Der Westworld-Hype – Es fährt ein Zug nach nirgendwo

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Der Westworld-Hype – Es fährt ein Zug nach nirgendwo


Es war eines der Fernsehereignisse des Jahres. Zumindest für HBO und Sky: Westworld ist ein Meilenstein der Seriengeschichte – hat man zumindest hier und da gelesen. Sarah Schindler, Serienmotzgurke vom Dienst, sieht das allerdings anders.

Als ich das erste Mal den Trailer für Westworld im Fernsehen (ich war zu der Zeit gerade in den USA unterwegs und dort wird die Serie unfassbar gehypt) gesehen habe, war ich völlig hin und weg. Die Idee dahinter ist mir noch gut durch den Film von 1973 im Gedächtnis: ein Freizeitpark für Menschen, die ihrer eigenen Realität entfliehen wollen und in die Rollen von Revolverhelden, Cowboys und Söldner schlüpfen, um in einer extra angelegten Welt ihre Träume und geheimen Fetische ausleben können. Um das zu ermöglichen, braucht es allerdings nicht nur die richtige Kulisse, sondern auch Statisten, sogenannte Hosts, die diesen Vergnügungspark für Gutbetuchte erst so realistisch werden lassen. Die Hosts sind Androiden, die sich rein optisch von Menschen nicht unterscheiden. Unter ihrer makellosen Haut verbirgt sich allerdings statt Fleisch Technik – genauer: programmierte Technik, die es ihnen unmöglich macht, die zahlenden Kunden zu töten. Das geht natürlich irgendwann schief, und Westworld ist eigentlich eine Geschichte, die sich damit beschäftigt, was es eigentlich bedeutet, ein Mensch zu sein.

Was Michael Crichton in knapp 90 Minuten zu einem Actionreißer leider verkommen lässt, ziehen die Produzenten, darunter auch Jonathan Nolan und J.J. Abrams, über 10 Folgen in die Länge. Doch statt der Frage, was Menschsein wirklich bedeutet, nachzugehen, hangelt sich Westworld von einem ach so unerwarteten Turningpoint zum nächsten. Mal ehrlich, die Plottwists, die vor allem gegen Ende der ersten Staffel recht rasch hintereinander abgefeiert werden, waren doch ziemlich offensichtlich, oder nicht? Ich will nichts verraten, aber irgendwie hat mich das alles nicht so wirklich überrascht.

Abgesehen davon hat mich die Tatsache genervt, dass davon ausgegangen wird, dass erstens die Menschen, die sich an der Welt von Westworld ergötzen, offenbar fast alles egozentrische Möchtegerncowboys mit einem absolut unbefriedigten Sexual- und Todestrieb sind. Zweitens war mir die Charakterzeichnung und -Entwicklung einfach nicht tief genug. Weder von Anthony Hopkins als Dr. Robert Ford, bei dem ich das einfach voraussetze, dass man ihm so eine Rolle auf den Leib schneidert, noch von Jeffrey Wright als Bernard Lowe, Fords rechte Hand. Einziger Lichtblick waren Evan Rachel Wood in ihrer Rolle als Host Dolores Abernathy und Thandie Newton als Maeve Millay. Generell haben die Frauen in Westworld, trotz ihrer nicht gleichberechtigen Stellung, deutlich mehr Eier in der Hose als alle Kerle zusammen. Und das ist durchaus positiv gemeint, denn Eier braucht man in der eiskalten Welt des Freizeitparks. Egal ob im Park oder hinter den Kulissen, die starken Figuren sind immer Frauen.

Trotzdem ist Westworld, sofern man sich tiefergehend mit der Thematik beschäftigt, einfach nicht das, was ich von einer guten und packenden Serie erwarte. Denn das Pacing ist viel zu langsam und die Figuren zu flach. Es ergeben sich tausend offene Fragen. Allein die Tatsache, dass diese ganze Zeitebenenenschieberei einfach hinten und vorne nicht funktioniert, hat mich wahnsinnig gemacht. Speziell zum Ende hin hat es den Anschein, dass alle Erzählstränge damit erklärt und zusammengefügt werden sollen – was aber nicht mehr als ein billiger Trick ist. Werden die Hosts für die Gespräche wirklich jedes Mal rausgeholt oder ist das auch eine andere Zeitebene? Wie viele Aufzüge von der Versorgungszentrale an die Oberfläche gibt es und wie soll es bitte gemanagt werden, dass die Ingenieure die Gäste nicht stören, wenn ständig ein Host erschossen wird. Ich will kein Arsch sein, aber ich mag es einfach nicht, wenn Dinge in sich nicht schlüssig sind und ich mir bei jeder Folge die gleichen Fragen stellen muss. Und zwar nicht solche Fragen, die mich zum weiteren Nachdenken über Menschen, Androiden und deren „zwischenmenschliches“ Verhalten animieren, sondern darüber, warum es offenbar niemandem aufgefallen ist, dass viele Dinge einfach überhaupt keinen Sinn machen. So etwas ärgert mich: wenn darauf gesetzt wird, dass der Zuschauer solche Kleinigkeiten einfach nicht bemerkt und sich von Produktions-Chichi blenden lässt.

Mein Hauptkritikpunkt ist aber die Problematik mit der Vermenschlichung der Hosts beziehungsweise der Umgang der Besucher mit ihnen. Ich habe hierzu einen interessanten Artikel im „Freitag“ gelesen, in dem der Verfasser sagt, „wenn der Wirt [Host] aber menschlich aussieht und sich auch so benimmt, kann es schwierig werden, das Gefühl abzuschütteln, dass er ein Bewusstsein hat und Schmerzen fühlen kann, auch wenn uns erzählt wurde, dass dem nicht so ist.“

Und genau da liegt der Hund begraben, womit ich wieder beim Anfang wäre. Was müssen das für Arschlöcher sein, die zum reinen Vergnügen in einen Park kommen, rumvögeln und Androiden, die täuschend echt wirken, erschießen. Natürlich gibt es nicht nur diese Sorte Menschen, aber in der Serie konzentriert man sich vorwiegend auf sie (okay, William bildet da, zumindest zum Teil, die Ausnahme). Wäre für mich kein Problem, wenn man nicht wenigstens ein Mü für die Reflektion aufbringen würde. Westworld will intelligent sein, dabei ist es einfach nur seichte (und bisweilen echt langsame und langweilige) Unterhaltung, die sich vor den wirklich wichtigen Fragen drückt, sich in scheinbar unerwarteten Wendungen suhlt und pseudodramatische Aha-Momente am laufenden Band raushaut.

Ich bin gespannt, wie es mit Dolores und Co. in der zweiten Staffel weitergeht und hoffe inständig darauf, dass die Produzenten und Drehbuchautoren dem Ganzen mehr Substanz verleihen und mich nicht wieder mit fadenscheinigen Erklärungsversuchen zum Gähnen bringen. Traut euch!

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