Rewatch: Der Navigator

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REWATCH

Nicht um die Logik scheren: Der Navigator (The Navigator – A Medieval Odyssey, NZ/AUS 1987)


Im Jahr 1348 erhalten die Bewohner eines abgelegenen englischen Dorfs in Cumberland Kenntnis vom Herannahen des Schwarzen Todes. Um das Unheil abzuwenden, fassen sie einen Plan. Sie wollen Gott gnädig stimmen, indem sie in der größten Stadt der Christenheit ein Kreuz stiften und es auf einem Kirchturm platzieren. Diese größte Stadt befindet sich, wie der mittelalterliche Verstand es interpretiert, auf der anderen Seite der Weltkugel. Also müsste es doch möglich sein, sich statt einer beschwerlichen Reise um die ganze Welt einfach dorthin durchzugraben. Immerhin gibt es in Dorfnähe eine alte Mine, deren Schacht bereits weit nach unten reicht. Ein bisschen tiefer durchbrechen, und man wäre sicher bald da.

Der junge Griffin hat derweil verstörende Visionen von der Zukunft, von Abenteuern und Tod, und stachelt die Männer des Dorfs und seinen älteren Bruder Connor an, diese Pilgerfahrt zu unternehmen – die aus einem Schwarzweißfilm einen Farbfilm werden lässt – und aus den mittelalterlichen Bergleuten Zeitreisende. Denn auf der anderen Seite der Welt befindet sich Auckland/Neuseeland, eine nächtliche Großstadt der Gegenwart.

Der zweite Langfilm des Neuseeländers Vincent Ward gehört zu der Handvoll von Filmen, die in den 80ern den Blick auf das noch junge neuseeländische Kino lenkten. Eine tragisch flirrende Down-Under-Phantasie, und das ganz buchstäblich. Fromme englische Wallfahrer des Mittelalters buddeln sich durch die Erde hindurch ins Neuseeland der Gegenwart – einfach indem sie ihr mittelalterliches Weltbild anwenden, fernab jeglicher Logik oder physikalischer Tatsachen. Und dennoch ist dies in einem magischen Film wie „Der Navigator“ vollkommen folgerichtig. Was komisch oder schrullig sein könnte, wird von Vincent Ward mit beinahe heiligem Ernst betrieben. Die „medieval odyssey“ des Originaltitels, diese Pilgerreise, dient der Rettung der nackten Existenz. Selbstverständlich kommt es im Laufe des Kulturen-Crashs zu humorvollen Begebenheiten, jedoch ist die Atmosphäre des Films oft eine beklemmende, existentialistische. Wenn bei der Ankunft in Auckland die Farbe das bislang karge Tarkowski-Schwarzweiß flutet, ist dies tatsächlich nichts anderes als das Eintreten in „Gottes Stadt“ – wie der mittelalterliche Verstand eine glitzernde, summende, moderne Großstadt bei Nacht empfinden mag. Alle Ereignisse spielen sich in dieser einen Nacht ab, was zugleich ein Kunstgriff ist, um nie die womöglich schäbige Realität des Tageslichts entblößen zu müssen, sondern die Pilger stets in ihrer eigenen illuminierten Vision des Himmlischen und Höllischen halten zu können. Und zum Infernalischen tendiert dieser Ort der Wunder recht bald für die Wallfahrer; er ist voller Gefahren und Monstren. Für uns sind es natürlich LKWs, eine Stadtbahn, ein U-Boot, Schaufenster und Fernsehbilder, aber wir lachen nicht über die unwissenden Menschlein, die es hierher verschlagen hat, sondern wir folgen mit heruntergeklappter Kinnlade ihrer Mission durch etwas, das Regie und Kamera an die Illustrationen mittelalterlicher Stundenbücher angelehnt haben, travestiert bis zur Unkenntlichkeit. Die Pilger haben aus ihrer englischen Mine Kupfer mitgebracht, stolpern in eine Gießerei, ein weiteres wunderliches Inferno der Nacht, und überreden die Arbeiter der Nachtschicht, ihnen ein Kreuz zu gießen. Das wollen sie dann auf der Spitze des größten Kirchturms der Christenheit anbringen. Die befindet sich auf der für unsere Augen relativ schmucklosen St. Patrick’s Cathedral in Auckland, für die Helden jedoch der Fixpunkt all ihres Strebens. Dort müssen sie hinauf, ungeachtet der Visionen, die den Knaben Griffin, ihren Navigator, quälen und die von Unfall und Tod an diesem Ort künden.

Und am Ende ist alles ein seherischer Traum gewesen, und alles ist wieder schwarzweiß, und der Tod hält trotzdem Einzug im Cumberland des Jahres 1348.

„Der Navigator“ zeugt von großer visueller Durchdachtheit und von jener Art Phantasie, die sich einen Dreck um Logik schert. Logik steht einem Romantiker wie Vincent Ward nur im Weg. Das, was sich hier zuträgt, ist intellektuell oder rational gar nicht zu fassen. Es bleibt im Wortsinne wunderbar und bildet einen seltsam überzeitlichen Kosmos ab, in dem als widerlegt geltende Weltbilder einer vorwissenschaftlichen Ära plötzlich sehr wohl kommentarlos real werden. Und nicht nur die Logik, auch die Erzählstruktur erinnert eher an mittelalterliche Epik. Die Helden laufen staunend und ängstlich durch etwas, das sie nicht verstehen und das ihnen schließlich mehr wie die Hölle vorkommt als das Drama zu Hause, dem sie zu entfliehen versuchen. Diese Menschen stammen aus der Epoche, die den Sensenmann als Bildsymbol hervorbrachte, und sie werden ihn in unserer Gegenwart als Vorausdeutung antreffen, als Hinweis auf das Schicksal ihrer eigenen Welt, vielleicht aber auch als Hinweis für uns Zuschauer, die wir uns ihnen in unserer Aufgeklärtheit so überlegen fühlen – und im Jahr 1987 doch von Arsenalen von Atomwaffen umstellt sind.

Vincent Ward, jüdischer und irisch-katholischer Herkunft und ursprünglich beheimatet in der Bildenden Kunst, ist ein Spiritualist des Kinos. Alle seine Filme verfügen über etwas Roh-Elementares: Feuer, Wasser, Erde, Luft, religiöse Untertöne, spirituelle Schübe, visionäre, traumartige Bilder, widerborstige Drehbücher. Er meint es durchaus ernst mit Erlösung und Verdammnis, mit Gnade und Strafe. Gott ist allerdings nie in Sicht; es ist der Mensch selbst, der sich Himmel und Hölle zuführt, in symbolischen Bildern und exquisiter Tragik. Am dicksten aufgetragen wird das in Wards einzigem Hollywood-Film „Hinter dem Horizont“, in dem es Robin Williams ins Jenseits verschlägt. Der Film ist faszinierend und oft wunderschön, aber zu Recht reichlich umstritten. Wards Ideen zu „Alien 3“ – es sollte eine Art „Name der Rose“ im All werden – waren den Produzenten zu verschroben, weswegen sein Drehbuch zu einem Rumpf zusammengestrichen wurde. In seinen kleineren Filmen musste er sich weniger Kompromissen beugen und darf deswegen unmittelbarer genossen werden. Wie er in „Flucht aus dem Eis“ („Map of the Human Heart“) die Bombardierung Dresdens interpretiert oder in „River Queen“ einen Kolonialkrieg am Ende der Welt ausfechten lässt, das sollte man als Freund des Phantastischen, Symbolischen gesehen haben. Ebenso wie den „Navigator“, seinen besten Film.

Leider sind die DVD-Ausgaben reichlich misslungen – die deutsche etwa weist das alte 4:3-Format auf und enthält uns den Abspann vor –, so dass man sich als Cineast und Besitzer eines antiken Videorecorders am besten an die recht teure VHS hält.

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