Zurück in den Naturzustand: Wolfen (The Wolfen, USA 1981)

© thes26800 / pixabay

REWATCH

Zurück in den Naturzustand: Wolfen (The Wolfen, USA 1981)


Ein Rudel urbaner Wölfe, womöglich gestaltwandelnde Indianer, verhindert ein architektonisches Vorzeigeprojekt in der wracken Bronx, indem es die Beteiligten aus dem Weg beißt. Kein Wunder: Die Bronx ist das Jagdrevier des Rudels, die kaputten Gestalten und Junkies seine Beute.
Ein Frühachtziger-Mythos, der einem bei der bloßen Nennung die Haare im Nacken aufrichtet. „Wolfen“ erweitert den eher unauffälligen Debütroman von Whitley Strieber ganz enorm.

Soziale Ökologie der Großstadt, in der die Jäger sympathischer und rechtschaffener sind als die Opfer. Nachtschwarze Analyse moderner Befindlichkeiten aus der Perspektive eines desillusionierten Hippies. Regisseur Michael Wadleigh war ein paar ereignisreiche Jahre zuvor der Schöpfer des „Woodstock“-Films und betätigt sich hier als Spätberufener im Stile New Hollywoods, dessen ureigene Vertreter längst Blockbuster-Lieferanten waren. Er wirft den urbanen Menschen zurück in den Naturzustand und definiert die Stadt als Wildnis, ihre Strukturen als mystische Zeichen, ihre Bewohner als Teile eines Organismus, in dem ein geheimnisvolles Nischendasein möglich ist, solange die Raubtiere ihre Reviergrenzen einhalten. Kombiniert wird das mit urbanen Mythen, Spiritualität, mit Alt-68er-Gestus, Untergrund und Stadtguerilla, die eher in den frühen 70ern beheimatet waren statt 1981, mit Kapitalismuskritik und einer Warnung vor dem Reaganismus und, wenn man so will, einem Patriot Act, von dem damals noch niemand etwas ahnte. Angerichtet mit blankem Horror, zynischen Dialogen und prallem Personal. Gegen Albert Finney und Diane Venora als Ermittlerpaar sind Scully und Mulder die reinsten Schleimscheißer. Edward James Olmos liefert nebenher eine Werwolfverwandlung, die eigentlich gar keine ist und dennoch so aussieht. Schauspielschule statt F/X-Einsatz. Tom Waits hat einen Auftritt in einer Bar, wurde aber auf der suboptimalen deutschen DVD aus irgendeinem Grund herausgeschnitten.
Neu und aufregend und anders war „Wolfen“ damals. Ungeheuer urban, atmosphärisch ganz groß. Auch wegen der bestialischen Farb- und Tonverfremdungen, der innovativen Steadicam-Fahrten und des bedrohlichen Soundtracks, der einem sofort, ich sagte es schon, die Haare im Nacken aufrichtet.

Share:   Facebook