Heldinnen vor und hinter der Kamera

© Warner Bros.

ESSAY

Frauen vor und hinter der Kamera: Wie viel Gleichberechtigung gibt es in der Blockbuster-Filmproduktion?


Lena Richter
30.06.2017

Wonder Woman: Der erste Superhelden-Film mit einer Frau in der Hauptrolle; der erste mit einer Frau als Regisseurin; vielleicht auch der erste Schritt auf dem Weg zu einem diverseren Hollywood, in dem auch Frauen Actionfilme drehen und regelmäßig die Hauptrolle der Superheldin spielen?

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Superheldenfilme hielt das Kinoprogramm der letzten Jahre reichlich bereit. Ob idealistische Soldaten wie Captain America, technisch aufgerüstete Milliardäre wie Batman oder Iron Man oder durchgeknallte Weltraumcowboys wie Star Lord – vermeintlich ist die Palette recht breit. Solange der Superheld ein Mann ist – ebenso wie der Regisseur des Films, der Drehbuchautor, der Soundtrackkomponist …

Nun ist mit Wonder Woman nicht nur der erste Film mit einer Superheldin in der Hauptrolle erschienen, sondern auch der erste Superheroblockbuster, bei dem eine Frau Regie geführt hat. Insgesamt ist das übrigens das zweite Mal in der Filmgeschichte, dass eine Frau ein Budget von über 100 Millionen USD zur Verfügung hatte, in diesem Fall nämlich 149 Millionen. Und der Erfolg gibt dem Film Recht: Bereits am ersten Wochenende spielte er 100 Millionen Dollar ein. Inzwischen sind es, nach dem Kinostart in weiteren Ländern, 573 Millionen Dollar. Währenddessen kommt man kaum an einer Kritik zu Wonder Woman vorbei, ohne dass auch explizit die weibliche Titelheldin und die Regisseurin erwähnt werden. Da muss man sich doch, in Zeiten angeblicher Gleichberechtigung fragen: Hat Hollywood wirklich so eine geringe Frauenquote? Warum ist das so? Und: Ändert sich das jetzt?

Action Heroines

Die gute Nachricht: Bereits vor Wonder Woman gab es sie, die Frauen, die in Hollywood Actionfilme drehten. Die schlechte Nachricht: Es sind wirklich so wenige, dass man sie hier fast erschöpfend aufzählen kann. Der Katastrophenfilm Deep Impact zum Beispiel hatte mit Mimi Leder eine Frau auf dem Regiestuhl sitzen. Mit dem im Kino gefloppten, unter Fans jedoch später zum Kultfilm erklärten Punisher – War Zone lieferte Lexi Alexander (die auch als Regisseurin von Wonder Woman im Gespräch war) bereits im Jahr 2008 den ersten von einer Frau gedrehten Comicstreifen ab, der noch dazu der erste Superheldenfilm mit R-Rating war. Doch der Film wurde vom Studio nicht wirklich vermarktet, versagte an den Kinokassen und führte dazu, dass die Regisseurin sich letztendlich von Hollywood abwandte. Mit der Zeichentrick-Verfilmung Æon Flux reiht sich auch Karyn Kusama in die Reihe der Frauen ein, die sich an einem SciFi-Actionfilm mit weiblicher Hauptrolle versuchten. Auch dieser Film ist jetzt nicht unbedingt unter den Top 10 der Actionfilme – was auch am Studio liegen mag, das im Schnittprozess den Film vollkommen umschrieb. (Gut, das kann auch Männern passieren, so wie zuletzt Zack Snyder mit Suicide Squad.) Wer Actionfilme von Frauen sagt, muss gleichzeitig natürlich auch Kathryn Bigelow sagen. Diese ist nicht nur für Zero Dark Thirty, den Thriller um die Ergreifung Osama bin Ladens, verantwortlich, sondern gewann für den Film The Hurt Locker zudem einen Oscar für ihre Regie – den ersten und bislang einzigen, den eine Frau je bekam. Und apropos Oscar: Hier schließt sich der Kreis zurück zu Patty Jenkins, die mit dem von ihr geschriebenen und gedrehten Film Monster Charlize Theron die begehrte Trophäe als beste Hauptdarstellerin bescherte.

Natürlich gibt es noch weitere Regisseurinnen; diejenigen, die Hollywood-Actionstreifen gedreht haben, sind hiermit aber vermutlich halbwegs vollständig genannt. Insgesamt sieht die Statistik von Frauen in Hollywood jedenfalls verdammt düster aus: Die 100 erfolgreichsten Filme des Jahres 2016 kommen nur auf 4 % Frauen auf dem Regiestuhl und ebenfalls magere 11 % an von Frauen verfassten Drehbüchern. Dabei sind diese Zahlen, trotz der seit Jahren geführten Genderdebatten und Rufen nach mehr Diversität, sogar noch 2 % rückläufig im Vergleich zu 2015.

Trailer: Aeon Flux

Von Country Clubs und Movie Jails

Hollywood ist natürlich schon generell ein hartes Pflaster, in dem keiner einem unbekannten Regisseur einfach mal Millionen von Dollar in die Hand drückt, um einen Film zu produzieren. Jedoch scheint es so zu sein, dass Frauen es noch viel schwerer haben, in der Filmindustrie Fuß zu fassen. So bemängelt beispielsweise Lexi Alexander in einem Interview die Country-Club-Mentalität der Branche, in der Jobs vor allem durch Beziehungen vermittelt werden. Und hierbei, so führt sie weiter aus, suchen sich die meisten Regisseure einen Protegé, der sie an sich selbst erinnert: also den nächsten weißen Mann. Auch Patty Jenkins berichtet von ähnlichen Erfahrungen: „Wenn das Zielpublikum männliche Teenager sind, dann ist ein erwachsener männlicher Teenager die erste und offensichtliche Wahl, um die Geschichte zu schreiben und Regie zu führen.” Außerdem scheinen Misserfolge an männlichen Filmemachern leichter abzuprallen: Trotz der eher durchwachsenen Kritiken an Man of Steel und den zahlreichen Verrissen des ersten DC-Ensemble-Films Batman vs. Superman dreht Zack Snyder selbstverständlich auch den nächsten Blockbuster fürs DCEU. Lexi Alexander und Karyn Kusama wanderten nach den eher gefloppten Actionstreifen (Punisher – War Zone und Æon Flux) hingegen ins sogenannte Director‘s Jail/Movie Jail, ein Begriff, der ausdrückt, dass man einen schlechten Film gemacht hat und aus diesem Grund keine neuen Aufträge mehr bekommt. „So was trifft Frauen und People of Color so viel härter“, führt Lexi Alexander aus. „Für Männer bedeutet Movie Jail, dass sie vielleicht ein paar Jahre weg vom Fenster sind oder zwischendurch einen Young-Adult-Film machen. Für Frauen und People of Color ist es meist das Ende der Karriere“.

Generell sind Studios offenbar selten bereit, ein großes Budget in weibliche Hände zu geben. Eine Frau als Regisseurin scheint für die Studios und die dahinter stehenden Banken immer noch ein Risiko darzustellen. So berichtet Patty Jenkins dem Spiegel, dass sie sich auch nach 17 Jahren Berufserfahrung noch mehr beweisen muss als so mancher Regisseur, der zum ersten Mal mit einem großen Budget drehen darf. Außerdem vertrauen die Hollywood-Studios dieses große Budget eher einem männlichen Newcomer als einer Frau mit Erfahrung an. Abhilfe versucht da das Netzwerk Alliance of Women Directors (AWD) zu schaffen, welches im April 2016 auch zum ersten Mal eigene Awards verlieh. Doch auch wenn Jobangebote vorhanden sind, sind die Arbeitsbedingungen in Hollywood und der monatelange Zeitaufwand für die Dreharbeiten nicht immer mit der sonstigen Lebensplanung vereinbar – so stellte Jenkins ihre Karriere erst einmal hinten an, weil sie ein Kind bekam und sich das nicht mit dem Arbeitspensum vereinbaren ließ. 

 

Trailer: Punisher - War Zone

Die Frau als Politikum

Wenn man sich die Interviews mit Regisseurinnen und die Berichte über Wonder Woman anschaut, stellt man schnell fest, dass Frauen in Hollywood immer noch als Exoten zählen. In fast jedem Review von Wonder Woman wird erwähnt, dass zum ersten Mal eine Frau Regie geführt hat, und in beinahe jedem Interview ist der Umgang mit Frauen in der Branche ein großes Thema. Im Gegenzug habe ich noch nie jemals gelesen, dass Zack Snyder oder Christopher Nolan gefragt wurden, wie es denn so war, als Mann einen Film zu drehen. Hier zeigt sich wieder, dass auch hinter der Kamera der Mann noch die Norm ist, von der man ausgeht, während Frauen in der Rolle der Regisseurin, Produzentin oder Drehbuchautorin automatisch etwas Besonderes sind. Gerade wenn die  Filme dann noch Erfolg haben, mischt sich oft der Vorwurf hinein, dass die Entscheidung des Studios „ein unnötiges politisches Statement“ gewesen sei oder dass der Film zwar ganz nett sei, aber nur so gut ankomme, weil eine gutaussehende Frau ihn gemacht habe (wie es der Schriftsteller Bret Easton Ellis über den Regie-Oscar für Kathryn Bigelow behauptete). Generell scheint leider immer noch die Meinung verbreitet zu sein, die Besetzung eines Postens mit einer Frau geschehe nicht wegen der Eignung, sondern zur Erfüllung einer Quote oder als Statement zur Genderdebatte. Dessen war sich auch Wonder Woman-Regisseurin Patty Jenkins bewusst: „Was auch immer ich hier mache, es könnte dafür sorgen, dass ich die [weibliche] Hälfte aller aufstrebenden Regisseure demontiere“, sagte sie in einem Interview kurz vor Kinostart. „Das ist schon ganz schön viel. Ich bin sehr dankbar, dass ich es bin, die diese seltene Chance hat, aber man darf da gar nicht zu viel drüber nachdenken.“

Trailer: Wonder Woman

Und was läuft im Fernsehen?

Schaut man sich Superheldenfilme an, so hat man im Kino bisher nur Wonder Woman als weibliche Titelheldin. Auf dem kleinen Bildschirm, also den Fernsehproduktionen, sieht es da schon etwas besser aus. Mit Supergirl, Jessica Jones und Marvel‘s Agent Carter gab es bereits drei Serien, deren titelgebende Helden weiblich sind. Im Fall von Jessica Jones gibt es dazu auch eine weibliche Showrunnerin. Melissa Rosenberg, die zuvor alle fünf Twilight-Drehbücher schrieb (während nur einer von fünf Filmen eine Frau als Regisseurin hatte) und bei Dexter als Autorin und Produzentin tätig war, war an der Entwicklung der Serie maßgeblich beteiligt. Und während die erste Staffel es nur auf drei Frauen unter neun Regisseuren bringt, soll die zweite Staffel komplett von Regisseurinnen gedreht werden. Melissa Rosenberg ist gleichzeitig auch Mitgründerin von Tall Girls, eine Produktionsfirma, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mehr Frauen vor und hinter die Kamera zu bekommen.

Trailer: Marvel's Agent Carter

Auch Lexi Alexander ist inzwischen beim Fernsehen angekommen, nachdem sie von Showrunner Andrew Kreisberg für den Dreh einer Folge Arrow angeheuert wurde. Dies geschah wohl tatsächlich auf eine Initiative von Greg Berlanti, einem der Hauptverantwortlichen für das Arrowverse, hin, der angestoßen durch die Debatten um mehr Diversität seine Showrunner aufforderte, sich um mehr Abwechslung bei den Beteiligten hinter der Kamera zu bemühen. Dafür erhielt er 2016 auch einen der oben genannten AWD-Awards. Inzwischen ist Alexander an diversen Serien beteiligt, unter anderem Supergirl. Auf die Frage, ob sie wieder nach Hollywood zurück möchte, entgegnet sie: „Das ist, als ob ich jetzt endlich in die Umkleide des Footballteams darf – als ob ich zurück in diesen verschwitzen, stinkenden, von Flüchen durchzogenen Raum will. Es ist keine sichere Umgebung und keine gute Umgebung für Frauen. Das war es nie. Und deswegen gehen die Zahlen von Frauen in Hollywood weiter zurück. Sie wollen uns nicht – aber viele von uns wollen sie auch nicht mehr.“

Beim Thema Serien ist an dieser Stelle natürlich auch noch Michelle MacLaren zu erwähnen, die bei gefühlt jeder hochkarätigen Serie der letzten fünf Jahre (Breaking Bad, Better Call Saul, The Walking Dead, Game of Thrones, Westworld) in mindestens einer Folge Regie geführt hat. Auch sie war übrigens als Regisseurin für Wonder Woman im Gespräch, wurde sich dann aber mit dem Studio nicht einig und übergab an Patty Jenkins.

Doch auch wenn hier mehr erfolgreiche Regisseurinnen und Showrunnerinnen verzeichnet werden können, machen auch bei den Fernsehnetzwerken die Frauen nur einen Anteil von 27 % der für die Produktion verantwortlichen Personen aus. Das ist zwar besser als bei Hollywoodfilmen, von Gleichberechtigung kann man aber auch hier noch lange nicht sprechen.

Trailer: Supergirl

Ende gut, alles gut?

Ist Wonder Woman und sein großer Erfolg nun also die Wende für Hollywood und wir können uns über massenhaft weibliche Heldinnen und Frauen hinter der Kamera freuen? Wohl kaum. In Anbetracht der bisher winzigen Anteile von weiblichen Regisseurinnen, Kamerafrauen, Drehbuchautorinnen und Cutterinnen ist der Weg sicherlich noch weit. Von Filmkomponistinnen übrigens ganz zu schweigen – bei denen liegt die Anzahl der Frauen mit 3 % nochmal um 1 % niedriger als bei den Regisseurinnen (auch wenn immerhin das Wonder Woman-Thema von einer Frau komponiert wurde, wie in diesem Video wunderbar erklärt wird). Zudem ist auch das Drehbuch zu Wonder Woman von einem Mann (nämlich Allan Heinberg) verfasst worden, auch die Grundidee für die Story stammte von Zack Snyder, Allan Heinberg und Jason Fuchs.

Doch immerhin sind bereits jetzt einige Superheldinnenfilme angekündigt. Während beim Batgirl-Film, der von DC in Auftrag gegeben wurde, wieder nur Männer beteiligt sind (Regie führt Joss Whedon, das Drehbuch ist von Bill Finger und Sheldon Moldoff), wird für Captain Marvel mit Brie Larson in der Hauptrolle zumindest ein männlich-weibliches Duo Regie führen, nämlich Anna Boden und Ryan Fleck (beide bekannt vor allem für den Film Half Nelson mit Ryan Gosling). Und für Black and Silver, eine Adaption rund um die Marvel-Charaktere Silver Sable und Black Cat, wurde auch erstmals eine farbige Frau mit der Regie beauftragt. Hier wird Gina Prince-Bythewood, die auch für die Pilotfolge der für 2018 angekündigten Serie Marvel’s Cloak and Dagger verantwortlich ist, auf dem Regiestuhl Platz nehmen.

Ob auch diese Filme gelingen und ob sie vom Publikum gut angenommen werden, wird erst die Zukunft zeigen. Zumindest hat Wonder Woman jetzt einen fulminanten Start hingelegt und ist hoffentlich nur der erste Schritt auf dem Weg zu einem gleichberechtigen, diversen Hollywood mit vielen fantastischen Helden und Heldinnen – vor und hinter der Kamera.

Kennt ihr noch mehr Regisseurinnen, die ich schmählich vergessen habe? Welche Superheldin würdet ihr gerne im Kino sehen? Und was wollt ihr zum Artikel sonst noch loswerden? Schreibt es in die Kommentare.

Über die Autorin

Lena Richter wuchs in einem sehr fantasielosen Dorf im wilden Osten auf und versucht die mangelnde Fantastik ihrer Jugendjahre nun durch Vollblutnerdtum zu kompensieren. Das tut sie nicht nur durch den Konsum vieler fantastischer Serien, Filme und Bücher, sondern auch beim Rollenspiel. Sie schreibt nicht nur hier, sondern auch auf ihrem Blog. Seit Sommer 2018 betreibt sie zusammen mit Judith Vogt den Genderswapped Podcast.

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