Pierre Christin – Ein Leben für den Comic

Zeichnung von Jean-Claude Mézières

COMIC

Pierre Christin – Ein Leben für den Comic


Valerian & Veronique, Die Legenden der Gegenwart, Detektei Hardy ... Irgendeinen Comic von Pierre Christin kennt jeder. Auf dem diesjährigen Internationalen Comicfestival von Angoulême erhält der bekannte Szenerist den René-Goscinny-Preis für seine aktuelle Biografie Ost-West – und für sein Lebenswerk.


Mit ihrem Comic Valerian und Veronique haben Pierre Christin und Jean-Claude Mézières nicht nur SF-Geschichte geschrieben, sondern auch viele Filmschaffende beeinflusst, aber das sind nur zwei der vielen Gründe dafür, dass Christin an diesem Wochenende den renommierten Autorenpreis im französischen Angoulême in Empfang nehmen darf. Als Journalist, Uni-Professor und Szenarist in Personalunion hat er den französischen Bande Dessinée in vielen Bereichen maßgebliche Impulse verliehen und so manche Entwicklung auf dem Comicmarkt vorweg genommen. Deshalb verwundert es auch wenig, dass seine dieser Tage im Carlsen Verlag erschienene Biografie nicht nur viele wichtige Stationen seines Lebens beleuchtet, sondern auch ein wichtiges Stück französischer Comicgeschichte erzählt.

Die Biografie Ost-West

Das Christins Erinnerungen auch grafisch mitzureißen vermögen, ist Philippe Aymond zu verdanken, der versierten Lesern vor allem durch die Agentenserie Lady S. bekannt ist. Drei Jahre lang hat der Zeichner an dem 120 Seiten starken Album Ost-West gearbeitet, und dabei die Kindheit und Jugend der De-Gaulle-Ära, die Christin stets als bedrückend empfand, Grau in Grau dargestellt. Ein gelungener Kunstgriff, der bildhaft veranschaulicht, wie groß der Hunger nach phantasieanregenden Medien wie Comics und Kino in einer Zeit gewesen ist, in der das schwarz-weiße Fernsehprogramm vor allem aus biederen Bildungssendungen bestand. Auch für die so wichtigen Reisen in die USA und verschiedene Länder Osteuropas, die sich in so vielen von Christins Geschichten niedergeschlagen haben, wählte Aymond spezielle Farbpaletten aus, sodass der Leser jederzeit weiß, an welchem Punkt der Biografie er sich gerade befindet. Auf diese Weise erlebt man hautnah mit, wie  Pierre Christin und Jean-Claude Mézières sich 1944 als Fünfjährige in einem Luftschutzkeller kennenlernen, in den sie mit ihren Familien flüchten mussten, weil alliierte Bomberverbände den Vormarsch auf Paris unterstützten. Später wird man Zeuge, wie ein schon Halbwüchsiger Christin zum ersten Mal in die Zeichenmappe von Jean Giraud (alias Moebius) blicken darf oder die Redaktionsräume des Magazins PILOTE besucht, in denen er erstmals den Meistern des französischen Comics, René Goscinny und Jean-Michel Charlier, begegnet. 

Pierre Christin vor seiner Reiseschreibmaschine - Zeichnung von Philippe Aymond

Ein Vorreiter der Contemporary Fantasy/Urban Fantasy – die Zusammenarbeit mit Enki Bilal

Die 1970er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs, die auch vor Magazinen wie PILOTE nicht Halt machte. Pierre Christin war einer der Ersten, der aktuelle Themen aufgreifen wollte, die sich mit dem krassen Gesellschaftswandel seines Landes beschäftigten. Besonders die starken Bautätigkeiten, die damals das Erscheinungsbild Frankreichs von Grund auf veränderten, stießen ihm sauer auf. Nicht nur rund um Paris entstanden riesige Betonburgen, auch im ländlichen Raum mussten viele alte Gebäude dem neuen, klobigen Stil weichen. Bei PILOTE, wo er dank Valerian fest im Sattel saß, kamen seine neuen Ideen allerdings nur bedingt an. Um redaktionelle Widerstände – auch von Seiten der Zeichner – zu überwinden, milderte Christin die politische Sprengkraft seiner Themen durch phantastische Einflüsse ab. Auf diese Weise entstand 1972 mit Aufruhr in der Rouergue, die erste seiner Legenden der Gegenwart, die noch von Jaques Tardi gezeichnet wurde. Als darin ein altes Bergwerk im Département Aveyron von einem Pariser Konzern wieder eröffnet werden soll, setzten sich die Feen, Kobolde und Baumgeister der umliegenden Wälder dagegen zur Wehr. Tardi, der damals noch am Anfang seiner Karriere stand, wurde mit dem Thema jedoch niemals so richtig warm. Bald darauf fand Christin jedoch in Enki Bilal einen idealen Mitstreiter, der seine Ideen in für damalige Sehgewohnheiten atemberaubende Bilder umsetzte. So entstand mit Die Kreuzfahrt der Vergessenen ein Farbalbum, in dem französische Militärexperimente dafür sorgten, dass das Leben einer Dorfbevölkerung vollkommen aus den Fugen geriet. Im nächsten Band, Das Steinerne Schiff, ging es erneut um gierige Baulöwen, die rücksichtslos gegen örtliche Interessen handelten. Den Arbeitern und Fischern eines Küstenortes, die liebend gerne auf die Hotelanlage verzichtet hätten, für die eine alte Burg dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, kamen dabei erneut mystische Wesen aus grauer Vorzeit zur Hilfe. Obwohl gerade diese Geschichte stark dem Zeitgeist der 1970er Jahre verhaftet ist, wirkt ihr Kernthema, die Gentrifizierung, aktueller denn je.

Am visionärsten erwies sich Pierre Christin jedoch drei Alben später, im fünften und abschließenden Legenden-Band, in dem er mit Enki Bilal den Zusammenbruch des Ostblocks vorweg nahm. Autor und Zeichner zeigten sich hier nicht nur auf dem Höhepunkt ihrer gemeinsamen künstlerischen Entwicklung, Christin konnte auch sämtliche Erkenntnisse einfließen lassen, die er auf seinen in der Biografie eindrücklich beschriebenen Reisen gewonnen hatte. So ist in Ost-West u.a. zu sehen, wie er den Ort entdeckt, der später als Vorbild für den Schauplatz von Treibjagd dienen sollte.

Ein auch nur grober Überblick über Christins Gesamtwerk darf sich jedoch nicht nur mit seinen Zukunfts- (Valerian) und Gegenwarts- (Legenden-Reihe) Themen befassen, sondern muss auch seine zahlreichen historischen Szenarien erwähnen, die er vor allem für die Zeichnerin Annie Goetzinger verfasst hat. Leider ist von ihren bahnbrechenden Frauenportraits, die schon in den 1970er Jahren vorweg nahmen, was einmal unter dem Begriff Graphic Novel vermarktet werden sollte, nichts auf Deutsch lieferbar. Zum Glück trifft das nicht auf das gemeinsame Spätwerk der beiden zu, die eingängigen Krimis um die Detektivin Edith Hardy, die ihre Fälle im Paris der 1950er Jahre löst, einem Paris, in dem Pierre Christin zur Zeit der Handlung aufgewachsen ist, und das in seiner Comicbiografie so entscheidenden Raum einnimmt. 

Vierzig Jahre vor Mortal Engines - Das fliegende Dorf aus Kreuzfahrt der Vergessenen

© Casterman

Vierzig Jahre vor Mortal Engines - Das fliegende Dorf aus Kreuzfahrt der Vergessenen

© Casterman

Valerian und die Folgen – Ein Abstecher in die Filmwelt

Als französische SF- und Fantasy-Comics spätestens 1975 mit der Gründung des Magazin Métal Hurlant einen wahren Boom erlebten, war dies einem starken Alleinstellungsmerkmal zu verdanken. Denn das, was Zeichner wie Moebius, Philippe Druillet, Caza, Bilal oder eben auch Jean-Claude Mézières ihren Lesern boten, vermochte zu jenem Zeitpunkt kein anderes Medium zu bieten. Genrefans auf der ganzen Welt waren begeistert von dem, was es in den französischen Magazinen zu sehen gab, selbst jene, die zu Anfang nicht lesen konnte, um was es ging, bevor Schwesterzeitschriften wie das amerikanische Heavy Metal oder das deutsche Schwermetall dafür sorgten, dass der weltweite Siegeszug breite Aufmerksamkeit erlangte.

Beinahe zwangsläufig gehörten auch Kreative aus anderen Medien zu den Fans der Hefte, und so verwundert es wenig, dass selbst Drehbuchautoren, Setdesigner, Kostümbildner oder Regisseure – ob nun bewusst oder unbewusst – Ideen aus den Comics aufgriffen. Der englische Regisseur Ridley Scott spricht in den Dokumentationen zu seinem Film Blade Runner ganz offen darüber, wie sehr ihn die Magazine Métal Hurlant und Heavy Metal für seinen Film inspiriert haben. George Lucas hält sich in diesem Punkt bis heute sehr bedeckt, obwohl es frappierende Übereinstimmungen zwischen einzelnen Figuren und Szenen in den Valerian-Comics und Star Wars gibt. Auf Jean-Claude Mézières Homepage sind dazu einige wirklich erhellende Gegenüberstellungen zu sehen, dazu auch noch Ähnlichkeiten zu den Filmen Conan, der Barbar und Independence Day.

Link: www.noosfere.org

Aber auch andere Zeichner haben ihre Spuren in Filmen hinterlassen, ohne als Setdesigner engagiert worden zu sein, wie das YouTube-Video What Star Wars Owes to French Comics eindrücklich aufzeigt. 

 

What Star Wars Owes to French Comics

Späte Genugtuung gab es für  Jean-Claude Mézières erst, als ihn Luc Besson (von Kindesbeinen an ein Valerian-Fan) zusammen mit Jean Giraud mit dem Filmdesign für Das fünfte Element beauftragte. Bereits während dieser Zusammenarbeit wurde die Idee zu einer gemeinsamen Valerian-Verfilmung geboren, jedoch von vornherein auf einen Zeitpunkt verschoben, an dem die Tricktechnik soweit war, dass sie das phantastische Design der Vorlage realgetreu nachbilden konnte.

Bis es soweit war, mussten sich die Fans mit einer Zeichentrickserie begnügen, die vor den Augen von Pierre Christin nur bedingt Gnade findet, obwohl sie die Hauptfiguren durchaus ansprechend wiedergab und nicht schlechter animiert war als andere auf ein junges Publikum zugeschnittene Serien ihrer Zeit. »Ehrlich gesagt bin ich nicht sonderlich zufrieden mit der Animation, die zwar ein paar gute Episoden hat, aber insgesamt gesehen eher mies aussieht«, lautete sein Urteil noch im November 2018.

Den Tiefgang der Comicvorlagen spiegeln diese Trickfilme sicherlich nicht wider, aber das war bei diesem Format sicherlich auch nicht zu erwarten gewesen. Sich selbst als Drehbuchautor durchzusetzen blieb Pierre Christin zeitlebens versagt. Zwar wurde er – als ausgewiesener SF- und Osteuropa-Experte – für Peter Fleischmanns Strugazki-Verfilmung Es ist nicht leicht ein Gott zu sein engagiert, doch angesichts der chaotischen Produktionsbedingungen, die er in München vorfand, ergriff er rasch wieder die Flucht. »Als ich in München ankam, fand ich ein furchtbar durcheinander geratenes Script vor, und die Arbeit dort lief nicht minder chaotisch ab. Ich mochte die bisherigen Filme von Peter Fleischmann, aber in einer solchen Situation ließ sich nicht vernünftig arbeiten, und da ich auch noch andere Projekte am Laufen hatte, bin ich nach einigen Wochen wieder ausgestiegen.«

Der Film Bunker Palace Hôtel, für den er die Ideen des Regisseurs Enki Bilal zu einem Manuskript ausarbeitete, blieb der Erfolg tragischerweise zum beinahe gleichen Zeitpunkt verwehrt.

Aber was macht das schon aus, angesichts der vielen Romane und illustrierten Reiseberichte, die Christin in fünf Jahrzehnten geschrieben hat, und die sich mitsamt der von ihm getexteten Comicalben auf die stattliche Zahl von einhundert Buchveröffentlichungen summieren?

Luc Bessons Valerian-Version kam schließlich 2017 in die Kinos und ist inzwischen auf DVD und Blu-ray erhältlich. Ein bildgewaltiger Film, der keinen Vergleich mit Hollywood-Produktionen zu scheuen braucht, der sich nach einem starken Einstieg jedoch in pausenloser Action verliert, bei der die eigentlich antimilitaristische Aussage des Films unter die Räder kommt. Christin äußert sich zu diesem Thema meistens nur mit dem pragmatischen Hinweis, dass Jean-Claude und er eben die Filmrechte verkauft hätten, und lässt sich auch auf Nachfrage nur zu einem »Der Film von Besson sieht sehr schön aus, ist aber an einigen Stellen zu weit vom Geist des Originals entfernt. Den jugendlichen Zuschauern hat es wohl gut gefallen, reifere Comicleser mochten die Handlung weniger« hinreißen.

Seiner Kreativität tut all das allerdings keinen Abbruch, und so schreibt der Achtzigjährige bereits an seinem nächsten Projekt. »Manchmal ist es gefährlich ein politisch geprägter Belletristikautor zu sein«, erklärt er dazu. »Die meisten meiner optimistischen Zukunftsvisionen, speziell in Valerian, sind weiterhin Wunschdenken. Viele meiner pessimistischen Ausblicke, besonders die mit Enki Bilal, sind hingegen Wirklichkeit geworden. Insofern verwundert es wohl nicht, dass ich gerade an einer Graphic Novel über George Orwell arbeite.«

Blog von Philippe Aymond: www.philippeaymond.blogspot.com/

Valerian Zeichentrickserie in englischer Sprache:

 

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