Länder, Jedi, Abenteuer: Larp

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KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer (5): LARPer zelten in Mittelerde


Sie haben keine Angst vor Erkältungen, Zeckenstichen, Bandscheibenvorfällen und den entgeisterten Blicken fachfremder Spaziergänger: LARPer – also die begeisterten Anhänger der meist in freier Wildbahn ausgelebten Live-Rollenspiele – sind härter im Nehmen als Sarumans Orkhorden. Wo andere ihre wohlverdienten Wochenenden auf dem heimischen Sofa verbringen, um sich vom Stress des Berufslebens zu erholen, wirft sich der LARPer Freitagabends das selbstgeschneiderte Kettenhemd über und rennt in den Wald. Denn der Kampf »Gut gegen Böse« muss sich nicht zwingend zwischen zwei Buchdeckeln oder auf der Kinoleinwand entscheiden. Manchmal reicht dafür auch eine Fichtenschonung neben der A2.

Der Fanotyp

LARPer sind meist (aber längst nicht nur) in den Gefilden der Fantasy unterwegs und investieren nicht selten Unmengen an Zeit und Geld in ihre Ausrüstung. Plastikschwerter kaufen kann jeder, echte Schwerter schmieden ist jedoch tausend Mal cooler, und auch das Wams, die Kriegerinnenkluft, der knotige Zauberstock oder die Handschuhe des passionierten Langfingers, mit denen LARPer in den Einsatz gehen, sind nicht selten Marke Eigenbau.

     

Aber natürlich geht die unerbittliche Natur auch an Rollenspielern nicht spurlos vorbei. So mancher, der das Wochenende mit formschön gereinigter Mittelaltergarderobe beginnt, sieht nach zwei Tagen Regenwetter und Schlafsack aus wie der ebenso heimliche als auch unrasierte Sprössling von Gollum und der buckligen Kräuterhexe Walburga (von olfaktorischen Nebenwirkungen ganz zu schweigen).

     

Dennoch – oder gerade deswegen – trägt der LARPer meist ein seliges Lächeln im Gesicht. Er mag stinken wie ein Iltis, aber er ist genau da, wo er sein möchte: in seiner Phantasie. Und das ist gut so!

     

Dinner for Fan

Je nach Authentizitätsbedürfnis und Einsatzwillen der den LARP organisierenden Freiwilligen, isst der LARPer das, was auch sein Charakter essen würde – die Spanne geht vom feurigen Spanferkel bis hin zur lauwarmen (und nicht zwingend empfehlenswerten) Gras-und-Wurzeln-Suppe. Alternativ tut’s natürlich auch »gewöhnliche« Camping-Küche: Wo der Hunger mit gnadenloser Hand regiert, bricht sich auch ein dunkler Fürst lieber einen Zacken aus seiner Cosplay-Krone, als dass er auf rußgeschwärztes Stockbrot oder Dosenravioli vom Gaskocher verzichtet.

Sag, was du willst, aber …

Ein LARPer legt Wert darauf, dass sich im Spiel alle an die Rollen halten. Er wird Sie daher nur äußerst selten mit »Hi« oder »Moin«, sondern weit eher mit einem »Gott zum Gruß, werter Geselle! Welch herrlicher Morgen, findet Ihr nicht? « begrüßen. (Alternativ auch mit einem theatralischen »Ha-haaa! «, falls Ihre Rolle die eines reichen Edelmannes und seine die eines ruchlosen Wegelagerers sein sollte, dessen Klinge seit gerade eben an Ihrer vollkommen überraschten Kehle ruht. In dem Fall – das nur als kleiner Rat zwischendurch – sollten Sie übrigens gar nichts sagen, sondern einfach Ihr Geldsäckchen rüberreichen.)

Wem das Schicksal (in Form der Organisatoren) die Rolle finsterer Kriegsfürsten, machtgieriger Magier, jungfernsüchtiger Drachen oder moralfreier Regenten zugedacht hat, der tut gut daran, in seine Rede den Pluralis Majestatis und das ein oder andere Blofeld-Lachen (»Muahahaaa! «) einzubauen. Das trägt zur Atmosphäre bei und ist eigentlich immer willkommen.

Sollten Sie Leiter eines LARPs sein, brauchen Sie sich derlei sprachliche Finessen allerdings nicht anzueignen. Vor lauter Verzweiflung über Ihre sich nicht an Regeln, Absprachen und den von Ihnen in monatelanger Kleinarbeit ersonnenen Spielablauf haltende Truppe werden Sie den Großteil des Wochenendes ohnehin kaum über (ganz und gar normalweltliche) Kraftausdrücke und frustriertes Zähneknirschen hinauskommen.

Bloß nicht nachmachen!

Ein echter LARPer kennt keinen Schmerz, so scheint es Außenstehenden manchmal, wenn sie sich über dessen liebstes Hobby wundern. Und doch gibt es vermutlich mehr Wege, die Geduld eines Live-Rollenspielers auf die Probe zu stellen als schwarze Lederkluften in Mordor. Etwa diese:

  1. Wenn es Abend auf dem Spielgelände wird und sich Ihre Mitstreiter in die regennassen, zugigen Zelte begeben, fahren Sie doch einfach in Ihr vorab reserviertes Hotelzimmer. Per Taxi. Lachend.

  2. Bestehen Sie darauf, jede Sie betreffende Spielentwicklung mit Ihren eigenen, extra mitgebrachten »Glückswürfeln« auswürfeln zu wollen. Lassen Sie nicht zu, dass die Spielleiter dabei zugucken, weil »das die Würfel beeinflusst«. (Bonuspunkte, wenn Sie Ihren Würfeln prätenziöse Namen geben und immer mal wieder mit ihnen sprechen, um sich über die Spielleiter zu beklagen.)

  3. Verwirren Sie Ihre Mitspieler, indem Sie zu jeder vollen Stunde eine komplett neue Figur verkörpern. Eben einen Grubenzwerg, jetzt eine magisch begabte Elfe, gleich einen Troll mit Verdauungsbeschwerden und Textilallergie. Sollten die Organisatoren Sie dafür schelten wollen, erklären Sie, dass ja wohl auch Charas schizophren sein könnten, und beschweren Sie sich lautstark über Diskriminierung.

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Länder, Jedi, Abenteuer will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in schillernde Subkulturen und die Charaktere hinter LARP.

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