Jodie Whittaker ist "der" neue Doctor

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FILM

"Oh Gott, Doctor Who wird zur Frau!"


Lars Schmeink
18.07.2017

Nach 55 Jahre ist es endlich passiert: Der Doctor ist als Frau regeneriert. Für die meisten Fans (besonders die, die mit dem "grumpy old man" Peter Capaldi nicht klarkamen) ist das ein Grund zur Freude. Andere trauern um die verlorene Männlichkeit ihres Helden. Warum nur? 

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Es ist schon verwunderlich, wie groß der Widerstand männlicher Fans sein kann, wenn es darum geht, der Idee ein wenig Raum zu geben, dass auch Frauen in die fantastischen Welten der großen Franchises gehören. Angesichts der Nominierung von Jodie Whittaker als 13tem Doctor Who war aber wohl abzusehen, dass einige in ihrem Fandom verletzte Männergruppen zum Protest auflaufen würden.   

„Ich glaube, die Idee eines weiblichen Doctors ist geradezu monströs“, schrieb ein Zuschauer per Leserbrief an die Zeitung und drohte mit einer Petition – das war bereits 1980, als die Idee zum ersten Mal auf dem Tisch lag und von der BBC diskutiert wurde. Der Aufruhr war damals wie heute derselbe, nur dass wir zum Glück ein wenig weiter sind und heutige Petitionen weniger als 500 Unterstützer erhalten. Dass es aber seit 1980 bis heute gedauert hat, um Doctor Who einen Genderswap zu verpassen, ist ein Zeichen dafür, wie effektiv die Dominanzhaltung der Männer in den Führungsetagen noch ist.  

Superman and Batman, take this!

In den letzten Jahren zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass die Fantastik kein rein männliches Feld ist und dass Frauen einen riesigen Markt bieten, den man nicht ignorieren sollte. Disney etwa räumte bei Star Wars auf und ließ das Franchise gleich zweimal von Frauen anführen - mit Rey (Daisy Ridley) und Jyn (Felicity Jones) ist die neue Generation der Rebellen eindeutig weiblich. Sony wagte ein Remake des Klassikers Ghostbusters, in dem vier weibliche Geisterjäger New York retten und zeigte damit, dass auch Ensemble-Filme ohne Männer funktionieren (siehe dazu auch den für nächstes Jahr angekündigten Ocean’s Eight). Und mit Imperator Furiosa (Charlize Theron) inszenierte George Miller eine so starke Figur, dass Max Rockatansky in seinem eigenen Film Mad Max: Fury Road neben ihr blass wirkte. Über Wonder Woman und deren Wirkung auf junge Frauen, wie auch den herausragenden Erfolg des Films („Superman and Batman, take this!“) habe ich mich ja an anderer Stelle bereits ausgelassen.   

Wenn man dann aber die Reaktionen aus Teilen des männlichen Fandoms sieht, kann man nur ratlos den Kopf schütteln. Da wird zum Boykott der Filme und Serien aufgerufen, Trailer werden in Schmierenkampagnen mit negativen Votes versehen, die Darstellerinnen werden mit misogynen Sprüchen bedacht und jede Menge Petitionen gestartet. Doch was ist eigentlich der Grund für all diesen Aufruhr?

Eine Frage der Männlichkeit

Da sind die emotionalen Kampagnen mit der Behauptung, dass hier traditionelle Werte und damit in der Revision zugleich die eigene Kindheit quasi gleich mit zerstört würden. Als ob die alten Star Wars-Filme durch die neueren Episoden irgendwas an Nostalgie und persönlichem Wert verloren hätten oder dies durch den veränderten Fokus in der aktuellen Reihe wohlmöglich passieren könnte. Die alten Filme mit allen ihren Erinnerungen und emotionalen Anbindungen bleiben bestehen und auch ein Remake ändert daran nichts. Einzig für jüngere Generationen, die ein Franchise überhaupt erst kennenlernen, ist der neue Fokus spürbar. Und wenn wir Jar-Jar Binks (und den unterschwelligen Rassismus dieser Darstellung) überlebt haben und nicht direkt aus dem Kino gerannt sind, dann werden neue Star Wars-Fans eine weibliche Hauptfigur und eine Infragestellung männlicher Überlegenheit sicher ohne Probleme verkraften. Es geht doch schließlich um den Kampf gegen unterdrückende Systeme und ungerechte Behandlung durch die Mächtigen – da ist die weibliche Perspektive emotional eindeutig geeignet, eine Bindung zu liefern.

Natürlich bedeutet dies für Männer, sich auf einmal in die Position von Frauen einfühlen zu müssen und diese als Rollenmodelle anzunehmen. Ist das der Grund für die Aufregung? Kann ein Mann in seiner Identität sicher sein, wenn Frauen die starken und beschützenden Rollen übernehmen? Steht hier vielleicht gar die Männlichkeit an sich in Frage? Auf einmal fällt auch Männern wieder die Argumentation von Repräsentation als wichtigem Identitätsfaktor ein, wo Mann bisher noch behauptet hat, das sei alles feministischer Quatsch. Denn plötzlich (in umgekehrter Situation) wird deutlich, dass wir bisher viel zu häufig die Hälfte der Bevölkerung ohne solche Rollenmodelle in unseren fiktionalen Darstellungen haben auskommen lassen – mit einigen wenigen Ausnahmen wie Buffy Summers oder Captain Janeway. Im Gros aber sind Frauen in Film und Fernsehen weit weniger präsent, vor allem, wenn es um aktive, entscheidende Positionen geht. Nicht umsonst hat eine aktuelle Studie wieder bewiesen, dass Frauen im Fernsehen unterrepräsentiert sind und meist eine fürsorgliche Rolle (Krankenschwester, Lehrerin, Nonne, Mutter, etc.) haben. Es bleibt zu hoffen, dass Jodie Whittaker dieser Disproportion als neuer Doctor entgegenwirken kann und nicht, wie ein Twitter-Meme prognostiziert erst mal dem Stereotyp entrinnen muss: „Nurse Who?“

Nurse Who?

Ein Argument aber, das auch jetzt wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt wird, ist das einer Authentizität gegenüber einem vermeintlichen Original oder einer Vorlage – so dass eben aus dem Timelord der 1960er Jahre-Show im Jahr 2017 und für alle Ewigkeit niemals eine „Timelady“ werden kann und darf. Und das, obwohl die Zuschauer sich schon zwei Staffeln lang mit dem Master als Mistress anfreunden durften. Ähnliche Diskussionen führt man seit Jahren gerne im Fandom – sei es beim Casting eines schwarzen Schauspielers für vermeintlich weiße Rollen wie Heimdall oder Johnny Storm, oder dem Wechsel des Genders für Figuren wie Thor (in den Comics) oder M (in den James Bond-Filmen). Als ob sich die Realität mittels fiktionaler Produkte auf ewig im ach so wundervollen Gestern konservieren ließe.

Dabei ist das alles gar nicht nötig und gar nicht wichtig. Es geht niemandem etwas verloren, wenn wir eine fiktionale Repräsentation dafür finden, wie bunt und vielseitig unsere Gesellschaft heutzutage sein kann. Ein weiblicher Doctor Who ist ein richtiger und wichtiger Schritt dabei, aber sicher nicht der letzte, den wir gehen müssen: Ein Doctor-Who-of-Color wäre schön, vielleicht eine weibliche, indische Doctor Who? Warum auch nicht, sind doch gerade im ehemaligen Empire der Briten oder im amerikanischen Schmelztiegel so viele verschiedene reale Variationen zu finden. Und dass es geht, beweist uns hoffentlich bald Star Trek: Discovery, wenn Sonequa Martin-Green und Michelle Yeoh sich das Kommando der USS Shenzou teilen werden. Aber vermutlich wird es dann auch, bei so viel feministischer Diversität, wieder Proteste und Boykotte regnen. Egal, Hauptsache es geht weiter auf dem Weg zu mehr Vielfalt.

Und für die, denen das nicht gefällt, gibt es jetzt immerhin die passende Helpline:

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