Ghost in the Shell

© Paramount

FILM

Ghost in the Shell – Hollywood adaptiert das Anime-Meisterwerk


Ghost in the Shell ist ein Anime-Klassiker. Kann die neue Kinoverfilmung dem Spirit der brillanten Anime-Umsetzung aus dem Jahr 1995 überhaupt gerecht werden? Fragt und beantwortet: Stefan Servos.

 

Wer Genre-Filme liebt, aber noch nie den brillanten japanischen Anime-Klassiker Ghost in the Shell gesehen hat, dem ist eigentlich auch nicht mehr zu helfen. Obwohl – falsch – dem ist gerade jetzt zu helfen! Denn wer mit japanischer Filmkunst grundsätzlich weniger anfangen kann, bekommt die grandiose Cyberpunk-Geschichte nach dem Manga von Masamune Shirow schon bald als spektakuläre Realverfilmung mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle präsentiert, dramaturgisch aufbereitet für die Sehgewohnheiten eines westlichen Popcornkino-Publikums. Aber kann die neue Kinoverfilmung dem Spirit der brillanten Anime-Umsetzung aus dem Jahr 1995 überhaupt gerecht werden? 

Ghost in the Shell

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Der Anime hat mich Mitte der 90er, wie viele andere meiner Generation auch, komplett aus den Socken gehauen und tief beeindruckt zurückgelassen. Der Film entführte uns in das Jahr 2029 – Eine Welt, in der Konzerne herrschen und die Menschen ihre Körper mit Cybertechnologie pimpen. Hauptprotagonistin Motoko Kusanagi ist eine junge Frau mit unschuldigem Blick, jugendlichem Körper und veilchenblauem Haar – Doch der erste Eindruck täuscht, denn Kusanagi ist ein tödlicher auf Kampf und Hacking spezialisierter Cyborg. Trotz des künstlichen Körpers trägt sie ein menschliches Bewusstsein in sich, den sogenannten Ghost. Als Squad Leader der Sektion-9-Einheit, einem Sonderkommando der Polizei, wird sie eines Tages während eines Einsatzes mit einem übermächtigen Hacker namens „Puppet Master“ konfrontiert, der sich in die Ghosts der Cyborgs hackt, um sie mit falschen Erinnerungen so zu manipuliert, dass sie ihre Identität verlieren und Verbrechen bis in die höchsten politischen Ebenen für ihn begehen. Für Motoko wird die Jagd nach dem Puppenspieler zur persönlichsten aller Herausforderung, denn je mehr sie dem Verbrecher auf die Spur kommt, desto stärker beginnt sie ihre eigene Existenz zu hinterfragen. Soweit die spoilerfreie Handlung des Anime-Klassikers, der nun als Vorlage für eine superaufwändige Realverfilmung dient, die von Fans mehr als kritisch beäugt wird.

Eine genreprägende Erzählung

Die Comic-Vorlage Ghost in the Shell ist neben Akira ohne Zweifel eine der bekanntesten Manga-Reihen überhaupt und hat Anfang der 90er maßgeblich zur Verbreitung der japanischen Comics in der westlichen Welt beigetragen. Die gleichnamige Kinoadaption aus dem Jahr 1995 wurde international gefeiert und hat das Cyberpunk-Genre nachhaltig geprägt. Es gibt kaum einen Kinostreifen dieser Gattung, der keine Anspielung oder Hommage an Ghost in the Shell enthält. Viele der genretypischen Attribute, wie das Aussehen der Mecha-Tanks, Sprünge bei denen Bodenplatten zerbersten und Neuronalverkabelung im Nacken stammen ursprünglich aus Ghost in the Shell. Vor allem die Wachowski-Geschwister haben sich für die Matrix-Filme inhaltlich und visuell reichlich bei diesem Anime bedient, von den fast dreisten Kopien einiger Schlüsselszenen bis hin zum Matrix-typischen grünen Zahlenregen. Einen Hehl haben sie daraus nie gemacht, sondern ihre Bewunderung für den Anime stets zum Ausdruck gebracht. Ghost in the Shell-Regisseur Mamoru Oshii zeigte sich allerdings seinerzeit wenig begeistert von dem unautorisierten Ideenklau.

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Der Geist in der Hülse

Aber was ist überhaupt das Faszinierende an Ghost in the Shell? Warum erfreut sich das Franchise einer so großen Beliebtheit, dass nach Manga und Anime zig weitere Filme, zwei Fernsehserien, Manga-Fortsetzungen und Computerspiele folgten? Vermutlich ist es die Vielschichtigkeit der Handlung, die philosophischen Fragen in Kombination mit dem hohen erzählerischen Niveau. In der Tradition von Asimov und Philip K. Dick, stellt auch Ghost in the Shell die Frage danach, was den Mensch an sich ausmacht. Wo beginnt die Maschine, wann endet die Menschlichkeit? Welche Komponenten unseres Lebens machen uns zu dem Menschen, der wir sind? Neben der visuellen und erzählerischen Umsetzung faszinierte der Anime durch gerade diese philosophischen Aspekte. Im Mittelpunkt: Die Identität einer Maschine mit Bewusstsein, verstrickt in clevere Kriminalfälle. Eine unvergleichliche Mischung aus Blade Runner, CSI, Matrix und William Gibsons Neuromancer – Ohne Zweifel ein Meilenstein des Cyberpunk-Genres. Und die Themen des Comics sind aktueller denn je; es geht um Korruption, Terrorismus, Flüchtlingsströme aus Krisengebieten und die Reaktion der Bevölkerung auf diese. 

Ghost in the Shell

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Das Risiko der Realverfilmung

Unter der Regie von Rupert Sanders (Snow White and the Huntsman) entsteht derzeit die Realverfilmung des Klassikers. Fraglich war lange Zeit, ob die Macher des Kinofilms respektvoll mit dem Ausgangsmaterial umgehen, oder die Geschichte dermaßen umkrempeln, dass man sie nicht wiedererkennt. Aber die ersten Ausschnitte lassen erahnen, dass auch die kreativen Köpfe hinter dem neuen Film offenbar eine tiefe Liebe zu dem Original verbindet, denn viele Szenen sind nicht nur tiefe Verbeugungen vor der Anime-Version, sondern scheinen sogar eins zu eins umgesetzt worden zu sein. Ein respektvoller Umgang mit dem Quellenmaterial scheint also gegeben. Darüber hinaus beeindruckt der Trailer durch superstylische Impressionen der Zukunftswelt. Dennoch halten sich die Hintergrundinformationen derzeit noch in Grenzen. Die ersten Ausschnitte lassen vermuten, dass im Kinofilm inhaltliche Elementen aus dem Anime, den Mangas und der Serie vermischt werden. So wird der Motoko Kusanagi Gegenspieler in der Realverfilmung von Michael Pitt (Boardwalk Empire) verkörpert, wobei es sich offenbar um einen Mix aus mehreren Charakteren der anderen Adaptionen handelt, unter anderem dem „Puppet Master“ und dem Hacker-Terroristen namens „Lachender Mann“. 

Ghost in the Shell

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Casting in der Kritik

Die Entscheidung der Filmemacher, den japanische Cyborg ausgerechnet von der amerikanischen Schauspielerin Scarlett Johansson verkörpern zu lassen, stieß auf große öffentliche Empörung. Das produzierende Studio Paramount sah sich mit den Vorwürfen des Whitewashing konfrontiert, also jenem Hollywood-Phänomen, ethnisch vielfältige Rollen allesamt durch weiße Amerikaner verkörpern zu lassen. Die Gegenargumentation, dass ein synthetischer Cyborg ja auch einem internationalen Schönheitsideal entsprechen könne, wurde spätestens dann entkräftet, als bekannt wurde, dass auch viele der anderen ursprünglich asiatischen Rollen von Amerikanern oder Europäern verkörpert werden, wie beispielsweise Motokos Cyborg-Partner Batou vom dänischen Schauspieler Pilou Asbaek. Ghost in the Shell Produzent Steven Paul wiegelte ab, dass der neue Kinofilm anders als die Anime-Vorlage internationaler angelegt sei und in einer futuristischen Welt spiele, in der alle möglichen Ethnien und Hautfarben vertreten seien. Und auch Mamoru Oshii, der Regisseur des Originalanimes hat keinerlei Problem mit der Internationalisierung, sondern zeigte sich sogar richtiggehend begeistert von der Darstellung Scarlett Johanssons, die seine Erwartungen bei weitem übertroffen habe, wie er in einem Interview beteuerte, in dem er der Neu-Adaption seinen offiziellen Segen gab. 

Ghost in the Shell

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Delikatesse mit Beigeschmack

Doch der bittere Beigeschmack bleibt, denn das japanische Material wird ohne Zweifel amerikanisiert. Andererseits hat es bereits seit Die glorreichen Sieben (1960) Tradition, japanische Filme als amerikanische Remakes umzusetzen. In wie weit künstlerische Freiheit geltend gemacht wurde oder dies tatsächlich eine fragwürdige Entscheidung ist, darüber wird man länger diskutieren müssen. Sollte das Kunstwerk „Film“ nicht auch für sich alleine bestehen können? Am Ende zählt doch die Qualität der Erzählung. Vielleicht ist es ja sogar fortschrittliches Denken, dass Hautfarbe und Herkunft in der Neuverfilmung gar keine Rolle mehr spielt, sondern ein kultureller Melting Pot dargestellt wird, in dem nicht zwischen asiatisch und europäisch/amerikanisch unterschieden wird, sondern eben zwischen Mensch und Cyborg. Und vielleicht wird die Cyborg-Community in einer fernen Zukunft ja sogar anprangern, dass damals im Jahr 2016 die Cyborg-Protagonisten durch Menschen verkörpert wurden? Wer weiß das schon? Trotz aller Kritik an Änderungen und Whitewashing-Vorwürfe muss sich selbst der eingefleischteste Fan eingestehen, dass die ersten Ausschnitte nicht nur dem Spirit der Original-Vorlage treu bleiben, sondern ihn sogar regelrecht zu atmen scheinen. Und wenn der Film hält, was der Trailer verspricht, dann erwartet uns ein visuell beeindruckender Cyberpunk-Meilenstein der Kinogeschichte. Und mehr erwarten wir doch gar nicht in unserer einfachen Bescheidenheit. Also ich persönlich freue mich drauf.

 

Ghost in the Shell startet voraussichtlich am 30. März 2017 in den deutschen Kinos.

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