Länder, Jedi, Abenteuer – Unterwegs in Fankulturen: Unser (erster) Mann im All

KOLUMNE

Länder, Jedi, Abenteuer (11): Unser (erster) Mann im All: Nick, der Weltraumfahrer


Von 1958 bis 1963 zeichnete und schrieb der unvergessene Hansrudi Wäscher, zweifelsohne der Godfather des deutschen Comics, die Abenteuer des „Weltraumfahrers“ Nick, der – mit knallroter Uniform und heroisch-markantem Kinn – Woche für Woche in die unendlichen Weiten aufbrach. Eine ganze Generation von Lesekindern wurde dank Nick mit dem SF-Virus infiziert.

Und nicht wenige dieser Kinder von einst sind ihm bis heute verfallen. Sie durchstöbern Dachböden, Flohmärkte und Sammlerbörsen nach den alten Heften, geben Unmengen an Monatslöhnen für ansehnlich erhaltene Originale aus und schwärmen beim monatlichen Stammtisch von der guten alten Zeit. Grund genug, auch sie einmal genauer zu beleuchten.

Der Fanotyp

Der typische Nick-Fan ist ein Kind der Fünfziger Jahre und somit inzwischen meist jenseits der sechzig Lenze angelangt. Außerdem ist er männlich. Wo gleichaltrige Geschlechtsgenossen die Freizeit und/oder den frisch begonnenen Ruhestand an der Märklin-Eisenbahn oder im heimischen Garten wegarbeiten, setzt er sich zwischen die Regale seiner Comicsammlung und streichelt nostalgisch über die dort (selbstverständlich in Schutzhüllen) aufbewahrten Schätze. Dabei ist er ist das sprichwörtliche Kind im Manne – und wann immer er unter seinesgleichen sein darf, sei es auf Sammlertreffen oder in Internetforen. Die Erinnerung an seine Jugendjahre ist sein Hobby geworden, und dank Comics wie „Nick, der Weltraumfahrer“ kann er sie wieder ausleben. Er ist ein stilles Wasser, ein Träumer und Phantast.

Dinner for Fan

Die Nick-Comics sind so deutsch wie der Hamburger Michel und die Frankfurter grüne Soße, von daher dürfte ein gutbürgerliches Mahl die ideale Kost für den Nick-Fan sein. Es sei denn, man hat zufällig Astronautenkost im Haus, die thematisch natürlich noch deutlich passender wäre. Hey, vielleicht lässt sich ja beides kombinieren! Also:

Man nehme einmal den Kantinenklassiker Schnitzel, Pommes und Salat, und gebe diesen in Gänze in den Mixer. Dann mixe man den Klassiker so lange durch, bis nur noch einfarbige Pampe von ihm übrig ist. Diese fülle man per Trichter in leere Zahnpastatuben. Die Tuben drapiere man zu guter Letzt ansprechend auf den Tellern der Nick-Fans.

Und dann… Na ja. Dann schauen Sie doch einfach mal, was passiert, liebe Gastgeber. (Es mag allerdings helfen, stets ein frisch betanktes Raumschiff hinterm Haus parken zu haben, mit dem man zur Not schnell fliehen kann.)

Sag, was du willst, aber …

Donaldisten haben ihre Erika Fuchs, Popeye-Leser ihren eigensinnigen Slang, doch wer sich dem Weltraumfahrer aus den Comics verschrieben hat, kann eigentlich nicht mit nennenswerten Catchphrases und Co. aufwarten. Hansrudi Wäschers Schreibe war stets klar und geradlinig, sonderlich viele Schnörkel und Neologismen sucht man daher vergebens. Im Gegenteil: Wäscher war ein gebildeter Mann, seine Helden edel und anständig. Entsprechend dudengetreu ist auch die Wortwahl der Figuren.

Wer ihre Sprache sprechen möchte, sollte also stets ein Klassikerzitat zur Hand haben, keinerlei Wortendungen wegnuscheln und sich in seinem Redefluss von nichts bremsen lassen. Außer vom Ende der Sprechblase, versteht sich.

Bloß nicht nachmachen!

Comicsammler können eigen sein. Sie leben für ihre Leidenschaft, und sie stecken mitunter mehr Geld in ihr Hobby als andere in einen Bausparvertrag. Reizen Sie sie also lieber nicht über Gebühr. Sollten Sie dies aber dennoch versuchen wollen, wäre das hier vielleicht ein lohnender Ansatz:

  1. Nennen Sie ihre Sammlung kindisch.

  2. Bitten Sie sie, sich „mal einen Stapel von deinen Heftchen da“ ausleihen zu dürfen. Reagieren Sie beleidigt, wenn der Sammler dies nicht möchte.

  3. Wann immer Sie Gelegenheit haben, eine Nick-Sammlung zu berühren, machen Sie ausgiebig Eselsohren in die Hefte.

  4. Bezeichnen Sie Nicks Raumschiff als beschämendes Phallussymbol. Tadeln Sie Hansrudi Wäscher für das „männliche“ Design. Sagen Sie, ein „echter“ Künstler hätte sich ja wohl „was Besseres ausdenken“ können. (Falls man Ihnen dann mit Begriffen wie „klassisch“ und „Retrocharme“ kommt, geben Sie sich einfach verständnislos und desinteressiert.)

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Länder, Jedi, Abenteuer will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in schillernde Subkulturen und die Charaktere hinter dem Cosplay.

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