Film-Rewatch: TRON (1982)

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REWATCH

Meilensteine der Science Fiction: Tron (1982)


Es gibt Filme, nach denen nichts mehr so ist, wie es war. Meilensteine, die filmtechnisch eine neue Ära einläuten und den Status Quo neu definieren. Jurassic Park und seine computeranimierten Dinos war einer dieser Filme, die etwa CGI-Effekte (kurz für Computer Generated Imaging) aufs nächste Level katapultierten, und einen im Kinosessel hautnah den Fortschritt des Mediums spüren ließen, so wie es einst wohl die Uraufführung von Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat der Lumiére-Brüder in Paris vermochte.

Trailer: TRON

Der legendäre Kinosommer 1982

Der Grundstein für CGI-Meisterwerke wie Jurassic Park, Titanic, Avatar und Co. wurde bereits im Kinosommer 1982 gelegt. Ein Jahr, das durch den Erfolg von Krieg der Sterne, E.T. und Blade Runner eine ganze Welle Fantasy- und Science-Fiction-Epen nach sich zog. So durften Kinogänger mit einem verschrumpelten Alien mitfiebern, das gerne seine Verwandtschaft im All über Festnetz kontaktiert hätte; man wurde Zeuge, wie ein strohblondes Kind geistreiche Dialoge mit einem krisseligen Fernsehbildschirm führte; und man konnte sich von einem bildgewaltigen Vangelis-Musikvideo mit Harrison Ford in der Hauptrolle die Netzhaut massieren lassen. Den Auftakt des Kinosommers 1982 bildete jedoch ein Klassiker, der William Shatner mit „Khaaan!“ eine weiteren Catchphrase einbrachte und durch das berühmte Genesis-Instruktionsvideo obendrein Pionierarbeit in Sachen CGI leistete: Star Trek II – Der Zorn des Khan. Eine komplett im Computer animierte Filmsequenz war bis dato noch ein Novum. Mit Tron lief einen Monat nach Star Trek II der erste Streifen in den Kinos an, der durchgehend von CGI-Effekten Gebrauch machen sollte und dieser Tage sein 35. Jubiläum feiert.

Film: Tron

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Im Gegensatz zu Star Trek II, dessen CGI-Effekte hauptsächlich in einer Schlüsselszene des Films Verwendung fanden, ist Tron ohne seine zur damaligen Zeit avantgardistische computergenerierte Vektor-Ästhetik unvorstellbar. Dabei folgt der Film einer altbewährten Fantasy-Formel und bedient sich auch sonst einer großen Bandbreite unterschiedlicher Genres, was zuvor bei Filmen wie Star Wars schon blendend funktionierte. Ein irdischer Held landet à la Zauberer von Oz in einer verwunschenen Welt, in der er mit Hilfe neugewonnener Verbündeter den bösen Zauber lüften und die Ordnung wieder herstellen muss, um wieder in die eigene Realität zurückkehren zu können. Der irdische Held heißt in unserem Fall Flynn (Jeff Bridges), ist ein ehemaliger Programmierer der Computerfirma Encom und Betreiber einer Arcade. Von Groupies gefeiert, gleicht sein Lifestyle dem eines Rockstars, der nach dem Zocken verschwitzt in sein Apartment zurückkehrt. Doch zufrieden ist er nicht. Eigentlich könnte er nämlich im Geld schwimmen, hätte Ed Dillinger (David Warner), ein ehemaliger Kollege, nicht Flynns Computerspiel „Space Paranoids“ unter seinem Namen veröffentlicht und sich so zu einem massiven Karriere-Boost verholfen. Also versucht Flynn, den Firmencomputer zu hacken, um Beweise zu finden, die Dillinger überführen. Dillingers selbstbewusstes, nach der Weltherrschaft strebendes Master-Control-Programm kommt ihm jedoch auf die Schliche und absorbiert Flynn mit Hilfe eines State-of-the-Art Lasers, eine Art umgekehrter 3D-Drucker, und lässt ihn im Computer selbst wieder materialisieren, anstatt ihn zu eliminieren – dummer Fehler!

Film: TRON

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Ben Hur meets Easy Rider auf Acid

In dieser gerasterten Science-Fantasy-Welt aus CGI-Effekten, Backlit-Animation und Matte-Paintings hat das Master-Control-Programm das Zepter in der Hand, terrorisiert anstatt Elfen und Kobolden personifizierte Bits, Bytes und Zinseszinsprogramme und zwingt diese in einem famosen Filmgenre-Clash wahlweise zu kruden Gladiatorenkämpfen, Motorradrennen oder Frisbeewerfen – Ben Hur meets Easy Rider auf Acid. Doch um dem digitalen Schlamassel zu entkommen, bekommt Flynn alsbald Unterstützung von Yori (Cindy Morgan), Ram (Dan Shor) und Tron (Bruce Boxleitner), einem prophetischen Sicherheitsprogramm mit dem Charisma einer leeren Excel-Tabelle. Letzterer ist dem Master-Control-Programm schon länger ein Dorn im Auge. Durch seinen Glauben an die Programme schreibenden User der realen Welt stellt dieser nämlich die totale Herrschaft des MCP in Frage. Und anstatt den Glauben an die User als Opium fürs Volk zu nutzen, bestreitet das MCP diesen als „törichten Aberglauben“. Tron, der Prophet, der im Namen der User kämpft; Flynn, der Retter und Erlöser aus der „realen Welt“. Gemeinsam versuchen sie nun, das System zu stürzen...

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Das Innere des Computers ist eine ganze Welt

Trotz revolutionärer Spezialeffekte zündete Tron an den Kinokassen nicht wirklich. Er spielte zwar keine Verluste ein, doch Disney zeigte sich unzufrieden. Das mag damit zu tun haben, dass E.T. noch einen Monat nach Veröffentlichung die Kinocharts anführte und alle anderen Produktionen in den Schatten stellte. Erst nach und nach erlangte Tron den Kultstatus, den er heute genießt. Als Grund werden häufig fehlende Charaktertiefe der Hauptfiguren genannt. Es ist in der Tat schwierig, der unterkühlten Spielweise Boxleitners und Co. etwas abzugewinnen, mitzufühlen, oder sich überhaupt zu fragen, ob noch jemand irgendwo auf dem Spieleraster herumgeistert. Nichtsdestotrotz punktet Tron eindeutig durch seine innovative Bildsprache; das Innere eines Computers als Welt zu konzipieren, die auch nach 35 Jahre rückwirkend nicht völlig abwegig erscheint. Mit seinem Erzählstoff bringt Regisseur Steven Lisberger außerdem schon 1982 die Frage nach der Kontrolle über die eigene, virtuelle Identität ins Spiel. Hat man sein – im Film tatsächlich wörtlich zu nehmendes – digitales Alter Ego tatsächlich im Griff? Mit zunehmendem technologischem Fortschritt können wir diese Frage immer weniger mit 'ja' beantworten, es bräuchte eine weitere Neuauflage, um dem Thema etwas mehr Raum zu geben. Ganz abwegig scheint Tron 3 (über Tron 2 schweigen wir hier einfach) laut Disney nicht zu sein. Aber ob der Film die Kinolandschaft durch einen mutigen Griff in die Trickkiste noch einmal revolutionieren könnte, steht in den Sternen.

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