Netflix-Serie: Stranger Things - Eine Verbeugung vor der Popkultur der 80er-Jahre

© 2016 Netflix

SERIE

Stranger Things - Eine Verbeugung vor der Popkultur der 80er-Jahre


 

Nostalgische Geek-Anspielungen


Kaum eine andere Serie beherrscht derzeit Timelines und Serien-Communitys so sehr, wie das 80er-Jahre-Mystery-Spektakel „Stranger Things“. Kein Wunder, denn die Netflix-Eigenproduktion trifft den Nostalgie-Nerv einer ganzen Generation von Geeks, die in dem sagenumwobenen Zeitalter vor der Existenz von Internet und Handy aufgewachsen sind. Damals, als Rollenspielkämpfe noch mit Würfel ausgetragen wurden und man in den Wäldern mit Stöcken Jedi-Ritter spielte, da war die Welt irgendwie noch überschaubar und die Tage wollten nicht enden. 

 

 

© 2016 Netflix

In erster Linie ist „Stranger Things“ eine große Hommage an die Kultfilme der 70er- und 80er-Jahre. So ist es sicherlich kein Zufall, dass das grandiose Intro-Theme direkt aus der Komponistenfeder von John Carpenter („Die Klapperschlange“) zu stammen scheint, ebenso wenig, wie es Zufall ist, dass viele Kameraeinstellungen eins zu eins aus  Filmen wie „E.T. – Der Außerirdische“, „Stand by me“ oder „Die Goonies“ übernommen wurden. Die Masterminds hinter „Stranger Things“, die Zwillingsbrüdern Matt und Ross Duffer, haben ihre Würdigung bis hin zum Casting der Schauspieler konsequent durchgezogen, bei denen es sich zum Teil fast um Doppelgänger von Eighties-Kultgrößen wie River Phoenix („Explorers – Ein phantastisches Abenteuer“) oder Mia Sara („Legende“) zu handeln scheint. Aber „Stranger Things“ ist mehr als nur eine Verbeugung vor einer vergangenen Kino-Ära. Jede einzelne der acht Folgen ist zudem ein rauschendes Fest zu Ehren einer ganzen Generation, die Anfang der 80er Jahre in den holzvertäfelten Hobbykellern und in den Wäldern hinter dem Haus Abenteuer im kindlichen Mikrokosmos  erlebt hat, fern ab der erschreckenden Welt der Erwachsenen. Ob der Atari unterm Weihnachtsbaum oder der Tausch von X-Men-Comics, es sind die liebevoll und authentisch eingesetzten Geek-Elemente dieser Coming-of-Age-Geschichte, die bei vielen Zuschauern ungeahnte Retrogefühle wecken. Auf die Anspielungen, die mich persönlich bewegt haben, möchte ich im folgenden eingehen.

 

Mit Papier, Würfeln und Regelbüchern


Viele von uns erinnern sich mit einem wohligen Gefühl an jene Abende, in denen im Keller die Kerzen entzündet und die vielseitigen Würfel ausgepackt wurden. Pen-&-Paper-Rollenspiele erlebten Anfang der 80er Jahre einen ungeheuren Boom. Vermutlich aus diesem Grund entschieden sich auch die Duffer-Brüder die erste Folge stilsicher mit einer Runde Dungeons-&-Dragons zu eröffnen. Dungeonmaster Mike konfrontiert seine Spieler zunächst mit einigen Troglodyten, um sie kurz darauf gegen den berühmten Dämonenfürsten Demogorgon antreten zu lassen, dem wohl am meisten gefürchteten D&D-Monster der 80er Jahre (vor Einführung der Tarraske), der von nun an auch zur Metapher für den ungeahnte Schrecken herhalten muss, der die kleine Stadt im US-Bundesstaat Indiana heimsucht. Eine ikonische Monster-Begegnung, die jedem Rollenspieler so vertraut sein dürfte, wie die Stats auf dem eigenen Charakterbogen. Wie ein roter Faden zieht sich das Rollenspiel-Motiv durch die gesamte Serie, beispielsweise wenn über den Zusammenhalt in der Heldengruppe diskutiert wird, bis hin zur Erklärung der mysteriösen Dimension durch das „Vale of Shadows“ aus dem Dungeons & Dragons Expert Rules Set 2 (welches 1983 von TSR veröffentlicht wurde). Dann wähnt sich mancher Rollenspieler vor dem Fernsehschirm in bekanntem Territorium. Sicherlich wird der eine oder andere nach der Bingewatching-Session das Bedürfnis verspürt haben noch einmal die alten D&D-Bücher herauszukramen.

 

 

© 2016 Netflix

 

Reise nach Mittelerde


Ähnlich verhält es sich auch mit den Anspielungen an die Erzählungen von J.R.R. Tolkien. Das Kinderbuch „Der Hobbit“ weckte Mitte der 80er in mir eine bisher unbekannte Sehnsucht nach fantastischen Welten. Nicht anders geht es unseren vier Serien-Geeks, die in dem gleichen Alter wie ich damals und allesamt eingefleischte Mittelerde-Fans sind. Die Verwendung von tolkienischen Begriffen wird in der Handlung zu einer Art Geheimsprache, welche Erwachsenen nicht zugänglich ist. Die Jungs verabreden sich im „Mirkwood“, ihr geheimes Passwort lautet „Radagast“ und außergewöhnliche Ereignisse werden beiläufig mit Tolkien-Anspielungen wie beispielsweise „Riddles in the Dark“ (Kapitel 5 aus „Der Hobbit“), kommentiert. 

 

 

© 2016 Netflix

 

Möge die Macht mit uns sein


Anfang der 80er Jahre war aber vor allem die Ära von „Star Wars“. Das eindrucksvolle Weltraumabenteuer bot bis dato nie gesehene Raumschiffe, Aliens und Special Effects und beflügelte die Fantasie einer ganzen Generation. „Stranger Things“ spielt im November 1983, also wenige Monate nach dem US-Kinostart von „Return of the Jedi“ und dementsprechend sind auch die Jungs leidenschaftliche Fans der Sternensaga. Dabei war es für Netflix gar nicht so einfach für die Verwendung der Star-Wars-Elemente die Freigabe von Lucasfilm zu bekommen. Im Interview mit der Huffington Post verrät Serienschöpfer Matt Duffer, dass man beispielsweise die Filmposter nicht verwenden durfte, dafür habe man aber immerhin für die eindrucksvolle Levitationsszene mit dem Millennium Falcon grünes Licht bekommen, sowie für die Yoda-Figur, die El von Mike präsentiert wird. Aber auch die Dialoge warten immer wieder mit zahlreichen Anspielungen an die Saga auf, beispielsweise, wenn Dustin den vermeintlichen Verräter mehrfach als „Lando“ bezeichnet oder Els Kräfte mit den Fähigkeiten der Jedis verglichen werden. Die Macht ist stark in dieser Serie.

 

 

© 2016 Netflix

 

An den Wänden unserer Jugend


Wenn eines die Jugendzimmer unserer Generation besonders geprägt hat, dann waren es die Poster an den Wänden. Daher werden viele Zuschauer mit Freude die unzähligen Poster in der Serie registriert und sicherlich auch das eine oder andere aus der eigenen Jugend wiedererkannt haben. Ich selbst hatte beispielsweise viele Jahre eben jenes „Evil Dead“-Poster über dem Bett hängen, dass auch Jonathans Teenagerzimmer ziert. Und welcher Geek war damals nicht verzaubert vom Jim-Henson-Fantasyfilm „Der dunkle Kristall“, dessen Kinoplakat im Kinderzimmer von Mike Wheeler hängt? Und dass die Serienmacher große Fans des 80er-Jahre-Kultregisseurs John Carpenter sind, haben sie nicht nur durch Kameraeinstellungen und Musik zum Ausdruck gebracht, sondern auch durch das deutlich sichtbare „The Thing“-Poster im Rollenspielkeller. Steven Spielberg Einfluss wird unterdes mit dem Poster zu „Der weiße Hai“ in Wills Zimmer gewürdigt.

 

 

© 2016 Netflix

 

Nostalgische Gefühle


Jede einzelne Geek-Anspielung hier aufzuzählen würde den Umfang dieses Artikels sprengen, und vermutlich muss man die Serie mehrfach gucken, um überhaupt alle zu erkennen. Interessant ist aber, was all diese Anspielungen in der Rezeption der Serie bewirken. Denn nur sie ermöglichen es letztendlich den erwachsenen Zuschauern, anhand ihrer eigenen, fast vergessenen Erinnerungen in die kindliche Wahrnehmungswelt der Hauptfiguren einzudringen, in der die Welt der Erwachsenen bedrohlich und unerklärlich wirkt. Und damit entfaltet sich augenblicklich der Zauber dieser Netflix-Serie. Plötzlich sind wir selbst wieder 12 Jahre alt, mit dem BMX-Rad unterwegs zur geheimen Hütte im Wald und bereit für die Abenteuer, die dort auf uns warten.

Share:   Facebook