Kolumne: Länder, Jedi, Abenteuer - Doctor-Who

KOLUMNE

Doctor-Who-Fans sind innen größer als außen


Es gibt sie seit mehr als fünfzig Jahren. Die Fans der legendären britischen TV-Serie Doctor Who sind treuer als slitheenischer Mundgeruch und verzeihen selbst das schwächste Drehbuch (an dieser Stelle ein lieber Gruß an den ehemaligen Showrunner Russell T. Davies) und die beknacktesten Spezialeffekte mit einem warmen Lächeln und einem Zucken ihrer – oft unter einem viel zu langen, gestreiften Wollschal verborgen liegenden – Schultern. Sie überstehen sogar jahrzehntelange Produktionspausen unbeschadet und vermehren sich aktuell wieder wie die Tribbles. (Ups, falsches Franchise …)

 

Der Fanotyp

Whovians sind gesellig, äußerst humorvoll und meist ausgesprochen anglophil. Je nach Alter (die ersten Whovians entstanden bereits vor über fünf Jahrzehnten, neuere Generationen allerdings erst im Zuge des Serien-Revivals im Jahr 2005) begeistern sie sich auch für andere, nur latent who-bezogene „Insel-Kulte“, etwa für die gesammelten Albernheiten Monty Pythons und das Buch gewordene Vermächtnis des großen Douglas Adams, wohingegen Fans jüngeren Baujahrs beispielsweise weit eher auf attraktive Detektive aus der Baker Street stehen.

Unter seinesgleichen trägt ein Whovian häufig blaue T-Shirts mit Aufdruck einer – wie Nichtwissende ihm fälschlich unterstellen – Telefonzelle und kleidet seinen Nachwuchs gern in Strampelanzüge, die verblüffend unironisch behaupten, der sie tragende dauerpupsende Anderthalbkäsehoch sei ein „Time-Lord in the making“. Auch Hüte (breitkrempig, weiß oder – seit kurzem – ein Fez), Regenschirme und hipsteriges Schuhwerk zählen zu den bevorzugten Accessoires eines Whovians. Am Populärsten ist aber der so genannte Schallschraubenzieher, ein surrendes und blinkendes Gerät, dessen genauer Nutzen selbst den Drehbuchautoren der Serie nicht ganz klar ist, das sich aber so prima als Merchandise vermarkten lässt, dass mittlerweile jeder neue Hauptdarsteller seinen ganz eigenen Schallschraubenzieher auf den Leib geschrieben bekommt.

 

Dinner for Fan

Ob Jelly Babies, Kurzgebratenes („You’re scottish. Fry something.”) oder eine in Dalekform geschälte Ananas – die Zahl der whovianischen Speisen und Getränke scheint Legion zu sein und wird nur von der Phantasie derer begrenzt, die den ganzen Kram zubereiten (und letztlich vertilgen) müssen. Das typische DW-Gericht, das auf keinem Fantreffen fehlen darf, gibt es allerdings nicht; im Zweifel genügt einem echten Whovian die britische Küche voll und ganz. (Die ist nämlich meist ebenso wenig empfehlenswert wie ein Wellnessurlaub auf Skaro oder ein Skatabend mit den Cybermen von Nebenan.)

 

Sag, was du willst, aber …

Whovians erkennen sich an zahlreichen Catchphrases, und es werden immer mehr. Sei es ein herzliches „Geronimo!“, ein latent prätentiöses „Allons-y!“ oder ein nahezu in allen Lebenslagen höchst eigenartig wirkendes „Fliegen sind cool!“ – beinahe jeder Doctor ergänzte das Fandom-Wörterbuch um mindestens einen neuen Langzeiteintrag. Besonders legendär ist aber natürlich das klassische „wibbly, wobbly, timey, wimey“, mit dem Whovians auch noch das größte Logikloch und den krassesten Widerspruch in der Serie lässig und lachend wegerklären.

 

Bloß nicht nachmachen!

Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, die friedliebenden Whovians zu reizen. Dennoch kann dies gelingen. Beispielsweise so:

  1. Kritisiere beim DW-Videoabend mit deinen whovianischen Freunden die klassischen Staffeln, insbesondere die noch in Schwarzweiß gedrehten, allein wegen ihres Alters. Bestehe darauf, dass grundsätzlich alles, was vor deiner Geburt gedreht wurde, von Natur aus Müll sei. Wenn man dir widerspricht – und glaube mir: Man wird dir widersprechen! – ziele mit der Fernbedienung auf deinen Whovian und krächze lautstark „Exterminate!“
  2. Wann immer ein Dalek im Bild erscheint, frage deine ob der dramatischen Szene schockstarr gewordenen Sitznachbarn, wie „die Müllkübel da eigentlich eine Treppe hochkommen“ sollen.
  3. Wünsche dir den ehemaligen (und vom Fandom seit Generationen gehassten) TARDIS-Reisenden Adric zurück. Ruhig auch mehrfach.
  4. Äußere Zweifel an der Attraktivität David Tennants. (Danach solltest du allerdings schnellstens weglaufen! Zu deiner eigenen Sicherheit.)

 

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Christian Humbergs Kolumne "Länder, Jedi, Abenteuer" will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in die schillernde Subkultur der Geeks. Heute: die Whovians.

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