spiegeln einander in ihren Funktionen für den Werdegang des jeweils anderen. Das finde ich ziemlich beispiellos. Während uns zum Beispiel in anderen großen Erzähluniversen Thanos (MCU) und Steppenwolf (DC) vorgesetzt werden, die sich nicht im Geringsten vom x-beliebigen James-Bond-60er-Superschurken unterscheiden, was Hintergrund oder Agenda angeht.

Henning: Ich gebe dir recht, dass man aus Kylo dankenswerterweise einen facettenreicheren Antagonisten gemacht hat, der nicht einfach nur »böse« ist. Das unterscheidet ihn zum Glück von den Genannten. Dennoch möchte ich widersprechen, dass es an dieser Stelle der Geschichte vorwiegend um Kylos Entwicklung geht: Die Konfrontation mit dem »Brieffreund« stellt in Reys persönlicher Heldenreise einen wichtigen Punkt dar, um ihre Zweifel zu überwinden. Sie folgt damit noch immer der klassischen Heldformel, ebenso wie Luke damals. Entscheidend ist dabei der Ausgang: Die Dualität wird wiederhergestellt, wenngleich beide zunächst noch glauben, den anderen durch ihre Seelenverwandtschaft für ihre Sache gewinnen zu können. Narrativ waren wir da vor fast vierzig Jahren schon einmal. Letztlich ist es damit eben doch ein Neuaufguss von Das Imperium schlägt zurück – von dem es sehr viele Versatzstücke in Die letzten Jedi gibt. Ich vermisse da den Mut, mit der Fortführung der Star-Wars-Saga mal tatsächlich neue Wege zu beschreiten. Aber das wäre Inhalt für eine weitere Diskussion …

Judith: Du willst das hier beenden, indem du den Film einfach als Klon meines Lieblingsfilms abbügelst? Ich dachte, du lässt noch einen richtig saftigen Kylo-Rant los! Los, sag was zur Kylo-ohne-Shirt-Szene!

Henning: Kylo ohne Shirt … ehrlich gesagt hat mich die Szene zwar kurz irritiert, aber ich bin überrascht, dass das so ein Thema ist im Nachhinein. Erklär mir das noch jemand – geht‘s da um Sexismus? Body-Shaming? Ich bin da etwas ratlos.

Judith: Na ja, wir dachten halt nach Das Erwachen der Macht alle, Kylo wäre so ein Hänschen (okay, nicht die Leute, die ihn schon in HBOs Girls gesehen hatten). Und dann überrascht Rey ihn beim Dark-Side-Yoga. Das war schon sehr lustig. Mein großer Sohn meinte, Kylo hätte sich auch noch schnell einen von Snokes goldenen Bademänteln überwerfen können. Das mag ich halt auch: Kylo hat nicht dieses unantastbar Majestätische von Vader.

Henning: Warum Kylo einfach bei mir immer einen schweren Stand haben wird (Achtung: Nerdrage!): Dieses lächerliche Hänschen durfte Han Solo – eine Ikone der Popkultur! – auf derart billige und schlecht inszenierte Weise umbringen!? Das kann und werde ich Kylo Ren (und J.J. Abrams) in diesem Leben nicht mehr verzeihen!

Share:   Facebook