Dune der Wüstenplanet: Cineastische Katastrophe, Trash oder Kult?

© Dino De Laurentiis Company

REWATCH

Der Zweite Blick (Folge 5): Dune der Wüstenplanet - Eine überirdische Symphonie der Sinne


Cineastische Katastrophe, Trash oder Kult? Über das Gelingen der Romanverfilmung von Frank Herberts Der Wüstenplanet stritten sich nach seiner Erscheinung im Jahr 1984 Zuschauer, Filmkritiker und Buchfans. Unser Autor Stefan Servos hat sich Dune der Wüstenplanet noch einmal angeschaut. 

 

Dune der Wüstenplanet gilt gemeinhin als eines der größten Kino-Desaster Hollywoods. Es ließ Zuschauer und Macher mit Bauchschmerzen zurück und wurde von Filmkritik-Ikone Roger Ebert als der schlechteste Film des Jahres bezeichnet, »hässlich«, »unstrukturiert« und »verwirrend«. Als der Streifen vor über dreißig Jahren in die Kinos kam, konnten die meisten Zuschauer der Handlung kaum folgen, und die, die es konnten, nämlich die Anhänger von Autor Frank Herbert, fühlten sich vor den Kopf gestoßen, wich der Film doch viel zu sehr von der geliebten Romanvorlage ab und erlaubte sich unerhörte künstlerische Freiheiten. Millionen von Film-Dollar wurden von Regisseur David Lynch in den sprichwörtlichen Wüstensand gesetzt. Und doch erfreut sich Dune zugleich auch einer bis heute eingeschworenen Fan-Gemeinde.

Für mich war der Film damals eine Offenbarung. Mit den Romanen von Herbert nicht vertraut, eröffnete er einen völlig neuen Kosmos für mich, von faszinierendem und zugleich epischem Ausmaß. Mit seinem für damalige Verhältnisse außergewöhnlich hohen Budget (ca. 45 Mio. US-Dollar) bildet Dune der Wüstenplanet eine krasse Ausnahme in Lynchs Œuvre, welches sich sonst eher im Arthaus-Bereich bewegt. Es war ohne Zweifel die einzigartige Handschrift des Regie-Enfant-terrible, die das Publikum spaltete. Seit ich ihn Ende der 80er das erste Mal gesehen habe, steht Dune der Wüstenplanet auf meiner persönlichen Liste von Kultfilmen ganz weit oben. Aber kann er heute, so viele Jahre später, diesem Anspruch überhaupt noch gerecht werden? Vielleicht ist meine Erinnerung getrübt? Vielleicht ist Dune wirklich eine cineastische Katastrophe, die ich durch meine rosa Retro-Brille verkläre? Um dies festzustellen, habe ich mir den Film nach über fünfzehn Jahren noch einmal angeschaut.

Dune der Wüstenplanet Kyle MacLachlan Sting Wüste Spice Adelshäuser

© Dino De Laurentiis Company

Megaflop an den Kinokassen

 

Die Handlung ist episch! Wir schreiben das 11. Jahrtausend, und die mächtigen Adelshäusern Atreides und Harkonnen befinden sich in kriegerischer Auseinandersetzung um den Rohstoff Spice, der nur auf einem einzigen Planeten im Universum existiert, dem Wüstenplaneten Arrakis. Diese bewusstseinsverändernde Droge ermöglicht es durch Gedankenkraft den Raum zu krümmen und so jeden Punkt im Universum zu bereisen. Wer über das Spice herrscht, beherrscht das Universum. Im Zuge dieses Krieges geraten Paul Atreides (Kyle MacLachlan) und seine Mutter Jessica (Francesca Annis) in Gefangenschaft und müssen bei ihrer Flucht mit ihrem Raumschiff auf Arrakis notlanden. Dort lebt das unterdrückte Volk der Fremen, das auf einen Messias wartet, der laut einer Prophezeiung den Krieg zu beenden und sie aus der Dunkelheit führen wird.

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Das Schlafende muss erwachen

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft ich Dune in meiner Jugend auf VHS gesehen habe, aber zumindest so oft, dass ich ganze Passagen mitsprechen konnte und schon die ersten Töne des Soundtracks einen Sturm der Gefühle auslösten. Es war also dringend an der Zeit für einen Re-Watch. Doch wie sagt Prinzessin Irulan so treffend im Intro? »Der Beginn ist eine sehr delikate Phase.« Zunächst gilt es sich in Ermangelung eines VHS-Videorekorders, durch einen Dschungel unterschiedlichster DVD- und Bluray Veröffentlichungen zu kämpfen. Der Kultstreifen wurde seit seiner Erstveröffentlichung 1984 unzählige Male bearbeitet, geändert und verschlimmbessert. Einige Fassungen, wie beispielsweise der dreistündige Fernsehcut im 4:3 Format mit einem gemalten (!) Prolog, sind dermaßen übel, dass Regisseur Lynch sich nachdrücklich davon distanzierte und darauf bestand, dass man seinen Namen aus dem Intro und dem Abspann entfernte. Entschieden habe ich mich schließlich für die Restaurierte Kinofassung aus der deutsche Paradise Edition, die zwar mit »nur« 130 Minuten eine der kürzesten Filmfassungen ist, aber möglicherweise am nahsten dran an der ursprünglichen Kinofassung, die ich damals gesehen habe. 

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Und kein Tropfen Regen auf Arrakis

Und so beginnt es. Virginia Madsens Gesicht erscheint bildfüllend, spricht den Prolog und blickt mir direkt direkt in die Seele, und schon sind alle Gefühle wieder da. Es ist fast so, als hätte ich Arrakis nie verlassen. Und bereits bei der ersten Szene erinnere ich mich, warum mich Dune immer fasziniert hat. Der Auftritt der Navigatoren, dieser gruseligen Riesenkaulquappen, die laut Roman eigentlich wie Marsmenschen à la Roswell hätten aussehen müssen, gibt mir das Gefühl, in einen bizarren und komplexen Kosmos einzutauchen. David Lynch schuf diese grauenhaften, durch das Spice entstellten Kreaturen, die uns unterbewusst ahnen lassen, wie mächtig diese Hyperdroge ist und welche Bedeutung sie für das gesamte Universum hat. Insgesamt geht Lynch seine Version des Romans mystischer und psychologischer an als alle anderen Adaptionen nach ihm. Wo andere nur geschriebene Worte in Bilder umwandeln, interpretiert Lynch und erschafft so ein überirdisches Gefühl von tief verwurzelter Mythologie. Unterstützt wird dieser Aspekt dabei von den bizarren Welten-Designs von Anthony Masters (2001: Odyssee im Weltraum). Von den prunkvollen SF-Barrockbauten des Kaiserpalastes bis zu den endzeitlichen Industrie-Ruinen auf Giedi Prime scheinen alle Kulissen und Kostüme stark von Moebius und Giger inspiriert (die Mitte der 70er Jahre übrigens beide an einer geplatzten Dune-Verfilmung beteiligt waren, in der Salvador Dalí die Rolle des Padischah-Imperator übernehmen sollte).

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Ich bin Usul, Paul Muad'Dib!

Spätestens wenn die Handlung uns in den finsteren Herzogspalast auf Caladan führt und Paul Atreides, der prophezeite Übermensch Kwisatz Haderach, vorgestellt wird, bleibt kein Zweifel, dass auch das Casting ein Glücksfall ist. Kyle MacLachlan, Patrick Stewart, Jürgen Prochnow, Sting, Sean Young, Max von Sydow oder Brad Dourif – viele der Darsteller standen damals noch am Anfang ihrer Karriere, brachten jedoch bereits alle Fähigkeiten mit, um die Legende zum Leben zu erwecken. Besonders fasziniert bin ich bis heute von der Darstellung des grotesken Baron Vladimir Harkonnen (Kenneth McMillan).  Zugegeben, im Rückblick ist die Performance der meisten Darsteller eher gewöhnungsbedürftig, mal hölzern, mal gnadenlos übertrieben. Aber irgendwie passt das in diesen bizarren Kosmos. Meine Lieblingsszene gehört einem ganz besonderen Spicegirl (fünf Euro in die Wortspiel-Kasse!), nämlich der übermächtigen Alia Atreides, Pauls Schwester, gruselig gespielt von der damals erst achtjährigen (!) Alicia Witt. Ihr selbstbewusster Auftritt vor dem Imperator und Baron Harkonnen jagt mir auch jetzt noch einen Schauer über den Rücken. Überhaupt gibt es in diesem Meisterwerk so viele Gänsehaut-Momente, dass ich sie kaum zu zählen vermag. Die geflüsterten prophetischen Gedanken der Protagonisten im Off, die wahnwitzigen Bildmontagen und vor allem der grandiose Soundtrack von Toto und Brian Eno, der dem Hörer das Gefühl gibt, selbst auf einem Sandwurm durch die Wüsten von Arrakis zu reiten. Selten habe ich Science Fiction danach so intensiv erlebt.

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Das Spice muss fließen

Die Ökobotschaft des Films ist übrigens heute nicht weniger aktuell als seinerzeit – die Ausbeutung der Natur, der Krieg um Rohstoffe in der Wüste –, die Welt hat sich seit Veröffentlichung des Romans im Jahr 1965 offenbar kaum verändert. Aber auch viele andere Themen, wie die machiavellistische Darstellung der Politik oder der religiöse Fanatismus, verleihen der Erzählung bis heute Gültigkeit. Was früher im Genre üblich war, nämlich der Realität den Spiegel vorzuhalten, ist in modernen Science-Fiction-Filmen kaum noch vorhanden (oder ich habe die tiefere Botschaft von Star Trek Beyond einfach nur noch nicht erkannt). Diese Parabel auf den kalten Krieg und die Ausbeutung der Ölvorkommen in der arabischen Welt war mir zwar als Teenager zugegebenermaßen herzlich egal, aber sie verleiht dem Weltraumepos einen direkten Bezug zu unserer eigenen Welt und ist deshalb glaubwürdig und authentisch.

 

Fazit: Kult oder Trash?

Butter bei die Fische: Ich kann nicht leugnen, dass Dune der Wüstenplanet die eine oder andere dramaturgische Schwäche besitzt. Die Sprünge in der Handlung und die aberwitzige Anzahl von Handlungssträngen machen es dem unbedarften Zuschauer nicht leicht. Auch die Spezialeffekte (wie etwa der Bluescreen-Wurmritt) sind ziemlich in die Jahre gekommen, mögen aber ob der damaligen Möglichkeiten verziehen sein. Lieber sehe ich Retro-Tricktechnik, als dass Filme einer mittelmassigen FX-Überarbeitung à la  Star Wars unterzogen wird. Im Großen und Ganzen kann ich nicht nachvollziehen, warum dieses Werk von vielen als SF-Trash abgetan wird. Für mich hat Dune der Wüstenplanet auch nach erneutem Anschauen nichts von seinem Charme verloren. Das wohlige Gefühl, sich ungehemmt dem Pathos hinzugeben, die Gänsehaut, die Faszination für diese Welten und ihre Technologie – es war alles wieder da, als sei kein Tag vergangen. Dune, du hast weiterhin einen Platz in meinem Herzen. Darauf ein kühles Spice-Bier! Prost!

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