Der zweite Blick auf die Serie Mondbasis Alpa 1

REWATCH

Der Zweite Blick (Folge 9): Mit Mondbasis Alpha 1 auf die Dark Side of the Moon


Manche Serienideen klingen so absurd, dass man sich fragt, wie sie es je auf die Mattscheibe geschafft haben. Dies ist eine solche: Im Jahr 1999 kommt es auf dem Mond zu einer Katastrophe. Der dort endgelagerte Abfall der Erdbewohner verändert sich, magnetisiert sich – und explodiert! Die Wucht der Explosion treibt den treuen Erdtrabanten aus seiner gewohnten Umlaufbahn und lässt ihn ziel- und steuerlos durchs unerforschte All fliegen – mitsamt den von den Ereignissen ebenso entsetzten wie überraschten Männern und Frauen, die auf der titelgebenden Mondstation Alpha 1 ihren Dienst verrichten. Menschen wie Captain John Koenig, denen nun nichts bleibt als die Hoffnung auf ein neues Leben irgendwo zwischen den Sternen.

Die Welt von Mondbasis Alpha 1

Sonderlich homogen ist sie nicht, diese besondere Serienwelt – und auch nicht gerade logisch. Wissenschaftlichen Realismus durfte man schon zur Erstausstrahlung nicht von Mondbasis Alpha 1 erwarten – »Der Mond treibt ab? Der ganze Mond??« –, doch das zumeist kindliche Publikum begeisterte sich ohnehin weit eher für die liebevollen Modellaufnahmen und den durchaus spürbaren Sense of Wonder, der auch die (gelungeneren) Drehbücher von Gerry Andersons SF-Klassiker durchtränkt.

Mit Staffel 2 übernahm zunehmend der Autor und Produzent Fred Freiberger das Ruder der Mondstation und führte – konzeptionell wie personell – einige durchaus radikale Änderungen an der Serie durch. Bislang gesetzte Hauptfiguren verschwanden sang- und klanglos, andere Charaktere (darunter sogar ein von Catherine Schell verkörpertes Alien!) waren plötzlich ebenso selbstverständlich Teil der Personenriege. Erklärungen lieferte MA1 dafür kaum. Und der narrativen Qualität der frühen Episoden (etwa dem grandiosen »Die schwarze Sonne«) kam Staffel 2 dann auch kaum noch nahe. Die endgültige Absetzung nach dem zweiten Jahr hatte fast schon etwas von einer Gnade.

Die nackten Fakten

Der Schöpfer von Mondbasis Alpha 1 hieß Gerry Anderson und wird zumindest in seinem Heimatland nicht selten in einem Atemzug mit Genrevisionären wie Gene Roddenberry und George Lucas genannt. Als Produzent und Autor verantwortete er u. a. diverse Kinderserien der 1960er Jahre (Thunderbirds, Supercar), die ganze Generationen von Fans prägten. 1969 produzierte der meist mit Puppen arbeitende Anderson eine Realserie, UFO, die kurz vor Produktionsbeginn ihrer zweiten Staffel eingestellt wurde. Anderson wusste den Misserfolg größtmöglich zu nutzen und erfand kurzerhand Mondbasis Alpha 1 – primär um die bereits für UFOs zweites Jahr entwickelten Kulissen und Kostüme (u. a. die Mondstation) doch noch verwenden zu können. Dass sich diese preisbewusste Notlösung kurzzeitig zum veritablen Erfolg entwickeln würde, hätte vermutlich selbst er nicht gedacht.

Dieser Erfolg war auch jenseits des Bildschirms zu spüren, kamen doch zahlreiche Lizenz- und Begleitprodukte (Romane, Comics u. a.) zu MA1 in den Handel – übrigens auch in Deutschland, wo John Koenigs Abenteuer Thema unzähliger Schulhofgespräche wurden.

Das Erbe

Wo relativ zeitgleich gelaufene TV-SF wie Star Trek zu unsterblichem Weltruhm und diversen Ablegern kam, blieb MA1 nach anfänglicher Popularität doch eher ein Fall für die Nostalgiker. Zwar kam und kommt es im Zuge der aktuell grassierenden Remake-Welle auch hier hin und wieder zu Meldungen, irgendein Produktionsstudio versuche sich an einer Neuauflage des »geliebten Klassikers«, doch sind diese Nachrichten meist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden.

Deutsche Fans sollten übrigens prüfen, ob sie tatsächlich »schon« alle Folgen kennen, wurden viele von ihnen doch bei der Erstausstrahlung und späteren Wiederholungen einfach ausgelassen. Erst 2013 feierten sie ihre hiesige TV-Premiere.

 

--


Manche Serien ziehen so schnell an uns vorbei, dass wir sie kaum registrieren. Andere liegen zu lange zurück – und waren zu wenig massentauglich –, als dass sie sich noch heute häufiger Wiederholungen oder gar eines DVD-Releases erfreuen könnten. Doch was, wenn sie dennoch sehenswert sind? Diesen Produktionen gewährt Autor Christian Humberg ab sofort eine zweite Chance in seiner Kolumne "Der zweite Blick".

Share:   Facebook