Biblische Bastarde: The Goddamned

© Golgonooza, Inc. & rmGuéra

COMIC

Biblische Bastarde: The Goddamned


In ihrem Comic The Goddamned lassen Autor Jason Aaron und Zeichner R. M. Guéra den ersten Mörder der Menschheitsgeschichte durch eine barbarische biblische Welt nach dem Sündenfall ziehen.

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Mit dem Comic-Südstaatenkrimi Southern Bastards schreibt Autor Jason Aaron eine der derzeit besten US-Serien auf dem Markt. Für Marvel verfasste er davor bereits die Hauptgeschichte des Crossovers Original Sin sowie Storys mit Wolverine, Ghost Rider, Hulk und dem Punisher. Außerdem kümmert er sich jetzt schon eine ganze Weile um Thors Abenteuer, wo Aaron Jane Foster zur neuen Hammerschwingerin machte, während der Sohn des Odin nicht länger würdig ist, sein magisches Kriegshandwerkszeug Mjolnir zu heben, geschweige denn zu schwingen. Und Aarons fantastische Neuinterpretation von „Dr. Strange“ wurde sogar noch mehr gepriesen als sein frischer Ansatz für den Donnergott. Darüber hinaus inszeniert der emsige Mr. Aaron die neuen Star Wars-Comics bei Marvel, seit das Franchise im englischsprachigen Original wieder zum Haus der Ideen zurückkehrte, wobei er scheinbar mühelos das Feeling der klassischen Trilogie beschwört. 

Biblische Bastarde: The Goddamned

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Es ist also keine Übertreibung, Jason Aaron als aktuellen Top-Autor der amerikanischen und internationalen Comic-Szene zu bezeichnen. Zumal er zusammen mit dem in Serbien geborenen, heute in Spanien lebenden Zeichner R. M. Guéra vor einigen Jahren den grandiosen Neo-Noir-Western Scalped für DCs erwachsenes Vertigo-Imprint geschaffen hat, dessen geplante TV-Adaption dem Ausnahmecomic über das Indianerreservat hoffentlich noch mehr Aufmerksamkeit bringt, obwohl eine Veröffentlichung auf Deutsch nach wie vor unwahrscheinlich sein dürfte. Jetzt haben sich Aaron und Guéra für einen neuen eigenständigen Comic zusammengetan, der wie Aarons und Jason Latours Southern Bastards beim Image Verlag erscheint. The Goddamned heißt die ebenso biblische wie blasphemische Heroic Fantasy, und in Übersee ist Anfang des Jahres der erste Sammelband Before the Flood erschienen.

Erzählt wird darin die Geschichte von Cain, dem Sohn von Adam und Eva, der seinen Bruder Abel tötete und so den Mord in die junge Welt brachte, und der 1600 Jahre nach der Vertreibung aus Eden eine verkommene, verdreckte frühzeitliche Erde durchstreift. Der weitgehend unsterbliche Brudermörder ist auf der Suche nach einem übermächtigen Gegner, von dessen Hieben Cain sich nicht mehr erholt, sodass der desillusionierte, todessehnsüchtige Krieger und Killer endlich seinen Frieden finden kann. Auf seiner Wanderung durch Schmutz und Elend begegnen Cain Gewalt, Gräuel und Armut ohne Ende. Der Mensch ist der schlimmste Feind des Menschen, den Rest erledigen diverse Bestien. Und dann ist da noch der tyrannische Noah, der alles tut, um seine Arche zu bauen, und keine Gnade für die viehischen Verbrecher und verabscheuungswürdigen Vergewaltiger kennt, die sich in Gottes verdammter Schöpfung zuhauf tummeln ...

Biblische Bastarde: The Goddamned

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Blasphemie aus dem Bibelgürtel

Aaron gelingen zwischendurch ein paar starke Momente mit Cain als finsterem Antihelden ohne Hoffnung in einer entsprechend hoffnungslosen Welt – und das war’s dummerweise. Mehr Substanz bietet das in den USA seltsamerweise hochgelobte The Goddamned neben all der barbarischen Gewalt nicht. Auch Guéras Artwork enttäuscht. Passend düster und dreckig, offenbaren die Seiten immer wieder grobe Aussetzer, je wilder eine Szene wird. Die raue Landschaft und die einsamen Augenblicke mit Cain gelingen zumeist, doch kommen zu viele andere Figuren ins Spiel. Wird es gar ein brutales Gewimmel und Getümmel, ist das Ergebnis eher unschön anzusehen. Zeichnerisch wie inhaltlich bleibt das schlichtweg hinter den Erwartungen zurück, selbst wenn man es einzig und allein auf heftigen barbarischen Fantasy-Splatter im Bibel-Kontext anlegt und hauptsächlich schockieren und provozieren möchte.

Ist The Goddamned am Ende doch nur ein frech emporgereckter Mittelfinger in Richtung von Jason Aarons Herkunft und Vergangenheit? Der stolze, aber keineswegs verblendete Südstaatler, der seiner Heimat nicht nur in „Southern Bastards“ ein zweifelhaftes Denkmal setzt, wurde schließlich in Jasper, Alabama geboren, und damit direkt im Zentrum des extrem konservativen und religiösen Landstrichs der Vereinigten Staaten, den man als „Bible Belt“ bezeichnet. Mittlerweile ist Aaron jedoch ein Atheist, und vielleicht sollte seinen gläubigen Verwandten und Nachbarn einfach mal so richtig die Spucke wegbleiben, wenn sie seinen neuen Comic lesen? Das dürfte passieren, doch von Scalped oder Southern Bastards sind die biblischen Bastarde aus der Frühzeit vor der Flut trotzdem weit entfernt. Echt schade, gottverdammt!

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