Star Trek Reloaded? – Die neue Seth-MacFarlane-Serie „The Orville“

© Twentieth Century Fox Film Corporation

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Star Trek Reloaded? – Die neue Seth-MacFarlane-Serie „The Orville“


Am 25. September saß ich abends – wie vermutlich jeder zweite Genre-Fan in Deutschland – vor dem Fernseher und fieberte der einleitenden Doppelfolge von „Star Trek Discovery“ entgegen. Gute zwei Stunden später wusste ich nicht so genau, ob ich lachen oder weinen sollte. (Aber das ist eine andere Geschichte.) Im Austausch mit Freunden auf Facebook fiel dann kurz darauf der alles entscheidende Satz: „Also ich finde ja, dass ‚The Orville‘ die bessere neue ‚Star Trek‘-Serie ist“, sagte Autorenkollege Tom Orgel. Wenige erklärende Sätze später war meine Neugierde angefacht, ich verschaffte mir mit einem Trick namens VPN Zugang zur Website von FOX – und weitere zwei Stunden später stand meine Welt auf einmal Kopf!

Trailer: The Orville

Darum geht’s

„The Orville“ ist ganz das geistige Kind des US-Filmemachers und Komikers Seth MacFarlane, der hierzulande vor allem für seine Zeichentrickserien „Family Guy“ und „American Dad“ bekannt ist, in den letzten Jahren aber auch einige Realfilme fürs Kino entwickelt hat, darunter „Ted“ (Mark Wahlberg und der sprechende Bär) sowie die Western-Komödie „A Million Ways to Die in the West“. MacFarlane bezeichnet sich selbst als eingefleischten Trekkie, der seiner Leidenschaft bislang allerdings nur mit zwei Cameos als Ingenieur Fähnrich Rivers in der Serie „Star Trek: Enterprise“ frönen konnte. Den Wunsch, eine Serie zu machen, die „Star Trek“ ähnelt und in der er selbst eine Hauptrolle übernehmen könnte, soll ihn daher schon eine ganze Weile umgetrieben haben. Mit „The Orville“ hat sich MacFarlane diesen Wunsch nun erfüllt, denn er ist nicht nur der Serienschöpfer, er schreibt auch die Drehbücher, führt Regie und sitzt auf dem Stuhl des Captains.

Inhaltlich klingt vieles, was in „The Orville“ passiert, in der Tat bekannt. Wir befinden uns im 25. Jahrhundert, also etwa fünfzig bis hundert Jahre nach „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“ und seinen Geschwisterserien. Die Orville ist ein mittelgroßes Forschungsraumschiff unter dem Kommando von Captain Ed Mercer (MacFarlane), das im All unterwegs ist, um überall da Krisen zu lösen, wo sie auftreten. Mit an Bord sind unter anderem Mercers Ex-Frau Kelly Grayson als Erster Offizier (Adrianne Palicki, zuletzt Teil von „Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.“) und sein alter Kumpel – man möchte vom Charakter her fast sagen: Saufkumpan – Gordon Malloy (Scott Grimes) als Pilot. Darüber hinaus gibt es einen „Klingonen“-Offizier namens Bortus (Peter Macon), einen Androiden namens Isaac (Mark Jackson), die Travis-Mayweather-Parodie John Lamarr (J. Lee) und die mädchenhafte Sicherheitschefin mit Superkräften Alara Kitan (Halston Sage). Für echte Fans ist schließlich Penny Johnson Jerald mit von der Partie, früher die reizende Frachterpilotin Kasidy Yates, die Benjamin Sisko in „Deep Space Nine“ den Kopf verdrehte, heute die lebensweise Chefärztin Dr. Claire Finn, die schon mal den Obi-Wan Kenobi für Alara gibt. (O-Ton!)

Star Trek Reloaded? – Die neue Seth-MacFarlane-Serie „The Orville“

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Das sagt der Kritiker

Die Optik, die Musik, die Figuren, die Abenteuer der Orville – das alles ist so sehr „Star Trek“, wie etwas „Star Trek“ sein kann, ohne dass „Star Trek“ draufsteht. Das beginnt bei dem elegischen Intro, während dem das Schiff zu orchestralen Klängen an Sternenwundern vorbeizieht, geht weiter mit den deutlich erkennbaren Charakterparodien von Figuren wie Worf, Data und sogar Scotty (im Maschinenraum hat ein bärbeißiger, irisch anmutender Kerl das Sagen) und endet in tausend Kleinigkeiten: dem Aufbau der Brücke, den Uniformen, der Technik. Die bislang weitgehend episodisch erzählten Abenteuer haben Konflikte zum Thema, die man problemlos auch mit dem Ensemble von „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“ durchexerzieren könnte. Ja, sogar das episodische Erzählen an sich erinnert an die „gute alte TNG-Zeit“. (Vor Klagen hat FOX trotzdem keine Angst – sie haben gute Anwälte, lassen sie verlauten.)

Der Haken daran ist, dass MacFarlane selbst nicht so genau zu wissen scheint, ob er das Ganze als Witz im Sinne von „Galaxy Quest“ versteht oder ernst meint. Für die Parodie spricht der immer wieder durchscheinende MacFarlane-Humor, der sich gerne unter der Gürtellinie bewegt. Der spielt sich vor allem in den Dialogen ab, aber findet sich auch in der Figur des Gelatine-Aliens Yaphit wieder, das an nichts anderes als Sex zu denken scheint, obwohl es denkbar inkompatibel mit all den menschenähnlichen Frauen ringsum ist. Auch ein paar (deutlich gelungenere) augenzwinkernde Story-Ideen sprechen für den humoristischen Ansatz der Serie, etwa wenn ein Alienfiesling, der eine Raumfähre geentert hat, durch eine Vollbremsung ausgeschaltet wird, weil er im Gegensatz zur Mannschaft nicht angeschnallt war.

Doch diese Momente bleiben verstreut und in den Episoden jenseits des Pilotfilms auch zunehmend hinter dem ernsten Tonfall der eigentlichen Handlung zurück. So verhandelt die dritte Folge „About A Girl“ beispielsweise in bester „TNG“-Manier die Frage, ob körperliche „Anpassungen“ eines Babys an gesellschaftliche Normen moralisch vertretbar sind – eine Geschichte, die viel eher zum Nachdenken als zum Lachen anregen soll, ungeachtet des gelegentlichen Witzchens. Intelligent sind diese Inhalte auf jeden Fall, fast zu intelligent für diese Art von Serie. Denn so muss sich „The Orville“ den Vorwurf gefallen lassen, lediglich ein „Star Trek Reloaded“ zu sein, denn es bietet optisch und inhaltlich nichts, was „Star Trek“ in den 1990ern nicht schon gemacht hätte – vom Humor abgesehen. „Fernsehen von gestern, mit den Gesichtern von damals“, nennen die Kritiker „The Orville“ deshalb. Bei Namen wie Brannon Braga, André Bormanis oder John A. Goodman – alles ehemalige „Star Trek“-Macher – ein Vorwurf, der nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

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Das sagt der Fan

All das oben Gesagte kann man eigentlich getrost vergessen, denn „The Orville“ punktet mit einem gewaltigen Vorteil: Es macht einfach Spaß! Nein, besser noch: Es macht Spaß und hat Tiefgang. Ja, es ist nicht so modern wie „Star Trek Discovery“. Die Korridore des Schiffs sind nicht dramatisch düster, die Figuren nicht alle von Dämonen geplagte Arschlöcher und die Lensflares halten sich in Grenzen. Aber was soll ich sagen? „The Orville“ versucht eben nicht auf Teufel komm raus, alle Serienregeln aktueller Netflix- oder HBO-Serien fein säuberlich abzuhaken. Und das ist gut so. Denn erstaunlicherweise wirken die Motivationen der Figuren auf diese Weise glaubwürdiger und die Geschichten sogar cleverer als manches, was von der Grim-is-beautiful-Fraktion heutzutage abgefeuert und abgefeiert wird.

Ich mag beispielsweise die Kameradschaft an Bord der Orville, und dass eben nicht alle psychologisch gestört sind (übrigens auch in der Realität eher die Ausnahme). Natürlich wird auch hier gestritten – viel mehr als zu guter alter „Star Trek“-Zeit und besonders gerne zwischen Captain Ed Mercer und seiner Ex. Der dickköpfige Bortus eckt an, die unsichere Alara wird nach Fehlentscheidungen zeitweilig ausgegrenzt und der in seinem Humor ziemlich rustikale Gordon Malloy tritt in jedes zweite Fettnäpfchen. Aber am Ende steht die Mannschaft doch füreinander ein. Die Protagonisten sind eine Familie, kämpfen für dieselbe Sache und wissen auch, wie man zusammen ein Bier hebt. Diese Menschlichkeit – im Guten wie im Schlechten – ist übrigens eine wunderbare Weiterentwicklung der oft allzu höflich distanziert wirkenden Figuren im klassischen „Star Trek“ der 1990er. (Wir erinnern uns: Man siezt sich praktisch noch, während man gemeinsam im Bett liegt.)

Ganz abgesehen davon weiß MacFarlane, wie man Drehbücher schreibt. Seine Konflikte sind nicht nur aufgekochte „TNG“-Suppe, sie weisen immer wieder unerwartete Wendungen auf, ganz zu schweigen von unkonventionellen Auflösungen. Nicht jedes Problem wird zur Zufriedenheit der Helden abgeschlossen und mitunter greifen sie zu drastischen Maßnahmen, um andere zu ihrem Glück zu zwingen oder aber ihr eigenes Glück zu beschützen. Hier ähnelte Mercer stellenweise eher einem James T. Kirk als einem Jean-Luc Picard.

Für Genre-Afficionados ist „The Orville“ obendrein mit personellen Leckerbissen gewürzt. Die epische Musik stammt unter anderem von John Debney und Joel McNeely. Auf dem Regiestuhl haben bereits nach fünf Episoden Robert Duncan McNeill (Tom Paris aus „Voyager“), Jon Favreau („Iron Man“ & „The Avengers“), Jonathan Frakes (William Riker aus „TNG“) und Brannon Braga selbst Platz genommen. Aber vor allem vor der Kamera gibt sich ein Genre-Gesicht nach dem anderen die Klinke in die Hand. So treten etwa Serien-Allroundgenies wie Victor Garber (als Admiral), Brian George (als Wissenschaftler) und Jeffrey Tambor (als Ed Mercers Vater) auf. Aber MacFarlane fährt Dank seiner Beziehungen auch echte Hollywood-Schwergewichte auf. Bereits in Episode 4 hat Liam Neeson einen Gastaufritt, Episode 5 dreht sich sogar fast völlig um Charlize Theron, deren Figur Ed Mercer übrigens sehr schnell duzt. Da beide Darsteller mit MacFarlane „A Million Ways to Die in the West“ gedreht haben, erwarte ich als nächstes Amanda Seyfried, Neil Patrick Harris oder Giovanni Ribisi zu sehen!

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Das bessere „Star Trek“?

Wie so oft in der Kunst ist es wohl eine Geschmacksentscheidung. Wer hohe Budgets, eine düstere Optik, gebrochene Charaktere und durchgehende Handlungsbögen liebt, der wird „The Orville“ als wenig bemerkenswerten oder gar ärgerlichen Nostalgie-Quatsch abtun. Brannon-Braga-Erzählen trifft auf Seth-MacFarlane-Humor. „Star Trek Reloaded“ eben. Wer jedoch die alten Werte von „Star Trek“ liebt, die Kameradschaft, das Behandeln von diskussionswürdigen Konflikten und das Streben danach, das Richtige zu tun, wer sich obendrein vielleicht über die unsympathischen Figuren und den kriegerischen Grundplot von „Star Trek Discovery“ ärgert, der wird an der Orville-Alternative – Englisch-Kenntnisse vorausgesetzt – viel Freude haben.

Derzeit ist „The Orville“ nur in den USA zu sehen. Die Serie wird allerdings in der Mediathek von FOX präsentiert und es gibt einen einfachen Weg auch für uns Europäer, darauf zuzugreifen. Man muss sich bloß eines VPN bedienen, das einen US-Server aufweist, um die Regionalbeschränkung umgehen zu können. Zum Beispiel der Browser Opera hat so eine VPN-Funktion bereits kostenlos eingebaut. Das ist nicht illegal! (Höchstens nicht ganz im Sinne des Erfinders.) Allerdings darf man wohl hoffen, dass es die Serie in absehbarer Zukunft auch über den Teich und ins Deutsche schaffen wird. Bei den beteiligten Namen ist das nicht ganz unwahrscheinlich.

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