Länder, Jedi, Abenteuer – Dystopien, oder: das schlechte Leben für Fortgeschrittene

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KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer (4): Dystopien


Das Leben könnte so schön sein. Wenn da nicht all die Menschen, Katastrophen, Krankenkassenbeitragserhöhungen und Familienfeiern mit Tante Gudrun wären. Wem diese noch nicht genügen, um sich gehörig den Tag zu vermiesen, der ist im Reich der Dystopie bestens aufgehoben. Denn nirgendwo sonst beweisen namhafte Genregrößen von George Orwell über Ray Bradbury und Bernd Perplies bis hin zu Suzanne Collins, dass auch halbvolle Gläser eigentlich halbleer sind.

Der Fanotyp

Dystopisten suchen nicht nach dem Regenbogen, denn in ihren bunkergleichen Arkologien, postapokalyptischen Wüsteneien und mausgrauen Polizeistaaten hat auch Frau Holles Wetter schon lange nichts mehr zu melden. Wo Träume als Verbrechen gelten, Liebesbeziehungen den gesellschaftlichen status quo gefährden und Sprache mental vorgefiltert werden muss, um die Massen gefügig zu halten, ist es mit individueller Selbstverwirklichung nicht weit her. Da zählt allein der Herdentrieb – und der Leithammel ist leider ein Faschist (wahlweise auch ein unkontrollierbarer Supercomputer, ein alteingesessener Aberglaube oder ein außerirdischer Overlord mit größeren Weltherrschaftsallüren als Kanye West).

Der typische Dystopier trägt das Grau seiner gesellschaftlichen Kaste am spindeldürren Leib und den (natürlich „vom Vorübergehn der Stäbe“ schon ganz müd gewordenen) Blick immer brav am Boden. In seinem Herzen hat allerhöchstens das Antlitz des Großen Bruders Platz. Einzig die Auserwählten/tragischen Helden wagen es in Dystopia, aus der uniformen Reihe zu tanzen. Dafür werden sie nach ihrer meist nur anfänglich erfolgreichen Rebellenkarriere im Bestfall mit gesellschaftlicher Ächtung und im Schlimmstfall mit einem Schicksal bestraft, gegen das selbst ein Das Traumschiff-TV-Marathon die absolute Erfüllung wäre.

Dinner for Fan

Über Geschmack lässt sich streiten? Nicht in Dystopia. Die allgemeine Gleichschaltung der postapokalyptisch-dauerpanischen Gesellschaft macht natürlich auch vor Speisekammern nicht Halt, und so präsentiert sich das „Fandinner für Dystopier“ genauso fad und eintönig wie es der Kleine-Leute-Alltag im Jahr 1984 ist. Ob Dosenfraß, Graseintopf, am Lagerfeuer gegrillte Ratte oder weichgeklopfte Autoreifen – je weniger Aufwand Sie für Ihr Dark-Future-Menü betreiben, desto näher kommen Sie dem gewünschten Ergebnis. Ihrer Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt – nach unten, wohlgemerkt. Einzig um Soylent Green sollten Sie aber einen sehr, sehr weiten Bogen machen. Ernsthaft.

Sag, was du willst, aber …

Sonderliche Plaudertaschen sind Dystopier nicht gerade. Möchten Sie in die Fußstapfen von Mad Max, Winston Smith, Guy Montag und Co. treten, sollten daher auch Sie Ihre verbale Kommunikation auf ein Minimum beschränken. Blicke sagen eben mehr als tausend Worte – erst recht, wenn letztere von der Staatsmacht, dem Rest der Bunkerkommune oder dem außerirdischen Overlord auf die Goldwaage gelegt werden. Ein gelegentliches Grunzen oder Brummen, ein krächzendes „Wasser!“ oder ein entzücktes „Oh, was für ein schöner Tag!“ – nur stilecht, wenn dicht gefolgt von einer gewaltigen Explosion – genügen dem dauerdepressiven Endzeitler voll und ganz.

Wer diesen Minimalismus nicht aushält, kann sich natürlich auch den Mund fusselig reden. In dem Fall empfiehlt es sich aber, sich die Meinung der herrschenden Klasse zu eigen zu machen, immer die richtige Parole auf Lager zu haben und jeden dritten Satz mit einem schallenden „Jawohl, mein segensreicher Herrscher“ zu beenden. Wem’s gefällt …

Bloß nicht nachmachen!

Dass wir uns gleich richtig verstehen: Dystopia ist generell so empfehlenswert wie ein Candlelight-Dinner mit dem unglaublichen Hulk oder eine rote Uniform in einer Star Trek-Episode – nämlich gar nicht. Falls Sie sich trotzdem unter passionierten Dystopisten unbeliebt machen wollen, sind Sie das selbst Schuld. Es gelingt Ihnen beispielsweise so:

  1. Stellen Sie ohne Unterlass W-Fragen. Vor allem, wenn in Ihrer Gegenwart von Tradition, gesellschaftlichen Zwängen oder von göttlichem Willen die Rede ist.

  2. Fürchten Sie sich nicht vor Zimmer 101.

  3. Eröffnen Sie im postatomaren Wasteland einen Verkaufsstand für Sonnencreme und Strandspielzeug.

  4. Gründen Sie eine nicht minder sinnfreie Gegenreligion mit noch beknackteren Regeln und Riten als beim dystopischen Original. (Bonuspunkte gibt es selbstverständlich, wenn Ihre Kirche dem großen Spaghettimonster huldigt. Versteht sich.)

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Christian Humbergs Kolumne "Länder, Jedi, Abenteuer" will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in die schillernde Subkultur der Geeks. Heute: die Dystopier.

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