The Man in the Highcastle

© Amazon Studios

FILM

Die Filmwelten des Philip K. Dick (1): The Man in the High Castle


Peter Osteried
25.04.2017

Das Orakel vom Berge – im Original The Man in the High Castle – ist der einzige Roman von Philip K. Dick, der mit einem Hugo Award ausgezeichnet wurde. Als Stoff für eine Verfilmung schien er sich jedoch lange Zeit nicht zu eignen. Doch jetzt erweist sich die gleichnamige Fernsehserie als überraschend erfolgreich – und gut gemacht.

Über viele Jahre hinweg war eine Verfilmung von Das Orakel vom Berge angedacht. Im Jahr 2010 sollte es eine vierteilige Miniserie werden, die von der BBC zusammen mit verschiedenen anderen Firmen, darunter auch Ridley Scotts Scott Free Films, angegangen werden sollte. Die Pläne hierfür zerfielen, womit sich das Projekt auch deutlich wandelte – weg von einer stark originalgetreuen zu einer deutlich freieren Adaption.

Bei der BBC scheint man dem Stoff noch Jahre später nachgetrauert zu haben, da man dafür 2016 grünes Licht für eine Adaption von Len Deightons actionorientiertem Thriller SS-GB gab, die im Februar 2017 als fünfteilige Miniserie in Großbritannien debütierte und noch dieses Jahr bei RTL Crime zu sehen sein wird.

Noch 2011 sollte der Stoff weiterhin eine Miniserie sein, dann jedoch für den Syfy Channel produziert. Als auch dies durchfiel, entwickelte man das Format weiter und fand in Amazon einen Interessenten. Jeff Bezos‘ Firma hatte begonnen, nicht länger nur als Händler zu fungieren, sondern auch selbst zu produzieren. Der Entscheidungsprozess, welche Stoffe angegangen werden, ist dort jedoch ein anderer als beim normalen Fernsehen.

Trailer: The Man In The High Castle

Amazon übernimmt

Jahr für Jahr werden verschiedene Pilotfolgen produziert und dem Publikum vorgestellt. Danach folgt eine ausführliche Befragung und Auswertung, wie die Stoffe ankamen. Davon ausgehend wird dann eine ganze Staffel geordert. So war es auch bei THE MAN IN THE HIGH CASTLE, dessen Pilotfolge im Oktober 2014 gedreht wurde. Als Showrunner holte man Frank Spotnitz, der durch seine langjährige Mitarbeit bei AKTE X eine feste Fernsehgröße geworden ist.

In den Hauptrollen agieren Alexa Davalos (MOB CITY), Rupert Evans (DIE TORE DER WELT), Luke Kleintank (PRETTY LITTLE LIARS), DJ Qualls (SUPERNATURAL), Joel de la Fuente (SPACE 2063), Cary-Hiroyuki Tagawa (SPACE RANGERS), Brennan Brown (MOZART IN THE JUNGLE), Rufus Sewell (DARK CITY), Callum Keith Rennie (BATTLESTAR GALACTICA) und Bella Heathcote (STOLZ UND VORURTEIL UND ZOMBIES) – die letzten beiden sind allerdings erst in der zweiten Staffel dabei.

Die Ergebnisse waren für Amazon vielversprechend, so dass man eine ganze erste Staffel mit zehn Folgen in Auftrag gab. War die Pilotfolge im Januar 2015 ausgestrahlt worden, so folgte der Rest der Staffel im November 2015.

The World of 'The Man in the High Castle' (Alternate WWII Scenario)

Ein philosophischer Roman

Philip K. Dicks Roman Das Orakel vom Berge ist im Jahr 1962 erschienen. Darin erzählt Dick von einem Amerika, das den Zweiten Weltkrieg verloren hat. Die USA sind besetzt – die Ostküste von den Nazis, die Westküste von den Japanern. Es ist das Jahr 1962, die Menschen haben sich arrangiert, der Widerstand ist aber noch vorhanden. Doch es gibt Bedrohlicheres. Adolf Hitler ist todkrank. Stirbt er, erwartet man, dass sein Nachfolger einen Krieg mit Japan anzettelt. Als Untergrundliteratur verbreitet sich derweil der Roman Schwer liegt die Heuschrecke, in dem der Autor Hawthorne Abendsen eine Alternativweltgeschichte präsentiert, die davon erzählt, wie die USA den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben – wenn auch gänzlich anders, als dies in unserer Welt geschehen ist.

Spotnitz hat das Skript zum einstündigen Pilotfilm verfasst, bei dem er sich einige Freiheiten erlaubt, was sich im Verlauf der Serie noch mehrt. Figuren sind teils anders gestaltet: So ist Juliana nicht länger Frank Frinks Ex-Frau, sondern immer noch mit ihm zusammen, aber unverheiratet, während aus Joe Cindella flugs Joe Blake wurde. Bei vielen Figuren ändert sich die Hintergrundgeschichte, so z. B. bei Rudolph Wegener, der nicht länger der Wehrmacht angehört, sondern Standartenführer der SS und trotz seines niedrigen Rangs ein persönlicher Vertrauter des Führers ist – was ihn nicht davon abhält, durch das Regime desillusioniert zu sein, auch wenn das eher persönlichen Gründen geschuldet zu sein scheint.

Andere Figuren treten deutlich in den Hintergrund, so der Antiquitätenhändler Robert Childan, der im Buch eine Hauptfigur ist, in der Serie aber in der ersten Staffel nur in wiederkehrender Kapazität auftaucht. Erst in der zweiten Staffel wird er eine echte Hauptfigur.

Auch die Hintergründe, die den Kalten Krieg zwischen Deutschem Reich und Japan betreffen, sind anders, inklusive der in der zweiten Staffel beschriebenen Verschwörung, die nicht nur Hitlers Tod zur Folge haben, sondern auch den Grund für einen Krieg mit Japan liefern soll.

Dicks Roman ist einem eher philosophischen Ansatz verpflichtet. Er stellt die Geschichte nicht als Actionformat dar, bei dem wackere Helden versuchen müssen, einen Fehler in der Zeitgeschichte zu beheben, um so die richtige Zeitlinie zu erzeugen. Stattdessen hat er einen Autor, der zwar eine andere Welt beschrieben hat, aber auch nicht mehr Zugang hat als das vage Wissen, dass die »innere Wahrheit« eine andere ist als die, in der sie alle leben.

Trailer: The Man in the High Castle - Staffel 2

Die Serie lässt Dick hinter sich

Die Fernsehserie gewichtet das etwas anders. Zum einen gibt es Schießereien, und SS-Schergen foltern einen Widerstandskämpfer zu Tode, zum anderen hat man das Gefühl, Spotnitz möchte letztendlich darauf hinaus, dass der Widerstand die eigentliche Zeitlinie wiederherstellen muss.

Das wird in der zweiten Staffel noch stärker angedeutet, ohne dass es wirklich ausgesprochen wird. Aber in einer Schlüsselszene findet man das geheime Filmarchiv des verstorbenen Führers, der über Hunderte von Nachrichtensendungen verfügte, die von anderen Zeitlinien zeugen. Dabei achtet die Serie darauf, das nicht zu stark zu zementieren, aber angesichts der gänzlich anderen Natur des Formats darf man wohl davon ausgehen, dass die dritte Staffel diesen Weg einschlagen wird. Einerseits, weil die Serie actionreicher sein muss als der Roman, andererseits, weil man die Geschichte noch über mehrere Staffeln hinweg ausbauen will. Anders als bei Dick muss man darum irgendwann auch »Butter bei die Fische« geben und sich positionieren – auf die eine oder andere Art.

In der Fernsehserie ist Schwer liegt die Heuschrecke nicht länger ein Buch, sondern ein Film, der zeigt, wie die Welt wirklich sein sollte. Das ist natürlich visueller und darum für ein filmisches Format angebracht.

Dicks eigene Fortsetzung

Dicks Roman endet recht offen. Das plante der Autor, weil er immer wieder mit dem Gedanken einer Fortsetzung spielte. Mehrmals hatte er mit dem Schreiben einer solchen begonnen, aber nur geringe Fortschritte gemacht. Hauptgrund war, dass er sich nicht noch einmal derartig tief auf die Recherche über das Nazi-Reich einlassen wollte. »Wenn man über Reinhard Heydrich schreibt«, so wird er in dem Buch Pink Beam zitiert, »dann muss man sich auch in dessen Kopf begeben. Können Sie sich vorstellen, wie das ist?«

Zwei Kapitel der Geschichte, die den Titel Ring of Fire tragen sollte, hatte er jedoch geschrieben. Diese wurden 1995 in The Shifting Realities of Philip K. Dick veröffentlicht und erzählen davon, wie Gestapo-Beamte ihren Vorgesetzten von ihren Zeitreisebesuchen in einer Parallelwelt erzählen. Dort haben die Nazis den Krieg nicht gewonnen, aber es gibt Nuklearwaffen, die man stehlen und auf die eigene Erde bringen kann.

Als mögliches Sequel zu Das Orakel vom Berge hatte Dick auch Die Invasoren von Ganymed, das 1967 erschienen ist, in Betracht gezogen, aber noch vor Veröffentlichung alles verändert. Denn anstelle der Angreifer von Ganymed sollten es die imperialen japanischen Truppen sein, die die USA besetzen. Auch Radio Freies Albemuth hätte mit seinem älteren Roman in Zusammenhang stehen sollen, wenn auch auf gänzlich unerwartete Art. Denn hier wäre Hawthorne Abendsen, der der »Man in the High Castle« ist und das Buch Schwer liegt die Heuschrecke geschrieben hat, von SS-Schergen aufgegriffen, aber von einer wohlwollenden außerirdischen Intelligenz gerettet worden, damit er sein neues Werk ohne jede Beeinflussung zu Ende führen konnte.

Dick verwarf die Geschichte jedoch und transformierte sie zu etwas, das mit Das Orakel vom Berge nichts mehr zu tun hat. Die Fernsehserie geht auch andere Wege – schon allein deswegen, weil Hawthorne Abendsen als Herr der Filme eine etwas andere Rolle einnimmt und zudem erst in der zweiten Staffel debütiert.

Wäre ein Prequel besser gewesen?

Eine akkurate Verfilmung von Das Orakel vom Berge wäre als Film oder Miniserie umsetzbar gewesen, für eine fortlaufende Serie gibt der Roman jedoch nicht genug her. Da er abrupt endet, liegt es an den Serienmachern, die ultimativen Antworten zu geben, wie es zu dieser Welt kommen konnte und ob sie in Form von Zeitreisen oder ähnlichem zementiert oder aus den Angeln gehoben wird. Fast einfacher wäre da ein Prequel gewesen, das die alternative Historie, die 1933 mit dem erfolgreichen Attentat auf Präsident Franklin Roosevelt beginnt und 1962 in die Ereignisse des Buchs übergeht, schildert.

Die dritte Staffel wurde von Amazon schon geordert. Sie wird im Lauf des Jahres ausgestrahlt werden und weitere Anhaltspunkte darauf geben, wohin Frank Spotnitz und Co THE MAN IN THE HIGH CASTLE führen wollen.

Vielleicht spielen die Autoren dann auch mehr mit einem Kernpunkt von Dicks Roman: Dass sowohl die Realität von Das Orakel vom Berge als auch die alternative Historie, die in Schwer liegt die Heuschrecke beschrieben wird, nicht die unsere ist, aber beide existieren könnten. Weil die Welt eine des Zufalls und des Glücks ist, in der jeder denkbare Ausgang einer Ereigniskette auch möglich ist.

THE MAN IN THE HIGH CASTLE Season 3 Announcement TEASER

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