„Ist es kalt hier drin oder bin ich das?“ – Der „Demolition Man“ sendet sanfte Grüße

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„Ist es kalt hier drin oder bin ich das?“ – Der „Demolition Man“ sendet sanfte Grüße


Silvester Stallone war in den 80ern und 90ern einer der beiden wichtigsten Stützpfeiler für testosterongesättigte Kinounterhaltung. Neben Arnold Schwarzenegger, der den Predator zur Selbstzerstörung nötigte und Thulsa Doom den Kopf von den Schultern hackte, war „Sly“ Stallone, diese andere Kante, die uns erklärte, was blaues Licht ist und ansonsten gerne mal mit verbeulter Visage nach einer gewissen Adrian schrie.

Silvester und Arnold. Stallone und Schwarzenegger. Die beiden routinierten Muskelpakete, die ihre Konkurrenz als Hollywoods Action-Held Nummer 1 teilweise bis ins Komische zelebrierten, standen mit ihren Namen für feurige Explosionen, knackige Sprüche und befriedigende Showdowns. Es waren damals simplere Zeiten. Ihre Filme schlitterten häufig mit durchdrehenden Reifen am Abgrund des guten Geschmacks vorbei, doch alles hatte irgendwie trotzdem seinen Charme.

Heute möchte ich über eine gerne vergessene Science-Fiction-Perle von Silvester Stallone schreiben, mit der unser Lieblings-Schiefmund seinerzeit wieder ein paar Punkte beim Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Beule von Österreich gut machen konnte.

Denn als meine Finger neulich in zärtlicher Bewunderung über die Action-Blockbuster meiner DVD-Sammlung glitten, viel mir Marco Brambillas Demolition Man von 1993 mit Silvester Stallone und Wesley Snipes in die Hände. Den hatte ich ja schon ewig nicht mehr angeschaut! Würde ich ihm nach einem Rewatch den Stempel „Test der Zeit bestanden“ verleihen können – oder war er womöglich so schlecht gealtert wie Harrison Ford im letzten Indiana Jones? Spoiler: Demolition Man ist so zeitlos wie ein tiefgefrorener Sträfling im Cryo-Vollzug.

Demolition Man

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"Ist es kalt hier drin, oder bin ich das?"

Anders als die beiden Boxoffice-Bomben Arni und Sly konnte Wesley Snipes zu Drehbeginn von Demolition Man noch keine Filmografie vorweisen, die nach Napalm und getrocknetem Blut roch. Ich zumindest kannte ihn bis dato nur aus der familientauglichen Basketball-Komödie White Men Can't Jump (1992). Doch nun schien mit der Verkörperung des Psychopathen Simon Phoenix sein großer Auftritt als Actionstar gekommen zu sein. Im zerstörerischen Duett mit Stallone als legendärem Cop John Spartan, alias „Demolition Man“, trägt sein Charisma den ganzen Film. Und das, noch lange bevor er als Daywalker in Blade (1998) Vampire mit einem silbernen Ninjaschwert zu Asche verpuffen ließ.

Nur passend also, dass er gleich zu Beginn des Films mit den Worten "Ist es kalt hier drin, oder bin ich das?" dem Zuschauer seine Visitenkarte überreicht, nur um sie am Ende des Films vom etablierten Actionstar Stallone zusammen mit seinem eigenen Kopf und demselben Spruch zurück zu bekommen. Eine verdammt coole Rahmenhandlung. Doch es wäre müßig, die Coolness der beiden Protagonisten vergleichen zu wollen. Beide schienen im Rahmen der Handlung nur noch „cooler“ gemacht werden zu können, indem sie erst mal für vergangene Verbrechen auf Eis gelegt wurden. 

Demolition Man - Simon im Waffenmuseum

"Sanfte Grüße, darf ich fragen was es für Extreme gibt?"

Im Jahr 2032 wird Oberschurke Simon Phoenix zum scheinbaren Zweck der Resozialisierung aus der Cryo-Haft entlassen, nur um hoffentlich bald vom ebenfalls wieder aufgetauten Supercop John Spartan erneut „kaltgestellt“ zu werden. "Sie schicken einen Wahnsinnigen, um einen anderen zu fangen", kommentiert Spartan diese Taktik und unterstreicht damit die Tatsache, dass sowohl er als auch Phoenix Fremdkörper in der „schönen, neuen Welt“ sind.

Und tatsächlich scheint Aldous Huxleys Brave New World in vielerlei Hinsicht Pate für die Zukunft im Jahr 2032 gestanden zu haben. Was zunächst als friedvolle Utopie mit sauberen Straßen und selbstfahrenden Autos anmutet, entpuppt sich schnell als grauenvoll langweilige Dystopie ohne jede „Würze“. Denn neben Sex, Drogen und Schimpfwörtern sind sogar Salz und andere gesundheitlich bedenklichen Lebensmittel aus Dr. Cocteaus Bananen-Broccoli-Shake-Welt verbannt worden. Das tägliche Leben ist derart geradlinig geworden, dass Sandra Bullock in der Rolle der hübschen Polizistin Lenina Huxley (Aldous Huxley + Lenina Braun = Lenina Huxley?) „alles für ein bisschen Action geben würde“. 

Demolition Man

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Die bekommt sie sehr bald in rauen Mengen durch Simon Phoenix, der während seines Kälteschlafs mit ein paar netten Nahkampftechniken ausgestattet wurde, und durch John Spartan, der nicht minder zimperlich zur Tat schreitet, obwohl ihm im Eisfach nur ein Strickprogramm gegönnt wurde. Die heile Welt aus Plastik und Anti-Graffiti-Selbstschussanlagen bietet einen herrlichen Kontrast zur ungestümen und Sprüchesalven-feuernden Vorgehensweise der beiden Neandertaler aus dem „vulgären 20. Jahrhundert“. Als Zuschauer kommen wir nicht umhin, angesichts der „schnöden neuen Welt“ und ihrer harmlosen Hampelmänner, mit beiden Akteuren, sogar dem psychopatischen Phoenix, zu sympathisieren. Ob nun John Spartan die Strafzettel wegen Verstößen gegen das verbale Moralitätsstatut als Klopapier benutzt, oder ob Simon Phoenix Polizeibeamte zu Boden schickt, die ihn mittels einer „Verhaftungs-APP“ dingfest machen wollten – es ist uns als Zuschauer egal. Wir schmunzeln nur über die lockeren Sprüche und die vielen Anspielungen auf eine nicht ganz unwahrscheinliche Zukunft, von denen wir einige Errungenschaften, nun im Jahre 2017 angekommen, bereits „genießen“ dürfen.

"Er weiß nicht, wie man die drei Muscheln benutzt!"

Und genau darum ist Demolition Man auch in gewisser Weise zeitlos. Der Film zeigt zwar satirisch, aber dennoch mit einer nicht zu leugnenden Plausibilität, was passiert, wenn Superkonzerne unter der Führung von Puritanern und Gutmenschen die Kontrolle über eine passive Bevölkerung übernehmen. Letztlich ist es uns darum als Zuschauer egal, ob der krankhaft narzisstische Phoenix oder der monomanische Spartan die Oberhand gewinnt – Hauptsache die Kimono-tragenden Witzfiguren, die in ihrer Freizeit alte Werbesongs mitsingen, werden wieder entmachtet; auch wenn der Wunsch des Rebellenführers, endlich wieder „nackt und mit grünem Wackelpudding beschmiert durch die Straßen zu laufen“ einen winzigen Schritt zu weit ins gegenüberliegende Extrem zu gehen scheint.

Außerdem darf sich jeder Film als Klassiker oder Kultfilm feiern lassen, über den auch nach über 20 Jahren seit seines Erscheinens, noch so viele Zitate kursieren und zu wissendem Lächeln verleiten. Zwar werden wir nie erfahren, wie man die drei Muscheln benutzt, aber das ist auch nicht wichtig. Es zählt einzig und allein, dass wir in Zukunft nicht vergessen, den Cybersex-Helm auch mal auszuziehen und uns nach altmodischem Flüssigkeitstransfer ab und an mal einen guten, alten Ratten-Burger zu braten. 

Trailer: Demolition Man

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