Die Zukunft von gestern

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ESSAY

Die Zukunft von gestern


Fliegende Autos, Weltfrieden oder ewige Wüsten – wer weiß schon, wie die Zukunft der Menschheit aussieht? Science-Fiction-Filme zeigen immer eine mögliche Variante, und bei vielen hat die Gegenwart die erzählte Zukunft eingeholt. Peter Osteried unterzieht SF-Filme von 1936 bis heute einem Realitätscheck.

Die Science Fiction hat schon immer auch versucht, die Zukunft zu erklären. Es ist ihr inhärent. Will man auf der sicheren Seite sein, bietet es sich an, eine Geschichte gleich mehrere hundert Jahre in die Zukunft zu verlegen. Niemand wird in der Lage sein, zu überprüfen, wie weit man von der Realität entfernt ist, aber für den Zuschauer ist es natürlich besonders reizvoll, sich die Zukunft der Vergangenheit anzusehen und sie in Hinblick auf die Gegenwart abzuklopfen. Manchmal, aber nicht häufig, gelingt es dabei sogar, recht akkurat gewisse Entwicklungen vorwegzunehmen, wie es zum Beispiel der auf H.G. Wells’ basierende Schwarzweißklassiker »Things to Come« (1936) schafft.

1940–1984

Der Film beschreibt die Zukunft in mehreren Zeitsprüngen, verortet aber im Jahr 1940 einen globalen Krieg. Das ist erstaunlich nahe an der Realität, doch anders als der Zweite Weltkrieg dauert dieser Krieg Jahrzehnte. Danach ist es mit dem Vorhersehen der Zukunft aber nicht mehr weit her. Den ersten Flug ins All sagt der Film für das Jahr 2035 voraus.

Trailer: Things to Come (1936)

Schon 1964 hat der nukleare Krieg stattgefunden, wie es »Das letzte Ufer« (1959) erzählt, in dem nur noch in Australien – für eine gewisse Zeit – Leben möglich ist. Interessant ist hier, dass man damit im Grunde eine Ereigniskette fortschreibt, die mit der Kubakrise im Oktober 1962 hätte stattfinden können. Der niemals auf Deutsch erschienene »It! The Terror from Beyond Space« (1958) spielt im Jahr 1973. Das ist das Jahr, in dem der erste bemannte Weltraumflug stattfindet. Im selben Jahr landen drei sprechende Schimpansen in »Flucht vom Planet der Affen« (1971) auf der Erde und lösen so eine Reihe von Ereignissen aus, die zum Ursprungsfilm zurückführen wird.

Da war es Charlton Heston, der in die Zukunft der Erde reiste. Im Jahr 1977 ist er »Der Omega Mann« (1971) in dem auf dem Roman »Ich bin Legende« basierenden Film. Seine Figur ist der einzig noch lebende Mensch, während vampirähnliche Kreaturen ansonsten herrschen. In der Beziehung hatten wir sicherlich Glück. Wäre der Film prophetisch gewesen, hätte niemand von uns »Star Wars« sehen können!

Wie farbenfroh die Zukunft aussehen kann, zeigte die britische Serie »UFO« (1970–1973), deren Handlung im Jahr 1980 verortet ist. Hier trägt man gerne lilafarbene Perücken, darüber hinaus muten die Autos futuristisch an. Aber nicht so futuristisch, dass sie heute ungewöhnlich wären. 1980 wäre keiner damit herumgefahren, knapp 40 Jahre später sehen einige Limousinen dem Modell, das Kommandant Straker fuhr, erstaunlich ähnlich. 

Trailer: UFO

Eine Sonderstellung nehmen die verschiedenen Verfilmungen von George Orwells »1984 (1956, 1984) ein. Orwell hatte den Roman 1948 verfasst und einfach die letzten zwei Jahreszahlen vertauscht. In einem totalitären System leben wir glücklicherweise nicht, gut 30 Jahre nach der Geschichte hat die Überwachung dank Smartphones, anderen smarten Geräten und nicht zuletzt Kameras deutlich zugenommen. Man bedenke nur: Allein in London gibt es 400.000 Kameras. Der große Bruder sieht alles!

Die 90er Jahre

»Eroberung vom Planet der Affen« (1972) spielt im Jahr 1991. Affen haben Hunde und Katzen erst als Haustiere ersetzt und wurden dann zu Sklaven. So weit, so gut – wenn man denn ein Mensch ist. Aber dann gibt es den Aufstand, so dass wir nun schon im dritten Jahrzehnt einer Affenherrschaft wären (wie die aussieht, kann man in »Die Schlacht um den Planet der Affen« sehen).

Aber eine alternative Zukunft der Vergangenheit ist ein wenig erquicklicher, denn im Jahr 1991 leben bereits die Newcomer aus »Alien Nation – Spacecop L.A. 1991« (1988) unter uns und haben sich bestens integriert. Eine schöne Botschaft aus der Vergangenheit, die man im Jahr 2017 ruhig beherzigen darf – als Einheimischer und als Newcomer.

Trailer: Spacecop L.A. (1991)

»Star Trek« erzählt von einer positiven Zukunft, aber nicht nur. Die Vergangenheit war hingegen nämlich düster. Wir haben sie erlebt, aber gut, die Eugenischen Kriege von 1993 bis 1996 sind glücklicherweise ins Wasser gefallen. Über- und Herrenmenschen brauchten wir damals nicht, und heute ebenso wenig, »Der Zorn des Khan« (1982) hin oder her. Nur ein paar traurige Gestalten gibt es leider immer noch, die sich für etwas Besseres halten.

Unspektakulär ist das Jahr 1996, wie es in »Harley Davidson und der Marlboro Man« (1991) beschrieben wird, da kugelsichere Ledermäntel so ziemlich das Einzige sind, was es in der Realität nicht gibt, und das Jahr 1997 aus »Predator 2« (1990) sieht aus wie das Jahr 1990 – als eben der Film in die Kinos kam. Stattdessen postulierte Roland Emmerich in »Das Arche-Noah-Prinzip« (1984), dass 1997 der Weltfrieden in greifbarer Nähe ist, weil Massenvernichtungswaffen geächtet wurden. Tja, schön wär’s gewesen, aber 20 Jahre später hat man es immer noch mit Irren zu tun, die sich in Rage reden und von „Wut und Feuer“ sprechen, während der Finger vielleicht schon über dem Knopf kreist.

Trailer: Die Klapperschlange (1981)

Generell ist 1997 aber ein sehr geschäftiges Jahr gewesen. »Die Klapperschlange« (1981) zeigt die USA als kriegsversessenes Land (Check), das den Knastbetrieb so etwas wie privatisiert hat (Check) und aus der Insel Manhattan ein Gefängnis gemacht hat. Immerhin: Das ist noch nicht eingetreten. Wäre aber auch egal, denn am 29. August 1997 erlangt Skynet Bewusstsein. Da man ihm den Stecker ziehen will, feuert es alle Nuklearraketen auf Russland ab, damit der Gegenschlag seine Feinde zuhause tötet. So erfährt man es in »Terminator 2« (1991), aber das Tolle an Zeitreisen ist, dass am Ende nicht alles so sein muss, wie es mal war. Darum ändert sich auch das Datum des Judgement Day. In »Terminator 3« (2003) ist es der 25. Juli 2004, und in der Fernsehserie »Terminator: The Sarah Connor Chronicles« ist es dann der 21. April 2011. All diese Tage kamen und gingen, und die KI ist immer noch nicht da. Die »Terminator« -Filme sind wohl so etwas wie die Zeugen Jehovas, die auch in schöner Regelmäßigkeit den Weltuntergang ankündigen. Anders als sie könnten die Filme Recht haben. Erst kürzlich zogen Facebook-Ingenieure den Stecker, als sie zwei KIs sich miteinander unterhalten ließen und diese flugs eine Geheimsprache entwickelten, der kein Mensch mehr folgen konnte.

The Nuclear Apocalypse Scene - Terminator 2 (1991)

1999, zum Ende des Jahrtausends, das ja eigentlich erst mit Ablauf des Jahres 2000 stattfand, spielt »Strange Days« (1995), das einige interessante Details enthält. Hier vor allem Daten-Disks, die Erinnerungen speichern können. Das mag heute noch Zukunftsmusik sein, aber zweifelt jemand, dass Apple oder Google nicht an so etwas arbeiten könnten?

Terminator 3 – Der Atomangriff (2003)

2000–2016

Schon vor 17 Jahren hätten wir damit anfangen müssen, Leute auf der Straße zu überfahren – für Punkte! So erzählt es die Roger-Corman-Produktion »Frankensteins Todesrennen« (1975). Dazu kam es erfreulicherweise nicht, und auf der Mondoberfläche des Jahres 2001 wurde auch nichts gefunden. Weil wir zwar 1969 mal auf dem Mond waren, womit Stanley Kubricks »2001 – Odyssee im Weltraum« (1968) prophetisch war, aber gut 30 Jahre später gar nicht mehr daran denken. Wahrscheinlich weil wir von den Aliens auf dem Mond gewarnt wurden, den Felsklumpen in Ruhe zu lassen. 

Trailer: 2001 – Odyssee im Weltraum (1968)

Seit 2003 können wir laut »Timecop« (1994) in der Zeit reisen, aber das ist natürlich strikt verboten und zum Glück auch heutzutage noch nicht möglich. Mag sich wer vorstellen, was dadurch für ein Chaos entstehen würde? Fünf Jahre später ist London knietief im Wasser versunken. Eine starke Ökobotschaft ist das, die »Split Second« (1992), der ansonsten ein Alien-Serienkiller-Film ist, hier verbreitet. Aber Glück gehabt, bei derartigen Zuständen hätten bei den Olympischen Spielen nur die Schwimmer ihre Freude gehabt. Im Jahr 2009 ist Korea eine Provinz des japanischen Großreichs. So wird es in der Alternativweltgeschichte »2009: Lost Memories« (2002) erzählt. Aus heutiger Sicht wäre das paradiesisch, dann hätte es auch keinen Kim Jong Un gegeben. Aber welche Zukunftsdystopie hätte uns Trump ersparen können?

Trailer: 2009: Lost Memories (2002)

Für das Jahr 2012 wurde das Ende der Welt prophezeit. Am 21.12.2012 endet der Maya-Kalender, aber die Welt hat’s überstanden. An dem Tag hätte laut »Akte X« (1993–2002) auch die Kolonisation der Erde durch Außerirdische beginnen sollen. Auch das haben wir überstanden. Soweit wir wissen.

Besonders schade ist es, dass sich von »Zurück in die Zukunft II« (1989) so wenig bewahrheitet hat. Das Jahr 2015 sah hier glorreich aus. Aber wir haben immer noch keine fliegenden Autos, immer noch keine (echten) Hoverboards, immer noch keine Jacken mit anpassungsfähigen Ärmeln. Dafür gibt’s die Nike-Schuhe. Das einzig Positive ist, dass wir auch nicht schon knapp 20 Teile von »Der Weiße Hai« sehen mussten. 

"Zurück in die Zukunft" wird Gegenwart« – ARD nachtmagazin (2015)

Gegenwart und Zukunft

Laut »Cherry 2000« (1987) müssten wir jetzt schon in der Endzeit leben, während »Fortress« (1992) eine Ein-Kind-Politik hat (gab es mal in China) und Verstöße dagegen mit Verfrachten in privat geführte Gefängnisse ahndet, wo man sehr schnell tot ist. Zudem bietet 2017 auch die »Surrogates« (2009), mit denen man das Haus nicht mehr verlassen muss, und »Barb Wire« (1996) sagt noch einmal: Die Endzeit ist da!

Was haben wir für ein Glück, dass sich davon so rein gar nichts bewahrheitet hat, aber wie sieht es denn mit den kommenden Jahren aus?

Ultrabrutale Game-Shows sind auf dem Vormarsch. 2018 gibt es »Rollerball« (1975), 2019 dann »Running Man« (1987). In den 1970er und 1980er Jahren wirkte das noch satirisch, heute fragt man sich tatsächlich, wie weit man von solchen Zuständen noch entfernt ist. Im Jahr 2019 spielt auch »Die Insel« (2005), in dem Menschen als Ersatzteillager geklont werden. Eine grausige Vorstellung, aber auch eine, die auf gruselige Art und Weise nicht unmöglich erscheint. 

Running Man – Ausschnitt (1987)

Weiterhin erfriert die Erde in »The Road« (2009) im Jahr 2019, womit man sich einiges ersparen würde, aber vielleicht wird es ja auch wie in »Blade Runner« (1982). Nicht, dass es eine tolle Welt ist, in der man da leben würde, aber immerhin: Man würde leben, und das mit reichlich technischen Spielereien und lebensechten Robotern. Dass es die eines Tages geben wird, kann man sich gut vorstellen, sozusagen den iReplikant.

Im Jahr 2021 kann man in »Johnny Mnemonic« (1995) Daten im Gehirn eines Kuriers transportieren (auch wenn dafür Unwichtiges wie Kindheitserinnerungen gelöscht werden muss), während im Jahr darauf mit »Jahr 2022 … die überleben wollen« (1973) nicht nur Überbevölkerung herrscht, sondern wir auch alle zu Kannibalen werden. Aber das ist halb so schlimm, denn 2024 findet man dann in »The Thirteenth Floor« (1999) heraus, dass wir eh alle nur Bits und Bytes in einer Computersimulation sind. In dem Wissen kann man auch entspannt die irre heiße Sonne in »Highlander 2« (1991) aushalten und hinnehmen, dass 2025 in »Repo Men« (2010) Organe, für die nicht bezahlt werden kann, wieder abgeholt werden – metzelnder Weise, versteht sich. 

Trailer: Metropolis (1927)

Im Jahr 2027 werden die Menschen in »Metropolis« (1927) als tumbe Arbeiter ausgebeutet. Dafür müssen wir aber echt nicht noch mal zehn Jahre warten, das geht schon lange so. Gut, dass die Menschheit im selben Jahr in »Children of Men« (2006) stirbt, weil kein neuer Mensch mehr geboren wird. Im Jahr 2044 spielt dann »Ready Player One« (2018), in dem die virtuelle Realität existiert. Aber verflucht auch, dafür müssen wir echt noch 27 Jahre warten, wenn der Film denn Recht behalten sollte.

Weit näher dran sind wir jedoch am Oktober 2017. Da ist der neue Judgement Day laut »Terminator: Genisys« (2015). In Kürze wissen wir also mehr.

Gerade die Entwicklungen der nächsten Jahre, die die Science Fiction uns über einige Zeit aufgetischt hat, sind ja mehrheitlich nicht wirklich erfreut. Überhaupt: Wieso muss es immer so bitter kommen, wieso existiert die Welt von »Star Trek« erst in gut 200 Jahren, was ist denn das für eine Perspektive? Außer natürlich der, dass wir selbst die Zukunft formen. „Kein Schicksal“, wie schon Sarah Connor einmal sagte. 

"Terminator 2" – Making up History

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