„Sex verstört alle Menschen“ – Warum Alien (1979) immer noch ein genialer Film ist

© 20th Century Fox Home Entertainment

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„Sex verstört alle Menschen“ – Warum Alien (1979) immer noch ein genialer Film ist


Aktuell läuft "Alien: Covenant" in den Kinos. Grund genug, sich noch einmal den ersten Alien-Film von 1979 anzusehen, dessen Schockerqualitäten legendär sind. Doch unter der ziemlich furchterregenden Oberfläche geht noch so einiges mehr vor sich … 

Trailer: Alien (1979)

“Dieser Film hat absolut keine Botschaft. Sein einziger Zweck ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten.” Als ich im frühen Teenie-Alter zum ersten Mal dabei zusah, wie das sabbernde Giger-Monster ein Crewmitglied nach dem anderen zur Strecke bringt, hätte ich Ridley Scotts Aussage wahrscheinlich ohne Weiteres beigepflichtet. Der klassische Horror à la Halloween, nur eben in den Weiten des Weltalls und nicht im Mittleren Westen. Eindrucksvoll, Albträume evozierend, aber ich war stolz, zusammen mit Ellen Ripley bis zum bitteren Ende durchgehalten zu haben. 20 Jahre später bin ich erstaunt, wie viel weniger Angstschweiß das in die Jahre gekommene Alien einem noch auf die Stirn treibt und wie viel mehr doch in diesem Survival-Horror-Flick steckt, als es sich mein Hirn damals hätte ausmalen können. Und darin steckt wohl auch das Geniale in Ridley Scotts Alien: Man darf sich gepflegt vor Grusel das Kissen vors Gesicht halten, und danach die Akademikerbrille aufsetzen, um sich über Marxismus, feministische Theorie und Co. den Mund fusselig zu reden. Aber der Reihe nach.

Seinen Anfang nahm die Alien-Saga bereits 1974, fünf Jahre bevor der Erzfrachter Nostromo seine Besatzung verfrüht aus dem Hyperschlaf weckte und zum gespenstischen Soundtrack von Jerry Goldsmith in ihr Verderben navigieren ließ. Drehbuchautor Dan O'Bannon, der den Film Dark Star gemeinsam mit John Carpenter schrieb, hatte die Idee, aus besagtem Kult-Klassiker das Comedy-Element herauszudestillieren und dafür blutige Horrorszenarien unterzumengen. Die Story ist deshalb auch schnell heruntergebrochen: Raumfahrer treffen auf Alien, Alien frisst Raumfahrer. Dieselbe Geschichte hat man seit Erfindung der B-Movies schon ein paar Mal gesehen: Das Ding aus einer anderen Welt (1951), Alarm im Weltall (1956), Planet der Vampire (1965) – alle drei dienten O'Bannon mehr oder weniger als Vorlage. Schon recht früh stand für O'Bannon fest, dass die düsteren Dystopien des Schweizer Künstlers HR Giger – genauer: sein Gemälde Necronom IV – die perfekte visuelle Entsprechung zu seinem Script liefern würden. Diverse Drehbuchentwürfe später warb man um Ridley Scott als Regisseur, dessen Storyboards überzeugten und das Budget noch einmal verdoppelten. Das Ergebnis: eine von Rost überzogene und in Atari-Ästhetik getauchte industrielle Zukunftsvision fernab von strahlendem Jedi-Heldentum und quietschbunten Föderations-Uniformen. Auf der Nostromo werden keine Friedensverträge unterzeichnet, es wird knallhart um Prozente gefeilscht – to boldly go where no union worker has gone before.

Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

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Wie es sich für einen Survival-Horror-Schocker der Zeit gehört, spielt der Film obendrein mit einer recht eindeutigen sexuellen Bildsprache – und das nicht nur Giger sei Dank, dessen Design des Aliens häufig als Inbegriff des Phallus gelesen wird. Zwar ist es recht simpel, das auch als Xenomorph bekannte Alien als phallisches Monstrum abzutun, aber auch Dan O'Bannon äußert sich ziemlich eindeutig: „Sex verstört alle Menschen“, lässt er in einem Interview verlauten. „Und so habe ich das Publikum auch gekriegt. Ich wollte aber nicht auf Frauen, sondern auf Männer losgehen.“ In der Tat, der Erstkontakt des Aliens ­– von Machern und Fans in dieser Entwicklungsphase liebevoll „Facehugger“ genannt – mit John Hurts Charakter Kane kommt einer oralen Vergewaltigung gleich, bei der O'Bannon den Spieß umdreht und das gängige Filmmotiv der Frau in der Opferrolle umgeht. Auf die anschließende „Geburt“ müssen Zuschauer nicht lange warten. Es folgt die legendäre Szene, in der das Alien auf dem Frühstückstisch aus Kanes Brust heraus birst. Dass selbst die Besatzung diese einprägsame Szene als eine Art Geburt betrachtet, wird klar, als plötzlich scherzhaft von Kanes „Sohn“ die Rede ist, der auf dem Schiff – wohl massivst pubertierend – sein Unwesen treibt. Und als der geschlechtslose Android Ash der seine Pläne durchkreuzenden Ripley an die Kehle will, versucht er dies zwar auch oral, mit einer zusammengerollten Zeitschrift (in einer mit weiblichen Pin-ups übersäten Schlafecke wohlgemerkt), doch diesmal muss nicht das weibliche Opfer, sondern der Täter daran glauben.

Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

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Hier bereits feministische Tendenzen herauslesen zu wollen ist fraglich. Die australische Cinema-Studies-Professorin Barbara Creed spricht gar kritisch von der Geburt als eine Darstellung des „monströsen Femininen“. Zusätzlich bekommen Mütter ihr Fett weg; von wegen „schützende Hand“. Der zu Beginn Sicherheit und Allwissen verströmende Bordcomputer MU/TH/UR 6000 (sprich “Mother”) führt nichts Gutes im Schilde, spielt er doch eine entscheidende Rolle beim Untergang der Besatzung. Die in warmem Licht gebadete Kommandozentrale des Captains, dem Mutterschoß gleich, scheint zunächst noch Zufluchtsort. Dass dies jedoch eine Fehleinschätzung ist und die hartherzige Übermutter nur Befehlen folgt, muss Ripley am eigenen Leib erfahren, als das Schiff durch den Selbstzerstörungsmechanismus in die Luft zu fliegen droht.  “Mutter, ich habe das Kühlsystem wieder aktiviert”, fleht die auf Bestätigung hoffende Ripley den Bordcomputer an – keine Reaktion. “Du mieses Stück!”, ruft Sigourney Weaver – oder besser gesagt die fabelhafte Synchronsprecherin Hallgard Bruckhaus – Mutter entgegen. Das im Stich gelassene Kind rebelliert, nabelt sich ab und verlässt das traute Heim (respektive das sinkende Schiff) auf Nimmerwiedersehen.

Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

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Der Hauptgrund, weshalb Alien sich dennoch einer feministischen Lesart nicht verschließt, ist seine Protagonistin Ellen Ripley. Zwar hatten alle Charaktere in der ersten Drehbuchfassung keine Gender-Zuschreibungen, die Autoren ließen dem Regisseur jedoch freie Hand, je nach Gusto männliche oder weibliche Charaktere zu integrieren. Aufgrund dieser, für die Zeit einzigartigen Besetzungsentscheidung, besteht Alien heute nicht nur den Bechdel-Test, sondern hat mit Ripley auch eine starke Hauptfigur, die – mal abgesehen vom recht ausgedehnten Kleiderwechsel kurz vor Finale – nicht auf körperliche Reize reduziert wird. Viel mehr noch: Sie ist das komplette Gegenteil einer bis zum Abwinken bemühten „Damsel in Distress“. Anstatt zu fliehen und sich retten zu lassen, stellt sie sich dem Xenomorphen. Gerade weil sie rationaler agiert als ihre Kollegen, überlebt sie den Film.

Gesehen habe ich das alles damals, begriffen jedoch nicht. Funktioniert hat der Film für mich jedoch als Teenie wie heute. Man kann Alien eine Theoriemaske überstülpen, aber es geht auch ohne. Es war trotzdem faszinierend, den Klassiker mit anderen, älteren Augen zu sehen, fast wie neu. Denn ob wir Sigourney Waver noch einmal den Xenomorphen bekämpfen sehen dürfen, steht noch in den Sternen. Über seinen Twitter-Account erklärte Regisseur Neill Blomkamp, der Alien 5 federführend vorantrieb, das Projekt sei vorerst auf Eis gelegt. Schade. Aber zum Glück bleibt noch der Griff zum Original, egal für welche Lesart man sich entscheiden mag.

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