Die besten fantastischen Comics 2017

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Die besten fantastischen Comics 2017


Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, und die Regale und Boxen bersten förmlich vor neuen Comics, die 2017 erschienen sind. Dies ist unsere Auswahl der besten fantastischen Panel-Geschichten des Jahres, bei der garantiert für jeden Genre-Fan etwas dabei ist!

Noch besser als Stranger Things

Paper Girls 1–3 • Autor: Brian K. Vaughan, Zeichner: Cliff Chiang • Deutsch von Sarah Weissbeck • Cross Cult, Hardcover, je 144 Seiten • je 22,00 Euro

Autor Brian K. Vaughan hat Marvels Runaways auf den Weg gebracht, die TV-Serien „Lost“ und „Under the Dome“ geprägt und uns vor allem viele, viele gute Science-Fiction-Comics beschert: „Y: The Last Man“, „Ex Machina“, „Saga“, „The Private Eye“, „We Stand On Guard“. Seine jüngste SF-Serienschöpfung „Paper Girls“, die der ehemalige „Wonder Woman“-Zeichner Cliff Chiang famos illustriert und von der bereits drei Bände auf Deutsch vorliegen, sorgt ebenfalls wieder für Begeisterung und Wow-Momente. Die Geschichte der vier jungen Zeitungsausträgerinnen aus den 80ern, die mit Zeitreisen und anderen erstaunlichen und gefährlichen Dingen konfrontiert werden, bietet beeindruckende Comic-Perfektion in Schrift und Bild – und mit irrem Pageturner-Faktor. Netflix’ Nostalgie-Hit „Stranger Things“ ist wirklich gut und steht zurecht bei allen Geeks hoch im Kurs, doch „Paper Girls“ ist noch um einiges besser und vor allem innovativer.

Samurai-Hase und Ninja-Schildkröten

Teenage Mutant Ninja Turtles/Usagi Yojimbo • Autor u. Zeichner: Stan Sakai • Deutsch von Jens R. Nielsen • Dantes, Paperback, 56 Seiten • 8,95 Euro

Stan Sakais „Usagi Yojimbo“ handelt von einem Samurai-Hasen, der ein anthropomorphisiertes, historisch nichtsdestotrotz akkurates Japan des 17. Jahrhunderts durchwandert. Seit 1984 erfreuen Usagis Abenteuer Kenner, Kollegen und Kritiker, und inzwischen hat Sakais Ronin mit dem jungen Szenepublisher Dantes endlich wieder einen deutschen Verlag gefunden. Dort ist 2017 ein Crossover zwischen Usagi und den wesentlich berühmteren Turtles herausgekommen. Im Comic spielt Autor und Zeichner Sakai mit der Mythologie seiner stets meisterlich umgesetzten Serie, ohne Neuleser zu verprellen, die viel mehr alles geboten bekommen, was „Usagi Yojimbo“ seit drei Jahrzehnten ausmacht ... ausnahmsweise sogar in Farbe, und eben mit den Turtles obendrauf. Ein perfekter Usagi-Comic für den Erstkontakt mit dem langlebigen Langohr, und selbstredend ein Highlight für Anhänger des Samurai-Hasen und der Ninja-Schildkröten, deren Verbindung weit zurückreicht.

Dämonischer Rächer wider Willen

Kill or Be Killed 1 • Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips • Deutsch von Gerlinde Althoff • Splitter, Hardcover, 128 Seiten • 19,80 Euro

Der amerikanische Autor Ed Brubaker und der britische Zeichner Sean Phillips haben gemeinsam eine ganze Reihe brillanter Crime-Comics zu Papier gebracht, die zwischen klassischem Hardboiled, coolem Noir und fantastischem Pulp verortet werden können. Ihre neue Krimi-Serie „Kill or Be Killed“ bedient nun abermals die Gefilde des Übernatürlichen: Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch wird der ewige Student Dylan von einem Dämon heimgesucht, der ihm verklickert, dass Dylan für sein Weiterleben fortan pro Monat einen bösen Menschen finden und eigenhändig umbringen muss. Phillips und Koloristin Elizabeth Breitweiser visualisieren die intensive Story gewohnt superb. Der tolle Sound ist indes ganz klar Brubaker, allerdings erinnert der Ansatz etwas an Mark „Kick-Ass“ Millar. Eine TV-Adaption scheint deshalb geradezu unausweichlich. 

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Zeitreise-Probleme

Patience • Autor u. Zeichner: Daniel Clowes • Deutsch von Jan Dinter • Reprodukt, Hardcover, 180 Seiten • 29,00 Euro

Daniel Clowes, ein Star der amerikanischen Alternative-Szene, steht seit Ewigkeiten für charakter-orientierte, schmerzhaft-schräge Außenseitergeschichten. Neben dem verfilmten Panel-Paradestück „Wilson“ finden sich jedoch auch Science-Fiction-Werke wie „Der Todesstrahl“ in seiner Bibliografie, und zuletzt ist die bunte Zeitreise-Graphic-Novel „Patience“ hinzugekommen. In diesem Comic-Roman springt Jack aus der Zukunft in die Vergangenheit, um den Mord an seiner großen Liebe Patience zu verhindern. Deren Jugend bescherte ihr manches Trauma und manch fragwürdige Männerbekanntschaft, und genau deshalb wird Jack in diesem Abschnitt von Patience’ Leben zum Beschützer und Vergelter. Das sorgt freilich für Paradoxen und Probleme. Die Figuren sind dem Pop-Art-Realisten Clowes wie immer wichtiger als die Science Fiction an sich, doch das geht unterm Strich in Ordnung. „Patience“ ist schließlich ein Clowes!

Hexe mit Marke

Black Magick 1 • Autor: Greg Rucka, Zeichnerin: Nicola Scott • Deutsch von Bernd Kronsbein • Splitter, Hardcover, 136 Seiten • 19,80 Euro

Greg Rucka? Ein begnadeter Autor für geniale Krimis und für brillante Storys aus den Sphären von Batman, Wonder Woman und anderer Superhelden. Aber inzwischen auch ein Mann für „Star Wars“, für einschlagende SF-Eigenkreationen wie „Lazarus“ und selbst für Urban Fantasy: „Black Magick“ dreht sich um die Polizistin Black Rowan, die in einem Hexenzirkel praktiziert. Rucka fügt seinem ewigen Ensemble starker Protagonistinnen eine weitere Marke hinzu, und die australische Zeichnerin Nicola Scott rockt alles weg mit ihren atemberaubenden, butterweichen Graustufenkunstwerken, denen sie eine verwaschene Anmutung und im rechten Moment hier und da etwas Farbglanz verpasst. Ein verhext guter Einstand! Wegen Ruckas und Scotts Wirken an DCs „Wonder Woman“-Relaunch pausierte „Black Magick“ etwas zu lange, inzwischen ist es in den Staaten jedoch weitergegangen.  

Superheldin und Supermutter

Spider-Woman • Autor: Dennis Hopeless, Zeichner: Javier Rodriguez, Veronica Fish u. a. • Deutsch von Gerlinde Althoff • Panini, Paperback, je 128–212 Seiten • je 14,99–19,99 Euro

Als Panini-Redakteur überlegt man es sich besonders gut, welchen Superhelden-Titel man in eine Best-of-Liste wie diese nimmt. Tom Kings hochinteressante „Batman“-Ongoing der Rebirth-Ära war ein Kandidat, genauso die wiedererstarkte „Spider-Man“-Serie von Dan Slott und Stuart Immonen. Letztlich fiel die Wahl auf „Spider-Woman“. Hinter den beiden deutschen Serien und einem Crossover-Band verbirgt sich eine fortlaufende Saga von Autor Dennis Hopeless sowie den Hauptzeichnern Javier Rodriguez und Veronica Fish. Hopeless übernahm die Abenteuer von Spinnenfrau Jessica Drew während des Events „Spider-Verse“ und krempelte sie noch im letzten Kapitel des ersten Bandes komplett um: Jess wird Super-Detektivin, arbeitet mit dem Journalisten Ben Urich und einem drittklassigen Ex-Schurken zusammen, oh, und sie wird Mutter! Die konstant beste, menschlichste und sympathischste Marvel-Serie der letzten Jahre, die auch optisch immer hervorstach.

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Hellboys Zukunft ist gesichert

Hellboy und die B.U.A.P. 1953 • Autoren: Mike Mignola u. Chris Roberson, Zeichner: Paolo Rivera u. Ben Stenbeck • Deutsch von Frank Neubaurer • Cross Cult, Hardcover, 144 Seiten • je 22,00 Euro

Nur, weil Mike Mignola seinen Höllenjungen tatsächlich zur Hölle fahren ließ, heißt das noch lange nicht, dass es keine neuen Hellboy-Comics mehr gibt. Während die Film-Zukunft des Franchise in einem Reboot gesucht wird, liegt die Comic-Zukunft in der Vergangenheit. Im deutschen Band 16 entführt Mignola zum zweiten Mal in Hellboys Anfangstage bei der Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen. Diesmal stehen Mignola Co-Autor Chris Roberson („iZombie“) und Zeichner Paolo Rivera („Daredevil“) zur Seite, und zusammen kredenzen sie einen überzeugenden, unterhaltsamen Comic über eine Monsterjagd in der kalifornischen Vorstadt der 50er. Dazu kommen ein paar in der britischen Folklore verankerte Kurzgeschichten in bester Mignola-Manier, die der Neuseeländer Ben Stenbeck stimmungsvoll bebilderte. Ein rundum prächtiges Hellboy-Hardcover.

Für Klein und Groß

Hilda und der Steinwald • Autor u. Zeichner: Luke Pearson • Deutsch von Matthias Wieland • Reprodukt, Hardcover, 80 Seiten • 20,00 Euro

Seit dem ersten Album kombiniert der Engländer Luke Pearson in der fantastischen Welt seiner zurecht preisgekrönten Hilda-Comics den Charme der Mumin-Geschichten von Tove Jansson mit dem Zauber der Anime-Märchen von Hayao Miyazaki, und mit einer Moral ohne erhobenen Zeigefinger. Das aktuelle fünfte Album „Hilda und der Steinwald“, das die junge Protagonistin in die unterirdische Bergwelt der gefürchteten Trolle führt, sitzt rein aus comic-erzählerischer Sicht sogar noch ein bisschen besser als die schon bestechenden Bände davor. Zum ersten Mal endet ein Hilda-Album außerdem mit einem ungeheuren Cliffhanger. Wer als großer Comic-Enthusiast Luke Pearsons Hilda-Geschichten noch immer nicht liest oder zumindest an kleine Comic-Freunde verschenkt, ist selbst schuld.

Endzeit-Erfahrungen

Magdas Apokalypse • Autorin: Chloé Vollmer-Lo, Zeichnerin: Carole Maurel • Deutsch von Uwe Löhmann • Splitter, Hardcover, 192 Seiten • 24,80 Euro

Es ist der Tag vor Magdas dreizehntem Geburtstag, an dem sie und der Rest der Menschheit erfahren, dass in einem Jahr die Welt untergehen wird. Einige versuchen, weiterzumachen wie bisher, andere verändern von Heute auf Morgen alles. Auch Magdas Familie zerfällt, und sie selbst nimmt an Jungs und Sex mit, was geht. Als die Dinge immer schlimmer werden, schließt sie sich sogar einer todesverachtenden Bande junger Diebe an. „Magdas Apokalypse“ stellt das beeindruckende Comic-Debüt der Fotografin Chloé Vollmer-Lo dar, die das Rad keineswegs neu erfindet, aber Coming-of-Age und The-End-is-Coming hervorragend verschweißt. Die Zeichnungen von Carole Maurel spiegeln derweil Disney und Manga als Einfluss genauso wider wie zeitgenössische Independent-Comics aus aller Welt, wobei sie mühelos Veränderung, Verzweiflung, Sex und Gewalt abbildet. Das Finale lässt einen übrigens sprachlos zurück, und nach der Lektüre denkt man sofort: Das wird garantiert von den Franzosen verfilmt!

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Opportunistische Antiheldin

Maggy Garrisson 1–3 • Autor: Lewis Trondheim, Zeichner: Stéphane Oiry • Deutsch von Resel Rebiersch • Schreiber & Leser, Hardcover, je 48 Seiten • je 14,95 Euro

Die beste neue Comic-Serie, die 2017 auf Deutsch startete, ist keine fantastische, soll in dieser Auslese aber trotzdem erwähnt und kurz vorgestellt werden. Die aus Frankreich stammende Alben-Reihe „Maggy Garrisson“ wird von Zeichner Stéphane Oiry und Autor/Alleskönner Lewis Trondheim bestritten, der mit „Mickey’s Craziest Adventures“ dieses Jahr z. B. noch die Retro-Science-Fiction bediente und überdies die Fantasy-Parodien „Donjon“ und „Ralph Azham“ in seinem Portfolio sitzen hat. Die Fälle von Maggy Garrisson, die Trondheim und Oiry angenehm unaufgeregt inszenieren, glänzen als kleine, wunderbar schmutzige Krimis über die Gauner der englischen Arbeiterklasse und über eine trinkfeste, rotzige und herrlich opportunistische Titelfigur ohne Modelmaße, die man keineswegs als Titelheldin bezeichnen darf.

Schwarzbrenner und Werwölfe

Moonshine Vol. 1 • Autor: Brian Azzarello, Zeichner: Eduardo Risso • Sprache: Englisch • Image, Paperback, 144 Seiten • $ 9,99

Nachdem die für Dezember angekündigte deutsche Ausgabe anscheinend verschoben wurde, muss der erste englischsprachige Sammelband der neuen US-Serie „Moonshine“ einfach auf diese Liste. Der amerikanische Autor und Slang-Spezialist Brian Azzarello und der schwer von Hugo Pratt beeinflusste argentinische Ausnahmezeichner Eduardo Risso werden nach „100 Bullets“ und anderen Co-Produktionen als eingespieltes Dream-Team wahrgenommen. Ihre neue Creator-Owned-Serie „Moonshine“ kommt als exzellente Mischung aus Südstaaten-Krimi und Horror daher. Sie handelt von Appalachen-Schwarzbrennern, Großstadt-Gangstern und Hinterwald-Werwölfen zur Zeit der Prohibition. Seite für Seite stark geschrieben und absolut genial gezeichnet, und am Ende tatsächlich so gut, dass man das erste Trade am liebsten gleich noch mal von vorn lesen würde, sobald man durch ist. 

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