Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall

© Paramount Home Entertainment / DreamWorks

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Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall


Bei begeisterten Serien-Fans kann die Fähigkeit, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, schon mal bedenklich schwächeln. In dem Film Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall wird diese Grenze knallhart nachgezogen – und anschließend einmal durch den Warp gedreht. Michael Hoh hat sich die Parodie auf die SF-Community im Rewatch noch einmal angesehen.

 

Las Vegas, Anfang August. Zwischen den üblichen Party-Touristen, Gelegenheitsspielern, Rentnergrüppchen und Cher-Fans tummelt sich in dieser Woche noch ein weiterer, bunt uniformierter Menschenschlag auf dem Strip: Trekkies, die zu Tausenden zielstrebig auf die Star Trek Convention im Rio All Suites Hotel & Casino zusteuern! Zum 30-jährigen Jubiläum von Star Trek – The Next Generation hat sich beinahe das komplette Ensemble um Patrick Stewart alias Captain Jean-Luc Picard angekündigt, um im voll besetzten Conference Center des Hotels ihren Fans Rede und Antwort zu stehen. Unter den Zuschauern befindet sich auch eine glühende Verehrerin, die samt Sohnemann ehrfürchtig ans Mikrofon schreitet, um diesen der ehemaligen Enterprise-Crew vorzustellen. Patrick James Tiberius Kirk heiße dieser. Er sei ausschließlich nach Star Trek-Erfinder Gene Roddenberrys Philosophie erzogen, beteuert sie und bittet Marina Sirtis, die in der Serie die Schiffspsychologin Deanna Troi mimte, im gleichen Atemzug um eine Therapiesitzung für ihren Sprössling. „Ich bin sicher, die wird er brauchen. Warum tun Sie Ihrem Kind so etwas an?“, entgegnet diese leicht schockiert.

Trailer: Galaxy Quest

Eine Begegnung, die bezeichnend ist für das Verhältnis zwischen Serienjüngern und den Helden und Heldinnen, die sie verehren. Die unüberbrückbare Lücke zwischen der Erwartungshaltung eines Fans an die fiktionale Identifikationsfigur einerseits und den realen SchauspielerInnen andererseits, die ihren Jahrzehnte zurückliegenden Rollen meist mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen. Besonders im Star Trek-Universum ist das Hadern mit besagter Lücke bestens dokumentiert. Man nehme nur die Convention-Persiflage des Kirk-Darstellers William Shatner bei Saturday Night Life Mitte der 80er, bei der er den bohrenden Technobabble-Fragen der Fans ruppig entgegnet: „Get a life!“ Heute verwurstet er dagegen seine Rolle als Star Trek-Legende gnadenlos. Oder Leonard Nimoy, der mit seiner Autobiographie I Am Not Spock noch versuchte, sich von seinem Charakter zu distanzieren, zwanzig Jahre später mit I Am Spock jedoch Frieden mit seiner Rolle schloss.

In Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall, der 1999 in den Kinos anlief, dürften sich nicht nur die ProtagonistInnen des Star Trek-Universums zweifellos wiedererkannt haben. Denn die Parodie auf Sci-Fi-DarstellerInnen (und ihre enthusiastische Fangemeinde) setzt da an, wo viele ihrer Karrieren enden. Siebzehn Jahre nachdem die fiktionale Serie, die im Film ebenfalls den Titel Galaxy Quest trägt, abgesetzt wurde, sieht es mit weiteren Engagements nicht gerade rosig aus. So sind sie gezwungen, sich mit Auftritten bei Fan-Conventions über Wasser zu halten. Jason Nesmith alias Cmdr. Peter Quincy Taggart (Tim Allen) hält sich dabei noch tapfer, ganz im Gegensatz zu Alexander Dane (Alan Rickman), der lieber Shakespeare rezitieren würde als ständig die Catchphrase seines Charakters Dr. Lazarus. Oder Gwen DeMarco (Sigourney Weaver), die als Lt. Tawny Madison in der Serie nichts weiter zu tun hatte, als die Antworten des Computers nachzuplappern. Nicht nur die ausbleibenden Rollenangebote sorgen für Missmut. Sätze wie: „Du hast meine besten Sätze geklaut. Du hast mich aus Folge zwei rausstreichen lassen“ erinnern nur allzu gut an jahrelange Auseinandersetzungen zwischen William Shatner und Sulu-Darsteller George Takei. Und auch bei Nesmith kippt die Stimmung, als er zufällig auf der Toilette zwei Teenager belauscht, die ihn als Bühnenclown bloßstellen. Prompt erteilt er ein paar uniformierten Fans, die ihn bei der folgenden Autogrammstunde mit technischen Fragen zur Serie löchern, eine Abfuhr.

Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall

© Paramount Home Entertainment / DreamWorks

Durchbrochen wird das leidige Convention-Dasein letztendlich durch echte Außerirdische, die die alternde Raumschiff-Crew bitten, sie möge ihre Zivilisation vor einem feindlichen Übergriff schützen. Der Unterschied zwischen Realität und Fiktion scheint den Aliens bis dato fern, weshalb sie die Serie einst für ein historisches Zeugnis hielten, und, ähnlich der zu Beginn erwähnten Trekkie-Mama, ihre Gesellschaft nach der humanistischen Hollywood-Philosophie der Serie modellierten, um ihre Spezies auf den rechten Weg zu führen. Die alternde Raumschiff-Besatzung wittert ein letztes Abenteuer, willigt ein und darf nun mit dem originalgetreu nachgebauten Raumschiff NSEA Protector durchs Weltall düsen, Landschaften mit Plastikfelsen besichtigen, tapfer mit Muppet-Monstern ringen und sich actionreiche Verfolgungsjagden liefern. Alles ganz so überspitzt und absurd wie in der Serie, doch tödlich allemal: „Der Autor, der diese Folge geschrieben hat, sollte selbst da durch“, kontert DeMarco entnervt, als ihnen sinnlos platzierte Metallpressen den Weg versperren.

Fraglos stößt die Crew in der versehentlich zur Realität gewordenen Fiktion an ihre Grenzen. Und wer hilft ihnen da aus der Patsche? Die abservierten Fans natürlich, die Galaxy Quest schon immer ein klein wenig zu ernst genommen haben: Nerds to the rescue! Als eine Art Verneigung vor vermeintlich nutzlosem Nerd-Wissen bringt ihr technisches Know-how die Mission zum glorreichen Abschluss. Natürlich war die Reise ins Weltall für alle Beteiligten mehr als ein kathartischer Ausbruch aus der Fernsehfiktion: Die Schauspieler sind mit sich selbst im Reinen und versöhnt mit ihren Fans. Obendrein landen Nesmith und Co. dort, wo sie eigentlich nie wieder hin wollten: im TV, auf der Brücke ihres Serien-Raumschiffs.

Galaxy Quest – Planlos durchs Weltall

© Paramount Home Entertainment / DreamWorks

Im Gegensatz zum Film beschert uns unsere Realität ein etwas nüchterneres Finale. Als sich die Fragerunde in Las Vegas nach altbackenen Anekdoten und ein paar knirschenden Antworten dem Ende neigt, versucht Convention-Profi Patrick Stewart doch noch versöhnlich eine Brücke zu schlagen: „Es ist sehr interessant, eure Erfahrungen mit Star Trek gegenüber unseren zu reflektieren. Die Dinge, über die ihr sprechen wollt, sind nämlich für uns nur schwer zu beantworten. In meinem Fall liegt das alles 30 Jahre zurück, und ich erinnere mich nicht einmal an mein Frühstück heute Morgen. Wir hoffen, wir haben euch nicht allzu sehr mit den Geschichten enttäuscht, an die wir uns heute erinnern konnten.“ So diplomatisch kann auch nur ein Captain Jean-Luc Picard argumentieren.

Über den Autor


Michael Hoh studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in Mannheim und San Francisco. Heute lebt er als freier Übersetzer und Journalist in Berlin, füllt u.a. die Musikseiten des englischsprachigen Stadtmagazins Exberliner und schreibt über Computerspiele für Giga Games.

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