Kanadischer Alleskönner: Jeff Lemire

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The Secret Path: Der kanadischer Alleskönner Jeff Lemire


Der kanadische Autor und Zeichner Jeff Lemire ist ein wahrer Alleskönner. Mit seinen neuen Werken zwischen Superhelden-Hommage, Androiden-Science-Fiction, Kanada-Krimi, Sport-Drama, Twilight Zone und indianischer Geschichte beweist er einmal mehr, wieso er zu den besten und vielseitigsten Comic-Künstlern seiner Generation gehört.

Jeff Lemire machte sich mit der „Essex County“-Trilogie, die in seiner kanadischen Heimat verortet ist, einen Namen als Comic-Künstler, der ebenso gut schreiben wie zeichnen kann. Außerdem erschuf der 1976 geborene Lemire die postapokalyptische Vertigo-Serie „Sweet Tooth“, die er in derselben, absolut unverkennbaren erzählerischen und zeichnerischen Handschrift umsetzte. Seither hat Lemire zahlreiche Superhelden-Comics für DC und Marvel geschrieben, darunter „Superboy“, „Animal Man“, „Green Arrow“, „Justice League United“, „Superagent Frankenstein“, „X-Men“, „Old Man Logan“, „Hawkeye“, „Moon Knight“ und „Justice League Dark“. Obwohl er in diesen Superhelden-Universen einige lesenswerte Geschichten vorlegte und gute Ansätze verfolgte, sind die wahren Perlen in seinem Portfolio doch nach wie vor Lemires persönliche, eigenständige Projekte – und von denen gibt es aktuell mehr denn je zu Bestaunen.

Comic: Jeff Lemire Roughneck

© 2017 Jeff Lemire

Die Science-Fiction-Comicserie „Descender“, die Jeff Lemire gemeinsam mit dem erfahrenen „Batman“-Zeichner Dustin Nguyen erschaffen hat, wurde bereits von Hollywood für eine Verfilmung optioniert, noch bevor in den USA das erste Heft herausgekommen war. Auf Deutsch erscheint die Serie über ein futuristisches Far-Future-Universums, in dem die Menschen beinahe alle Roboter ausgerottet haben und ein junger Androide das Schicksal aller entscheiden könnte, in Hardcover-Sammelbänden, in denen das atemberaubende Artwork von Dustin Nguyen hervorragend zur Geltung kommt, beim Splitter-Verlag. Vor Kurzem wurde zudem endlich die von Lemire verfasste und visualisierte Graphic Novel „Der Unterwasserschweißer“ publiziert. Ryan „Blade Runner 2049“ Gossling möchte die twilightzone-mäßige Geschichte, die vor der Küste Neuschottlands angesiedelt ist, verfilmen – bis daraus vielleicht mal etwas wird, ist Jeff Lemires Comic-Original eine stimmungsvolle übernatürliche Schwarz-Weiß-Story über die Zeit, Ankunft und Abschied sowie Väter und Söhne.

Ein schwuler Alien-Gestaltwandler

Wer des Englischen mächtig ist, kommt derzeit noch in den Genuss drei brandneuer Lemire-Werke, die seine gesamte künstlerische Bandbreite und seine eigenen Interessen widerspiegeln. Da wäre zum einen der Creator-Owned-Superhelden-Comic „Black Hammer“, den Dean Ormston nach Lemires Scripts interessant zu Papier bringt und über den Lemire die komplette rechtliche und inhaltliche Kontrolle hat. Die Idee zu dieser Serie hatte Jeff Lemire bereits vor zehn Jahren: Eine Gruppe Superhelden, zu der u. a. eine Hexe, eine im Körper eines kleinen Mädchens gefangene Frau, ein wahnsinnig gewordener Weltraumabenteurer, ein Roboter und ein schwuler Alien-Gestaltwandler gehören, sind nach einer großen Schlacht in einem Paralleluniversum gestrandet. Hier verstecken sie sich auf einer Farm außerhalb einer Kleinstadt und haben große Probleme, nicht aufzufallen und mit ihrem unglücklichen Schicksal zurechtzukommen.

Einerseits Hommage an die Recken und Storys des Goldenen und Silbernen Zeitalters, andererseits eine moderne Interpretation klassischer Superhelden-Themen, zählt „Black Hammer“ nach dem ersten US-Paperback zu den derzeit besten Superheldenserien auf den Markt – und wenn es einen Comic gibt, aus dem man eine TV-Serie machen sollte, dann ist es dieser. Nicht umsonst überschlagen sich Kollegen wie James „Starman“ Robinson, Mark „Kick-Ass“ Millar oder Scott „American Vampire“ Snyder mit Lob für Lemires und Ormstons „Black Hammer“, das nicht einmal davon ausgebremst werden konnte, dass Ormston nach Fertigstellung des ersten US-Heftes einen Schlaganfall hatte, der u.a. seine Zeichenhand lähmte, und eine mühsame Reha durchlaufen musste. In jederlei Hinsicht eine echte Superheldenstory…

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The Secret Path

Helden finden sich in Jeff Lemires neuem Comic-Roman „Roughneck“ dagegen keine. Seine jüngste Graphic Novel ist Sport-Drama, Kanada-Krimi und Familien-Tragödie in einem: roh, wuchtig, hart, packend. Lemires grober Stil passt bestens zu dieser Mischung und dieser Story, die er in der kalten Weite seiner Heimat inszeniert, wobei es eine sehr schöne Idee ist, die Vergangenheit bunt und die triste Gegenwart voller Drogen und Gewalt in Blau-Schwarz-Weiß zu gestalten. Atmosphärischer und dichter kann man einen Krimi mit solch einer vortrefflichen Warm/Kalt-Wechselwirkung kaum umsetzen.

Eine weitere neue traurige Story, die Lemire in Bilder gekleidet hat, ist „The Secret Path“, ein Gemeinschaftsprojekt mit dem kanadischen Rockmusiker Gord Downie. Dieser spielte und sang ein ganzes Album ein, das sich mit der tragischen Geschichte von Chanie Wenjack beschäftigt, einem Indianerjungen, der in den 60ern seiner Familie entrissen wurde, um in einem der vielen als Residential Schools bezeichneten Internaten in Kanada von seiner indianischen Kultur und Verwandtschaft ferngehalten und rücksichtslos umerzogen zu werden. Chanie floh, und da er nicht wusste, dass er 400 Meilen von seinem Zuhause entfernt war, lief er einfach los und erfror unterwegs auf den Gleisen, denen er folgte. Lemire bebilderte die Songs von Downie, die das Schicksal des Jungen und dieses düstere Kapitel in der Geschichte Kanadas behandeln, in wortlosen Comic-Kurzgeschichten. Der bedrückende Sammelband kommt im Format einer Schallplatte und mit einem Download-Code für das Musik-Album daher.

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Superhelden sind also wirklich bloß ein Aspekt von Jeff Lemires Schaffen, und mit Sicherheit nicht der wichtigste, obwohl sie ihm zuletzt die finanzielle Sicherheit gaben, die er für seine anderen kreativen Unterfangen braucht (inzwischen hat Lemire jedoch seinen Abschied von Marvel verkündet und will sich verstärkt auf seine Comic-Herzensprojekte konzentrieren). Wer noch nie etwas vom kanadischen Alleskönner gelesen hat, macht mit „Descender“, „Black Hammer“ oder „Roughneck“ absolut nichts falsch und darf sich darauf gefasst machen, einen neuen Lieblingskünstler zu entdecken, dessen Backlist er abarbeiten und dem er die nächsten Jahre überallhin folgen wird.

Ob nach Kanada, in Parallelwelten oder ins Weltall.

“The Stranger” Official Video - Gord Downie - Secret Path

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