Hellboy: Höllenjungen-Saga statt Superhelden-Epen

© Mike Mignola

COMIC

Höllenjungen-Saga statt Superhelden-Epen


Hellboy ist eine der größten Comic-Schöpfungen des letzten Vierteljahrhunderts. Jetzt erreicht die Höllenjungen-Saga ihr Finale – und gleichzeitig kann man darüber sinnieren, was Hellboy uns gestohlen hat ... 

Mike Mignola? Ein Ausnahmezeichner und Meistererzähler. Sein Hellboy? Ein Geschenk an alle, die exzellente Comics und großartige Fantastik mögen, eine großartige Geschichte, die Horror, Fantasy, Science-Fiction, Folklore und alles dazwischen gekonnt miteinander verbindet. Hellboys Abenteuer als Monsterjäger – das Wort wird der Sache nicht mal im Ansatz gerecht – waren schon ganz am Anfang richtig guter Stoff, wie man in den neuen deutschsprachigen Sammelbänden mit den ersten Geschichten aus den 90ern nachlesen kann. Im gerade erschienenen Band Hellboy Bd. 15: Die Todeskarte wird hingegen die Odyssee des Titelhelden durch die Hölle zu einem Abschluss gebracht – ein letztes stimmungsvolles Schaulaufen für Mignolas Horror-Poesie in Schrift und Bild, egal ob man das letzte Kapitel durchschaut, oder ob es einem bloß gefällt. Das war’s erst einmal, und künftig wird es nur noch neue Geschichten aus der Vergangenheit geben. Doch das macht nichts, denn Hellboys Historie ist bewegt genug. Zumal Mignola mithilfe von mehr schreibenden und zeichnenden Mitstreitern als anfangs für möglich gehalten den Hellboy-Kosmos kontinuierlich weiter ausgebaut hat.  

Comic Hellboy

© Mike Mignola

Der aktuelle fünfte Band der Reihe Geschichten aus dem Hellboy-Universum zeigt so etwa auf über 600 Seiten, was es innerhalb dieses eigenständigen, ernstzunehmenden Comic-Universums sonst noch  gibt: Im viktorianischen London ermittelt Sir Edward Grey als königlicher Hexenjäger und okkulter Detektiv zwischen uralten Schrecken und skrupellosen Geheimgesellschaften endlich auf Deutsch. In den Nachkriegsjahren geht Lobster Johnson in bester Pulp-Tradition derweil wie gewohnt als maskierter Vigilant gegen das Böse in den Vereinigten Staaten vor. Und in der Gegenwart ist die Welt ohne Hellboy übel vor die Hunde gegangen, und die B.U.A.P., die Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen, kämpft scheinbar auf verlorenem Posten gegen die Monster-Endzeit.

Der Mythos und die Welt von Hellboy sind in der Totalen wie im Detail grandios. Da kann man schon mal übersehen, dass der große rote Held mit dem Trenchcoat, der Kippe und der rechten Hand des Schicksals uns auch etwas unwiderruflich geraubt hat. Denn seit Hellboy ein Stern der modernen Creator-Owned-Comic-Bewegung und ferner ein weit verzweigtes, intensiv verknüpftes erfolgreiches Franchise geworden ist, schreibt und zeichnet Mike Mignola verständlicherweise so gut wie nichts anderes mehr.

Fafhrd

Fafhrd © Dark Horse

Fafhrd, Batman & Dr. Strange

Seine Comic-Karriere begann der 1960 im kalifornischen Berkeley geborene Mr. Mignola u. a. mit Jobs als Coverkünstler, Aushilfszeichner und Tuscher bei Marvel. Selbst die von Mignola visualisierte Miniserie, die 1985 die obskure Science-Fiction-Herkunftsgeschichte von Rocket Raccoon auf einem Irrenanstalt-Planeten erzählte, ist lediglich durch den Erfolg der Guardians of the Galaxy von historischer Relevanz. Ansonsten gibt es da Hefte mit Dr. Strange, dem Phantom Stranger, Namor, Superman, Daredevil und dem Hulk, bevor wir zu den wirklich guten Sachen kommen, die Mignola vor Hellboy gemacht hat und an denen er seinen individuellen Stil wenn schon nicht perfektionierte, so doch permanent vorantrieb, vereinfachte und verfeinerte.

Etwa die von Thanos-Schöpfer Jim Starlin geschriebene DC-Miniserie Cosmic Odyssey, in der Mignola Ende der 80er eine gemeinsame galaktische Mission von Batman, Superman, Starfire, Green Lantern und anderen Recken im Zusammenspiel mit dem finsteren Darkseid und den New Gods inszenierte (Letztere geschaffen von Mignolas Vorbild Jack Kirby, dem King of Comics). Mignola schien in dieser epischen SF-Story jede verrückte Maschine und jede fremde Welt Gestalt annehmen lassen zu können, während er und Kolorist Steve Oliff, der durch z. B. „Akira“ das Zeitalter der computer-kolorierten Comics mitinitiierte, zugleich einige der schönsten und griffigsten Impressionen von Batmans Metropole Gotham City zu Papier brachten, die man finden kann.

1989 schrieb Roger Stern, langjähriger Autor von Spider-Man, den Avengers, Thor und Superman, überdies den Marvel-Einzelband Dr. Strange and Dr. Doom: Triumph and Torment, der rein vom übernatürlichen Inhalt und der gesamten Ikonografie her jedem Hellboy-Fan gefallen müsste. Mignola war damals schon unübersehbar auf dem Weg zu seiner unverkennbaren Kantigkeit und seinen besonderen Perspektiven und Momentaufnahmen, selbst wenn er beim Minimalismus und der expressionistischen Symbolik noch ein paar Kompromisse mit dem verlegerischen Umfeld eingehen musste. Im selben Jahr wie die Geschichte mit Doc Strange und Doc Doom erschien noch das bedeutungsvolle Gotham by Gaslight, die erste Elseworlds-Story, die eine wahre Flut an grenzenlosen Alternativwelt-Geschichten mit den DC-Ikonen nach sich zog. In der Story von Mignola und Autor Brian Augustyn jagt Batman im schmutzigen, schattenreichen London der Gaslaternen und Droschken, das Mignolas früherem Stil noch mehr schmeichelte, Jack the Ripper.

Comic Dr. Strange

Dr. Strange © Marvel

Im Folgejahr realisierte Mignola als Zeichner eine wunderschöne Panel-Adaption von Fritz Leibers außergewöhnlichen Sword-and-Sorcery-Story um Fafhrd und den Grauen Mausling, auf deren Seiten Mignola und Autor Howard Chaykin (der das Duo Jahre vorher selbst gezeichnet hatte) die Essenz von Leibers schurkischen Antihelden und ihrer fantasievollen Welt grandios einfingen – hier kommen Hellboy-Anhänger, die in Mignolas Vergangenheit nach Schätzen stöbern, erneut voll auf ihre Kosten, und Mignola war längst ein meisterlicher Storyteller. Der Science-Fantasy-Comic Ironwulf von Chaykin und Mignola sah 1992 dagegen zwar ebenfalls spitze aus, war allerdings weitgehend unlesbar. Anders Wolverine – The Jungle Adventure, in dem Mignola eine coole Geschichte von Walter Simonson umsetzte, die Logan im prähistorischen Wilden Land mit Dinosauriern und einem bekannten X-Men-Widersacher konfrontiert.

Anno 1992 adaptierte Mignola nach einem Script von Marvel-Legende Roy Thomas den literarischen Schauerklassiker „Dracula“ – und damit letztlich den Roman, der Mignola in jungen Jahren begeisterte und prägte (und an dessen Verfilmung durch Francis Ford Coppola im selben Jahr Mignola als Designer mitwirkte; später arbeitete er an Blade II erstmals mit Hellboy-Regisseur Guillermo del Toro zusammen und schuf zudem die Designs für Disneys Atlantis – Die Rückkehr). Danach betreten wir mehr oder weniger bereits die von Hellboy dominierte Ära in Mignolas Bibliografie, der höchstens noch gelegentlich als Autor, als Cover-Künstler oder für eine Kurzgeschichte z. B. mit Batman, Thor oder Conan zu tun hatte. Hauptsächlich konzentrierte er sich jedoch auf seinen Höllenjungen.

Das hat sich, ohne Frage, für alle gelohnt. Mit Hellboy und seinem Universum hat Mike Mignola die Welten des Comics und der Fantastik schließlich über alle Maße bereichert. Etwas anderes soll hier unter keinen Umständen behauptet oder suggeriert werden. Eine Welt ohne Hellboy? Möglich, aber sinnlos. Doch in schwachen Momenten kann man sich schon mal fragen, welches etwaige Superhelden-Highlight von Mike Mignola auf dem Altar des Höllenjungen geopfert wurde …

© Mike Mignola

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