Nick der Weltraumfahrer - Der Griff nach den Sternen

© Hansrudi Wäscher/becker-illustrators

COMIC

Der Griff nach den Sternen: Nick der Weltraumfahrer (Andreas C. Knigge)


Interessiert ihr euch für die Vorläufer heutiger Raumschiffserien? Dann gibt es viele gute Gründe, um einen Blick in das Sachbuch »Der Griff nach den Sternen« von Andreas C. Knigge zu werfen …

Als die Sowjetunion 1957 mit Sputnik 1 den weltweit ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn schickte, war das für die meisten Menschen der westlichen Hemisphäre ein echter Schock, der die technische Überlegenheit der USA erstmals in Frage stellte. Dem Verleger Walter Lehning erging es ähnlich, als er die Nachrichten über das Ereignis mit seiner Familie am Fernseher verfolgte, gleichzeitig sah er die Zeit für eine deutsche Science Fiction Comicserie gekommen. Als er sich einige Tage später mit seinem wichtigsten Zeichner traf, war das die Geburtsstunde von Nick, der Weltraumfahrer, dem ersten deutschen SF-Comic, der sich erfolgreich am Kiosk durchsetzen konnte. Obwohl die Serie aus heutiger Sicht optisch wie inhaltlich naiv wirkt, hat sie das Genre nachhaltig in den Köpfen der Nachkriegsgeneration verankert. Nick war für viele Kinder und Jugendliche der Erstkontakt, der späteren Roman- oder Fernsehserien wie Perry Rhodan und Raumschiff Enterprise den Weg beim deutschen Publikum ebnete. Schon allein unter diesem Aspekt ist es interessant, sich mit dieser Figur und der Zeit, in der sie entstanden ist, näher zu beschäftigen.

Eine Welt in Trümmern – die Nachkriegszeit in Westdeutschland

In den 1950er Jahren war Hannover das westdeutsche Zentrum für realistische Abenteuercomics. Im Lehning Verlag, der sonst vor allem illustrierte Zeitschriften und Heftromane veröffentlichte, bildeten die wöchentlichen Bildergeschichten, die stets mit einem spannenden Cliffhanger endeten, ein wichtiges finanzielles Standbein.

Verlagschef Walter Lehning hatte während eines Italienurlaubs höchstpersönlich die Comic-Hefte entdeckt, die nicht größer als ein Panelstreifen waren. Dieses schmale Format mit schwarzweißem Inhalt ließ sich kostengünstig produzieren und zu einem für junge Leser erschwinglichen Preis auf den Markt bringen. Mit italienischen Lizenzen eingedeckt, startete Lehning 1953 seine ersten Western-, Boxer- und Dschungelhelden-Serien, die viele der immer noch auf Ruinengrundstücken spielenden Kinder in eine spannendere Welt entführten. Schon kurz nach dem erfolgreichen Start erhielt Lehning Besuch von dem ebenfalls in Hannover ansässigen Zeichner Hansrudi Wäscher, der seine Kindheit im italienischsprachigen Lugano verbracht hatte und sich deshalb bestens mit eben jenem schmalen Comicformat auskannte, das für den deutschen Markt »Piccolos« getauft worden war. Selbst einmal solche Hefte zu zeichnen war Hansrudi Wäschers Kindheitstraum gewesen, und so hatte er bereits 1949 auf der Werkkunstschule in Hannover ein vollständiges Heft mit dem Titel »Kampf um den Mars« angefertigt.

Solch ein Zeichner kam natürlich wie gerufen, und so erschien bei Lehning kurz darauf die Ritterserie Sigurd, die Hansrudi Wäscher als Texter und Zeichner in Personalunion verantwortete. Später übernahm er auch die Serie Akim, Sohn des Dschungels, weil das italienische Lizenzmaterial immer wieder Ärger mit dem Jugendschutz provozierte. Gingen Funny-Magazine wie die Micky Maus oder Fix & Foxi in der Adenauer-Ära gerade noch als harmlose Kinderbelustigung durch, sah die Bonner Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Lehnings Western- und Urwald-Abenteuern, in denen Faustkämpfe, Schießereien und gefesselte Gegner an der Tagesordnung waren, eine ernstzunehmende Anleitung zum Rowdytum, deren verderblicher Einfluss nur noch vom Rock ’n’ Roll übertroffen wurde. Nach amerikanischem Vorbild veranstalteten Lehrer und Eltern daher immer wieder öffentliche Schundheft-Verbrennungen. Kein anderer deutscher Comic-Verlag wurde in den 1950er Jahren so häufig mit Indizierungen konfrontiert wie Lehning – das belegt Andreas C. Knigge in seinen Texten, in denen er sich nach einer allgemeinen Einführung voll und ganz auf die Abenteuer des Raumschiffkommandanten Nick konzentriert.

Nick der Weltraumfahrer - Der Griff nach den Sternen

© Hansrudi Wäscher/becker-illustrators

Serienguide und Zeitgeschichte in einem

Dass die Geschichten um Nick und seine Gefährten so gut bei den Lesern ankamen, hatte vor allem mit Wäschers Talent als Geschichtenerzähler zu tun. Spannende Handlungen zu ersinnen, die dem Vorstellungsvermögen seines Publikums entsprachen, lag ihm im Blut, doch bei Nick kam noch hinzu, dass er aktuelle Stimmungen und Befindlichkeiten in einer Weise einarbeiten konnte, wie es ihm bei keiner anderen seiner Serien möglich war. So schlagen sich die damaligen Ängste der bundesdeutschen Bevölkerung, die dem atomaren Wettrüsten der Supermächte tatenlos zusehen musste, schon zu Beginn der Nick-Piccolos auf drastische Weise nieder. »Als 1971 ein Übungsbomber über London abstürzte und die Metropole in glühenden radioaktiven Gasen versank, erkannte die Welt endlich das Verderbliche ihres Tuns«, steigt Wäscher mit dem ersten Band in die Handlung ein. Das ist für eine Kinderserie des Jahres 1958 durchaus harter Stoff, obwohl nach dem Schock der Katastrophe eine Weltregierung gegründet wird, die es danach vor allem mit außerirdischen Feinden zu tun bekommt.

Indem Andreas C. Knigge den Inhalt der kompletten Serie in leicht ironisierendem Tonfall nacherzählt und seinen sauber recherchierten Fakten gegenüberstellt, wird sein Sekundärwerk nicht nur für Leser interessant, die Nick noch aus ihrer eigenen Kindheit kennen, sondern auch für später geborene Genre-Fans, die sich für die Ursprünge der deutschen Science Fiction Geschichte interessieren. Von Kapitel zu Kapitel erleben Knigges Leser in komprimierter Form mit, wie Nick in subatomare Gefilde abtaucht oder sein erstes Raumschiff gegen einen Kugelraumer eintauscht, ohne deshalb zum verstaubten Original greifen zu müssen. Dabei ist es abwechselnd amüsant und spannend, an welchen Stellen sich das Kinoprogramm der damaligen Zeit niederschlägt oder Wäscher amerikanischen Vorbildern wie Flash Gordon, Buck Rogers und Brick Bradford  huldigt, bzw. sich bei Klassikern wie Jules Verne oder Edgar Rice Burroughs bedient. Aber auch die regelmäßige Lektüre populärwissenschaftlicher Zeitschriften, in denen sich Wäscher über den aktuellen Stand von Raketentechnik und Weltraumforschung informiert, weist Knigge in seinem Buch im munteren Plauderton nach.

Fünf Jahre lang dauerte Nicks Ausflug an die deutschen Kiosklandschaft, angefangen mit den schwarzweißen Piccolos bis hin zu den farbigen Großbänden im normalen Heftformat, dann hatte die Erforschung ferner Planeten zunächst ein Ende. Doch mit Nick ist es ein wenig wie mit den späteren Jugendbuchserien Raumschiff Monitor oder Mark Brandis. Aus den Reihen ihrer Leser rekrutierten sich die Fans, die anschließend Perry Rhodan lasen oder sich Raumschiff Enterprise und Mondbasis Alpha 1 im Fernsehen ansahen. Oder noch ein wenig später die Star Wars Filme im Kino abfeierten. Somit erzählt Der Griff nach den Sternen auch ihre Geschichte ...

Share:   Facebook