Usagi Yojimbo - Stan Sakai

© Stan Sakai

COMIC

Usagi Yojimbo: Hasen-Ronin auf Wanderschaft


Seit mehr als 30 Jahren begeistert Stan Sakai mit seinem Comic-Dauerbrenner Usagi Yojimbo Leser, Kollegen und Kritiker. Bloß in Deutschland war Sakais Hasen-Samurai bisher kein Glück beschieden. Jetzt startet der neu gegründete Dantes Verlag einen weiteren Anlauf.

Comic: Usagi Yojimbo von Stan Sakai

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In der amerikanischen Comic-Serie Usagi Yojimbo erzählt Autor, Zeichner und Letterer Stan Sakai vom Leben seines langohrigen Titelhelden Miyamoto Usagi. Der schwertschwingende Hase durchstreift als Ronin  – als herrenloser Samurai – das traditionsreiche Japan des 17. Jahrhunderts. Dabei beschwört Sakai unter anderem die historische Essenz des Samuraikriegers Miyamoto Musashi, das Filmwerk von Regisseur Akira Kurosawa oder Manga-Klassikern wie Lone Wolf & Cub. Trotz der anthropomorphen Tierfiguren, die ihr Leben mit einem charakteristischen Totenschädel in der letzten Sprechblase aushauchen, ist Sakais Darstellung der frühen Edo-Periode äußerst akkurat. Landschaften, Handwerk, Sitten, Architektur, Mode, Politik, Kriegskunst, Bräuche und Sagen ergeben in Usagi Yojimbo ein stimmiges, stimmungsvolles Panorama des feudalen Japan. Doch natürlich kommen auch die dramatischen Schwertkämpfe und die fantastischen Elemente nie zu kurz – am Anfang der Saga wird Usagi außerdem noch von einer gefleckten dinosaurierartigen Echse begleitet. 

Comic: Usagi Yojimbo von Stan Sakai

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Auf dem verschlungenen Lebensweg und den ziellosen Wanderungen des Ronin, der sich öfter mal als Bodyguard (auf Japanisch Yojimbo) verdingt, lauern viele Gefahren und Abenteuer. Weder Usagi noch der Leser wissen, was in der nächsten Geschichte – hinter der nächsten Biegung, dem nächsten Berg, der nächsten Brücke, dem nächsten Wald oder dem nächsten Tempel – wartet. Lässt Sakai seinen hilfsbereiten, ehrenvollen und aufrechten Protagonisten zwischen arme Dörfler, intrigante Kaufleute, grausame Samurai und ehrlose Banditen geraten? Einem gestaltwandlerischen Fuchsgeist auf den Leim gehen? Einer diebischen Freundin oder einem bekannten Geisterjäger aus der Patsche helfen? Einen jungen Adeligen und das legendäre Götterschwert Grasscutter vor Ninjas und politischen Verschwörern beschützen? Einem furios kämpfenden Dämon gegenübertreten? Oder einfach nur mit einer alten Freundin eine besinnliche rituelle Teezeremonie abhalten? Nur eines ist sicher: Was auch immer das Schicksal für Usagi bereithält, Stan Sakai inszeniert es mit all seiner Meisterhaftigkeit, die ihm das Lob von Will Eisner, Stan Lee, Jeff Smith, William Stout, Paul Dini, Robert Asprin und vielen anderen eingebracht hat. Zurecht: Sakai ist ein begnadeter Storyteller und verschwendet in seinen handwerklich perfekt inszenierten schwarz-weißen Geschichten keinen Moment, keine Sprechblase, kein Wort und letztlich keinen einzigen Strich, egal ob er ein Duell, eine Schlacht oder eine Alltagssequenz wiedergibt. Dass dem ganzen optisch ein gewisser Funny-Duktus zugrunde liegt, hat für die ernsthaften Momente und die allgemeine Dramatik keinerlei Bedeutung. Zumal Sakai seine Glanzpunkte scheinbar ohne Mühe und auf ganz natürliche, organische Art und Weise zu Papier bringt und einen makellosen Sinn für den Fluss jeder noch so klassischen Handlung besitzt. Carl Barks lässt grüßen, nur dass der es eher mit Enten hatte ... 

Comic: Usagi Yojimbo von Stan Sakai

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Der Weg des Kriegers

Stan Sakai wurde 1953 im japanischen Kyoto geboren, wuchs jedoch auf Hawaii und hier ferner mit Superhelden-Comics von Marvel und DC, Duck-Geschichten von Disney und Samurai-Filmen auf. Nach seinem Kunstabschluss siedelte Sakai in die Vereinigten Staaten über und stieg als Letterer ins Comic-Geschäft ein, wo er zunächst die Sprechblasen für die Conan-Parodie Groo von seinem Freund Sergio Aragonés setzte. Später letterte er sogar den Spider-Man-Zeitungscomicstrip. Heute lebt und arbeitet der sympathische Stan Sakai in Kalifornien. Der emsige Vollblutprofi zeichnet und tuscht Usagis fortlaufende Abenteuer sogar auf Flügen oder im Krankenhaus – wenn er seine Fans auf Facebook nicht gerade mit Schnappschüssen von Reptilien erfreut, denen er auf seinen morgendlichen Wanderungen begegnet, oder mit Fotos von selbstgekochten Gerichten.

Usagi gehört schon seit über 30 Jahren zu Mr. Sakais Leben. 1984 debütierte der Rabbit-Ronin in einer Kurzgeschichte, danach führte ihn sein Weg zum US-Verlag Fantagraphics, zu den Mirage Studios und 1995 schließlich zu Dark Horse. Science-Fiction-Spin-Offs sind ebenso Teil des Usagi-Franchise wie Videospiele oder Gastauftritte in den TV-Serien der Teenage Mutant Ninja Turtles, was wiederum zu Comic-Crossovern mit den Schildkröten und Usagi-Actionfiguren führte. In den USA konnte weder die Krise des implodierenden Comic-Markts in den 90ern, noch die erdrückende Konkurrenz an neuen Creator-Owned-Stoffen der letzten Jahre Sakais umherziehenden Hasen-Samurai stoppen oder sonst wie beeindrucken. Nur in Deutschland gelang es Usagi bisher einfach nicht, sich durchsetzen. Der stattliche Carlsen Verlag brachte zwischen 1996 und 1997 sechs Bände heraus (der angekündigte siebte erschien gar nicht mehr), 2001 setzte der Kleinverlag Schwarzer Turm die Serie mit neuem Material fort und legte nach und nach parallel die Carlsen-Bände neu auf, doch auch hier warteten Fans von 2010 an jahrelang vergeblich auf eine Fortsetzung der mehrfach mit dem Eisner Award ausgezeichneten Serie.

Comic: Usagi Yojimbo von Stan Sakai

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Endlich wieder auf Deutsch

Jetzt endlich können sich alle Freunde des Samurai mit den Hasenlöffeln wieder Hoffnung machen, denn der neu gegründete Dantes Verlag gibt Usagi eine weitere Chance auf dem deutschen Lizenzmarkt. Den Anfang machen die Bände Die Klinge der Götter (Januar) und Die Drachenschrei-Verschwörung (März). In Sachen Format und Inhalt geht es genau da weiter, wo Schwarzer Turm aufhörte. Neueinsteiger werden jedoch keinerlei Probleme haben und schnell der Klasse von Stan Sakai und seinem großartigen Helden erlegen. Die ersten beiden Dantes-Bände zeigen zudem sehr schön, wie wandelbar Sakais Comics vom Rhythmus her sind. Einzelgeschichten wechseln sich mit kurzen Storys ab, die dennoch in der Serienkontinuität eingebunden sind, und dann gibt es noch gewaltige Epen. Darüber hinaus sollte man im Blick behalten, dass die Storys in den neuen deutschen Bänden im englischsprachigen Original erstmals 1988 herauskamen. Sie waren damals zeitlos gut, sie waren es vor zehn Jahren, als dieser Usagi-Fan hier sie das erste Mal mit Begeisterung gelesen hat, und sie sind es noch heute.

Neuverleger Josua Dantes kennt Usagi z. B. erst seit zwei Jahren und kann das bestätigen. „Ich bin darauf gestoßen, nachdem ich ‚Lone Wolf & Cub’ gelesen hatte und nach mehr Comics gesucht habe, deren Handlung in der Edo-Zeit angesiedelt ist“, erklärt er im Gespräch. „Ich war von der ersten Ausgabe an gleich begeistert über die Vielfältigkeit von Stan Sakais Erzählungen.“ Angst vor den amerikanischen Sammelbänden oder der gewaltigen Menge an Stoff, die noch auf eine deutsche Übersetzung wartet, hat der Mannheimer nicht: „Die US-Veröffentlichungen sind eher ein Ansporn, da die Serie dort offensichtlich sehr beliebt ist.“ Auch auf die Frage, wieso er mit Usagi mehr Erfolg als z. B. Carlsen haben sollte, hat Dantes eine eindeutige Antwort: „Zum einen rechne ich als Kleinverleger ganz anders als Carlsen. Dazu kommt noch, dass Usagi immer nur stückchenweise erhältlich war, inklusive zweier unvollendeter Erzählungen. Außerdem denke ich, dass die Leser durch regelmäßige Veröffentlichungen von neuem Material bei Laune gehalten werden sollten.“

Die nötige Qualität dafür besitzt Stan Sakais Usagi Yojimbo auf jeden Fall. Man kann dem deutschsprachigen Markt nur wünschen, dass eine der besten und in dieser Hinsicht auch noch konstantesten US-Serien der letzten dreißig Jahre die hiesige Comic-Landschaft endlich dauerhaft bereichert. 

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