„Der Herr der Ringe“ als Fernsehserie – kriegt Amazon das gewuppt?

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„Der Herr der Ringe“ als TV-Serie: Bekommt Amazon das gewuppt?


Die Welt der Mittelerde-Fans ist in Aufruhr, seit bekannt wurde, dass Amazon eine „Der Herr der Ringe“-Fernsehserie produzieren wird. Tolkien-Experte Stefan Servos erklärt, welches Potential, aber auch welche Fallstricke die Umsetzung in einer solchen Serie birgt.

Dass nun die Produktion einer Serienadaption von „Der Herr der Ringe“ begonnen hat, ist auf das Ende des Rechtsstreits zwischen Warner und dem Tolkien Estate (also Tolkiens Erben und Nachlassverwalter) zurückzuführen, der Juli 2017 mit einer außergerichtlichen Einigung beigelegt wurde. Die genauen Details dieser Einigung sind nicht bekannt, aber offenbar ging es um sehr viel Geld (allein die Rechte sollen eine Viertelmilliarde Dollar gekostet haben). Und letztendlich gab es grünes Licht für eine auf mehrere Staffeln angelegte Serienumsetzung inklusiver potentieller Spin-off-Serien.

Produziert wird die Serie von den Amazon Studios gemeinsam mit Warner-Tochter New Line Cinema und interessanterweise dem Tolkien Estate, dem Tolkien Trust (einer Stiftung, die von Tolkiens Kindern gegründet wurde) und dem Tolkien-Verlag HarperCollins. Amazon-Boss Jeff Bezos, selbst leidenschaftlicher Fantasy-Fan, hatte die Rechteverhandlungen kurzerhand zur Chefsache erklärt und den Zuschlag bekommen. Damit folgt er der neuen Programmstruktur von Amazon, weg von Real- und Nischenserien wie „Transparent“ oder „Mozart in the Jungle“ hin zu großen epischen Publikumsmagneten im Stil von „Game of Thrones“. Fragwürdig ist allerdings, ob der Reizfaktor von „Game of Thrones“, nämlich eine ordentliche Portion Sex und Gewalt, sich überhaupt nach Mittelerde übertragen lassen, denn Tolkiens Geschichte glänzen nicht durch hyperrealistische Darstellungen, sondern durch romantisch-entrückte Sagen-Epik. Gehirnmasse auf dem Turnierplatz, Sperma im Gesicht und Nahaufnahmen von Scheiße (alles bei „Game of Thrones“ da gewesen) haben im mythischen Mittelerde nichts verloren. Tolkien-Fans wollen lieber verzaubert als geschockt werden.

Trailer: Der Herr der Ringe - Die Gefährten

Die Macht der Lizenzen

In einer offiziellen Pressemeldung wurde bekanntgegeben, dass die Serie zeitlich vor dem ersten Teil der Filmtrilogie „Die Gefährten“ spielen und einen neuen Handlungsstrang erzählen wird, der auf dem literarischen Ausgangsmaterial von J. R. R. Tolkien basieren soll. Der Fan-Traum einer Adaption von J. R. R. Tolkiens „Silmarillion“ wird aber vermutlich weiterhin ein Traum bleiben, da die Produzenten bei der Umsetzung von Tolkien-Verfilmungen lizenzrechtlich relativ eingeschränkt sind. Der Medienkonzern besitzt nach aktuellem Stand nur die Rechte für „Der Hobbit“, „Der Herr der Ringe“ sowie das Zusatzwerk „Anhänge und Register“. Nur Begriffe, Namen und Ereignisse aus diesen drei Büchern dürfen verwendet werden, alles andere ist tabu.

Mittelerde-Fernsehserie: Was könnte drin sein?

Für den Plot der Serie bieten sich dennoch zahlreiche Möglichkeiten, die sich die Drehbuchautoren nur zunutze machen müssen. Im Prinzip können sie eine komplett eigenständige Handlung mit neuen Figuren erfinden, die einfach nur in Mittelerde angesiedelt ist. Dass dies funktioniert, hat Warner bereits mit seinen beiden Computerspielumsetzungen „Mittelerde: Mordors Schatten“ und „Mittelerde: Schatten des Krieges“ unter Beweis gestellt. In der erfolgreichen Action-RPG-Reihe, die zeitlich zwischen der Schlacht der fünf Heere und dem Aufbruch von Frodo aus dem Auenland angesiedelt ist, erlebt der Spieler die Geschichte des Waldläufers Talion aus Gondor, der bei einem Orküberfall auf seine Familie getötet und an einen mysteriösen Elbengeist gebunden wird.

Dabei handelt es sich um niemand Geringeren als Celebrimbor, den berühmten Elbenschmied der Meisterringe, der von Sauron selbst unterrichtet wurde. Selbst halb Geist, halb Waldläufer, nimmt Talion nun Rache an den Orks, um jenen Anführer zu finden, der den Tod seiner Frau und seines Sohnes befohlen hat. Diese Spielumsetzung zeigt, welche lizenzrechtlichen Möglichkeiten sich den Machern bieten. Die Spiele orientieren sich vom Look, der Musik, den Kostümen und den Landschaften an Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Filmtrilogie, ignorieren den Kanon größtenteils und erzählen eine eigenständige Geschichte, die, von einigen Referenzen wie Sauron, Celebrimbor oder Gollum abgesehen, keine Parallelen zu Tolkiens Werken hat.

Trailer: Der Herr der Ringe - Die zwei Türme

Die fehlenden Jahre

Da schon während der Planungsphase der Hobbit-Verfilmungen ursprünglich ein Brückenfilm im Gespräch war, der die Handlung von „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ verbinden sollte, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass diese Idee für die Fernsehserie wieder aufgegriffen wird. Handlungstechnisch liegen zwischen den beiden Filmtrilogien 60 Jahre, die sich hervorragend mit eigener Handlung und neuen Charakteren füllen ließen und gleichzeitig doch jede Menge Verknüpfungen zu den sechs bereits gedrehten Mittelerde-Filmen anbieten würden, genau wie es auch oben erwähnte Spieleumsetzungen getan haben.

Die neuen Helden könnten in dem Zusammenhang nicht nur bekannte und von Fans geliebte Orte (Auenland, Rohan, Gondor, Bruchtal) besuchen, sondern auch Zeugen von Ereignissen aus dem Tolkien-Kanon werden (Gollums Flucht aus dem Düsterwald) und sogar auf berühmte Persönlichkeiten wie Galadriel (Cate Blanchett), Elrond (Hugo Weaving) oder sogar den jugendlichen Aragorn in Bruchtal treffen. Vielleicht ist ja Computerspiel-Waldläufer Talion selbst Teil jener Abenteuergruppe, da er bereits erfolgreich als neuer Charakter von Warner in Mittelerde eingeführt wurde. Eine eigenständige Geschichte birgt allerdings auch die extrem große Gefahr, die eingeschworene Tolkien-Fangemeinde zu verärgern.

So stießen einige anti-kanonische Details im Spiel „Mittelerde: Schatten des Krieges“, wie die Einführung eines Gegen-Rings zum Einen Ring, bei Fans auf wenig Gegenliebe. Und auch Peter Jacksons Versuche in der Hobbit-Filmtrilogie, sich von der literarischen Vorlage zu trennen, wurden zum Teil sehr missbilligend aufgenommen. Die Herausforderung bei einer solchen Serie würde also darin bestehen, sowohl einem breiten Publikum gerecht zu werden als auch der gewaltigen Fan-Gemeinde nicht auf den Schlips zu treten. Denn schon der kleinste Fauxpas könnte in einem gewaltigen Shitstorm eskalieren. Dass sich die Serien-Produzenten Tolkiens Hausverlag sowie die Verwalter des literarischen Werks des Autors ins Boot geholt haben, ist daher ein ziemlich guter und vielversprechender Schachzug.

Elessar – A Lord of The Rings Story

Eine weitere Möglichkeit, die sich wesentlich näher am Originalwerk orientieren würde, bestünde darin, den jungen Aragorn selbst in den Fokus einer solchen Serie zu rücken, denn Tolkien beschrieb nicht nur dessen Kindheit in Bruchtal, sondern auch Aragorns frühe Heldentaten unter dem Decknamen Thorongil, als er als Feldhauptmann in Rohan unter König Thengel und in Gondor unter Ecthelion II., dem vorletzten regierenden Truchsess, diente.

Und mit der Liebesgeschichte von Aragorn und Arwen hätte man auch gleich eine romantische Komponente mit der nötigen emotionalen Fallhöhe. Für eine „Young Aragorn“-Serie müsste man nicht mal den in die Jahre gekommenen Viggo Mortensen reaktivieren, sondern könnte die Rolle mit einem jungen Nachwuchsschauspieler besetzten, ähnlich wie es Disney jetzt bei „Solo: A Star Wars Story“ mit der Rolle von Han Solo getan hat. Und bevor sich alle Viggo-Fans jetzt aufregen; Mortensen selbst müsste natürlich als alternder König Elessar in der Rahmenhandlung einen obligatorischen Auftritt absolvieren und sich an seine Jugendjahre erinnern – das steht außer Frage.

Trailer: Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs

Der Fall von Númenor

Falls die Macher richtig viel Mut beweisen wollen, wagen sie sich an die mythische Vorgeschichte der Ahnen von Aragorn, die ihnen lizenzrechtlich aufgrund der „Anhänge und Register“ zur Verfügung steht. Unbegrenzt episches Quellenmaterial bietet sich in der Erzählung vom spektakulären Schicksal der Insel Númenor und seiner Bewohner. Gezeigt werden könnte, wie König Ar-Pharazôn, der stolze und mächtigste König von Númenor, mit einer Flotte nach Mittelerde segelt, die dunklen Truppen besiegt und Sauron unterwirft. Und wie der König dann von seinem Gefangenen behext wird, der die Menschen dazu bringt, den dunklen Fürsten Morgoth anzubeten. Unter dem Bann des dunklen Herrschers und mit der Gier nach Unsterblichkeit stellt Ar-Pharazôn die größte Streitmacht zusammen, die die Welt je gesehen hat, um die Welt der Götter anzugreifen. Aufgrund dieser Hybris versenkt Obergott Ilúvatar Númenor schließlich im Meer, und nur Elendil (bekannt aus dem Prolog von „Die Gefährten“) entkommt mit seinen Söhnen von der Insel. In Mittelerde gründet er die Königreiche Arnor und Gondor und tritt schließlich in der Schlacht des Letzten Bündnisses zwischen Menschen und Elben Sauron ein letztes Mal entgegen, womit auch direkt der Bogen zur Filmtrilogie gespannt wäre. Epische Bilder zwängen sich bei einer solchen Serie geradezu auf, von Göttern, die auf die Erde hinabsteigen, Seeschlachten mit gewaltigen Flotten und der Insel zwischen den Welten, die dramatisch von den Fluten verschlungen wird. Außerdem böte sich in einer solchen Adaption die Möglichkeit, Sauron als komplexen Charakter auszubauen, der mal als Krieger, mal in der strahlenden Gestalt von Annatar, dem Herrn der Geschenke, in Erscheinung tritt. Und ganz nebenbei würde auch die Vorgeschichte des Rings erzählt.

Eine Serie, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden

Alles in allem scheint die Serien-Adaption von Tolkiens Werk ein gigantisches Wagnis, bei dem man vieles falsch machen kann. Dennoch bietet das Ausgangsmaterial von J. R. R. Tolkien auch unzählige Möglichkeiten, die geilste Fernsehserie aller Zeiten zu schaffen. Also, liebe Produzenten, jetzt liegt es an euch. Die gesamte Geek-Welt schaut auf euch! 

Trailer: Der Hobbit - Eine unerwartete Reise

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