Bestrafung für alle: Punisher-Comics für Einsteiger

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Bestrafung für alle: Punisher-Comics für Einsteiger


Mit welchem Comic steigt man am besten in die düstere Welt von Frank Castle ein, der als Punisher unerbittlich Verbrecher jagt? Ein paar ausgewählte Comictipps von Christian Endres.

Frank ist zurück

In den 90ern setzten der irische Autor Garth Ennis und der englische Zeichner Steve Dillon eine der bemerkenswertesten »Hellblazer«-Storylines aller Zeiten um, zudem erschufen sie gemeinsam das Comic-Roadmovie »Preacher«. 2000 traten die beiden dann an, um den Punisher erst unter dem »Marvel Knights«-Banner und anschließend unter dem »Marvel MAX«-Imprint zu revitalisieren. Ennis, Dillon und andere Zeichner lieferten reihenweise heftige, schwarzhumorige und schräge Storys, die ziemlich over the top waren. Punisher-Puristen bekamen immer mal das Gruseln, doch im Kern traf Ennis den Bestrafer sehr gut. Denkwürdiges Material, das in alle Verfilmungen sowie die Netflix-Serie einfloss! Zuletzt kehrte Ennis in »Punisher: Platoon – Kampf ums Überleben« sogar einmal mehr in Franks prägende Vergangenheit in Vietnam zurück. Ennis’ lange, wichtige Saga liegt in der »The Punisher: Garth Ennis Collection« auf Deutsch vor, der erste seitenstarke, abgeschlossene Band wurde als »Frank ist zurück« kürzlich neu aufgelegt.

Das erste Jahr

»Year One«, zu Deutsch »Das erste Jahr«, ist ein geläufiger Story-Titel in der Welt der US-Comics. In den so benannten Geschichten geht es seit Frank Millers und David Mazzucchellis »Batman: Das erste Jahr« von 1987 darum, dass die Herkunftsgeschichte und die Anfänge einer Figur neu ausgeleuchtet und mit bis dato unbekannten Details versehen werden. Mitte der 90er wandten die Autoren Dan Abnett und Andy Lanning, die 2008 die modernen Guardians of the Galaxy versammeln und auf multimedialen Erfolgskurs setzen sollten, genau diese Formel auf den Punisher an. Ihre vierteilige Miniserie, auf Deutsch komplett in einem Band gesammelt, beginnt mit der tragischen Ermordung von Franks Familie durch Gangster und zeichnet seinen Weg durch das machtlose Justizsystem und zum mächtig wütenden Punisher nach. Eine gekonnt erweiterte Origin-Story, die von Dale Eaglesham bebildert wurde und die Siebziger als Setting für einen harten Marvel-Krimi nutzt.

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Operation Condor

Zugegeben: Im Laufe der Jahre haben sich nur wenige Autorinnen und Zeichnerinnen mit dem Punisher befasst. Vor nicht allzu langer Zeit gab es eine coole, ungewöhnliche Geschichte von Krimi-Romanautorin Megan Abbott in »Punisher MAX: Die verschollenen Geschichten«, aber sonst ... Das änderte sich mit dem Serienneustart von 2016. Die in Italien geborene, in den USA lebende Alleskönnerin Becky Cloonan, die sich als Zeichnerin von z. B. »Northlanders« und »Conan der Barbar« einen Namen gemacht hatte und seit dem Batman-Spin-off »Gotham Academy« mehr schreibt als zeichnet, verfasste eine dreibändige Saga über Franks brutalen Kampf gegen Drogen und allerhand Bestien. Die hatte es in sich und kreierte immer mal regelrechte Ennis-Momente. Unterstützt wurde Cloonan ab dem ersten Band »Operation Condor« von Punisher-Zeichnerlegende Steve Dillon, der leider während der Arbeit an der Serie an einer Blinddarmentzündung verstarb.

Der Punisher killt das Marvel-Universum

Dieser Sammelband enthält gleich zwei spannende Gedankenspiele, die der traditionsreichen Alternativwelt-Fragestellung nachgehen: What if? – Was wäre, wenn? Bereits 1995 überlegten Garth Ennis und Zeichner Doug Braithwaite, wie es aussehen würde, sollte der Punisher die Marvel-Helden ins Visier nehmen. Ein kurzer, reißerischer, böser Spaß aus der Zeit, bevor Ennis und der Punisher in der Marvel-Moderne große Relevanz erlangten. Die zweite, längere Geschichte in der jüngsten Sammelband-Neuausgabe von »Der Punisher killt das Marvel-Universum« stammt aus dem Jahre 2010. Damals präsentierten der preisgekrönte Horror-Autor Jonathan »V Wars« Maberry und der kroatische Top-Zeichner Goran Parlov eine postapokalyptische Miniserie, in der alle Helden und Schurken des Marvel-Kosmos durch eine Seuche in primitive Barbaren und Killer verwandelt werden – was jemanden wie Castle selbstverständlich nicht davon abhält, sich mit ihnen anzulegen. Atmosphärische, düstere Genre-Kost im Geiste von Richard Mathesons »I Am Legend«.

Die Kampfmaschine

Frank Castle ist oldschool, und in der Legacy-Ära des Marvel-Comic-Universums sollte es verstärkt um Tradition gehen. Da diese jedoch zugleich mit frischen Ideen und aktuellen Entwicklungen vermengt werden sollte, ließen Autor Matthew Rosenberg und Zeichner Guiu Vilanova den Punisher auf Nick Furys Tipp hin die von Tony Stark entwickelte War Machine-Rüstung stehlen, um mithilfe der Hightech-Panzerung in einem Schurkenstaat aufzuräumen. Der Punisher als fliegende, waffenstarrende Ein-Mann-Armee? Klar, dass es da kracht ohne Ende und man als Leser seinen Spaß hat! Im zweiten Band des Runs bekommt der Punisher wenig überraschend Ärger mit Iron Man, Captain Marvel und anderen Helden, und der wiederauferstandene Jim Rhodes will seine Rüstung zurück. Wesentlich gelungener als Franks Stunt im Captain America-Look nach dem »Civil War«, zumal Rosenberg bald zu den Top-Autoren im Haus der Ideen gehören dürfte.

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Weitere Tipps im Schnelldurchlauf

Im Band »Punisher: Blutspur« findet sich die erste Soloserie des Bestrafers von 1986, dargebracht von Steven Grant, Mike Zeck und anderen. Nicht perfekt, aber schwer relevant für die Entwicklung der Figur. Auf Englisch liegen übrigens viele der frühen Punisher-Comics in dicken Essential- oder Epic Collection-Paperbacks vor +++ Ein anderer US-Sammelband, »The Punisher Invades The ’Nam«, enthält alle Crossover zwischen Castles Serie und Marvels Kriegscomic-Reihe »The ’Nam«. Ein überraschendes Highlight. +++ Autor Rick Remender kennt man heute für eigenständige Science-Fiction-Titel wie »Black Science« oder »Low«, zur Autorengröße wurde er allerdings bei Marvel, und das u. a. mit der »FrankenCastle«-Saga, worin unser Antiheld als Monster aus Leichenteilen auftritt. Die Zeichnungen besorgte anfangs Tony Moore, Auftaktzeichner von »The Walking Dead« +++ Autor Jason Aaron, heute einer der wichtigsten Architekten bei Marvel, legte lange nach Ennis eine eigenständige, gewalttätige »Punisher MAX«-Saga vor, in der Wilson Fisk eine zentrale Rolle spielt +++ Eine der interessantesten »Punisher«-Serien der letzten Jahre inszenierte Krimi-Experte Greg Rucka in seinem üblichen Stil mit Zeichnern wie Marco Checchetto und Carmine Di Giandomenico. Im Finale kommt es sogar zu einem Showdown zwischen Frank und den Avengers. +++ Der Einzelband »Deapool vs. Punisher« von Fred Van Lente und Pere Perez liefert wie zu erwarten ein blutig-komisches Duell der Antihelden.

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