Jäger und Gejagte: Das Millionenspiel

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Jäger und Gejagte: Das Millionenspiel (1970)


Michael Hoh
03.09.2017

Was im Jahr 1970 über deutsche TV-Bildschirme flackerte? Das reinste Entschleunigungs-Yoga für die Augen. Von Reality-TV-Wahnsinn, Shopping-Channels und Talk-Show-Inflation keine Spur. Unschuldig saß die Familie vor dem monströsen Flimmerkasten und durfte zum ersten Mal die pomadigen Friesen der Tagesschau-Sprecher in Farbe bewundern, die Deutschen waren mit der ersten Tatort-Folge „Taxi nach Leipzig“ auf ewig vom Sonntagabendkrimi angefixt, und mit der Premiere von Drei Mal Neun wurde ein Mann mit dem eigensinnigen Namen Wim Thoelke zum Fernsehstar.

Dass die 47 Jahre, die zwischen 1970 und heute liegen, eine verdammt lange Zeit sind, merkt man nicht nur daran, dass Tatort-Fans mittlerweile über 1000 Sonntage vor der Glotze verbracht haben. Es weiß auch kein Mensch mehr weiß, wer dieser Wim Thoelke eigentlich war. Umso prophetischer wirkt deshalb aus heutiger Sicht die Verfilmung von Robert Sheckleys Kurzgeschichte Prize of Peril, die am 18. Oktober 1970 unter dem Titel Das Millionenspiel zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde – und sogar einen kleinen Skandal unter echauffierten Bundesbürgern auslöste. Doch wie kam es dazu?

Trailer: Das Millionenspiel

Darf man das denn?

Wie es Fernsehzuschauer gewohnt waren, blickte auch an diesem Abend um Punkt 20.15 Uhr eine sympathisch lächelnde Fernsehansagerin in die Kamera, um auf das folgende Programm hinzuweisen: „[Wir] begrüßen Sie zum letzten Spieltag des Millionenspiels.“ Und weiter: „Sollte der Kandidat vorzeitig den Tod finden, so erwartet Sie ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm mit vielen beliebten Künstlern.“ Ja Moment, darf man denn das? Selbstverständlich, bestätigt die Ansagerin, die den Paragraphen des „Gesetzes zur aktiven Freizeitgestaltung“ zum Nachschlagen gleich mitliefert. Oha. – Schnitt! – Ein Hotelzimmer. Ein Mann, sichtlich traumatisiert, kauert erschöpft auf dem Boden neben dem Bett. Er schaltet den Fernseher ein, aus dem besagte Ansagerin den bisherigen Verlauf des Millionenspiels verliest: Sieben Tage lang verfolgten Auftragskiller, die sogenannte Köhler-Bande (angeführt von Didi Hallervorden!), einen Spielshow-Kandidaten. Überlebt dieser den Spießrutenlauf, bei dem er auf Schritt und Tritt von 24 Kamerateams verfolgt wird, erhält er eine Million Mark. In dieser Woche heißt der Anwärter auf die Million Bernhard Lotz, der gerade noch Zeit hat, aus dem Fenster zu springen, bevor die mit Maschinengewehren bewaffneten Verfolger das Hotelzimmer stürmen.

Obwohl die Ansagerin den Gesetzestext auf das Jahr 1973 datiert, ein Zukunftsszenario also, hielten hunderte Zuschauer das Gesehene für echt und beschwerten sich beim WDR für die gezeigten Grausamkeiten. Denn das Format „Mockumentary“ war bis dato noch ein Fremdwort, und auch sonst machten es Drehbuchschreiber Wolfgang Menge und Regisseur Tom Toelle dem Zuschauer nicht einfach, Fakt von Fiktion unterscheiden zu können.

Film: Das Millionenspiel

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Die Banalisierung der Gewalt

Da wäre zum einen der Moderator des Millionenspiels, Thilo Uhlenhorst, gespielt von Dieter Thomas Heck. 1970 war dieser bereits kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nach über einem Jahr erfolgreicher Moderation der ZDF-Hitparade führte Heck nun alias Uhlenhorst durch die Sendung. In seinem typischen Stakkato-Singsang reiht er gewohnt zusammenhangslose Satzgefüge aneinander, um leere Sendeminuten zu überbrücken. Er mimt den Moderator dabei mit einer solch charmanten Skrupellosigkeit, dass man ihm den menschelnden Sermon fast abkaufen möchte, wenn er seine Sendung als Inbegriff der Nächstenliebe hochjubelt, bloß weil eine hilfsbereite Autofahrerin Lotz ein paar Meter mitfahren lässt. Um Das Millionenspiel so real wie möglich zu gestalten und die Banalisierung von Gewalt auf die Spitze zu treiben, besteht das Programm zwischen Einspielern, die den gehetzten Lotz auf der Flucht zeigen, aus heiteren Musik-Auftritten und Tanzeinlagen des obligatorischen Fernsehballetts, die man bereits aus diversen Samstagabend-Shows kannte. Eingestreut werden obendrein gezielt sexualisierten Werbefilmchen – für Potenzmittel, Antibabyspritzen oder schlankmachende „Nullpillen“ –, die man so in der damaligen TV-Landschaft aus öffentlich-rechtlichen Sendern zwar (noch) nicht gewohnt war, aber plausibel machten, in welche Richtung sich das Privatfernsehen einmal entwickeln würde.

Film: Das Millionenspiel

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Manipulation und Quotengeilheit

Menge und Toelle gehen aber noch einen Schritt weiter. Sie brechen mit den ohnehin schwierig umsetzbaren Vorgaben einer Reality-TV-Sendung und springen mit „Behind-the-Scenes“-Aufnahmen im Schneideraum noch eine Metaebene höher. Hier wird einerseits das Spielgeschehen kommentiert: „Der quatscht wieder ein Blech zusammen,“ wird Uhlenhorst kritisiert, während auf einem der vielen TVs die Produzenten eine intellektuelle Talkrunde über Das Millionenspiel laufen lassen.

Andererseits wird im Schneideraum die Manipulationskraft und Quotengeilheit der TV-Macher deutlich, wie sie jüngst auch die TV-Serie Unreal ins Visier nahm. Wenn es dramaturgisch passt, werden Lotz Helfer vorbeigeschickt, die ihm vor den Köhlers in Schutz nehmen, oder er wird ans Messer geliefert: „Wenn er schon draufgehen muss, locken sie in wenigstens ans Fenster.” Von den Produzenten der Show gezielt ausgenutzt wird dabei natürlich der soziale Erfolgsdruck des unterforderten „kleinen Mannes“, in diesem Fall Lotz, mit dem Versprechen, versäumte Lorbeeren durch eine steile TV-Karriere auszugleichen – raus aus der Anonymität, rein in die Celebrity-Maschinerie. Da schreckt auch eine vom Sender prophezeite Überlebensrate von 8,3 Prozent nicht ab. In der Tat, auch während Lotz sich einmal wieder vor den Köhlers in Sicherheit bringen muss, freut er sich über die Aufmerksamkeit der Kameras. Er lächelt gar, sobald sie auf ihn gerichtet sind. Rückblenden zeigen: Den schnellen Ruhm, den er sich mit Auftritten in diversen Shows erspielt hat, steht dem Casting-Zirkus von Germany's Next Top Model oder Deutschland sucht den Superstar in nichts nach – auch wenn durch Dieter Bohlen vergrämte Teenager nach verpatzter Singerei glücklicherweise nur mental am Galgen hängen.

Film: Das Millionenspiel

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„Ich dachte, der wäre längst tot …“

Darüber hinaus werfen Menge und Toelle einen differenzierten Blick auf das Phänomen Zuschauer. Anonymität und Passivität sind im Studio, wie vor den heimischen Bildschirmen aufgehoben. Sie werden ebenfalls zum Spielball der Produzenten und tragen eine maßgeblichen Teil zum Ausgang der Menschenjagd bei, wenn sie nicht als Voyeure am Spielfeldrand stehen. Sie sind aktive Strippenzieher, ergreifen wahlweise Partei für Lotz oder die Köhlers, spenden Essen oder Rauchbomben, gewähren Unterschlupf oder verraten den Gejagten. Und warum? „Aus Gerechtigkeit,“ behauptet ein Zimmermädchen, das den Köhlers einen Tipp gegeben hat. „Alle helfen immer dem, der da gejagt wird. Die anderen sind immer die Dummen. Ich muss auch arbeiten, ich weiß, wie das ist.” Aussagen von Passanten auf der Straße zeigen obendrein ein gespaltenes Meinungsbild: wohlwollende Zustimmung („find ich spannend“), Gleichgültigkeit („ich dachte, der wäre längst tot“) und rigorose Ablehnung. Kontroverse Emotionen, die nur noch Uhlenhorsts Geplänkel mit der Mutter von Lotz übertreffen. Diese darf stolz und mit Blumen beschenkt in der ersten Reihe Platz nehmen, um die eventuell bevorstehende Hinrichtung ihres Sohnes zu verfolgen.

Dass Menschen ihr Leben für ein bisschen Celebrity-Glamour aufs Spiel setzen, ist nicht neu. Man denke nur an Samuel Kochs Unfall bei Wetten dass...? oder an den australischen Tierfilmer Steve Irwin, der bei Dreharbeiten ums Leben kam. Auch 1970 war die Bereitschaft zur Selbstaufgabe für ein bisschen Ruhm in der Bevölkerung schon vorhanden. 40 Personen sollen sich, nachdem sie Das Millionenspiel im Fernsehen gesehen hatten, für die nächste Ausgabe der Reality-TV-Show beworben haben. Wie viele wären es wohl heute? 40, oder gar 400? Und wären wir auf der Seite von Lotz oder der Köhlers? Denn was gäbe es schon Reelleres als den Tod vor laufender Kamera live miterleben zu dürfen?

Über den Autor


Michael Hoh studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in Mannheim und San Francisco. Heute lebt er als freier Übersetzer und Journalist in Berlin, füllt u.a. die Musikseiten des englischsprachigen Stadtmagazins Exberliner und schreibt über Computerspiele für Giga Games.

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