Der Dunkle Kristall

Nicht nur für leidenschaftliche Jim-Henson-Fans ist es ein Grund zur Freude: Vor kurzem hat Netflix ein Prequel zum Fantasyklassiker Der dunkle Kristall angekündigt. Grund genug, sich noch einmal das atmosphärische Original aus dem Jahr 1982 anzuschauen.


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Das Genre des Fantasy-Films hat immer wieder nicht nur eigenwillige Geschichten hervorgebracht, sondern auch eigenwillige Produktionen. Man denke hier beispielsweise an die 3D-Monsterfilme der 50er Jahre, die nur mit Rot/Grün-Brille zu genießen waren – und ich verwende den Begriff „genießen“ hier sehr großzügig. Oder an den Herr der Ringe-Film von Ralph Bakshi, der mit echten Schauspielern gedreht wurde, die danach übermalt wurden, um einen Zeichentrickfilm mit wahrhaftig ungewöhnlicher Ästhetik zu schaffen.

Auch der Film Der Dunkle Kristall von Jim Henson aus dem Jahr 1982 fällt in diese Kategorie, denn es handelt sich – beim Schöpfer der Muppets und Yoda kaum überraschend – um ein Fantasy-Märchen in Spielfilmlänge, in dem ausschließlich Puppen als Protagonisten auftreten. Allerdings hat der Film mit einer Sendung der Augsburger Puppenkiste rein gar nichts gemeinsam, denn zum einen wurde tatsächlich auf riesigen Sets und sogar in freier Natur gedreht, zum anderen sind die Puppen hier doch um einiges komplexer. In vielen von ihnen, etwa den finsteren Skeksen oder den sanftmütigen Uru steckten menschliche Körperdarsteller drin, die allerdings durch mehrere Puppenspieler unterstützt wurden, die für verschiedene Teile der animatronisch gesteuerten Geschöpfe – etwa die Augen oder die Mimik – verantwortlich waren. (Es existiert eine sehenswerte, ca. 45-minütige Dokumentation namens The World of the Dark Crystal, die demonstriert, wie aufwändig die Dreharbeiten zu Der Dunkle Kristall waren.)

Dabei fallen nicht nur die Geschöpfe des Films auf – viele von ihnen inspiriert durch die märchenhaften Zeichnungen des britischen Fantasy-Künstlers Brian Froud, der auch als Konzeptdesigner am Film mitwirkte. Auch die Kulissen wirken regelrecht fantastisch und sind von einer exzentrischen Detailfreude, die davon zeugt, wie viele Gedanken sich Henson und seine Mitstreiter, darunter auch Co-Regisseur Frank „Yoda“ Oz und Produzent Gary Kurtz, gemacht haben. Tatsächlich entstanden die Welt und ihre Bewohner zuerst, wie Kurtz erzählt. Erst danach wurde die Geschichte entwickelt, eine eher ungewöhnliche Methode für einen Film.

Die Story ist vielleicht auch der schwächste Part des Ganzen. Vor Ewigkeiten verlor ein magischer Kristall im Herzen der Welt Thra sein Licht, denn ein Splitter von ihm wurde entfernt und verschwand. Der Kristall wurde dunkel und die bösartigen Skekse – von Henson & Co übrigens an die sieben Todsünden angelehnt – übernahmen die Herrschaft. Nach vielen Konflikten sind nur noch zehn Skekse und zehn Uru, weise, gutmütige Mystiker und die Gegner der Skekse, übrig. Unter den Mystikern lebt außerdem der junge Gelfling Jen, scheinbar der letzte seiner Art. Ihm wird eines Tages von seinem sterbenden Meister die Aufgabe übertragen, loszuziehen und den verlorenen Splitter zu finden, bevor eine große Konjunktion der drei Sonnen das Land ein für alle Mal in die Finsternis stürzt. Auf seiner Heldenreise lernt Jen kuriose Freunde, gefährliche Feinde und das Gelfling-Mädchen Kira kennen, bevor es in der Festung der Skekse zum krachenden Showdown kommt.

Man sieht: Das ist nun wirklich Abenteuererzählen aus dem Grundkurs für Autoren. Eine Heldenreise mit den typischen Elementen wie sie klassischer kaum sein könnte (Das Buch The Hero with a Thousand Faces von Joseph Campbell lässt grüßen, in den 70ern und 80er unter jungen Filmemachern offenbar sehr beliebt.) Doch darum geht es in Der Dunkle Kristall auch gar nicht, zumindest nicht primär. Der Film ist ein Märchen im besten Wortsinne und er zieht seinen ganzen zauberhaften Charme aus der Gestaltungsfreude der Designer bei der Jim Henson Company. Wenn die Kamera vor einem exotischen Urwald vorbeizieht und in jeder Ecke ein knuffiges oder bizarres Geschöpf aus dem Gras, einem Tümpel oder dem Loch in einem Baumstamm hervorlugt, dann zaubert das dem Zuschauer wie von selbst ein staunendes Lächeln auf die Lippen.

Ich will nicht lügen. Natürlich vermag CGI heute viel mehr als die Puppenspieler von damals zustande brachten. Wem der nostalgische Blick fehlt, der wird vermutlich einiges ungelenk und „künstlich“ finden, Tricktechnik von gestern eben. Echte Kenner jedoch wissen um den Kultstatus, den Der Dunkle Kristall genießt, und dass gerade das Unperfekte, aber hemmungslos Phantastische den Film so liebenswert macht.

The Dark Crystal: Age of Resistance | Teaser | Netflix

Oh, habe ich es schon erwähnt? Netflix wird demnächst übrigens, passend zum 35. Geburtstag des Films, eine Serie mit dem Namen The Dark Crystal: Age of Resistance herausbringen. Und, ja, es werden wieder Puppen die Hauptrolle haben. Die Serie soll zehn Episoden umfassen und ein Prequel zu Der Dunkle Kristall sein, in dem es um drei Gelflinge geht, die hinter das schreckliche Geheimnis der Macht der Skekse kommen und sich auf eine epische Reise begeben, um eine Rebellion gegen die Ungeheuer anzufachen. Natürlich übernimmt die Jim Henson Company erneut die Produktion.

Und wem das immer noch nicht genug ist, der möge einen Blick auf die bereits erschienenen beziehungsweise geplanten Comics zu The Dark Crystal werden. So existiert eine Prequel-Trilogie unter dem Titel Creation Myths, die sich mit dem Ursprung der Skekse, Mystiker und Gelflinge beschäftigt. Und brandneu kommt gerade Power of the Dark Crystal heraus, eine Fortsetzung zum ursprünglichen Film. Außerdem wurden und werden gleich mehrere Kinderbücher in diesem Jahr veröffentlicht, etwa Jim Henson’s Dark Crystal Tales, Shadows of the Dark Crystal und Song of the Dark Crystal. 2017 scheint wahrhaftig das Jahr zu sein, in dem Der Dunkle Kristall seine machtvolle Rückkehr feiert.

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