#perfect – Wenn soziale Medien zum Alptraum werden

© Universum Film (UFA)

ESSAY

#perfect – Wenn soziale Medien zum Alptraum werden


Ob zum Guten oder zum Schlechten: Ein großer Teil unseres Soziallebens spielt sich mittlerweile im Netz ab. Diese Tatsache ist auch der Science Fiction nicht verborgen geblieben (auch wenn sie, was ihre Prognose-, Warn- und Mahnarbeit angeht, schon mal einen besseren Job gemacht hat). Anja Kümmel über das dystopische Potenzial von Facebook, Instagram, Twitter.

 

Geht es um „Social Media“, ist für viele die Dystopie längst Realität geworden – wie etwa im US-Filmdrama „Disconnect“ (2012), das von Cybermobbing über Webcamming bis hin zu Online-Glückspiel und Datenklau so ziemlich alle Gefahren anreißt, die im Internet lauern. Verlagert sich das Setting dann auch noch in eine nahe Zukunft, verwundert es kaum, dass Social-Media-Dystopien oftmals dazu neigen, kräftig zu übertreiben. Schließlich müssen all die Millennials, die nebenher ihre Newsfeeds checken und Tinder-Profile wegwischen, erstmal kapieren: Hallo, das hier ist Science Fiction!

Das Leben als Spiel

Was dabei herauskommt, sieht dann gerne mal so aus: Fitte Menschen strampeln sich Tag für Tag auf heimtrainerartigen Laufrädern ab, während sie seichte Unterhaltung konsumieren. Ihre Freizeit verbringen sie in fensterlosen Multimedia-Würfeln, deren Dauerbeschallung sich nur gegen Strafgebühren abschalten lässt. Virtuelle Interaktionen gibt es zwar, doch bleibt der reale Mensch vereinzelt. Wie es den beiden Hauptfiguren aus „Das Leben als Spiel“ (der zweiten Folge der britischen SF-Serie „Black Mirror“) gelingt, in dieser sinnesfeindlichen Umgebung ihre Menschlichkeit, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Kommunikationsfähigkeit zu bewahren, ist unklar. Ebenso, wie es zu solch einer Welt, aus der jeder vernünftige Mensch sofort würde ausbrechen wollen, überhaupt kommen konnte. Während sich zwischen Bing und Abi eine zarte Romanze anbahnt, entpuppen sich drei überlebensgroße Showmaster als Drahtzieher, an deren Fäden die Menschen der Zukunft hilflos baumeln und die gewünschten Verrenkungen vollführen. Zu diesen Marionetten gehören allerdings selbstredend nur „die anderen“. Zum Beispiel Bings tumber Nebenradler, der sich in Endlos-Schleife Pornos und flache Reality Shows reinzieht. Bing hingegen beißt lieber in schöne, grüne Äpfel als in abgepacktes Fast Food; Abi faltet niedliche Pinguine aus echtem(!) Papier und singt auf der Toilette heimlich ein Lied, das ihre Mutter noch von ihrer Mutter kannte. Angesichts der Holzhammermethode, mit der hier das „Authentische“ gegen das Abgestumpfte, Entfremdete ins Feld geführt wird, dürfte es schwer fallen, dieses Szenario als ernsthafte Warnung zu verstehen. Einzig das Ende stimmt nachdenklich: Vor Millionen von (virtuellen) Zuschauern hält Bing sich eine Glasscherbe an die Kehle und klagt die Gesellschaft – in Gestalt der drei Showmaster – an, sich alles „Echte“ und „Schöne“ einzuverleiben, in einen Witz oder ein Konsumprodukt zu verwandeln. Nach kurzer Irritation wird Bings Glasscherben-„Performance“ frenetisch bejubelt und sogleich für Marketingzwecke optimiert. Und diese reibungslose Verwertungslogik erinnert dann doch unangenehm ans Jetzt. Zum Beispiel daran, dass jegliche Systemkritik, macht sie nur visuell genug her, früher oder später auf Instagram-Profilen landen wird, um dort zwischen Fashion- und Wellness-Produkten den betreffenden Mikro-Influencern noch mehr Likes und potentiell neue Werbeverträge einzubringen.

Trailer: The Circle

Der Circle

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt „The Circle“, der aktuell im Kino zu sehen ist. Bereits Dave Eggers gleichnamiger Netzkritik-Thriller von 2013 ließ in der Schwebe, ob sich hier eine leicht verzerrte Gegenwart als Zukunft tarnt oder umgekehrt. Zudem sehen wir diese fast-schon-angebrochene Welt einmal nicht aus der Perspektive eines Misfits, wie in „1984“ oder eben „Das Leben als Spiel“, sondern durch die Augen einer etwas naiven, aber keineswegs dummen jungen Frau (Emma Watson), die nichts lieber will als teilhaben an der schönen, neuen Welt. Und warum auch nicht? Natürlich möchte Mae lieber in einem international angesehenen Mega-Tech-Unternehmen aufsteigen, als den Rest ihres Lebens als Arbeitsdrohne in einem x-beliebigen Großraumbüro zu versauern. Zumal dieser Apple-Google-Facebook-Zusammenschluss namens „The Circle“ es trotz seiner gigantischen Ausmaße schafft, seinen Mitarbeiter_innen mit mannigfaltigen Freizeitangeboten, Gratis-Konzerten und Gruppenaktivitäten das Gefühl einer kuscheligen Familienatmosphäre zu vermitteln. Utopie oder Dystopie? Die erste halbe Stunde des Films lässt das erfreulich offen. Auch was die technologischen Innovationen angeht, die Circle-Guru Eamon Bailey (Tom Hanks) jeden Freitag in seinen Motivationstalks anpreist. Der Idee, ihr gesamtes Leben per Mini-Kamera live zu streamen, steht Mae zunächst zwar skeptisch gegenüber, doch als die lückenlose Überwachung ihr das Leben rettet, nachdem sie nachts in einem „geliehenen“ Kajak alleine in die stürmische San Francisco Bay hinausgepaddelt war, kann sie die Vorzüge der omnipräsenten Kameras kaum mehr leugnen. Ähnliches gilt für den revolutionären Circle-Coup „TruYou“ – ein System, das sämtliche Transaktionen, Profile, Kommunikationstools, Gesundheitsinformationen und Suchanfragen in einem Konto bündelt. Durch Maes Augen erscheint uns Zuschauer_innen die Silicon-Valley-Utopie zum Greifen nah: Unfälle und Verbrechen werden drastisch reduziert, Politiker_innen zu totaler Transparenz gezwungen, und überhaupt – wer kann sich schon drei Dutzend verschiedene Passwörter merken?

Ebenso leicht lässt sich Maes Bestreben nachvollziehen, ihren PartiRank (zahlenmäßige Auswertung der Online Interaktionen mit anderen „Circlern“) zu erhöhen. Unser Wunsch nach Verbindung, Verständnis, Anerkennung und Erfolg sitzt tief – umso schwerer fällt es, technologische Errungenschaften zu kritisieren, die diese Sehnsüchte mittels weniger Klicks zu befriedigen scheinen. Um in den sozialen Medien begierig mitzumischen, bedarf es allem Möglichen, nur keiner repressiven Überwachungsinstanz.

Umso ärgerlicher, dass „The Circle“ – vermutlich nicht zuletzt dank der dramaturgisch und literarisch eher mediokren Buchvorlage – spätestens ab der zweiten Hälfte in Richtung 08/15-Thriller abrutscht. Dessen Finale entlarvt dann doch die profitgierigen Circle-Gründer als „Bad Guys“, die ihren Dreck am Stecken gut zu verbergen wussten hinter den „Teilen ist Heilen“-Slogans. Ein reichlich unrealistisches Wohlfühl-Ende, das suggeriert: Wenn die vielbeschworene „Transparenz“ nur erst für alle gilt – inklusive der Macher und Milliardäre – lösen sich jegliche Probleme von selbst. Ein bisschen erinnert „The Circle“ damit an Bings Glasscherben-„Performance“: eine zwar leidenschaftliche, aber irgendwie auch unbeholfen vorgebrachte Kritik, die ohne Reibungsverluste eingespeist werden kann ins Wertschöpfungssystem.

Film "The Circle" mit Emma Watson und Tom Hanks

© Universum Film (UFA)

Utopie oder Dystopie?

Das ging schon mal besser. So hat z.B. die Science-Fiction-Romanze „Her“ (2013) vorgemacht, wie eine Welt aussehen könnte, in der die Technik so allgegenwärtig ist, dass sie schon wieder verschwindet. Im Gegensatz zur blassen Mae und ihren karikaturhaften Gegenspielern stehen hier die Wünsche, Ängste und Sehnsüchte des einsamen Texters Theodore im Fokus, der sich in ein Betriebssystem namens Samantha verliebt. Dass echte Menschen untereinander nicht mehr kompatibel sind, dass sexuelle Fantasien und romantische Illusionen sich möglicherweise besser von einer intelligenten Software bedienen lassen, suggeriert der Film, ohne diesen Zustand langatmig zu lamentieren. Auch „Her“ ist Utopie und Dystopie zugleich. Vordergründig scheint es nicht einmal um Social Media zu gehen, da Samantha (vermutlich) kein echter Mensch ist, sondern eine Sprachsteuerungs-Software. Aber – macht das wirklich einen großen Unterschied? Auch Theodore gibt schließlich vor, ein anderer zu sein. Die Menschen, für die er Liebes- und Abschiedsbriefe verfasst, kennt er in etwa so gut wie Facebook seine User, sprich: Er kennt sie wahrscheinlich besser als sie sich selbst. Damit verkörpert er im Real Life das, was in naher Zukunft automatisierte Posts für uns erledigen könnten, kreiert von hochkomplexen Systemen, die besser als wir selbst wissen, wem wir folgen, was wir liken, wie wir kommentieren. Die Frage in „Her“ ist weniger, wie sehr wir bereits von Algorithmen gesteuert werden, sondern vielmehr, wir sehr sich unsere Hirne daran gewöhnen werden, wie Algorithmen zu denken.

Film "The Circle" mit Emma Watson und Tom Hanks

© Universum Film (UFA)

Product Placement und Selbstoptimierung

Ganz ohne Überwachungs-Diktatur kommt auch eine neuere „Black Mirror“-Folge aus, die weitaus gelungener als „The Circle“ den Vermessungs- und Ranking-Wahn aufgreift, der uns in Form von 5-Sterne-Bewertungssystemen schon heute auf so gut wie jeder Social-Media-Plattform begegnet. Ob Verkaufs- oder Datingportal, fast immer werden wir aufgefordert, Produkte und Menschen zu bewerten, Favoriten zu speichern, Ranglisten zu erstellen. „Abgestürzt“ denkt diese Praxis so konsequent wie bitterböse weiter und entwirft eine Welt, in der jede noch so flüchtige Interaktion per Smartphone bewertet wird. Das Ergebnis ist eine post-postmoderne Kastengesellschaft, in der nur diejenigen eine Chance haben, die 4+ Sterne vorweisen können. Luxusapartment? Nur zu haben mit mindestens 4,5 Sternen. Express-Lane am Flughafen? 3,8 Sterne Minimum. Kostspielige Krebsbehandlung? Fehlanzeige für alle unter 4,4 Sternen. Ähnlich wie der großäugige „Guppy“ Mae durch den Circle-Campus, bahnt sich hier eine junge Frau namens Lacie in pastellfarbener Stepford-Wives-Ästhetik ihren Weg durch den Sterne-Dschungel. Wenn sie ein hübsch arrangiertes Bild ihres Kaffees postet, obwohl sie dessen Geschmack widerlich findet, oder ihrer nervigen, aber beliebten Kollegin ein Croissant anbietet, nur um von dieser ein positives Rating zu bekommen, bleibt einem das Lachen schon mal im Halse stecken. Zu sehr ist die Gefällt-mir-Blase, in der Fremd- und Eigenerwartung zunehmend verschmelzen, bereits Realität. War die Party wirklich „so much fun“, wie sie auf Instagram aussieht? Fühlten wir uns wirklich so großartig, wie all die Likes und Kommentare suggerieren, oder haben wir uns in Wahrheit schrecklich gelangweilt?

Wie ein gutes, erstrebenswertes Leben aussieht, bestimmen im digitalen Zeitalter keine übermächtigen Drahtzieher oder satanischen Verführer, sondern wir selbst, und zwar ganz ausschlaggebend dadurch, wie wir uns in den sozialen Medien präsentieren – irgendwo zwischen Product Placement und „authentischer“ Selbstdarstellung.

Film "The Circle" mit Emma Watson und Tom Hanks

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Ingrid goes West

Beinahe nahtlos lässt sich daran der diesjährige Sundance-Hit „Ingrid goes West“ anknüpfen: Ähnlich wie Lacie dem illustren Kreis der Prime Influencer mit 4,8+ Sternen nacheifert, ist es hier die labile Ingrid, die auf ihrer verzweifelten Suche nach einer „besten Freundin“ in Venice Beach landet, um dort ihr Insta-Idol Taylor auch im Real Life zu stalken. Taylor ist genauso „echt“ oder „unecht“ wie Samantha, Ingrid zwar ziemlich durchgeknallt, dabei aber nicht weniger liebebedürftig als Mae, Theodore, Lacie oder Bing. Bezeichnend, dass die vielleicht verstörendste Social-Media-Vision von allen nicht einmal in der Zukunft spielt, sondern im sonnengetränkten, Insta-gefilterten Hier und Jetzt.

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