Mehr als Tentakel: 5 essenzielle Lovecraft-Comics

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Mehr als Tentakel: 5 essenzielle Lovecraft-Comics


Wir stellen fünf der besten Comics vor, die dem unvergesslichen H. P. Lovecraft und seinem unsterblichen Cthulhu-Mythos Tribut zollen.

Das Werk von Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), das dank der definitiven Lovecraft-Bibel bei Fischer TOR neu entdeckt werden kann, war schon zu Lebzeiten des Horror- und Weird-Fiction-Altmeisters eine Art Open-Source-Projekt, da andere Pulp-Autoren Lovecrafts außerirdische Götter und kosmische Schrecken aufgriffen. Das geht bis heute so weiter, weshalb sich die Tentakel, das Grauen und die Stimmung aus seinem Schaffen durch alle Medien winden. Hier sind fünf der besten Comic-Adaptionen und -Verneigungen von und vor Lovecrafts Geschichten.

Meta: Alan Moore

Der englische Comic-Gott Alan Moore (Swamp Thing, Watchmen, From Hell) gehört sicher zu den prominentesten und versiertesten Lovecraft-Bewunderern – nicht umsonst hat der Panel-Magier und Wort-Beschwörer das Vorwort zu Leslie Klingers eingangs erwähntem Lovecraft-Kompendium beigesteuert. Moores wichtigste Verbeugungen vor Lovecraft sind jedoch die Comics Neonomicon und Providence, beide gezeichnet von Jacen Burrows (Crossed). In ihnen zersägt Moore – wie er das mit popkulturellen Ikonen und Archetypen am liebsten tut – Lovecrafts Leben und Werk und destilliert es in einer referenzreichen, detailversessenen Meta-Neuinterpretation, die eigene Wege beschreitet und doch immer wieder zum Mythos, zu Mann und Kanon, zurückkehrt.

Wo es in Neonomicon am Ende eher pornografisch zugeht, gilt das historische Providence inzwischen als gehaltvollster und kenntnisreichster Lovecraft-Remix überhaupt, da Moore jedes Panel der dreibändigen Serie über die Reise eines schwulen Journalisten in Lovecrafts okkultes Herzland mit massig Anspielungen vollgepackt hat. Nicht ganz ohne, und man sollte genügend Zeit mitbringen und eventuell die Anmerkungen zu den US-Heften sichten, aber sehr beeindruckend.

Kunstfertig: Alberto Breccia

Alberto Breccia (1919–1993), der in Uruguay geboren wurde und in Argentinien lebte, war einer der wichtigsten und einflussreichsten südamerikanischen Comic-Künstler. Hierzulande kennt man ihn wohl am ehesten für die Neufassung des stark politisierten Science-Fiction-Klassikers Eternauta. Doch auch seine vielseitigen Lovecraft-Adaptionen aus den 70ern sind etwas ganz besonderes.

Manchmal erinnern sie in ihrer präzisen Schärfe und ihrem feinen Strich an die Comics aus den US-amerikanischen Horror-Publikationen früherer Jahrzehnte; manchmal bringen fast schon psychedelische und experimentell anmutende Schwarz-Weiß-Collagen das Auffassungsvermögen des Betrachters an seine Grenzen; und manchmal wirken die Panels wie aneinandergereihte Gemälde aus einem Museum. Egal welchen Stil und welche Herangehensweise man bevorzugt: Lovecrafts Erzählungen und Konzepten wurde Alberto Breccia jederzeit gerecht. Schön, dass der Avant-Verlag gerade eine deutsche Ausgabe herausgebracht hat.

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Variabel: Mike Mignola und Co.

Lovecraft-Vibes finden sich in Neil Gaimans Sandman, in Ben Templesmith’ Gentleman Corpse, in Joe Hills Locke & Key, in Warren Ellis’ Planetary und natürlich im Hellboy-Universum von Mike Mignola und seinen vielen Mitstreitern. Besonders Mignola kennt seinen Lovecraft, und er kennt selbst dessen Quellen und Inspirationen in- und auswendig – und er kann beides in geradlinigen Pulp-Abenteuern mit Monstern und Nazis ebenso mühelos anzapfen wie in bedeutungsschwangeren Schlüsselmomenten der Höllenjungen-Saga oder in apokalyptischen Szenarien, denen sich die B.U.AP., die Behörde zur Untersuchung und Abwehr Paranormaler Erscheinungen, stellen muss. Selbst als Mignola sich einmal Conan dem Barbaren – passenderweise der berühmtesten Schöpfung von Lovecrafts Brieffreund Robert E. Howard – widmete, ließ Hellboys Vater eine Kreatur auftauchen, die HPL alle Ehren und viel Freude gemacht hätte ...

Meisterhaft: Bernie Wrightson & Richard Corben

Die US-Amerikaner Bernie Wrightson und Richard Corben haben ihre mit einigem Abstand, aber nichtsdestotrotz lange parallel verlaufenden Spuren innerhalb der Kunst des grafischen Erzählens hinterlassen. Beide gelten zurecht als Horror-Giganten und haben im Verlauf ihrer großen Comic-Karrieren Lovecraft adaptiert, sei es für die legendären Genre-Magazine aus dem Hause Warren oder später für eigene Projekte.

Wrightson (1948–2017), der anerkannte Meister des Makabren, der Schraffur, der Schatten, der ausgereizten Anatomie und der Atmosphäre, hielt sich z. B. im Fall von Cool Air relativ dicht an die Vorlage; der 1940 geborene Corben, der in Sachen Form und Farbe gern eigene Wege beschreitet und einen ganz anderen, aber genauso unverkennbaren Strich wie Wrightson pflegt, kanalisierte Lovecrafts Werk wiederum in unabhängigen, nicht weniger stimmigen Geschichten. Sowohl Corben als auch Wrightson beeinflussten zudem viele nachfolgende Künstler, die ihrerseits Lovecraft getankt haben, darunter ihre Landsleute Eric Powell (The Goon) und Kelley Jones (The Hammer) oder der Niederländer Erik Kriek (Vom Jenseits).

Rotzfrech: Der junge Lovecraft

Im spanischen Comic-Strip Young Lovecraft, der einige Jahre sogar als Webcomic international Anklang fand, steht die fröhlich fiktionalisierte Jugend von H. P. Lovecraft im Vordergrund. Der spanische Autor José Oliver verknüpft seine Begeisterung für Calvin & Hobbes mit der Biografie und Bibliografie des Horror-Altmeisters und nimmt sich zahlreiche Freiheiten heraus, die Zeichner Bartolo Torres in witzigen Streifen umsetzen durfte.

Die Sammelbände zu Der junge Lovecraft strotzen daher vor Frechheiten, Anachronismen und Gags: furchtlosen Beschwörungen, Lovecrafts Tanten, einem menschenfressenden Ghoul als Haustier, einer gruseligen kleinen Freundin für den jungen Lovecraft und einem Poetry-Slam-Battle toter Dichter zwischen Edgar Allan Poe, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire. Auch schön: die Cthulhu-Attacken auf bekannte literarische Klassiker, die meistens damit enden, dass ein Großer Alter irgendwen frisst. Schade, dass die deutsche Übersetzung der Bände bei Diábolo Ediciones holperte und der Strip im Original letztlich versandete.

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