Okkulter Trickser im Trenchcoat: Die besten Hellblazer-Sagas

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Okkulter Trickser im Trenchcoat: Die besten Hellblazer-Sagas


1985 führte die geniale Swamp Thing-Crew um Autor Alan »Watchmen« Moore den intriganten kettenrauchenden Okkultisten John Constantine ins DC-Universum ein. Über die Jahre entstanden viele starke Storys über den englischen Trickser im Trenchcoat, der sich ständig mit der Finsternis anlegt und auch schon mal einen Freund für das große Ganze opfert. Die ersten dreißig Jahre der Hellblazer-Historie sind dabei eng mit der so genannten Britischen Invasion des US-amerikanischen Comic-Marktes verbunden, als Moore, Neil Gaiman, Grant Morrison und andere Autoren von der britischen Insel in Übersee zu Fanlieblingen und Kultschreibern avancierten. Ist ein Kreativer längere Zeit für eine Serie verantwortlich und liefert er eine richtige Saga ab, spricht man im Comic-Jargon von einem »Run«. Nachfolgend unsere Auswahl der fünf der größten und besten Hellblazer-Runs aller Zeiten. In den USA läuft übrigens seit einigen Jahren eine chronologische Komplettneuveröffentlichung der Hellblazer-Serie, auf Deutsch erschienen viele der hier genannten Storys bei Schreiber & Leser und Panini.

 

Die kruden Anfänge: Jamie Delano

Alan Moore erkor seinen Landsmann und Zunftkollegen Jamie Delano dazu aus, 1988 Constantines erste Soloserie bei DC zu starten, die 1993 zu einem der ersten und am längsten laufenden Titel des wichtigen Vertigo-Imprints werden sollte. Delano, der obendrein eine coole Strecke in Animal Man hinlegte und seine eigene Vertigo-Serie Outlaw Nation kreierte, präsentierte in John Constantine, Hellblazer (nachfolgend nur Hellblazer) von Beginn an reihenweise krude, harte, heftige, groteske und merkwürdige Storys, die u. a. John Ridgway illustrierte. Geister, Dämonen, Serienmörder, schräge Gastauftritte von Sherlock Holmes und Pu dem Bären – wirklich abgefahrenes Zeug! Delano drosch wütend auf Politik, Gesellschaft und Umweltverschmutzung ein, schuf die Grundlagen für Constantines persönliche Mythologie und entwickelte Moores Ansatz für die an Schatten und Untiefen nicht gerade arme Persönlichkeit des Okkultisten weiter. Gegen Ende seines Runs realisierten Delano und der heutige Top-Zeichner Sean Phillips (»Kill or Be Killed«) sogar eine denkwürdige Episode über Constantine als kleinen Jungen. Nicht alle von Delanos Geschichten waren derart perfekt oder verständlich, aber er hat die Richtung vorgegeben und gezeigt, was und wie viel mit dieser Figur möglich ist.

Zeitloses Meisterwerk: Garth Ennis

Zusammen mit dem 2016 viel zu früh verstorbenen Zeichner Steve Dillon hat der irische Autor Garth Ennis Preacher ersonnen und Marvels Punisher nach dem Jahrtausendwechsel vor dem kreativen und kommerziellen Knockout gerettet. Seinen Durchbruch in Übersee hatte der Ire jedoch Anfang der 90er als Autor von Hellblazer, das er mit William Simpson und eben erstmals Steve Dillon gestaltete. Das sah in beiden Fällen exzellent aus, während Ennis’ Storys radikal, packend, zornig, zeitgeistkritisch und schlichtweg überragend waren: der kettenrauchende Titelheld, der unheilbar an Lungenkrebs erkrankt, den Herren der Hölle ein Schnippchen zu schlagen versucht, die große Liebe findet, gegen den König der Vampire, den Geist von Jack the Ripper und New Yorks Voodoo-Priester antritt, seinen 40. Geburtstag feiert und als Pennbruder in der Gosse landet. Nie war es mitreißender, dabei zuzuschauen, wie ein immens talentierter Autor mit seiner rohen Kraft einen Comic-Antihelden, dessen Stimme er genau trifft, quält und desillusioniert. Am Ende ist Ennis sicher der intensivste und denkwürdigste Hofschreiber des Tricksers, seine lange Saga noch heute ein Genuss. Jahre später kehrte Ennis für einen harten Mehrteiler zu John Constantine zurück.

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Made in USA: Brian Azzarello

Brian Azzarello kennt man von Krimis, Western, Kriegsgeschichten und Superheldenstoffe – von Comics wie 100 Bullets, Dark Knight III, Wonder Woman und Loveless. Aber er war auch der erste US-Amerikaner, der die traditionell britische Hellblazer-Serie als Stammautor übernahm. Er schickte Constantine gleich mal über den großen Teich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo Azzarello und die lebende Comic-Legende Richard Corben den magischen Falschspieler zunächst für einen Storybogen in den Knast steckten. Großes Kino. Anschließend übernahmen der Argentinier Marcelo Frusin und der Italiener Giuseppe Camuncoli als Zeichner mit Ecken und Kanten, derweil es Constantine ins düstere amerikanische Hinterland zog. Vor dieser Kulisse machte Azzarello Hellblazer zu einer bösen, übernatürlichen Südstaaten-Geschichte über Rednecks, Perverse und Rassisten, die allen Fans von Joe R. Lansdale das Herz aufgehen lässt. Klar, bei Azzarello muss man immer aufpassen, dass er einen kurz vor dem Ende nicht abhängt, weil er genau eine entscheidende Erklärung zu wenig liefert für das undurchsichtige Geschehen – dennoch ein hervorragender, großer Run.

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Das volle Paket: Mike Carey

Der Engländer Mike Carey verfasste allerhand Comics mit den X-Men und natürlich das langlebige Sandman-Spin-off Lucifer. An der Buchfront brachte Carey Werke wie den postapokalyptischen Roman Die Berufene alias The Girl with all the Gifts zu Papier, der verfilmt wurde. Careys umfangreiches Hellblazer-Epos hat einen starken roten Faden, aber auch brillante kleine Episoden, die im Nachhinein geschickt zur großen Storyline beitragen. Marcelo Frusin und Leonardo Manco, die unter mehreren Autoren Hellblazer bebilderten, machten wie gewohnt einen sensationellen Job – Frusins Constantine hat immer etwas geradezu Satanisches im Blick. Carey indes hat das Rad keineswegs neu erfunden, wenn es um Hellblazer geht, und eher altbekannte Elemente neu aufgegossen und interpretiert (Swamp Thing tut der Serie als Gaststar z. B. immer gut). Wie gelungen und unterhaltsam Careys Remix des Vertrauten und Bekannten als vollständiges Hellblazer-Paket trotzdem war, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, wen er damit für diese Bestenliste ausgestochen hat: Lieblingsautor Warren Ellis, den von Sean Phillips unterstützten Paul Jenkins, die gepriesene Krimischriftstellerin Denise Mina und den überraschend starken Andy Diggle.

Viele Veränderungen: Peter Milligan

Der englische Comic-Veteran Peter Milligan hat über die Jahre alles mögliche geschrieben: Die Vertigo-Klassiker Shade the Changing Man und Enigma, Batmans Traditionsserie Detective Comics, das als TV-Serie eher frei adaptierte Human Target und Marvels buntes Mutanten-Highlight in X-Force und X-Statix. 2009 übernahm Milligan Hellblazer mit einer Story im Jubiläumsheft Heft 250 als neuer Hauptautor und blieb der altgedienten Vertigo-Serie bis zu ihrem finalen 300. Heft Anfang 2013 treu. Dass er in der Summe einen der besten Runs der Serienhistorie hinlegte, wird allerdings gerne unterschätzt und unterschlagen. Mit dem malenden Comic-Punk Simon »Lobo« Bisley und dem späteren Spider-Man-Zeichner Giuseppe Camuncoli führte Milligan den vernarbten Constantine in neue Gewässer. Denn er ließ den Okkultisten eine junge Gangsterbraut und Chemikerin heiraten, die für die Abenteuer extrem wichtig wurde, und ihren wenig zuverlässigen Gatten u. a. in Indien auf den Putz hauen. Zwischendurch hagelte es Exorzismen und Wahnsinn in England. Bisley und Camuncoli sorgten für einen bissigen Look, und Milligan wirbelte das Leben als des alten Schlachtrosses der okkulten Szene durcheinander, ohne die Hellblazer-Tugenden je außer acht zu lassen.

Außer Konkurrenz: Neil Gaiman

Neil »American Gods« Gaiman machte Constantine in seiner ersten Sandman-Storyline zu Dreams Helfer, involvierte ihn in die originale Die Bücher der Magie-Miniserie und ließ ihn und Death aufklärend über Kondome reden. Außerdem inszenierte Gaiman 1990 mit Hellblazer/Sandman-Coverkünstler Dave McKean als Zeichner Hellblazer-Heftnummer 27 der originalen Serie, die man in vielen Best-of-Sammlungen findet. Zurecht: Die clever geschriebene, ungeheuer subtile Geschichte über Constantine und mehrere Menschen auf der Suche nach Wärme in einer eisigen Londoner Nacht wirkt und klingt lange nach, ganz gleich, wie oft man sie schon gelesen hat. Ein kleines Meisterwerk, und ein ewiger Lieblingscomic.

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