Die besten fantastischen Comics des Jahres 2019

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Die besten fantastischen Comics des Jahres 2019


Von tragischen Sternenmännern und surrealen Roadtrips. Das sind die Comic-Highlights aus dem Bereich Fantasy, Horror und Science-Fiction, die 2019 auf Deutsch erschienen sind.

 

Tragischer Sternenmann

Black Hammer: Doctor Star • Autor: Jeff Lemire, Zeichner: Max Fiumara • Deutsch von Katrin Aust • Hardcover, 128 Seiten • 19,80 Euro

In den Comics seines „Black Hammer“-Universums verbeugt sich der kanadische Alleskönner Jeff Lemire („Descender“, „X-Men“) vor der Vergangenheit des Superheldengenres. „Doctor Star und das Reich der verlorenen Hoffnung“ ist so etwa seine Hommage an James Robinsons legendären, legendär menschlichen „Starman“-Run bei DC in den 90ern. Lemires tragische Geschichte des Genies Doctor Star, der sein Familienglück für Wissenschaft und Weltraumabenteuer opfert, bietet großes, emotionales Heldenkino in Panel-Form, das Zeichner Max Fiumara („Geschichten aus dem Hellboy-Universum“) brillant visualisiert. Langsam aber sicher werden es zwar zu viele „Black Hammer“-Comics, „Doctor Star“ muss man aber unbedingt lesen.

Preisgekrönt meta

Mister Miracle Megaband: Darkseid ist. • Autor: Tom King, Zeichner: Mitch Gerads • Deutsch von Josef Rother • Paperback, 308 Seiten • 30 Euro

Autor Tom King („Batman“) und Zeichner Mitch Gerads („Punisher“) nutzen die Figur des von Marvel-Vater Jack Kirby ersonnenen DC-Superhelden und -Entfesselungskünstlers Mister Miracle für eine clevere, postmoderne, perfekt inszenierte Metageschichte – für ein Helden-Psychogramm, ein Science-Fiction-Epos, eine wunderschöne Liebesgeschichte und eine Neudefinition von DCs kosmischen New Gods. Das ist anders als alles sonst auf dem Markt, brutal, philosophisch, rührend, referenzreich und absolut cool. Für seine „Batman“-Saga musste King immer mal ganz schön einstecken, im Fall von „Mister Miracle“ waren sich dagegen alle einig: Ein Highlight und zurecht mit diversen Preisen ausgezeichnet. (Da darf man auch als Redakteur des deutschen Sammelbandes an dieser Stelle schwärmen.)

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Werwolf-Schwarzbrenner

Moonshine 1: Familiengeheimnisse • Autor: Brian Azzarello, Zeichner: Eduardo Risso • Deutsch von Frank Neubauer • Cross Cult, Hardcover, 144 Seiten • 22 Euro

Es hat ein bisschen gedauert, aber 2019 startete endlich „Moonshine“ auf Deutsch, die stark erzählte und lässig bis sexy gezeichnete neue Serie von Brian Azzarello und Eduardo Risso, dem Dreamteam hinter Titeln wie „100 Bullets“ und „Batman: Kaputte Stadt“. In ihrem Horror-Krimi über die Zeit der Prohibition geht es um Hillbilly-Schwarzbrenner in den Appalachen, in deren Adern neben Whiskey Werwolfsblut fließt und die sich mit der Mafia aus der Stadt anlegen. Das kann nur blutig enden – und für den Leser mit einem Comic, der bis auf das kleinste Panel besticht und begeistert. Sollte es jemals zu einer Comic-Prohibition kommen, wäre „Moonshine“ das grafische Geschichten-Gold der Schmuggler.

Surrealer Road-Trip

West, West Texas • Autorin, Zeichnerin: Tillie Walden • Deutsch von Barbara König • Reprodukt, Paperback, 320 Seiten • 29 Euro

Die 1996 geborene Texanerin Tillie Walden ist eines der größten Talente, das die neunte Kunst in den letzten Jahren hervorbrachte. Ihre bisherigen Werke „Pirouetten“ und „On A Sunbeam“ muss man einfach gelesen haben. Waldens neueste Graphic Novel „West, West Texas“ ist im direkten Vergleich – Achtung: hohe Messlatte – nicht ganz so gut wie ihre Vorgänger, aber trotzdem eine gut gemachte Geschichte. Darin geht es um den Road-Trip zweier seelisch verletzter Frauen voller Unterschiede und Kommunikationsprobleme, der unterwegs immer surrealer und gefährlicher wird. Tillie Walden liegen die ruhigen, oft spürbar autobiografischen Momente mit ihren lädierten Charakteren, und ihre Bilder vermischen gekonnt Einflüsse aus Amerika, Japan und Europa. Ihrer künstlerischen Reise muss man dringend folgen.

Conans Comeback

Conan der Barbar 1: Leben und Tod des Barbaren • Autor: Jason Aaron, Zeichner: Mahmud Asrar, Gerardo Zaffino • Deutsch von Bernd Kronsbein • Panini, Paperback, 160 Seiten • 16,99 Euro

Conan der Cimmerier 4: Ymirs Tochter • Autor: Robert E. Howard, Zeichner: Robin Recht • Deutsch von Harald Sachse • Splitter, Hardcover, 80 Seiten • 18 Euro

Conan-Comic-Connaisseure erleben gerade goldene Zeiten. Nicht nur, dass verschiedene franko-belgische Künstler die klassischen Geschichten von Robert E. Howard als Comic-Alben neu interpretieren. Obendrein kehrte der Barbar 2019 für neue Comic-Abenteuer zu Marvel zurück. In „Conan der Barbar“ aus dem Haus der Ideen, wo Conan in den 70ern aufblühte, sorgen Autor Jason Aaron („Thor“, „Star Wars“) und Hauptzeichner Mahmud Asrar („Avengers“) für stimmiges Conan-Feeling, wobei sie den Cimmerier episodisch als König, Pirat, Dieb, Waldläufer, Rächer und anderes darstellen. Für die franko-belgischen Neuinszenierungen sei stellvertretend „Conan der Cimmerier: Ymirs Tochter“ von Robin Recht („Elric“) genannt, der imposante Seitenlayouts sowie den gesamten sexuellen Subtext von Howards Story über Conan und die verführerische Tochter des Frostriesen nutzt. Starker Stoff, bei Crom!

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Fantasy-Satire

Adventure Huhn • Autorin, Zeichnerin: Franziska Ruflair • Avant, Paperback, 92 Seiten • 16 Euro

Die heroische Fantasy bekam dieses Jahr ein ungewöhnliches neues Heldinnen-Duo: Die deprimierte Raupe Susan und das abenteuerlustige, überdrehte und unter massiver Selbstüberschätzung leidende ... Huhn! Ausgedacht hat sich dieses Gespann und seine erste zum Weglachen lustige Queste die 1991 geborene Franziska Ruflair aus Mainz. Herrlich, wie sie in ihrem schrägen, verrückten Comic „Adventure Huhn“ die Klischees und Archetypen der Fantasy rupft (sozusagen). Und wie bei allen guten Satiren, spürt man die Liebe zum Genre, geht es nie um Spott. Wer dieses Jahr nur einen einzigen Comic aus Deutschland liest, sollte unbedingt mit dem abenteuerlustigen Huhn und der traurigen Raupe auf fantastische Abenteuerfahrt gehen. Weitere Bände sind geplant.

Mystery-Mix

Gideon Falls Bd. 1: Die schwarze Scheune • Autor: Jeff Lemire, Zeichner: Andrea Sorrentino • Deutsch von Bernd Kronsbein • Hardcover, 160 Seiten • 24 Euro

Das Geheimnis des Bösen aus der Schwarzen Scheune verbindet in der preisgekrönten Serie „Gideon Falls“ von Autor Jeff Lemire und Zeichner Andrea Sorrentino („Green Arrow“) einen Priester und eine Gesetzeshüterin auf dem Land sowie einen vermeintlich geisteskranken Müllsammler in der Stadt – und Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Genre-Fans kommen beim innovativ bebilderten, fesselnden Mystery-Comic von Lemire und Sorrentino, die sich längst als kongeniales Superstar-Kreativteam etabliert haben und für starke Horror-Atmosphäre sorgen, später aber auch die Science-Fiction bedienen, voll auf ihre Kosten. Eine Adaption als TV-Serie ist in Arbeit.

Mach’s gut, Hilda!

Hilda und der Bergkönig • Autor, Zeichner: Luke Pearson • Deutsch von M. Groenewald und M. Wieland • Reprodukt, Hardcover, 80 Seiten • 20 Euro

In den letzten Jahren war es schwer, etwas Besseres als die „Hilda“-Comics des Briten Luke Pearson zu finden – egal, ob im Alter von sieben oder von 77 Jahren. Während auf Netflix 2018 die zauberhafte erste Staffel der Animationsserien-Adaption aufschlug, ist mit „Hilda und der Bergkönig“ 2019 nun das letzte magische Album der Comic-Serie erschienen, denn Luke Pearson will sich anderen Geschichten und Figuren zuwenden. Zum Abschluss schreibt und zeichnet er der abenteuerlustigen Hilda, ihrer Mutter, ihren Freunden und den Fabelwesen ihrer Welt zwischen Mumins und Miyazaki immerhin noch einen grandiosen finalen Band auf den Leib. Ein All-Age-Meisterwerk, das handwerklich sowie mit seinen Botschaften überzeugt. Wir werden dich vermissen, Hilda. Hoffentlich bleibst du uns auf Netflix umso länger erhalten.

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Orwell-Bio

George Orwell: Die Comic-Biografie • Autor: Pierre Christin, Zeichner: Sébastien Verdier u.a. • Deutsch von Anja Kootz • Hardcover, 152 Seiten • 25 Euro

George Orwell, der eigentlich Eric Blair hieß, schuf Romanklassiker wie „Die Farm der Tiere“ und vor allem „1984“, die heute wichtiger sind denn je. Szenarist Pierre Christin („Valerian und Veronique“) und das Zeichner-Ensemble um Sébastien Verdier widmen George Orwell eine extrem lesenswerte Comic-Biografie, in der sie einem den Menschen und Autor gut näherbringen. Sie machen einem Orwells abenteuerliches Leben, seine ewige Ablehnung totalitärer Systeme und seine Bedeutung für die moderne Blütezeit von Big Brother und Fake News bewusst. Ein wichtiger und richtig guter Comic, der zeichnerisch sogar an „Berlin“ von Jason Lutes erinnert. Und Gastzeichner wie Juanjo Guarnido oder Enki Bilal, die Impressionen aus Orwells Schaffen illustrieren, können sich ebenfalls sehen lassen.

TWD: The End

The Walking Dead 32: Ruhe in Frieden • Autor: Robert Kirkman, Zeichner: Charlie Adlard • Deutsch von Frank Neubauer • Cross Cult, Hardcover, 224 Seiten • 18 Euro

Im Sommer 2019 beendete Robert Kirkman seine Comic-Serie „The Walking Dead“ ohne große Vorankündigung, von der Kirkman und alle anderen dachten, sie würde noch Jahre laufen. Im letzten Sammelband der multimedial vielfach verwursteten Zombie-Seifenoper wird die laufende Storyline mit einem Schocker zu Ende gebracht, danach gibt es einen Zeitsprung und die allerletzte Geschichte aus der postapokalyptischen Welt von Rick Grimes und seinen Lieben, Gefährten und Gegnern. Kirkman und Langzeitzeichner Charlie Adlard gelingt mit der extralangen finalen Story auf satten 70 Seiten trotz des spürbaren Cuts ein starker, würdiger letzter TWD-Comic. Das Ende einer Ära, irgendwie unglaublich. Kirkman und Adlard sind übrigens ganz rechts außen auf dem letzten Cover zu sehen. Und wer jetzt schon Entzugserscheinungen verspürt: Cross Cult probiert es auf Deutsch seit Ende 2019 noch einmal mit Kirkmans „Invincible“, der besten SF- und Superheldenserie der letzten 20 Jahre.

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