Die wichtigsten Comics von G. Willow Wilson

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Ms. Marvel und Co: Die wichtigsten Comics von G. Willow Wilson


Die preisgekrönte US-Autorin G. Willow Wilson, deren Hacker-Märchen „Alif der Unsichtbare“ im Januar bei FISCHER Tor erschienen ist, kommt eigentlich vom Comic. Häufig öffnen ihre Werke die Grenzen der amerikanischen Kultur hin zu anderen Welten – und was dabei herauskommt, stellt euch Christian Endres vor.

G. Willow Wilson wurde 1982 in New Jersey geboren. Sie studierte in Boston, konvertierte noch an der Uni zum Islam und lebte einige Jahre in Ägypten, was ihr Schaffen bis heute beeinflusst. In Kairo schrieb sie Beiträge für das „New York Times Magazine“ und die „National Post“. Darüber hinaus war sie die erste westliche Journalistin, die ’Ali Gum’a privat interviewen durfte, nachdem er zum Großmufti Ägyptens ernannt worden war. Inzwischen lebt Wilson mit ihrem Mann, den sie in Kairo kennenlernte, wieder in den USA. Nicht nur ihr Romanerstling „Alif der Unsichtbare“ wurde mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet, auch im Comic-Bereich feiert Wilson seit Jahren Erfolge und gewann u. a. den Hugo Award – und das sind ihre wichtigsten Panel-Geschichten:

 

Neue Heldin: Ms. Marvel

Zwischen 1977 und 2012 war Carol Danvers als mächtige Heldin Ms. Marvel in der Welt der Avengers unterwegs. Dann nahm sie in den Geschichten von Autorin Kelly Sue DeConnick das traditionsreiche Alias Captain Marvel an, so dass G. Willow Wilson mit Input der Marvel-Redakteure Sana Amanat und Steve Wacker Anfang 2014 eine neue Ms. Marvel einführen konnte: Kamala Khan, die als Teenager-Tochter einer pakistanischen Einwandererfamilie in Jersey City lebt, wo sie als totaler Superhelden-Geek sogar Avengers-Fanfiction verfasst. Die Terrigen-Nebel, die den Inhumans ihre Mutationen bescheren und während des Comic-Crossovers „Infinity“ bei einem Kampf zwischen Black Bolt und Thanos in der Erdatmosphäre freigesetzt worden waren, ließen viele Menschen mit einem latenten Inhuman-Gen mutieren – darunter auch Kamala. Aus ihr wurde eine Gestaltwandlerin, die den frei gewordenen Heldennamen ihres Idols Ms. Marvel annahm und trotz einiger Anlaufschwierigkeiten zur Beschützerin von Jersey City avancierte. Das Debüt der Soloserie von Marvels erster muslimischer Heldin sorgte für ein gigantisches internationales Presseecho. Glücklicherweise wurden Wilson und ihr Team um „Runaways“-Zeichner Adrian Alphona dem Rummel stets gerecht. Kamalas Abenteuer unter Wilsons Federführung sind frisch, menschlich und rasant, und sie zeigen einfühlsam und realistisch, wie es ist, als vorurteilsbelasteter Außenseiter und als junge Muslimin im heutigen Amerika zu leben. Dabei kommt „Ms. Marvel“ ohne erhobenen Zeigefinger aus und macht höllisch Spaß, weshalb es für die noch immer laufende Serie bereits einen Hugo Award, den Preis des Comic Festivals im französischen Angoulême und Nominierungen für den amerikanischen Eisner Award und für den deutschen Max und Moritz-Preis gab. Außerdem wurde Kamala vorübergehend Mitglied der Avengers und zuletzt Anführerin der Champions-Nachwuchsheldentruppe.

Urban Fantasy: Cairo

2010 veröffentlichte Wilson zusammen mit dem vielseitigen türkischen Zeichner M. K. Perker, dessen Illustrationen z. B. schon in der „New York Times“, dem „New Yorker“ und dem berühmten „MAD Magazine“ abgedruckt wurden, bei Vertigo die seitenstarke Graphic Novel „Cairo“. Die interessante, in markanten Graustufenbildern visualisierte Urban-Fantasy-Story profitiert erheblich von Wilsons Kenntnis der lokalen Begebenheiten und Legenden, da die zwischen den Welten stehende Amerikanerin ihre exotische zweite Heimat im Nahen Osten als eine lebendige Stadt mit massig Patina und Persönlichkeit portraitiert, die so viel mehr ist als ein bloße Kulisse. Der Plot scheint da gar nicht so wichtig, geriet aber immerhin nett genug: Ein Drogenkurier, ein Journalist, ein Auswanderer, ein Flaschengeist und andere Protagonisten suchen in dieser phantastischen Version der ägyptischen Metropole nach einer magischen Wasserpfeife, die auf keinen Fall in die Hände eines fiesen kriminellen Zauberers gelangen darf. „Cairo“ ist G. Willow Wilsons bis dato einziger Comic-Roman, all ihre anderen Panel-Arbeiten kommen zunächst über Monate hinweg serialisiert in Heftform heraus, was einen anderen Rhythmus des Erzählens erfordert.

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Afrikanisch-animalisch: Vixen

Seit 1981 wird im DC-Universum das von Anansi gefertigte Totem weitergegeben, das seiner Trägerin Zugriff auf die Fähigkeiten und Kräfte aller möglichen Tiere gibt und so zur animalischen Superheldin Vixen macht. Hierzulande mag man die afrikanische Heroine, die in den Vereinigten Staaten operiert, vor allem aus dem TV-Kosmos von „Legends of Tomorrow“ und „Arrow“ kennen. In der Comic-Miniserie, die G. Willow Wilson zwischen 2008 und 2009 mit dem spanischen Zeichner Cafu inszenierte, kehrt Vixen Mari McCabe in ihre Heimat Zambesi zurück, um den Mörder ihrer Mutter zu stellen. Am Ende kämpft sie gegen den skrupellosen Schmalspur-Warlord und gegen mehrere tierische Räuber der Savanne ums nackte Überleben, ihre „Justice League“-Kollegen um Batman, Superman und Black Canary düsen zur Verstärkung nach Afrika, und Vixen lernt mehr über sich selbst und ihre innere Stärke. Wilson schreibt das zugänglich und packend, und Cafus klarer Strich steht der afrikanischen Tierwelt und der Titelheldin gut zu Gesicht. Man könnte Wilsons „Vixen“-Miniserie „Return of the Lion“ als den perfekten „Justice League“-Comic für alle Fans der Science-Fantasy-Werke von Nnedi Okorafor bezeichnen.

Magischer Realismus: Air

Bei DCs legendärem Erwachsenen-Imprint Vertigo, wo seit jeher auf phantastische Genre-Stoffe gesetzt wird, erschienen über die Jahre „Sandman“, „Hellblazer“, „Y: The Last Man“, „Fables“, „Preacher“, „DMZ“, „Scalped“ und andere Highlights der grafischen Erzählkunst. 2008 startete hier Wilsons eigenständige Serie „Air“, in der es um eine Gruppe geht, die den Flugverkehr am Himmel von den Terroristen zurückerobern möchte, und um eine Flugbegleiterin, die in andere Realitäten gelangen kann. „Sandman“-Schöpfer Neil Gaiman hatte schon recht, als er die ambitionierte Post-Nine-Eleven-Fantasie „Air“ in die Ecke des magischen Realismus von Salman Rushdie stellte. Man könnte aber auch noch Matt Ruff und Lavie Tidhar als Verwandte angeben. Wilson hatte große Pläne für „Air“ und schielte auf vier Jahre und knapp 50 Hefte Laufzeit, doch wurde die Serie 2010 nach 24 Ausgaben wegen zu niedriger Verkaufszahlen eingestellt. Immerhin liegt „Air“, das Wilson und Perker eine Eisner-Nominierung für die beste neue Serie einbrachte, auf Englisch gesammelt in vier Tradepaperbacks vor.

Übermenschlich: Superman

Als der gefeierte Autor J. Michael Straczynski nach seinen genialen Runs in „Spider-Man“ und „Thor“ von Marvel zu DC wechselte, hatte der Superstar große Pläne. In einer Geschichte steckte er so etwa  die Amazonenprinzessin Wonder Woman gleich mal in lange Hosen; in einer anderen ließ er den fliegenden Überhelden Superman 2010 zu Fuß einmal quer durch die USA wandern, um den Pfadfinder wieder mit dem einfachen amerikanischen Volk zu verbinden, zu dem der Kryptonier damals angeblich den Kontakt und den Bezug verloren hatte. Der Zeitplan dieser hochprofilierten Storyline über die Menschlichkeit des Stählernen haute zwischendurch aufgrund von Verzögerungen nicht ganz hin, und so wurde G. Willow Wilson mit der einigermaßen undankbaren Aufgabe betraut, zwei Füllerausgaben für „Superman“ zu schreiben, damit die monatliche Erscheinungsweise der Serie gewährleistet war. Wilson siedelte ihre beiden „Aushilfsjobs“ über Lois Lane und über Perry White vom Daily Planet allerdings geschickt am Rand der Saga des „Babylon 5“-Erfinders Straczynski an und lieferte so nicht nur zwei ordentliche, sehr menschliche Fill-ins, sondern im Grunde sogar das lesenswerteste Kapitel der ansonsten eher überschätzten Storyline.

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