I hate Fairyland - Comic von Skottie Young

© Skottie Young/Popcom in der Tokyopop GmbH

COMIC

I hate Fairyland: Buntes Märchen-Gemetzel


In seinem Comic I hate Fairyland nimmt Skottie Young (Der Zauberer von Oz, Rocket Raccoon) das Märchenland brachial auseinander – mit heftiger Gewalt, seinen unverkennbar wilden Zeichnungen und viel schrägem Humor. Gerade ist der erste Band auf Deutsch erschienen.

I hate Fairyland - Comic von Skottie Young

© Skottie Young/Popcom in der Tokyopop GmbH

Ob durch einen Kaninchenbau, durch einen Spiegel, durch einen Wandschrank oder mithilfe eines Wirbelsturms: Im klassischen englischsprachigen Märchen gibt es diverse Möglichkeiten, um in das jeweilige Fairyland bzw. Märchenland bzw. Wunderland bzw. bzw. Feenland bzw. zauberhafte Land zu kommen. Dort treffen die jugendlichen Heldinnen oder Helden meistens ein paar außergewöhnliche Wesen und Gefährten, müssen in der fantastischen und magischen, mal bunten, mal finsteren Fremde ausreichend Gefahren bestehen und Rätsel lösen, und am Ende dürfen sie schließlich wieder heim – Happy End. In seinem eigenständigen Comic I hate Fairyland, den der amerikanische Superstar Skottie Young erfunden, geschrieben und in seinem absolut unverkennbaren Stil visualisiert hat, ist das nicht so.

Youngs geplagte Heldin Gertrude folgt der Tradition von L. Frank Baums Dorothy oder Lewis Carrolls Alice. Auch Gert gelangt in ein Märchenreich, erlebt die unvermeidlichen Abenteuer und trifft die obligatorischen Fabelwesen, während die Kulisse von Oz, dem Wunderland, dem süßen Candyland oder den Welten von Dr. Seuss inspiriert scheint. Allerdings sitzt Youngs lediglich dem Aussehen nach sechsjährige Protagonistin schon seit fast dreißig Jahren in ihrer persönlichen Märchenhölle fest und findet ums Verrecken nicht den Weg zurück. Ohne ihrem Zuhause in irgendeiner Weise näher zu kommen, pendelt Gert von Aufgabe zu Aufgabe, von Begegnung zu Begegnung und von Rätsel zu Rätsel, und alles ist bis zum Erbrechen bunt, bizarr und zuckrig. Und obgleich Gert äußerlich kein bisschen gealtert ist, steckt ihr jeder Tag im Fairyland in den Knochen: Das ganze süße, magische Zeug hängt ihr zum Hals raus, und sie will a) nur noch abkotzen und b) verdammt noch mal endlich nach Hause. Wenig überraschend, dass sie irgendwann mit Kanonen auf den sprechenden Mond ballert, sich mit Händen, Füßen und Zähnen gegen die Märchenstereotypen wehrt oder mit einer riesigen Axt Amok läuft. Ein eindeutiger Fall von Märchenland-Overkill! Und den konnte im Grunde niemand besser zu Papier bringen als Skottie Young ...  

I hate Fairyland - Comic von Skottie Young

© Skottie Young/Popcom in der Tokyopop GmbH

Märchenonkel und Waschbärzähmer

Young machte sich als Superhelden-Zeichner einen Namen, dessen dynamischer, eigensinniger Stil massiv von Videospielen sowie asiatischen Comics und Animationsfilmen inspiriert wurde. Am Anfang seiner Karriere bei den großen US-Verlagen steuerte er Artwork zu Marvel Monster Edition: Mangaverse, X-Men, Iceman, Venom, Human Torch, New X-Men, New Warriors und Ultimate Spider-Man bei. In den letzten Jahren adaptierte der 1978 geborene Young zusammen mit dem anerkannten Oz-Experten Eric Shanower für Marvel dann mehrere der altehrwürdigen Oz-Romane von L. Frank Baum auf überragende Weise in Comic-Form, angefangen mit dem weltberühmten Klassiker Der Zauberer von Oz. Der Sammelband erhielt zwei Eisner Awards und schaffte es bis auf die New-York-Times-Bestsellerliste. Als Autor schrieb Young hingegen X-Men Sonderheft: Magneto und Storys in Punisher: Die Verschollenen Geschichten, Deadpool Team-Up und Spider-Man: Spider-Verse Sonderband 2. Der Boom niedlicher Mini- und Baby-Versionen bekannter Comic-Helden auf Covern und sogar in eigenen Geschichten hat derweil viel mit Youngs Schaffen als Autor und Zeichner in Personalunion zu tun – mit seinen Variantcovern, die seit Jahren alle möglichen Marvel-Ikonen als ulkige Baby-Versionen zeigen, und ganzen Comics wie Marvel Babys: A vs. X. Die Soloserie von Rocket Raccoon, dem pelzigen Helden aus Guardians of the Galaxy, schrieb und zeichnete Young ebenfalls lange Zeit, zudem schrieb er viele der Storys, die er später nicht mehr selbst gezeichnet hat. Darüber hinaus illustrierte er Neil Gaimans Kinderbuch Fortunately, the Milk.

I hate Fairyland: Buntes Märchen-Gemetzel

© Skottie Young/Popcom in der Tokyopop GmbH

Ein zynischer Fantasy-Spaß

In I hate Fairyland kommen Fans von Mr. Youngs einmalig wildem und zackigem Zeichenstil voll auf ihre Kosten, denn der Amerikaner tobt sich in der überdrehten Märchenparodie für Erwachsene so richtig aus. Ungezügelt und ungehemmt lässt er seiner Fantasie freien Lauf und füllt seine kariös-kitschige Märchenwelt mit absonderlichen Dingen und Gestalten, die gängige Klischees der traditionsreichen literarischen Gattung durch den Kakao ziehen und Gert so richtig zur Weißglut bringen. Bei Tokyopops Popcom-Imprint erscheinen neben der regulären Ausgabe noch zwei limitierte und großformatige Varianten mit wahlweise pink oder blau abgesetztem Cover, und im XL-Format kommen die Wucht und Brillanz von Youngs Artwork gleich noch besser herüber.

Aber egal für welche Größe man sich entscheidet: Wie sich Gertrude, diese alte Seele, unter Youngs Anleitung mittelfingerzeigend durch den ätzenden Zuckerwatte-Zauber des Fairylands hackt und flucht, ist bereits im Auftaktband der Serie ein fieser, bunter, überdrehter, zynischer und finsterer Fantasy-Spaß mit spitzenmäßigen Zeichnungen.

Share:   Facebook