Hirnfraß und kein Ende: Fünf Comics für »Walking Dead«-Fans

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Hirnfraß und kein Ende: Fünf Comics für »Walking Dead«-Fans


Erfolg sieht äußerst unterschiedlich aus. Und für »The Walking Dead« so: TV-Serie in der achten Staffel, weiterhin gute Quoten und 173 Ausgaben des Original-Comics. Allerdings sieht Misserfolg ebenfalls unterschiedlich aus. Und liest sich für »The Walking Dead« so: Kritik an zu viel Gewalt und langweiligen Figuren in der Serie, abnehmendes Interesse und weniger Zuschauer als zum Start im US-Fernsehen.

Und der Comic? Reiht sich da nicht ein. Die 163. Ausgabe war im Februar eins der bestverkauften Hefte seit knapp 20 Jahren. Was mit dem Preis von nur 25 Cent zu tun hatte – aber eben auch dem ungebrochenen Interesse an der Zombie-Saga von Robert Kirkman. Allerdings muss der geneigte Leser manchmal durchaus ein paar Wochen ohne neues Futter auskommen. Damit der Hunger nicht weiter anwächst, gibt es hier Nachschub: fünf Comics über das Leben mit der Apokalypse, Zombies oder der Einsamkeit. Ohne langweilige Figuren. Versprochen.

 

Kengo Hanazawa – I Am a Hero

Natürlich: Sollte jemals eine Zombie-Apokalypse ausbrechen, befänden wir uns auf der Seite der Guten, der Individualisten und Überlebenskünstler. Zumindest in unserer Vorstellung. I Am a Hero, ich bin ein Held, so hat der 43-jährige Kengo Hanazawa seinen Manga genannt. Allerdings lässt sich seiner Hauptfigur Hideo viel zuschreiben – ein Held ist er anfangs nicht. Aber was heißt das unter diesen Umständen schon? Mit Anfang 30 hat es Hideo zum Mangaka gebracht. Er sitzt in einer kleinen Redaktion mit nervigen Kollegen. Der Erfolg bleibt aus. Dazu Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Und Wahnvorstellungen hat Hideo ebenfalls. Kein Wunder, dass er den Anfang der Zombie-Apokalypse kaum mitbekommt. In den ersten Kapiteln laufen die Untoten hier eher beiläufig durchs Bild, ein paar Nachrichtensendungen plärren aus dem Fernseher von unheimlichen Vorkommnissen. Doch bereits das Ende des ersten Bandes zieht unweigerlich in das unvergleichliche Grauen dieses Comics.  Hanazawa verschiebt in seinem Manga ganz langsam die Geschichte ins Irrwitzige, ins Drama, ins Epische. Dabei geht es ihm vor allem um seine Figuren – und eben um diesen Jammerlappen Hideo. Wer durch das Leben stolpert, kann kein Held sein. Oder? Trotzdem befindet sich I Am a Hero knietief im Genre des Zombie-Comics. Besonders Hanazawas Gespür für Rhythmus im Layout der Seiten sorgt für diese schleichende unheimliche Atmosphäre. I Am a Hero zeigt, was das Grauen im Manga kann. Und was Hanazawa dem »The Walking Dead«-Autoren Kirkman voraushat: die perfekte Balance zwischen Horror und Humor. Und das alles schief, skurril und scharfsinnig.

Jeff Lemire – Sweet Tooth

Gus ist ein normaler Junge. Mit einer Vorliebe für Süßigkeiten und einem Geweih auf dem Kopf. Den Grund kennt niemand. Nur eine Vermutung bleibt. Zuvor wütete eine Seuche auf der Welt. Milliarden Menschen starben. Und die wenigen seitdem geborenen Kinder kamen als Mischwesen auf diese Welt. Da braucht es kein Team von Wissenschaftlern, um einen Zusammenhang herzustellen. Und selbst wenn: Die Menschheit macht sich lieber ihre eigenen Probleme. Auf Kinder wie Gus gibt es ein Kopfgeld. Einige Zeit kann sich Gus mit seinem Vater im Wald verstecken. Doch der alte Mann stirbt. Gus muss sich allein durchschlagen. Irgendwie. Bis Jepperd auftaucht. Der geheimnisvolle und wortkarge Mann will Gus in ein Reservat bringen. Das Duo zieht los durch die post-apokalyptische Landschaft dieses Comics. So startet Jeff Lemire in Sweet Tooth und knüpft damit an die Tradition von Romanen wie Cormac McCarthys Die Straße und Adrian J Walkers Am Ende aller Zeiten an. Die Szenerie mag wechseln, das Elend bleibt. Gus versinkt mehr und mehr in seiner eigenen Welt, die Realität lässt sich sonst kaum aushalten. Mit einer herzensguten Naivität kämpft er sich durch die Leere und den Irrsinn. Der Kanadier Lemire findet genau die richtige Mischung, dass jeder Leser sofort mit Gus sympathisiert. Sein kantiger und schneller Strich lässt die Umgebung dazu noch unfreundlicher aussehen. Die düsteren und dunklen Farben geben dazu die Atmosphäre vor. Jede Seite steigert die Unsicherheit beim Lesen, jede Seite führt tiefer in die Untiefen des menschlichen Daseins. Wäre Joseph Conrads Roman Herz der Finsternis ein malerisches Märchen gewesen, es sähe aus wie Sweet Tooth.

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Lukas Kummer – Die Verwerfung

In »The Walking Dead« zerfällt die Zivilisation innerhalb weniger Tage – und was gerne in Vergessenheit gerät: Uns trennt von solchen Zuständen nicht viel. Der Dreißigjährige Krieg brachte in den Menschen das Schlimmste zum Vorschein, zog für Jahrzehnte eine Spur der Verwüstung durch Europa. Der deutsche Zeichner Lukas Kummer recherchierte für sein Debüt »Die Verwerfung« lange und ausführlich. Das Ergebnis: ein düsterer Comic, dessen Geschichte nur tiefer und tiefer in die Verzweiflung führt. Hier gibt es keine Zombies, doch dafür spielt Kummer das Grauen perfekt aus. Mitte des 17. Jahrhunderts schickt er zwei Geschwister durch die zerstörten Landschaften. Die beiden Kinder stumpfen mit jedem Schritt mehr ab. Beim Kampf ums Überleben gibt es keine Rücksicht, keine Höflichkeit, keine Nettigkeit. Die Menschen selbst verkommen zu lebenden Toten, denn es gibt keine Hoffnung mehr in dieser Welt. Kummer zeigt in seinen Bildern viele weiße Flächen und Leere, alles scheint bereits kurz vor der Auflösung zu stehen. Bereits von Anfang an lenkt Kummer seine Geschichte auf ein unvermeidliches Ende, das den Leser endgültig in den Abgrund stößt. Was macht den Menschen aus? Menschlichkeit? Der Dreißigjährige Krieg bot ein anderes Bild. Und Kummer fängt es in aller Drastik und aller Schrecklichkeit ein.

Nagabe – Siúil, a Rún. Das fremde Mädchen (Band 1)

Ein kleines Mädchen wartet in einem Häuschen im Wald auf die Rückkehr einer älteren Verwandten. Mit ihm wohnt dort ein schwarzes Monster. Es ist freundlich, nett. Trotzdem dürfen das Mädchen und das Monster sich nicht berühren. Denn das würde für das Kind Schlimmes bedeuten. Die Außenwelt scheint es nicht mehr zu geben. In verlassenen Dörfern sammeln sie ihre Vorräte. Nagabe hat der Geschichte Siúil, a Rún die Atmosphäre eines mittelalterlichen Märchens verliehen. In ihren Zeichnungen spielt sie mit Licht und Schatten, ihr außergewöhnlicher Stil zieht sofort in diese Welt. Mit nur wenigen Bildern kann sie mehr ausdrücken als manche Autoren mit zehn Seiten Text. Doch in all der Dunkelheit scheint mehr als einmal Licht durch. Auch wenn das Monster, genannt Doktor, längst weiß, dass niemand zu Shiva zurückkehren wird. Die Menschen sind einst vor dem Kind geflohen. Alles erscheint hoffnungslos, und trotzdem findet Nagabe stets die richtigen Gesten und Momente, um Wärme und Menschlichkeit in diesen Manga zu bringen. Wen all die Gewalt, all die Skrupellosigkeit von »The Walking Dead« in letzter Zeit abstößt, wer das Phantastische sucht, der wird es in dieser kleinen und wunderbaren Geschichte finden.

Brian K. Vaughan & Pia Guerra – Y: The Last Man

Die Hälfte der Weltbevölkerung stirbt im Jahr 2002. Was sie gemeinsam haben? Ihr Y-Chromosom. Nur ein Mann bleibt übrig: Yorick. Gemeinsam mit seinem Affen Ampersand schlägt er sich durch eine zerfallende Zivilisation. Er wird zur wichtigsten Person für die Menschheit. Ein Teil der weiblichen Restbevölkerung will ihn zur Fortpflanzung nutzen, ein anderer Teil möchte auch ihn noch von dieser Welt entfernen. Stephen King sagte einst, dass Y: The Last Man der beste Comic sei, den er jemals gelesen hat. Die erste Ausgabe erschien bereits vor fünfzehn Jahren, mittlerweile haben Autor Brian K. Vaughan und Künstlerin Pia Guerra die Geschichte abgeschlossen. Was diesen Comic so herausragend macht: Autor wie Zeichnerin haben ein unglaubliches Gespür für ihre Figuren. Sie  scharren eine kleine Gruppe um Yorick, die sich mit ihm durch die verwüsteten Straßen und Städte schlägt. Denn Yorick hat nur ein Ziel: Er möchte seine Freundin wiederfinden, die ihn in den USA zurückließ, um eine Auszeit in Australien zu nehmen. Vaughan und Guerra spielen ihre ganz besondere Art einer Apokalypse durch – mit allen Konsequenzen. Denn abseits von Yoricks Schicksal bringen sie sowohl die gesellschaftliche als auch die politische Ebene in ihrem Comic unter. Wie bei »The Walking Dead« folgen wir Überlebenden in ihrem Kampf gegen die Katastrophe. Allerdings erweist sich Vaughan schon hier als der routiniertere Erzähler. Seine Figuren haben deutlich mehr Tiefe als viele Protagonisten im Universum von »The Walking Dead«. Und Yorick ist dazu der deutlich bessere Sympathieträger als Rick. Bei aller Ambiguität, die er trotzdem noch in sich hat.

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