„To Infinity and Beyond“ – Star Trek geht wieder in Serie … und ist vertrauter als erwartet

© CBS Television Studios / Netflix

KOLUMNE

„To Infinity and Beyond“ – Star Trek geht wieder in Serie … und ist vertrauter als erwartet


Jakob Schmidt
04.10.2017

Am vergangenen Montag war Jakob Schmidt sicher nicht der einzige SF-Fan, der auf Netflix die ersten beiden Folgen von Star Trek: Discovery gesehen hat. Eine Einschätzung aus Sicht eines Trekkies, der ganz knapp vor der Next-Generationisierung eingestiegen ist.

 

Star Trek ist älter als ich – ich kann mich also schlecht als Trekkie der ersten Stunde bezeichnen. Immerhin bin ich aber ein Trekkie der richtigen Reihenfolge: Ich habe die Classic-Serie wohl so etwa Ende der 80er/Anfang der 90er kennengelernt, als sie auf SAT1 lief, habe später die Kinofilme gesehen, die meine Eltern mir aus der Videothek ausliehen, und war schließlich zutiefst verwirrt, geradezu gekränkt, als auch die Next Generation ihren Weg in die Videothek fand (dort gab es sie in Deutschland nämlich noch vor der Fernsehausstrahlung) und Star Trek plötzlich ohne Kirk und Spock möglich sein sollte.

Ich habe diese Kränkung glücklicherweise schnell überwunden und Picard&Crew schätzen gelernt – so sehr, dass ich über mehrere Jahre lang wochentags immer pünktlich um 15 oder 16 Uhr vor dem Fernseher saß, um die neuen Folgen zu sehen und aufzunehmen. Seither betrachte ich mich als undogmatischen Trekkie, auch wenn mein Interesse spätestens im Laufe der Prequel-Serie Enterprise mit ihrer charakterfreien Milchgesichter-Besatzung so sehr geschwunden ist, dass ich sie nach der zweiten Staffel abgebrochen habe. Die Reboot-Kinofilme habe ich ohne große Aufregung in die eine oder andere Richtung zur Kenntnis genommen und fand sogar, dass beim bisher letzten davon, Star Trek Beyond, durchaus TOS-Feeling aufkam.

Star Trek - Discovery: Comic Con Trailer German

Die neue Star-Trek-Serie Discovery finde ich allerdings auch und besonders nach Sichtung der ersten beiden Folgen durchaus aufregend – hauptsächlich in positiver Hinsicht. Hier also ein kurzer Blick auf Discovery aus Sicht eines undogmatischen Trekkies der richtigen Reihenfolge. Da ich die eine oder andere Kleinigkeit spoilere, rate ich allen, vor der Lektüre noch schnell die ersten beiden Folgen zu sehen – es lohnt sich durchaus!

Mehr oder weniger neue Wege

Zu den ersten Informationen, die mir über die neue Star-Trek-Serie zu Ohren kamen, gehörte, dass diesmal nicht der Kapitän eines Schiffes im Mittelpunkt stehen würde, und dass die Serie diesmal gar auf mehreren Schiffen spielen solle. Es folgten allerlei Spekulationen von der Anthologie- bis zu einer Lower-Decks-Serie, bei der es um die niederen Dienstränge und nicht um die Brückenbesatzung gegangen wäre ... herausgekommen ist allerdings doch wieder das übliche Modell. Die Riege der Hauptfiguren besteht einmal mehr aus dem Kommandostab eines Starfleet-Schiffs, und dass diesmal nicht der Captain offiziell im Mittelpunkt steht, sondern eine der Offizierinnen, und das Schiff zwischendurch wechselt – das scheinen doch eher oberflächliche Variationen des gleichen Themas zu sein. Was ja nicht schlecht ist.

Sind die Big Three zurück?

Etwas hat sich in Sachen Figurenkonstellation aber doch geändert: Die Serien von der nächsten Generation bis hin zu Enterprise waren Ensemble-Serien, in denen durchaus auch Nebenfiguren ganze Folgen lang im Mittelpunkt standen – am deutlichsten bei Deep Space 9, wo Captain Sisko in vielen Episoden nur mal kurz das Gesicht in die Kamera hielt.

Zumindest in der Pilot-Doppelepisode von Discovery steht hingegen ganz klar eine Dreikonstellation im Mittelpunkt: Es geht zuvorderst um die erste Offizierin Michael Burnham, dann um ihre Mentorin Captain Philippa Georgiou, und an dritter Stelle um Saru, die neue Figur aus der Traditionslinie Spock-Data-Odo usw. Sicher hat diese starke Konzentration auch etwas mit dem Ende von Episode 2 (hint, hint, Spoiler!) zu tun, aus dem deutlich wird, dass jetzt sowieso erst mal eine neue Kernbesetzung im Michael Burnham herum her muss ... aber trotzdem ließ das Wechselspiel zwischen den dreien mein Trekkie-Herz gelegentlich höher schlagen, so sehr hat es mich an das gute alte Kirk-Spock-Pille Triumvirat erinnert. Die Rollen sind leicht verschoben: Georgeiu übernimmt die Funktion Pille McCoys als „Gewissen“ (ist dabei allerdings deutlich charmanter); Burnham hat eigentlich die an Kirk erinnernde Rolle einer etwas zu sehr von sich selbst eingenommenen Frau der Tat; und Saru ist eine interessante Variation der Spock’schen analytischen Komponente, die hier als Prinzip größtmöglicher Vorsicht auftritt. Das ist so klar, so überzeichnet, und durchaus auch so platt, wie ich es aus alten Star-Trek-Zeiten liebe.

„To Infinity and Beyond“ – Star Trek geht wieder in Serie … und ist vertrauter als erwartet

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Forciertes Drama

Klar, überzeichnet, platt? Wollte dieses neue Star Trek nicht nuancenreich und voller Grautöne sein? Okay, da würde für mein Gefühl vorab etwas rumgeiert, weil man natürlich signalisieren wollte, dass man hier irgendwie das neue Game of Thrones macht, gleichzeitig aber auf keinen Fall den idealistischen Grundkern von Star Trek verraten wolle. Für mein Gefühl herrscht hier jedenfalls doch eher Star-Treksche moralische Klarheit.

Was allerdings zur Folge hat, dass manche Versuche, in den ersten beiden Folgen Dramatik durch Fehlurteile und Dilemmata zu erzeugen, gekünstelt wirken. So erscheint die schwere und folgenreiche Entscheidung Michael Burnhams, von der schon im Vorfeld des Serienstarts viel die Rede war, doch in erster Linie als große Dummheit oder mindestens schlecht ausgeführt – was bei einer Figur, die als so außerordentlich kompetent dargestellt wird, verwundert. Vielleicht ergibt das Ganze psychologisch sogar einen gewissen Sinn; man könnte immerhin argumentieren, dass Burnham, die erst durch eine streng logisch-vulkanische Erziehung traumatisiert wurde und anschließend in ein menschliches Umfeld zurückgekehrt ist, wo man ihr dauernd unter die Nase gerieben hat, wie außerordentlich intelligent und fähig sie ist, schlicht nicht mehr dazu in der Lage ist, ihre Impulse und Emotionen angemessen einzuordnen – und entsprechend unüberlegt handelt, sobald ihr einmal die Sicherungen durchbrennen. Aber egal, ob die Drehbuchautoren sich nun etwas dabei gedacht haben, als Zuschauer merkt man doch, dass vor allem Dramatik um der Dramatik willen inszeniert wird. Es knallt hier nicht, weil unterschiedliche und gut begründete Sichtweisen aufeinanderprallen und jede Entscheidung grundfalsch sein könnte – es knallt, weil es knallen soll, und das Verhalten der Figuren ist um den Knall herumkonstruiert.

Ähnliches gilt übrigens für den Versuch, die Gegenspieler mit vielschichtigen und interessanten Motivationen auszustatten: T’Kuvma, der als Erwecker und Einiger der klingonischen Nation den Kampf mit der Föderation sucht, bleibt als Figur eindimensional, ein religiöser Kriegstreiber, dessen faschistoider Charakter dadurch relativiert werden soll, dass er eine schlimme Kindheit durchleben musste und ein Herz für die Untergedrückten und Ausgestoßenen aus seinem Volk hat. Das finde ich tatsächlich im schlimmsten Sinne platt: Hier findet nicht mit offenen Karten ein Spiel mit bestimmten Archetypen statt, wie es bei den Konstellationen Kirk-Spock-Pille und Burnham-Georgiou-Saru der Fall ist, sondern hier wird die fehlende psychologische Vielschichtigkeit einfach vorgegaukelt.

„To Infinity and Beyond“ – Star Trek geht wieder in Serie … und ist vertrauter als erwartet

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Klingonen, die ihrem Ruf gerecht werden

Trotzdem mag ich die neuen Klingonen – und meine Laissez-Faire-Haltung gegenüber dem Star-Trek-Kanon erlaubt es mir glücklicherweise, Fragen der Stirnform, Behaarung und Bekleidung, die manch anderem Trekkie die Schweißperlen der Verzweiflung auf die Stirn treiben, einfach zu übersehen. T’Kuvma mag als Figur missglückt sein, aber die grundsätzliche Rolle der Klingonen in Discovery hätte ich mir so schon für die vorangegangene Prequel-Serie Enterprise gewünscht. Hier sind die Klingonen all das, was sie noch nie waren, aber seit den Tagen der nächsten Generation gewesen zu sein vorgaben: Ein grausames und fremdartiges Kriegervolk, deren Name allein genügt, um Angst in die Herzen ihrer Feinde zu säen. Denn mal ehrlich, eigentlich kannte man die Klingonen entweder nur aus der Originalserie als schnurrbartzwirbelnde Bösewichter oder aus der Next-Generation-Ära als versoffene Kreuzung aus Wikingern, Samurais und Teddybären – die Ausnahme bildet Worf, bei dem man tatsächlich zuweilen den zur Zivilisation bekehrten Sohn grausamer Väter und Mütter vor sich zu haben meint.

Jetzt sind sie also da, die unheimlichen, die grausamen, die archaischen Klingonen, die noch dazu Kunstwerke von verstörender Schönheit erschaffen. Mit Sicherheit sind diese Klingonen der größte Triumph des Star-Trek-Produktionsdesigns seit Jahrzehnten, und eigentlich zum ersten Mal überhaupt wünsche ich mir, mehr von dieser ehrwürdigen Star-Trek-Spezies zu sehen!

„To Infinity and Beyond“ – Star Trek geht wieder in Serie … und ist vertrauter als erwartet

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Wer ist eigentlich dieses neue Star Trek?

Aber ob auch die neue Crew ein Triumph wird? Bisher war nur von den drei erwähnten Figuren etwas mitzubekommen, und wie schon erwähnt war ich durchaus erfreut über das, was ich da zu sehen bekommen habe. Mit der Figur von Michael Burnham gibt es zwar Probleme, aber mitreißen konnte sie mich trotzdem, was sicher auch der Leistung ihrer Darstellerin Sonequa Martin-Green anzurechnen ist. Mit dem grandiosen Bewegungs-Schauspieler Doug Jones (der u.a. als Abe Sapien in Hellboy zu sehen war und neben Andy Serkis wahrscheinlich der Meister dieses Fachs ist) als Außerirdischem kann man eigentlich ohnehin nichts falsch machen, und das Konzept des übervorsichtigen Angehörigen einer Beutspezies kommt mir in der Umsetzung sogar interessanter vor, als ich es erwartet hatte. Und Captain Georgiou gehört tatsächlich schon nach zwei Folgen zu meinen Lieblings-Starfleet-Captains, die eine geradezu Picard’sche Klugheit und Gelassenheit verströmt. Michelle Yeoh holt hier mit subtilen Mitteln alles aus ihrer Rolle raus ...

... tja, und dann ist Georgiou erwartungsgemäß am Ende von Folge 2 tot. Ich bin gespannt, ob die neue Crew von Folge 3 hier anknüpfen kann, und vermute, dass sich die Dreierkonstellation um den Captain, Burnham und Saru fortsetzt. Da schon angedeutet wurde, dass der Captain von Burnhams neuem Schiff, der titelgebenden Discovery, eine moralisch ambivalente Figur sein soll, wird Burnham wahrscheinlich ihre Mentorin Georgiou beerben und fortan in die Rolle des „Gewissens“ gedrängt werden – was angesichts ihrer fragwürdigen Vergangenheit interessant werden könnte.

Warpantrieb!

Insgesamt bin ich optimistisch – Saru habe ich bereits ins Herz geschlossen, über Burnham bin ich noch ein wenig unschlüssig, habe aber ein gutes Gefühl. Natürlich hat die Pilotdoppelfolge an vielen Ecken und Ende dramaturgisch und in Sachen Figurenpsychologie geknirscht, aber trotzdem steckt bei Discovery ein Drive unter der Haube, den man beim verschnarchten Vorgänger Enterprise – und streckenweise schon bei Voyager – vergeblich suchte. Und damit passt die Serie bei aller Kritik an Prequelitis ganz hervorragend in die Ära von Kirk&Co.

Über den Autor

Jakob Schmidt lebt als freier Autor, Übersetzer und Buchhändler in Berlin. Zum dem von ihnen übersetzten Autoren gehören Kim Stanley Robinson und Seth Dickinson, außerdem hat er den SF-Klassiker Dune (Der Wüstenplanet) neu ins Deutsche übertragen. Zusammen mit Simon Weinert und Wolfgang Tress betreibt er die Kreuzberger Phantastik-Buchhandlung Otherland. Er ist seit seiner Kindheit begeisterter Fantasy-Rollenspieler und hat als Autor und Übersetzer an zahlreichen Rollenspielprodukten mitgewirkt.

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