Träumen Androidinnen von elektrischem Sex?

© Universal Pictures

ESSAY

Träumen Androidinnen von elektrischem Sex?


Der Traum vom künstlichen Menschen ist schon alt. Und etwas altbacken wirkt auch die Darstellung weiblicher Cyborgs und Androidinnen in Film und Buch. Anja Kümmel stellt sich die Frage, woher das kommt und ob es nicht höchste Zeit wäre, das männergemachte Bild der künstlichen Frau zu revidieren.

Welche Lebensformen könnten besser geeignet sein, um eine posthumane, postgender Welt gedanklich auszutesten, als künstliche Intelligenzen? Sollte man zumindest annehmen. Schließlich sind Robotergehirne nicht inhärent „männlich“ oder „weiblich“; nicht einmal zwischen dem Bewusstsein und dem (ziemlich willkürlich hergestellten und in vielen Formen denkbaren) Körper besteht so etwas wie ein „natürlicher“ Zusammenhang. Darüber hinaus stellt die bloße Existenz einer weiblichen Cyborg oder Androidin bereits das Gegensatzpaar Natur/Körper versus Technik/Geist in Frage, und damit auch deren geschlechtliche Konnotation.

Komisch nur, dass die Androidinnen, die uns seit Anbeginn der Kinogeschichte auf der Leinwand begegnen, nicht nur durchweg den vorherrschenden Schönheitsidealen ihrer Zeit entsprechen, sondern auch weitgehend in gängigen Geschlechterrollenklischees verhaftet bleiben. Weniger verwunderlich allerdings wird es, wenn man bedenkt, dass es beinahe ausschließlich heterosexuelle Männer sind, die als deren Konstrukteure und Programmierer auftreten. Und ebenso geschlechterbinär denkende männliche Filmproduzenten, Drehbuchautoren und Regisseure, die für diese wenig originellen Konstellationen verantwortlich zeichnen. Aber nun ja: Auch wenn das Versuchsfeld Science Fiction hier – zumindest im Mainstream-Kino – weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, erfahren wir anhand der filmischen Darstellung weiblicher Cyborgs und Androidinnen zumindest eine ganze Menge über männliche Lust- und Angstfantasien im Wandel der Zeit.

Die unnatürliche Weiblichkeit

Besonders eklatant in Fritz Langs Stummfilmepos „Metropolis“ von 1926:  Während die menschliche, christliche-angehauchte Maria Reinheit, Empathiefähigkeit und Fürsorglichkeit verkörpert, werden der Maschinen-Maria sämtliche unerwünschten weiblichen Attribute von offen ausgelebter Sexualität bis hin zu Zerstörungswut aufgeladen. Als „Hure Babylon“ bringt sie Chaos und Verderben über die Menschheit und muss schließlich – wie eine Hexe im Mittelalter – auf dem Scheiterhaufen brennen. Das sagt nicht nur eine Menge über das Frauenbild vor knapp 100 Jahren, sondern ebenso viel über das damalige Misstrauen gegenüber neuen Technologien, die in einem merkwürdigen Zirkelschluss mit einer aus dem Ruder gelaufenen, „unnatürlichen“ Weiblichkeit gleichgesetzt werden.

Bis in die 1970er Jahre hinein ändert sich in Sachen Androidinnen immerhin so viel, dass sexuelle Reize durchaus mit zum erwünschten Programm gehören – allerdings nur, solange diese sich unter männlicher Kontrolle befinden. Siehe „Die Frauen von Stepford“ (1975): Hier stößt ein nichtsahnendes Ehepaar in dem fiktiven Örtchen Stepford in Connecticut auf eine Armee ferngesteuerter Barbiepuppen, die – wie sich gegen Ende herausstellt – von ihren Ehemännern konstruiert wurden, um ihre aufmüpfigen bzw. beruflich zu erfolgreichen menschlichen Gattinnen zu ersetzen. Interessant ist hierbei, dass die nach außen hin stets lächelnden, stets adrett gekleideten Hausmütterchen mit ihrem schier unerschöpflichen Speichervorrat an Back- und Dekorezepten im ehelichen Schlafzimmer zu wahren Orgasmusmaschinen mutieren – ein Feature, das in der Filmversion von 2004 noch weitaus deutlicher wird. Die in „Metropolis“ schizoid aufgespaltene Männerfantasie der Heiligen vs. Hure hat sich nun wundersamerweise in einem Körper vereint.

Das "Basis-Lustmodell"

Ein Jahrzehnt später, mit der rapiden Weiterentwicklung der Digitalisierung und globalen Vernetzung, verwischen auch im Kino die Grenzen zwischen Mensch und Maschine zunehmend. Das Genre „Cyberpunk“ ist geboren. Um die unheimlichen Grauzonen zwischen menschlichem und künstlichem Bewusstsein geht es u. a. in „Blade Runner“ (1982) – und ebenso zentral darum, wie die unnahbar schöne Replikantin Rachael durch die Liebe zur männlichen Hauptfigur Deckard nicht nur zum Menschen, sondern zugleich zur Frau gemacht wird. Die Haare streng hochgesteckt, in steifen, schultergepolsterten Business-Kostümen, verkörpert Rachael zunächst einen so anziehenden wie abschreckenden Typus Powerfrau irgendwo zwischen 40er-Jahre Femme Fatale und 80er-Jahre Karriereweib. Erst in der Interaktion mit Deckard (tatsächlich mehr oder weniger eine Vergewaltigung – die allerdings vom Gros des Kinopublikums als „romantische“ Liebesszene aufgenommen wurde) wirkt sie mit einem Mal zart, verletzlich, gefühlvoll – kurzum: menschlich. Ein nachhaltiger Verwandlungsprozess, der sich visuell vor allem daran zeigt, dass ihr Haar nun weich und ungebändigt um ihre Schultern fließen darf. Die Message ist deutlich: Durch den heterosexuellen Liebesakt wird der frigide Roboter zur Frau. Als Deckards gefügiges Anhängsel wird Rachael den Film überleben, während ihre weniger glücklichen Kolleginnen – das „Basis-Lustmodell“ Pris sowie die athletische Burlesque-Tänzerin Zhora – ziemlich früh dran glauben müssen. Die Schicksale der beiden Abtrünnigen erinnern durchaus an das brutale Ende der Maschinen-Maria; nur dass inzwischen eine künstliche Intelligenz in Frauengestalt nicht mehr als inhärent böse angesehen wird – solange sie sich einem (menschlichen) Mann unterordnet.

Ex Machina

Etwas komplexer geht es in „Ex Machina“ aus dem Jahr 2015 zu. Zunächst scheint die künstlich erschaffene Hauptfigur Ava kaum mehr als ein Spielball zweier Männer zu sein. Auf der einen Seite der größenwahnsinnige Programmierer Nathan, der gerne als „Gottvater“ auftritt und sich ein stummes K.I.-Supermodel als Sexsklavin hält, auf der anderen der naive, einsame Caleb, der von Nathan dazu auserkoren wurde, Avas „Menschlichkeit“ zu prüfen. Um den Turing-Test (der ohnehin nie zustande kommt) geht es Nathan allerdings gar nicht, sondern um das Begehren, das Ava in Caleb auslöst. (Caleb: „Hast du sie darauf programmiert, mit mir zu flirten?“ Nathan: „Ich habe sie darauf programmiert, heterosexuell zu sein.“) Auch hier wieder ist es das romantisch-erotische Knistern zwischen Mann und (Roboter-)Frau, das als Indikator dafür herhalten muss, wie „menschlich“ letztere ist. Jedoch verpasst Regisseur Alex Garland diesem Schema eine durchaus ironische Wendung. Ava nämlich setzt ihre Flirtfähigkeit gezielt ein, um Caleb dazu zu bringen, ihr beim Ausbruch aus Nathans Gefängnis zu helfen. Und blickt man etwas tiefer, stellt im Grunde genommen die gesamte Versuchsanordnung bereits Nathans Projekt in Frage. Denn eine bessere Sexpuppe wird, sobald sie nur einen Funken menschlichen Bewusstseins erlangt, mit ihrem Dasein in (männlicher) Abhängigkeit kaum mehr zufrieden sein. Anders als in „Blade Runner” bleiben in „Ex Machina“ die stumme Kyoko und all die anderen von Nathan aussortierten Körperteile zurück, während Ava – ohne Caleb – ihren Weg in die Freiheit findet. Was die „Menschlichkeit“ der K.I. ausmacht, ist hier nicht länger Gefühl und Hingabe, sondern ein freier Wille, Entscheidungsfähigkeit und Zukunftsvisionen. Somit stellt „Ex Machina“ zumindest das Konzept einer „natürlichen“, notwendig an Heterosexualität gekoppelten Weiblichkeit in Frage. An mehreren Stellen weist der Film auf Avas „doing gender“ hin;  besonders explizit in einer Szene, in der sie alleine in ihrem Zimmer die Bilder anderer Frauen studiert, die Nathan ihr vorgelegt haben muss, um sich anhand dieser Bilder noch anziehender für Caleb zu gestalten. Was wir hier miterleben, ist eine Art Mikroversion dessen, wie Generationen junger Mädchen „zur Frau gemacht“ werden – nämlich anhand von Medienrepräsentationen (von Modezeitschriften übers Fernsehen bis hin zu Youtube) eines männlich diktierten Weiblichkeitsideals.

Bevor Ava in die Freiheit entflieht, repariert sie ihren beschädigten Körper mit den Fragmenten, die sie in Nathans makaber anmutendem Frauen-Ersatzteillager findet. Ein Akt der Emanzipation, und zugleich ein Verweis darauf, dass sie sich nur nach dem Ebenbild der Männerfantasien neu erschaffen kann, die ihre Existenz überhaupt erst ermöglichten – ein Paradox, in dem bis heute auch die meisten filmischen Darstellungen steckenbleiben.

Ein (menschliches) Bewusstsein ohne Körper sei schwer vorstellbar, so Garland. Dass Erotik/Sexualität und Körper untrennbar zusammengehören, ist da schon streitbarer (man denke z.B. an asexuelle Menschen), aber zumindest noch halbwegs nachzuvollziehen. Nur: Muss Sex zwangsläufig an binäre Geschlechterkategorien geknüpft sein? Und sich notwendig heterosexuell ausprägen?

Wirklich radikale Zukunftsentwürfe sollten sich vielleicht weniger mit der Möglichkeit einer geschlechtslosen Maschine aufhalten, als sich erst einmal zu überlegen, ob/wie ein Mensch jenseits von Geschlechtergrenzen vorstellbar wäre.

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