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Excalibur: Die Kitsch-Vollendung


Ich besitze ihn als VHS-Raubkopie, als offizielle VHS-Cassette, als VHS-Aufnahme aus dem TV, als auf DVD überspielte VHS sowie als offizielle DVD. Zudem den Soundtrack als LP sowie ein inzwischen etwas angefaultes Filmplakat von damals. Und Rasierklingenhersteller Gillette startete als Werbeaktion ein Preisausschreiben, bei dem man eine Kopie des Schwerts aus dem Film gewinnen konnte. Ich nahm teil, gewann aber nicht. Man könnte angesichts all dieser Tatsachen glattweg behaupten, ich sei Fan.

Rewatch: Excalibur - Die Legende von König Arthus

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Die Gleichaltrigen gingen damals, 1981, alle in Jäger des verlorenen Schatzes, während ich ganz allein für Boormans Arthur-Verfilmung anstand. Das war mir sehr recht, denn ich wollte niemanden dabeihaben, der den Film eventuell nicht versteht, lautstark im Popcorn wühlt und mir mampfend reinquatscht. Dafür war das Kino ein zu heiliger Ort. Damals.

John Boorman war bekannt als Regie-Extremist, der zum Wohl des Stoffs seinem Team und den Darstellern alles abverlangte. Die Hölle sind wir, Zardoz, Deliverance hatten Zeugnis darüber abgelegt. Der Konflikt Natur/Zivilisation schien Boorman besonders am Herzen zu liegen, die scheinbare Unmöglichkeit des einen in der Gegenwart des anderen, oder ihrer beiderseitige Durchdringung. Der britische Regisseur war vorgesehen für eine Frühsiebziger-Verfilmung des Herrn der Ringe, die aber dann nicht mal der ausgewiesene Logistiker zu stemmen vermochte. Also griff er sich den anderen populären, wenngleich viel älteren Fantasy-Stoff der Literaturgeschichte, das große Drama über Aufstieg und Fall, über Liebe und Verrat: Sir Thomas Malorys ›Le morte Darthur‹ (1485 postum erschienen) war die Summa Scientia der Artus-Dichtung, jenes Werk, in das alle verstreuten Sagen und Legenden eingeflossen waren. Es war der definitive Kampf von Zivilisation gegen Natur, von Ordnung gegen Chaos. Boorman und Drehbuchautor Rospo Pallenberg exzerpierten daraus eine ebenso packende wie vollgepackte Filmerzählung, durch die sie im Schweinsgalopp eilten.

Excalibur ist wuchtig, pathetisch, opernhaft, kitschig, erzählt mittels intensiver Farbdramaturgien, präsentiert großartige Landschaften, umgeht geschickt Budgetkrisen, rekrutiert seine Darsteller-Crew von Shakespeare-Bühnen weg, schmeißt einem Blut und Schlamm um die Ohren, bis man weggucken muss, unterlegt das alles sinnigerweise mit Wagner-Klängen und erweist der Hollywood-Verkitschung ebenso seine Referenz wie dem Realismus der 70er-Kunstfilme eines Robert Bresson (Lancelot du Lac). Tatsächlich wirkt Excalibur heute in seiner eleganten Rohheit und der artifiziell glitzernden Zivilisiertheit mehr denn je wie ein Kunstfilm. Mit anderen Worten: So etwas wird heute nicht mehr gemacht, erst recht nicht im Fantasy-Genre.

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Die absurdeste Kritik, die damals aufkam, war die, der Film sei anachronistisch, weil Waffen und Rüstungen dem Spätmittelalter entnommen, der Zeitrahmen der Geschichte jedoch das früheste Frühmittelalter sei. Dabei interessierte Boorman und Pallenberg genau das nicht die Bohne. Sie inszenierten keinen Historienschinken, sondern puren Mythos, quasi kollektives Unterbewusstsein. Nie wird das Land erwähnt, in dem das spielt, auch nicht die Epoche. Die Geschichte um König Arthur wird als »Traum« definiert, entsprechend symbolbeladen und typenbevölkert ist das Ganze – Traum und Albtraum in konsequenter Kitsch-Vollendung. Das Magiekonzept war für die damalige Zeit neu und aufregend mysteriös. Wer ist denn bloß dieser geheimnisvolle »Drache«, von dem Merlin dauernd spricht? Das Ding taucht ja nie auf! Natürlich nicht, denn es ist bloß ein Symbol für die Urkraft, mit der Begabte sich verschalten können. Ein kryptisches Symbol, das nie Form annimmt und nur als Nebel wabert. Der moderne Fantasy-Film war damals noch ziemlich jung, und dieses Wegdriften vom bunten Kaugummi-Märchen hin zu Psychoanalyse und Mythos, zu C. G. Jung und überzeitlicher Motivik war für viele Zuschauer (und auch Kritiker) ungewohnt: ein aufgepeppter wagnerianischer Fantasy-Ritterfilm, der mit der Hochkultur ebenso wie mit dem Tiefenbewusstsein kokettierte. Nicht nur einfach eine Heldenmär mit Schwertern und Ivanhoe, der als Sieger vom Platz geht und die holde Jungfrau bekommt. Nein, hier dräut es dunkler und existentieller. Das ist Menschheitsdrama.

Ungemein effektiv ist auch der Soundtrack. Es war die Zeit vor dem großen Klassik-Boom, Sequenzen wie »Siegfrieds Begräbnis« aus der Götterdämmerung oder der Anfangsteil aus Carmina Burana waren noch nicht allgemein bekanntes Pop-Kulturgut, sondern, nun ja, richtiges Kulturgut. Excalibur setzt diese Sequenzen fulminant ein, schon die tolle Synchronisierung des Vorspanns mit dem Hörnerschall aus der Götterdämmerung weist den Weg. Das war damals neu und dreist.

Es ließe sich noch viel über diesen geballten mythischen Film sagen, über seine damals verblüffend liberale FSK-12-Einstufung trotz expliziter Szenen des Grauens und des Verfalls (so etwas hatten zuvor eigentlich nur Monty Python gemacht, und das auch nur halb so konsequent), über die Riege von Darstellern, aus der ausgerechnet Hauptdarsteller Nigel Terry († 2015) kinomäßig nicht mehr viel reißen konnte, außer bei Derek Jarman, aber allerhand Nebentypen mit den Jahren zu Stars aufstiegen: Liam Neeson, Patrick Stewart, Gabriel Byrne, Helen Mirren. Über den besten Merlin der Filmgeschichte, den unübertrefflichen Nicol Williamson († 2011). Über das Set-Design und Kamera-Virtuose Alex Thomson († 2007) und dessen Ideen irgendwo zwischen Präraffaelismus, Hieronymus Bosch, deutscher Romantik und keltischem Mystizismus. Und über rohen Rittersex vor dem Kaminfeuer – in voller Rüstung!

Ein Film, von dem man träumt, und genau das ist ja auch seine Absicht.

Excalibur trat damals zusammen mit Conan dem Barbaren an, einem weiteren Fantasy-Archetypen, hatte aber im Gegensatz zu diesem keine nennenswerte Wirkungsgeschichte. Während bald alle nur denkbaren und undenkbaren Barbaren die Leinwände und Videotheken bevölkerten, erlebte der Ritterfilm mitnichten eine Renaissance. Es gab eigentlich nur den völlig unbekannt gebliebenen deutschen Film Feuer und Schwert (mit dem jungen Christoph Waltz) sowie den italienischen Schund Das Duell der Besten (Original: Orlando furioso, international: Hearts and Armours), der auf dem Rolandslied beruhte und immerhin eine hübsche Ausstattung zu bieten hatte. Und importierte Hollywood-Titanen wie Leigh McCloskey und Tanya Roberts.

Der Tag des Falken und Flesh and Blood folgten erst 1985. Da stand John Boorman schon längst mitten im nächsten Konflikt zwischen Natur und Zivilisation, diesmal im Smaragdwald.

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