TOP 5 – Tolkien-Erzählungen, die Grundlage einer epischen Fernsehserie sein könnten

Artwork © Leone Fabio

FILM

Fünf Tolkien-Erzählungen, die Grundlage einer epischen Fernsehserie sein könnten


Die Möglichkeiten, die unzähligen Geschichten von J. R. R. Tolkien zu verfilmen, waren bisher stark eingeschränkt, da Tolkiens Sohn Christopher seinen Daumen auf allem hatte, was nicht in dem Filmrechte-Vertrag, den sein Vater 1968 für lappische 100.000 Pfund eigenständig an Hollywood verscherbelt hatte, enthalten war. Alles außer dem „Herrn der Ringe“ und dem „Hobbit“ war tabu. Bis jetzt! Wie kürzlich bekannt wurde, hat sich Christopher Tolkien jetzt aus dem Rechtegeschäft zurückgezogen. Damit sind wieder alle Karten offen, und den Amazon-Serienmachern bieten sich bei richtigem Verhandlungsgeschick mit den neuen Rechteverwaltern ungeahnte Möglichkeiten an epischem Ausgangsmaterial. Tolkien-Experte Stefan Servos (herr-der-ringe-film.de) nennt seine ganz persönlichen TOP 5 von Tolkiens Geschichten, die seiner Meinung nach Grundlage für eine richtig geile Fernsehserie sein könnten.

Platz 5 – Saurons Aufstieg

Dass Sauron eine der komplexesten und interessantesten Figuren im gesamten Mittelerde-Kosmos ist, kommt in den sechs Filmen von Peter Jackson leider viel zu kurz. Dort nur als dumpfer Krieger in Riesenrüstung oder als lidloses Auge dargestellt, wird völlig unter den Tisch gekehrt, dass Sauron ein intelligenter Maia (sozusagen ein Erzengel) ist, dessen turbulente Lebensgeschichte durchaus Stoff für eine mehrere Staffeln umfassende Fernsehserie bietet. Von seiner Schmiedeausbildung bei Aule, jenem Gott, der die Zwerge erschaffen hat, über die Verführung durch Götter-Fiesling Melkor und seinen damit verbundenen Aufstieg zum herzlosen Feldherren bis hin zur Machtergreifung in Mittelerde bietet das Leben von Sauron viele Facetten für eine spannende Serienadaption. So ist er in der Erzählung auch nicht immer nur als finsterer Tyrann unterwegs, sondern gewinnt in der wunderschönen Gestalt von Annatar, dem Herrn der Geschenke, das Vertrauen der Elben und ist ein gern gesehener Gast in der Elbenstadt Ost-in-Edhil. Dort unterrichtet er schließlich sogar die Elben in der hohen Schmiedekunst, so dass diese in der Lage sind, die legendären Ringe der Macht zu schmieden, ohne zu ahnen, dass Sauron in den Schicksalsklüften einen Meister-Ring für sich selbst schmiedet, der alle anderen Ringe und damit auch die Völker der Elben, Menschen und Zwerge beherrscht. Als die Elben seinen Plan durchschauen, ist es bereits zu spät, und ein furchtbarer Krieg entbrennt. Alle Erfolge der freien Völker von Mittelerde werden durch Saurons Listigkeit immer wieder zunichte gemacht. So gelingt es ihm beispielsweise, die Menschen von Númenor zu verführen, nachdem er in deren Gefangenschaft geraten ist. Der Konflikt wiegt hin und her, bis er schließlich in der Schlacht des Letzen Bündnisses gipfelt, jener Schlacht, die im Prolog von „Die Gefährten“ zu sehen ist. Einziges Manko: Eine Serie mit einem Fiesling führt nur zum Erfolg, wenn dieser dennoch die Herzen der Zuschauer für sich gewinnen kann und sich sein Tun nicht durch angeborene Boshaftigkeit, sondern reine Menschlichkeit erklärt. Dies zu bewerkstelligen ist vermutlich eine fast unlösbare Herausforderung für die Drehbuchschreiber, und es besteht die Gefahr, dass der Versuch in einem Anakin-Skywalker-Debakel endet. Aber richtig umgesetzt wäre die Serie das erste Fantasy-Psychodrama der Fernsehgeschichte.

Platz 4 – Feanors Fluch

Eine epische Geschichte aus der grauen Vorzeit von Mittelerde um Gier und Macht, Verrat und Hochmut, die als Mischung von „300“ und „Kampf der Titanen“ inszeniert werden könnte. Die Handlung ist mythologisch abgefahren: Als die Elben noch mit Göttern verkehren, erschafft Feanor, der Hohe König der Noldor, die drei Silmaril. Drei Edelsteine, in denen das Licht der Gestirne eingefasst ist. Doch die unermessliche Macht und Schönheit dieser Steine führt bald zu Missgunst und Neid unter den Elben. Auch der tyrannische Gott Melkor verzehrt sich vor Gier nach den Silmaril und schmiedet den Plan, die Freundschaft von Elben und Göttern zu entzweien. Zu diesem Zweck vergiftet er zusammen mit der Riesenspinne Ungolianth, der Vorfahrin von Kankra, die Quelle jenes Ur-Lichts der Silmaril, die beiden Bäume von Valinor. Verzweifelt wenden sich die Götter an den Elbenkönig Feanor, denn nur mit Hilfe der Edelsteine kann man die Bäume noch retten. Doch Feanor weigert sich, denn zu diesem Zweck müsste er die Silmaril zerstören, und das bringt er nicht übers Herz. Als Melkor die Steine kurz darauf stiehlt, schwört Feanor im Zorn einen verhängnisvollen Eid, dass er und seine Söhne mit Hass und Rache jeden bis ans Ende der Welt verfolgen werden, der einen Silmaril in seinen Besitz bringt. Dieser Eid entzweit nicht nur Götter und Elben, sondern auch die Elben untereinander. Mit dem unfassbaren Sippenmord von Alqualonde (Feanors Verbündete schlachten das Volk der Teleri-Elben geradezu ab) erreicht das Drama einen ersten Höhepunkt. Stoff für eine epische Serie mit viel Blutvergießen und emotionalen Cliffhangern, für die sich der publikumswirksame Titel „Silmarillion“ geradezu aufdrängen würde.

Artwork - Tol Eressea - Herr der Ringe- Tolkien

"Tol Eressea" - Artwork © Frédéric Bennett

Platz 3 – Der Fall von Gondolin

Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die Liebe eines Menschen zu einer Elbenmaid, Eifersucht, Verrat und eine bombastische Schlacht mit Drachen und Balrogs bieten die Grundlage für eine magische Fernsehserie voller neuseeländischen Landschaftsaufnahmen, zauberhafter Bilder und charismatischer Figuren. Hauptfigur der Handlung wäre der junge Tuor, ein Mensch Anfang 20, der sich, nachdem er aus der Sklaverei der Ostlinge entfliehen konnte, als Bandit durch die Wälder schlägt. Als er eines Tages eine Vision vom Meeresgott Ulmo empfängt, verändert sich sein Leben schlagartig. Der Gott hat nämlich ausgerechnet ihn auserkoren, die verborgene Elbenstadt Gondolin zu finden, um Turgon, den Hohekönig der Noldor, vor dem drohenden Untergang zu warnen. Zusammen mit einem elbischen Freund Voronwe gelingt es Tuor tatsächlich, das verborgene Tal und die sagenumwobene Stadt zu finden. Aber der Elbenkönig ist wenig erfreut, weder über den Besuch noch über die Botschaft. Damit die Lage der Stadt geheim bleibt, muss Tuor in Gondolin bleiben. Doch das Leben dort unter Elben ist nicht schlecht, und ausgerechnet eine Elbe hat es Tuor besonders angetan: Idril, ausgerechnet die Tochter des Elbenkönigs. Turgon gibt den beiden widerwillig seinen Segen, und schon bald gebiert Idril einen Sohn. Allerdings ist des Königs Neffe Maeglin ebenfalls in Idril verliebt. Eifersucht und Hass verzehren langsam sein Herz, als das Objekt seines Begehrens sich für einen einfachen Menschen entscheidet und dann auch noch ein Kind mit ihm zeugt. Währenddessen haben Morgoths Spione auf der Suche nach der verborgenen Elbenstadt bereits die umliegenden Gebirge erreicht. Als der eifersüchtige Maeglin eines Tages durch die Berge streift, wird er von Orks gefangen genommen und zu Morgoth gebracht. Als dieser ihm nach langer Folter Idril als Gemahlin verspricht, verrät Maeglin die genaue Lage Gondolins. Mit seinem Heer aus Orks, Balrogs und Drachen dringt Morgoth schließlich in das verborgene Tal ein, und eine gewaltige Schlacht entbrennt. Klassischer kann eine High-Fantasy-Geschichte kaum sein. Nach Billig-Gurken wie „Shannara“ oder „Legend of the Seeker“ böte sich mit den Abenteuern von Tuor endlich die Möglichkeit, eine Serie zu produzieren, die dem Genre würdig wäre. Wenn für das Design der Serie dann auch noch die Artworks von John Howe und Alan Lee als Grundlage dienen würden, wären alle Fan-Wünsche erfüllt.

Platz 2 – Beren & Lúthien

Vor 100 Jahren schrieb J. R. R. Tolkien auf dem Krankenbett, körperlich und seelisch stark beeinträchtigt durch die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, eine bewegende Liebeserklärung an seine Frau Edith: die Erzählung von Beren und Lúthien. Es ist die große Liebesgeschichte eines Menschen, der über sich hinauswächst, um das Herz und die Hand einer Elbe zu gewinnen. Die Geschichte spielt etwa 6500 Jahre vor dem Ringkrieg, in dem mythischen Ersten Zeitalter von Mittelerde. Berichtet wird von dem Menschen Beren, übrigens ein früher Vorfahre von Aragorn, der sich unsterblich in die Elbenprinzessin Lúthien verliebt. Eine verbotene Verbindung, die das Schicksal der Welt stark beeinflusst, denn König Thingol, der Vater der wunderschönen Elbenmaid, ist erzürnt über diese Liebesbeziehung, da er alle Menschen für unwürdig hält. Er weiß aber, dass seine Tochter ihn für immer hassen würde, wenn er ihr verbieten würde, Beren zu heiraten. Also greift er zu einer List und verspricht Beren die Hand seiner Tochter unter der Bedingung, dass der es schaffen müsse, einen der Silmaril aus der Eisenkrone von Morgoth zu stehlen. Eine vermeintlich unerfüllbare Aufgabe, da sie den sicheren Tod bedeuten würde. Beren aber nimmt die Herausforderung an. Obwohl sie über 100 Jahre alt ist, vermittelt Tolkien in dieser Geschichte ein sehr modernes Frauenbild, denn seine Lúthien ist keineswegs eine Jungfrau in Nöten, sondern eine gleichberechtigte starke Frau. Im Laufe der Verhandlung ist es sogar Beren seinerseits, der von der Elbenmaid aus den Kerkern Saurons befreit werden muss. Und am Ende nehmen sie es gemeinsam mit Morgoth persönlich auf. Die Erzählung von Beren und Lúthien ist sicherlich Tolkiens persönlichste Geschichte und enthält die richtige Mischung aus Heroik und Tragik, um die Grundlage für eine aufwändige Fernsehserie zu bilden. Richtig umgesetzt könnten Beren und Lúthien weltweit zum unangefochtenen Symbol der unsterblichen Liebe werden und sogar Romeo und Julia auf die Reservebank verweisen.

Artwork - Glaurung - Herr der Ringe- Tolkien

"Glaurung" - Artwork © Çağlayan Kaya Göksoy

Platz 1 – Turin Turambar

Erfolgsserien wie „Game of Thrones“ beeindrucken nicht durch ihre aufwändigen Effekte oder epischen Bilder, sondern vor allem durch die Komplexität der Figuren und ihrer Beziehungen untereinander. Bei allem Pathos sind es die menschlichen Momente, die die Zuschauer an die Bildschirme fesseln. Unter diesem Aspekt bietet sich eine Geschichte aus dem Tolkien-Kosmos besonders gut als Stoff für eine Serienadaption an: die Geschichte von Túrin Turambar, die in J. R. R. Tolkiens Roman „Die Kinder Húrins“ geschildert wird. Es ist wohl die tragischste und finsterste Erzählung von Tolkien, mit einem Helden, der menschlicher kaum sein könnte. Die Serie würde von den Dialogen und den Figuren selbst leben. Freundschaften, Liebe und Hass bieten das perfekte Fundament einer großen Erzählung im Stile von „Game of Thrones“. Eingebettet wäre das alles in eine Umgebung, die die Herzen von Fantasy-Fans höher schlagen lässt: tiefe Wälder und atemberaubende Elbenfestungen, verschlagene Orks, epische Schlachten und der Kampf mit einem Drachen. Túrin Turambar ist in der Geschichte Held und tragische Figur zugleich, denn alle seine Taten sind von großem Unglück begleitet. So tötet er – Achtung, Spoiler – im Wahn seinen besten Freund, den Elben Beleg, und verliebt sich und schwängert unwissentlich seine Schwester Nienor, die er dadurch in den Selbstmord treibt. – Spoiler Ende – Turin ist als Hauptfigur vor allem deswegen so interessant, weil er nicht einfach nur ein rechtschaffen guter Held ist, sondern seine Taten oft ambivalent und sein Handeln voller Fehler ist, sozusagen der Walter White von Mittelerde! Außerdem bietet neben den bereits verfilmten Romanen Tolkiens kein Werk so detaillierte und ausführliche Schilderungen, aus denen die Drehbuchautoren nur noch reichlich schöpfen müssten. Wenn eine Geschichte von Tolkien das Potential hat, in die Fußstapfen der „Herr der Ringe“-Filmtrilogie zu treten, dann ist es sicherlich die Erzählung von Túrin Turambar.

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