Bildschön: Fantastische Prosa in Panel-Form

COMIC

Bildschön: Diese tollen Fantasy-Bücher gibt es auch als Comics


Fantasy-Bücher, die in Form von Panels, Bildern, Sprechblasen und Textkästen als Comics adaptiert wurden, gibt es zu genüge. Ob die Hobbits aus Mittelerde, das tierisch gemütliche englische Flussufer, Conan und Elric, die düsteren Gedichte von Edgar Allan Poe, American Gods oder Dorothys Reise ins zauberhafte Land Oz – hier sind einige der besten phantastischen Comic-Adaptionen.

 

Doppelter Klassiker

Michel Plessix: Der Wind in den Weiden

Der Wind in den Weiden von Kenneth Grahame (1859-1932) ist ein phantastischer Kinderbuchklassiker vom selben Kaliber wie Alice im Wunderland oder Pu der Bär. Man mag sie als zeitlos schön bezeichnen, die erstmals 1908 publizierte Geschichte über die tierisch vermenschlichten und englischen Gentlemen Maulwurf, Ratte, Kröterich, Dachs und Co. an ihrem Fluss und in ihrem Wald. Der französische Comic-Künstler Michel Plessix, der im vergangenen Sommer mit nur 57 Jahren leider an den Folgen eines Herzinfarkts verstarb, adaptierte Der Wind in den Weiden zwischen 1995 und 2001 in vier prächtig anzusehenden Comic-Alben, die damals vom deutschen Publikum mit dem Max-und-Moritz-Preis als bester Kinder- und Jugendcomic ausgezeichnet wurden. Obwohl viele große Künstler Grahames Evergreen illustrierten, zählt Plessix vollmundige, detailverliebte Visualisierung zu den schönsten. Später inszenierte er mit Der Wind in den Dünen sogar eine eigene Fortsetzung. Auf Deutsch liegen beide Comics bei Splitters toonfish-Imprint in stattlichen Komplettbänden vor, und zumindest die Adaption des Originals gehört in jede Comic-Sammlung.

Mittelerde in Panels

Chuck Dixon/David Wenzel: Der Hobbit

David Wenzel illustrierte bereits Ende der 70er erste Mittelerde-Bücher, und Chuck Dixon ist ein echter Vielschreiber, der zu den wichtigsten Batman-Autoren der grimmigen Superhelden-90er zählt – über seine politische Einstellung schweigt man allerdings besser. Anno 1989 adaptierten die beiden J. R. R. Tolkiens unsterblichen Fantasy-Klassiker Der Hobbit als Comic, und das machten sie wahrlich exzellent, einerseits absolut werkgetreu und geradezu akribisch nah an der Vorlage, andererseits in sagenhaft stimmungsvollen und stimmigen Bildern. Fast zwanzig Jahre später erschien eine Neuausgabe mit rund dreißig von Wenzel grundlegend überarbeiteten Seiten und in komplett neuer Reproduktion, der die farbliche Anmutung des Comics vom Interessant-Bunten ins Gediegen-Naturalistische verschob – noch mal ein Gewinn. In deutscher Übersetzung liegt der großformatige Band bei Carlsen vor, und wenn es um klassische Fantasy-Comics und Comic-Adaptionen von klassischen Fantasy-Romanen geht, ist der perfekte Hobbit von Dixon und Wenzel im Grunde schon wieder ein Klassiker für sich. 

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Gaiman in Comics

P. Craig Russell/Scott Hampton: American Gods

Die Liste der Künstler, die Neil Gaimans kürzere und längere Prosawerke in Comicform interpretierten, ist lang. Der US-Amerikaner P. Craig Russell, der auch schon Helden wie Hellboy, Dr. Strange oder Batman, die Opern von Mozart und Wagner, die Feenmärchen von Oscar Wilde und die Dschungelbücher von Rudyard Kipling in Szene setzte, sticht allerdings, wenn es um Gaiman-Comics geht, deutlich hervor. Der talentierte Mr. Russell steuerte schließlich mehr als einmal Artwork zu Gaimans bahnbrechender Sandman-Saga bei und adaptierte im Laufe der Jahre Gaimans Mordmysterien, Only the End of the World againCoraline und das famose Graveyard-Buch. Aktuell fungiert Russell als federführende Kraft der Panel-Fassung des preisgekrönten Bestsellers American Gods, die parallel zur TV-Serie läuft und just bei Splitter auf Deutsch startete. Russell bricht die Story in Comic-Seitenlayouts herunter und liefert die Vorzeichnungen (und die eine oder andere vollständige Seite oder Sequenz), den Rest erledigen Scott Hampton und andere.

Schwerter und Magie

Diverse: Conan, Elric & Fafhrd und der Graue Mausling

Die großen Helden von Robert E. Howard, Michael Moorcock und Fritz Leiber sind die Legenden der Sword-and-Sorcery. Klar, dass auch sie ihren Anteil an Comic-Adaptionen abbekommen haben. Bei Conan muss man unbedingt zwei Epochen erwähnen: die in den 70ern angelaufene Marvel-Ära unter Chefautor Roy Thomas und den Hauptzeichnern Barry Windsor-Smith und John Buscema, die kraftvoll-klassische, wenngleich etwas textlastige Adaptionen sowie eigene Abenteuer mit dem Cimmerier kreierten; und die irre variablen, unübersehbar jüngeren und ambitionierteren Conan-Verquickungen durch Kurt Busiek, Cary Nord, Tom Yeates, Tim Truman, Tomas Giorello, Brian Wood, Becky Cloonan und anderen ab 2004, die alle Interpretationsmöglichkeiten des Stoffes und des Mediums nutzten. Elric wurde indes u. a. von Roy Thomas, P. Craig Russell und Jan Duursema in zeichnerisch durchaus beachtliche Bildergeschichten gesteckt – die rundherum überzeugendste Panel-Adaption liefern momentan jedoch Julien Blondel und seine französischen Mitstreiter im Albumformat. Fafhrd und den Mausling überführten Anfang der 70er zunächst die Comic-Größen Dennis O’Neil, Walt Simonson und Howard Chaykin in ihr Revier der neunten Kunst; in den frühen 90ern brillierte Chaykin dann als Autor – und mit Mike »Hellboy« Mignola als Zeichner – an einer weiteren Adaption der schurkischen Helden, die das Feeling von Leibers Geniestreichen bravourös einfängt.

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Schaurig schön

Richard Corben: Geister der Toten

Dass Edgar Allan Poe die moderne Literatur prägte wie wenige nach ihm, machte sein trauriges, tragisches Leben leider keinen Deut einfacher oder besser. Immerhin, seine unheimlichen Geschichten und Gedichte haben überdauert, und sie wurden von vielen Talenten bebildert und als Comics umgesetzt. Der unangefochtene Meister, wenn es um grafisch-literarische Adaptionen von Edgar Allan Poe geht, ist freilich die US-amerikanische Comic-Legende Richard Corben. »Die Geister der Toten« thront als Corbens Comic-Schrein für Poe über allem! Abseits von Poe und Lovecraft zeichnete Corben noch Storys aus dem Fundus von Harlan Ellison, mit Hellboy, dem Hulk, Luke Cage, dem Punisher und John Constantine. Eine Legende, wie gesagt, und obendrein ein Pionier, der den US-Comic in Sachen Kolorierung und Graphic-Novel-Format mit einem aufmerksamen Blick für das revolutionäre Geschehen in Europa früh voranbrachte. Geister der Toten enthält Corbens atmosphärische Interpretationen von Poe-Klassikern wie  »Der Untergang des Hauses Usher«, »Der Doppelmord in der Rue Morgue« und »Die Maske des Roten Todes«, aber auch von ein paar nicht ganz so bekannten Texten Poes, was den Reiz des Bandes umso größer macht.

Wundervoll bunt

Eric Shanower/Skottie Young: Der Zauberer von Oz

Skottie Young darf als einer der unverkennbarsten Künstler der heutigen Comic-Szene bezeichnet werden. Seinen wilden, energiegeladenen Strich erkennt man stets auf den ersten Blick, ob in der Auftragsarbeit Rocket Raccoon oder der Eigenkreation I Hate Fairyland. Und dann hätten wir da natürlich noch die Adaptionen der ersten Oz-Romane, die Young gemeinsam mit dem Oz-Experten Eric Shanower für Marvel gestaltete, was dem Duo mehrere Eisner Awards und einen Platz auf der Bestsellerliste einbrachte. Der Zauberer von Oz von Tausendsassa L. Frank Baum war 1900 das erste uramerikanische Märchen und gilt spätestens seit der Musical-Adaption von MGM als international anerkannter Klassiker der Popkultur. Einem vielfach adaptierten Werk dieses Standings und dieser Bekanntheit im x-ten Aufguss noch so viel Spannung und Eigenständigkeit, ja so eine persönliche Note abzuringen wie Young, beeindruckt und spricht für den Stil des Künstlers. Wer in dieser Version das erste Mal überhaupt nach Oz reist, macht nichts falsch. Vielmehr ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass Skottie Young Oz für eine neue Generation erschlossen und geprägt hat.

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